Editorial Unterschätzt

Die Verwunderung war groß, damals im Sommer 1991, als ein Mann namens Jürgen Weber Vorstandschef der Lufthansa wurde. Weber who? Kaum einer glaubte, dass dieser weithin unbekannte Luftfahrtingenieur das damals praktisch bankrotte Staatsunternehmen retten könnte.
Von Wolfgang Kaden

Jürgen Weber schaffte in den acht Jahren, in denen er nun die Lufthansa führt, weit mehr als die Sanierung. Er erfand das inzwischen weltweit größte Airline-Bündnis, die Star Alliance; ihm gelang die hundertprozentige Privatisierung; er baute die Luftfahrtgesellschaft in einen Aviation-Konzern um.

Eine herausragende Leistung, für die die Jury des manager magazins Jürgen Weber zum "Manager des Jahres 1999" beruft. Wenn auch manch ein Passagier sich zuweilen über Verspätungen und Servicemängel ärgert ­ Juror Roland Berger hat Recht mit seinem Urteil: "Jürgen Weber hat in wenigen Jahren aus einer Bürokratie eine Leistungskultur und aus einem nationalen Monopolisten einen globalen (Allianz-)Player gemacht."

Es ist das fünfte Mal, dass manager magazin den "Manager des Jahres" kürt. Der Lufthansa-Chef passt nahtlos hinein in die Riege der bisherigen Preisträger.

Zufall oder nicht ­ es waren immer Männer, die, wie Weber, bei ihrem Dienstantritt unterschätzt wurden. Jürgen Dormann, der unscheinbare Finanzvorstand, der dann als Vorstandsvorsitzender mit eiserner Konsequenz den Hoechst-Konzern zerlegte; Henning Schulte-Noelle, der wenig bekannte Versicherungsmanager, der sich an der Spitze der Allianz als brillanter Konzernstratege erwies; Robert Louis-Dreyfus, der Millionenerbe aus Frankreich, der sich als Retter von Adidas auszeichnete; Jürgen Schrempp, der umstrittene Dasa-Chef, der im neuen Job einen beispielhaften transatlantischen Unternehmenszusammenschluss inszenierte.

Alle fünf nutzten entschlossen die Chance, ihr Unternehmen radikal neu zu gestalten. Noch ist offen, ob das in jedem Fall zu einer nachhaltigen Erfolgsgeschichte taugt. Bis jetzt, immerhin, wurde der Mut belohnt.

Jürgen Weber weiß, dass eine Spitzenposition im heiß umkämpften Luftfahrtmarkt schnell verspielt werden kann. British Airways demonstrierte in den vergangenen Jahren eindrucksvoll, wie schnell ein einstmals bejubeltes Luftfahrtunternehmen abschmieren kann. Webers wichtigste Devise lautet daher: bescheiden bleiben. Und: alle Gegner ernst nehmen.


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