Montag, 14. Oktober 2019

Architektur Triumph der Villa

3. Teil: "Halte nichts von Disneyland"

Und so geschah es. Der Architekt verpasste dem wiedererrichteten Dichterdomizil ein Innenleben in kühler Gegenwartsarchitektur. Und auf 1200 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche allen erdenklichen Komfort der Jetztzeit. Im Sockelgeschoss installierte er eine reine Technikebene samt Tiefgarage, darüber eine Wellnessebene samt Pool, Sauna und Dampfbad. Die drei Stockwerke darüber sind, anders als früher, komplett ausgebaute Wohnetagen. Und im Spitzboden befinden sich zwei Gästeapartments. Verbunden sind die vier Etagen mit einem Aufzug. Thomas Mann würde sich nicht mehr zurechtfinden.


Holger Reimers: "Die Villa"; Deutsche Verlags-Anstalt, 247 Seiten, März 2006, 69,90 Euro.
Dennoch hat sich das Raumprogramm der Villa nicht groß geändert, erläutert Architekt Dibelius. Noch immer sind im Erdgeschoss, auch bei den Bauten der Moderne, die repräsentative Halle, der schmucke Treppenaufgang und ein großzügiger Wohnbereich mit fließenden Raumfolgen untergebracht. Inklusive des Privatraums mit Kamin, Bibliothek, Fernsehraum. Sowie ein Speiseraum für festliche Diners. "Das erhabene Gefühl, das Großzügige ist das Schöne - nicht Protz und Prunk", schwelgt Thomas Dibelius. "Die Villa ist Luxus an Raum."

Dies würde auch Meinhard von Gerkan unterschreiben. Der Großmeister, der den Berliner Hauptbahnhof geplant hat und mit gigantischen Projekten vom Stadion in Kapstadt bis hin zu Lingang New City bei Shanghai durchaus beschäftigt ist, lässt es sich nicht nehmen, hin und wieder einen Privatbau zu entwerfen. So etwa einen fast sakral anmutenden weitläufigen Holzbau für einen Hamburger Unternehmer und Kunstsammler im Vorort Reinbek. Und jüngst eine geräumige Villa für einen lettischen Luxuskaufmann im Kiefernwald am Strand von Jurmala, dem Badeort von Riga - Geburtsort von Gerkans.

"Ich schätze Einfachheit, Klarheit und die Sichtbarmachung der Baukörperfügung", erklärt er die Bauhaus-Proportionen der Rigaer Villa. "Dies ist nicht das Haus eines Großbankers, der seinen Reichtum zur Schau stellen will, ganz besonders gediegene antike Stücke oder wertvolle Gemälde, sondern dies ist ein Haus, in dem die beiden Bewohner in erster Linie Geschmack zeigen wollen."

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Den will auch der Hamburger Kaufmann unter Beweis stellen, der an der Elbchaussee mit dem britischen Weltklasse-Architekten David Chipperfield baut. Eine Villa aus mehreren ineinander verschränkten Kuben am Elbhang. Die Fassade besteht aus braunem Klinker, der beim Abriss einer 200 Jahre alten Kaserne in Brandenburg anfiel. Auch eine Verbindung von Altem und Neuem.

"Ich halte nichts davon, à la Disneyland historisierend irgendwelche Altbauten nachzuempfinden", sagt der Bauherr, der inkognito bleiben möchte. "Deshalb haben wir uns entschieden, einen Architekten zu beauftragen, der eine klassische moderne Formensprache verwirklicht."

Der Mann darf sich doppelt freuen, denn bei Villen von derlei Architekten ist auch das Preis-Leistungs-Verhältnis Weltklasse.

"Der Aufwand, den so ein Architekt treibt", so der Chipperfield-Klient, "steht bei einem Einfamilienhaus in keinem Verhältnis zu dem Preis, den er dafür verlangen kann."

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