Donnerstag, 24. Oktober 2019

Architektur Triumph der Villa

2. Teil: "Bau bloß kein Museum"

Als Beispiele zog das Blatt "die Herren Dibelius, Kleinfeld und Reitzle" heran, die "schumpetersche Unternehmerqualitäten bewiesen, galt doch dem Ökonomen das Streben nach einem großbürgerlichen Stadthaus oder Landsitz als Haupttriebfeder der kapitalistischen Produktionsmaschine".

Alle drei sind in jüngster Zeit mit repräsentativen Wohnbauten in die Medien gelangt. Die Reihe ließe sich fortsetzen: Berater Roland Berger hat kürzlich in München vornehm gebaut, Metro-Chef Eckhard Cordes ist gerade dabei. In Hamburg lässt sich ein Großreeder eine Villa vom amerikanischen Stararchitekten Richard Meier an den Alsterlauf setzen, ein anderer Kaufmann einen imposanten Kubenbaukörper vom Kollegen David Chipperfield an die Elbchaussee.

In Köln-Marienburg hat sich ein Mann der Filmbranche ein farbenfrohes Traumhaus vom Baumeister-Paar Schultes Frank (berühmt für ihr Berliner Kanzleramt) hinstellen lassen, in Kitzbühel schließlich baut ein (eher berüchtigter) Medienunternehmer mit dem Mailänder Virtuosen Matteo Thun. Und am Potsdamer Heiligen See residieren Joop und Jauch nachbarschaftlich in hochherrschaftlichen Anwesen.

"Natürlich ist die Villa nicht tot", notiert der Hamburger Planer und Berater Holger Reiners in einem Prachtband, in dem er 35 mit dem von ihm gestifteten Architekturpreis ausgezeichnete Beispiele der jüngsten Vergangenheit vorstellt. In jedem Fall rät Reiners in dem opulenten Lehrwerk für potenzielle Bauherren: "Wer eine Villa bauen will, vertraue sich nicht irgendeinem Architekten an, sondern einem Meister mit Format."

Schließlich ist so ein Bau immer auch ein Wagnis, bei dem eine Menge schiefgehen kann. Das musste bereits Alfred Krupp bitter erfahren, der mit der Villa Hügel wohl das größte je in Deutschland errichtete Fabrikantenwohnhaus bauen ließ, mit Heizung und Ventilation seiner Zeit weit voraus.

Zu weit. "Im Hause wird einer nach dem anderen krank von Zug, man kann bei Wind sich nicht retten", beklagte sich Krupp in einem Brief bei einem Ingenieur, "in der Halle oben und den übrigen Corridors genießen wir nach Tische nochmals den ganzen Duft der Küche." Ein klimatisierter Albtraum.

Den Meister von Format - der Banker Alexander Dibelius hat ihn in seinem Vetter Thomas in Hamburg gefunden. Der hatte dem Deutschland-Chef von Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen bereits in Wiesbaden ein angemessenes Parkrefugium geschaffen, ganz und gar der Moderne verpflichtet, mit sehr viel Glas zum Licht und zur Natur hin geöffnet, wiewohl durchaus mit dem klassischen Komfort der Villa ausgestattet. Da bot sich Alexander Dibelius die Gelegenheit, in München das Grundstück der Thomas-Mann-Villa zu erwerben, allerdings mit der Auflage, dieses Gebäude, 1913 fertiggestellt, originalgetreu neu zu errichten.

Der Banker ließ den Nachbau bis ins Detail nachahmen. Bis ihm sein Vetter in die Parade fuhr: "Pass auf, dass du dich nicht blamierst, hab' ich gesagt", erzählt Architekt Dibelius. "Bau kein Museum, du bist ein moderner Mann mit 'ner jungen Frau und fährst mit modernen Autos anstatt mit 'ner Kutsche. Du kannst die alte Hülle benutzen, aber drinnen muss alles modern sein."

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