Galileo Kleiner Angstgegner

Bei der EADS-Tochter Astrium herrscht helle Aufregung. Ausgerechnet eine andere deutsche Firma, die Bremer OHB Technology, will sich im Verbund mit der britischen SSTL ebenfalls um den Bau der 26 Galileo-Satelliten bewerben. Der Wettstreit unter ungleichen Bietern droht das Milliardenprojekt weiter zu verzögern.

Hightech-Liebhabern leuchten die Augen, wenn das Gespräch auf Galileo kommt. Evert Dudok (48), Chef der EADS-Tochter Astrium, sieht die europäische Satellitennavigation als "wichtigen Anschub für die Wirtschaft überall auf dem Globus, an erster Stelle für Europa".

Tatsächlich prognostizieren Gutachter eine Lawine neuartiger Dienstleistungsangebote für Logistik und Verkehr, Landwirtschaft und Sicherheitsbranchen, wenn Galileo irgendwann nach dem Jahr 2013 in Betrieb geht. Von 150.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen und neuen Märkten im Volumen von 250 Milliarden Euro jährlich ist die Rede.

Für sein eigenes Unternehmen erhofft sich der gebürtige Niederländer Dudok nicht weniger als einen Großauftrag. Rund 3,4 Milliarden Euro hat die EU-Kommission für das Gesamtsystem Galileo budgetiert - inklusive der Bodenstationen, der Startkosten und der Funksignalkontrolle. Etwa ein Drittel dieser Summe soll in den Bau von 26 künstlichen Erdtrabanten fließen. Da Deutschland der größte Beitragszahler der EU ist, gehen die hiesigen Satellitenkonstrukteure davon aus, dass sie den Auftrag bekommen.

Dennoch herrscht bei Astrium Aufregung. Ausgerechnet eine andere deutsche Firma, die Bremer OHB Technology , hat nun angekündigt, sich im Verbund mit dem britischen Raumfahrtunternehmen SSTL ebenfalls um den Bau der 26 Galileo-Satelliten zu bewerben. OHB ist jenes Unternehmen, das von Airbus drei Werke übernimmt, weil der Flugzeugbauer des EADS-Konzerns  im Zuge der Sanierung sparen muss.

OHB ist aber auch ein Angstgegner für Astrium, seit der börsennotierte Mittelständler im Dezember 2001 einen Auftrag der Bundeswehr für Radar-Satellitenaufklärung bekam. Die Astrium-Leute hatten die Order im Wert von fast 300 Millionen Euro bereits sicher geglaubt. Als Folge musste Astrium-Satellitenchef Klaus Enßlin (53) gehen.

Schon ist um Galileo eine Schlammschlacht ausgebrochen, die den engen Zeitplan und den knappen Etat des Navigationssystems gefährdet.

Eile tut not

Dudok redet den Konkurrenten klein. Astrium habe bei Navigationssatelliten drei Jahre Entwicklungsvorsprung, behauptet er. Bis zur Auftragsvergabe in einigen Monaten könnten Wettbewerber diesen Vorsprung kaum aufholen.

Tatsächlich baut ein Konsortium unter der Führung von Astrium die ersten vier Satelliten, die frühestens Ende dieses Jahres ins All geschossen werden und dort die nächste Erprobungsphase des Galileo-Systems beginnen sollen.

Marco Fuchs (45), Vorstandsvorsitzender der OHB, hält Dudoks Vorsprungsthese dagegen für "Volksverdummung". Astrium sei groß nur im Bau von "Schönwettersatelliten", sagt der Bremer. Sein Unternehmen beherrsche jedoch auch "die Herausforderungen bei der Konstruktion höchst präziser Geräte" für die extrem technikfeindlichen Betriebsbedingungen im Vakuum und in der Eiseskälte des Weltalls - und sei daher im Wettbewerbsvorteil.

Obendrein will Fuchs garantieren, dass sein Konsortium die 26 Galileo-Satelliten für 1,2 Milliarden Euro baut - und somit im Budgetrahmen der EU bleibt. Astrium-Chef Dudok hingegen schlägt sich schon heute auf die Seite jener, die für das Gesamtsystem deutlich mehr veranschlagen. Eine vertrauliche Expertise kalkuliert fünf, möglicherweise sogar zehn Milliarden Euro.

Grund für die enorme Kostensteigerung seien auch die "zögerlichen Entscheidungen in der EU", sagt Dudok. Die endlosen Debatten, so der EADS-Manager, "verplempern Zeit. Angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung, die Galileo für Europa hat, reden wir uns um Kopf und Kragen".

Tatsächlich tut Eile not. Russland will sein Glonass-System modifizieren und im kommenden Jahr Satellitennavigation auch für zivile Zwecke anbieten. Die chinesische Raumfahrtagentur geht davon aus, dass sie im selben Zeitraum ihr System namens Compass weltweit in Betrieb nehmen kann.

Keiner der Experten vermag zu sagen, wie viel von den milliardenschweren Blütenträumen der prognostizierten Märkte noch übrig bleiben wird, wenn Galileo als Nachzügler kommt - vielleicht im anvisierten Jahr 2013. Aber nicht einmal auf diesen Termin will sich das ESA-Projektmanagement derzeit festlegen.

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