Arbeitsmarkt Stimme der Praxis

Wie flexibel sind Mitarbeiter hierzulande wirklich? Die neue Personalleiterbefragung des Ifo-Instituts und der Zeitarbeitsfirma Randstad verrät die Antwort. manager magazin veröffentlicht die Ergebnisse des neuen Ifo-Randstad-Flexindikators exklusiv.

Für deutsche Politiker steht seit Langem fest, was sie vom Mindestlohn zu halten haben. "Es gehört zum Erfolgsmodell der Bundesrepublik, dass nicht der Staat die Löhne vorschreibt", sagt FDP-Vorsitzender Guido Westerwelle. Und Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) glaubt, "der Mindestlohn ist gut für unsere Marktwirtschaft und für den Zusammenhalt unserer Demokratie".

So weit, so vorhersehbar. Der Streit um die gesetzliche Festlegung einer Lohnuntergrenze ist zu einer der großen ideologischen Auseinandersetzungen der Republik geworden.

Aber was sagen die Unternehmen dazu, diejenigen also, die die politischen Vorgaben in den Betrieben umsetzen müssten? Sie sehen das Thema Mindestlohn erstaunlich gelassen. Knapp zwei Drittel erwarten keinerlei Auswirkungen auf das eigene Unternehmen. Und selbst im Handel mit seinem relativ niedrigen Lohnniveau ist die Furcht vor einem (branchenbezogenen) Mindestlohn nur wenig stärker ausgeprägt als in der Industrie, die im Schnitt deutlich besser zahlt.

Dies sind die überraschenden Ergebnisse einer Befragung von rund 1000 Personalleitern deutscher Unternehmen durch das Münchener Ifo-Institut, deren Ergebnisse manager magazin exklusiv veröffentlicht.

Die Umfrage gleicht einem Vorstoß in unbekanntes Territorium. Über die Mikroebene des Arbeitsmarktes weiß man bislang wenig: Wie nutzen Unternehmen die Flexibilitätsspielräume, die ihnen das deutsche Arbeitsrecht lässt? Und wie beurteilen die Personalmanager die praktischen Folgen jener Arbeitsmarktpolitik, über die die Gesellschaft im Großen so gern debattiert?

Diese Erkenntnislücke schließt jetzt das Ifo-Institut in Kooperation mit der Zeitarbeitsfirma Randstad. Alle drei Monate wird Ifo künftig sein neues Personalleiter-Panel befragen. "Das Panel ist repräsentativ für nahezu die gesamte deutsche Privatwirtschaft", sagt Gernot Nerb, Leiter der Branchenforschung beim Ifo-Institut. "Es ermöglicht erstmals statistisch valide Erkenntnisse darüber, wie einzelne Unternehmen mit ihrer Personalpolitik den Arbeitsmarkt mitgestalten." manager magazin wird die künftigen Ergebnisse der Befragungen weiterhin exklusiv veröffentlichen - im Internet Arbeitsmarkt: Der Ifo-Randstad-Flexindikator.

Trends rechtzeitig erkennen

Auch in den kommenden Quartalen nehmen die Personalleiter jeweils zu einer aktuellen arbeitsmarktpolitischen Frage Stellung - so wie diesmal zum Mindestlohn. Darüber hinaus werden sie regelmäßig befragt, welche Flexibilisierungsinstrumente sie in ihren Unternehmen wie stark nutzen und zu nutzen beabsichtigen - etwa Überstunden, Zeitarbeit oder befristete Arbeitsverträge.

Aus diesen Daten errechnet das Ifo-Institut einen Indikator, der die Flexibilität des deutschen Arbeitsmarktes in der Praxis widerspiegelt. Diese Kennzahl liegt im ersten Quartal bei einem Wert von 25,56 - und damit etwa ebenso hoch wie im Vorquartal.

"Der Randstad-Ifo-Flexindex macht es möglich, Trends in der Nutzung flexibler Personalinstrumente frühzeitig zu erkennen", sagt Randstad-Deutschland-Chef Eckard Gatzke. "Er ist das ideale Instrument für Personalentscheider, um diese Trends ins eigene Handeln einzubeziehen."

Zudem hat der Flexindex auch politische Brisanz. Schließlich eignet er sich als Schiedsrichter in einer Lieblingsdebatte der Deutschen: Ist der Arbeitsmarkt wirklich so unflexibel, wie häufig in wirtschaftsnahen Kreisen behauptet wird? Oder haben eher jene Gewerkschafter recht, die beklagen, die unbefristete Festanstellung werde immer mehr zur Ausnahme?

Flüchtig betrachtet, endet die erste Runde unentschieden. Gegenüber dem vierten Quartal 2007, dem Beginn der Befragung, hat sich der Flexindikator im ersten Quartal 2008 schließlich kaum verändert. Doch hinter dem scheinbaren Stillstand verbergen sich drastische Veränderungen auf Branchenebene: In der Industrie hat die Arbeitsmarktsflexibilität in den vergangenen drei Monaten deutlich abgenommen, unbefristete Normalarbeitsverhältnisse haben wieder an Bedeutung gewonnen. Ganz anders im Dienstleistungssektor und im Handel: Hier arbeitet ein deutlich größerer Anteil der Beschäftigten außerhalb des Normalarbeitsverhältnisses als noch vor drei Monaten.

"Die Veränderungen sind zunächst einmal ein Zeichen dafür, dass sich der exportgetriebene Konjunkturaufschwung in der Industrie allmählich abschwächt", sagt Ifo-Experte Nerb. "Der Personalbedarf wächst langsamer, deshalb greifen die Firmen weniger auf Instrumente wie Zeitarbeit oder befristete Arbeitsverhältnisse zurück." Gleichzeitig werden bei Handel und Dienstleistungen die Personalkapazitäten aufgestockt. Für Nerb ein Zeichen, dass nun die Binnennachfrage zum neuen Konjunkturtreiber wird.

Aber entstehen aus dem gestiegenen Personalbedarf bei Handel und Dienstleistungen irgendwann auch feste, unbefristete Arbeitsverhältnisse? Oder setzen Supermärkte und Handwerksbetriebe auch konjunkturunabhängig immer stärker auf Minijobber, Zeitverträge und Überstunden?

Die kommenden Ausgaben des Ifo-Randstad-Flexindikators werden es zeigen.

Ifo-Randstad-Flexindikator: Die Ergebnisse

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