Kolumne Der Preis der Angst

Garantiezertifikate sind auf den ersten Blick ein Angebot, das zu schön ist, um wahr zu sein. Doch die Rundum-sorglos-Börsenpakete bieten eine Sicherheit, die Anleger teuer bezahlen müssen.
Von Martin Weber

Vor ein paar Wochen wollte ich mir bei einem Freund ein Länderspiel anschauen. Kurz bevor es losging, tauchte dann der Sohn meines Freundes auf - mit der Frage, was er denn mit den 3000 Euro anfangen solle, die er sich in den Ferien verdient habe. Von dem Spiel habe ich anschließend nicht allzu viel mitbekommen, weil er im selben Moment die Broschüre eines Garantiezertifikats aus der Hosentasche zog, die ihm ein Berater der örtlichen Volksbank in die Hand gedrückt hatte.

Theoretisch ist so ein Papier ja eine feine Sache: Der Sohn meines Freundes gibt der Bank 3000 Euro, die verteilt das Geld anschließend auf die 50 größten europäischen Börsenfirmen. Läuft es gut, verzinst sich sein Kapital im Gleichschritt mit den Wertzuwächsen des EuroStoxx 50. Läuft es schlecht, bekommt er am Ende zumindest sein Geld zurück. Dieses Ertragsprofil findet man als Schaubild in zahlreichen Werbeprospekten, mit denen die Finanzindustrie ihre Garantieprodukte bewirbt. Es ist ein Angebot, das zu schön ist, um wahr zu sein.

Tatsächlich werden die Rundum-sorglos-Börsenpakete meist erheblich weniger abwerfen. Wer von Verlusten verschont bleiben will, verzichtet auf mögliche Gewinne. Wie groß dieser Verzicht ausfällt, das müssen sich Anleger allerdings erst mühsam im Kleingedruckten zusammensuchen. Typische Fallstricke sind etwa Ausgabeaufschläge, die Berechnung der Wertentwicklung oder das Ausmaß der Kapitalgarantie. In unserem Beispiel

  • bezieht sich die Kapitalgarantie nicht auf 100, sondern nur auf 95 Prozent der Anlagesumme - die Bank will schließlich auch dann nicht auf ihren Kosten sitzen bleiben, wenn die Kurse einbrechen;
  • gibt die Bank nicht 100, sondern nur 80 Prozent des Kursanstiegs des Börsenbarometers weiter, dessen Entwicklung das Zertifikat abbildet - je stärker der Index steigt, desto mehr verdient die Bank;
  • verzichten die Zertifikateanleger auf die Dividenden der im Index zusammengefassten Unternehmen. Und dabei geht es nicht um Kleingeld. Im Jahr 2006 lag die Dividendenrendite des EuroStoxx immerhin bei knapp 3 Prozent.

Die Schwäche der Kunden

Während der EuroStoxx  im Jahr 2006 um 15 Prozent stieg (rechnet man die Dividenden ein, sogar um 18 Prozent), konnten die Käufer eines marktüblichen Garantiepapiers auf den EuroStoxx realistischerweise nur eine Rendite von etwa 12 Prozent erwarten - was einem Renditeabstand von satten 6 Prozentpunkten entspricht.

Im Prinzip nutzen die Banken eine Schwäche ihrer Kunden aus, die unter Kapitalmarktforschern als Verlustaversion bekannt ist. Zahlreiche Studien zeigen, dass bei vielen Anlegern die Angst vor Verlusten schwerer wiegt als die Freude über Kursgewinne.

Gleichzeitig lässt sich aus den Börsenstatistiken der vergangenen 100 Jahre herauslesen, dass die Wahrscheinlichkeit einer positiven durchschnittlichen Wertentwicklung in den meisten Jahren höher war als die Gefahr von Verlusten (wer jetzt den Kopf schüttelt, sollte sich die Entwicklung des Dax  anschauen, die Mitte Januar 1988 bei einem Stand von 1025,28 Punkten begann).

Jeder Anleger, der sich ein Garantiezertifikat kauft, verzichtet also auf etwas, das mit einer höheren Wahrscheinlichkeit eintritt (Kursgewinn), um etwas zu vermeiden, das ihn mit einer deutlich geringeren Wahrscheinlichkeit (Kursverlust) treffen wird.

Weil die Finanzingenieure der Geldhäuser das Verhältnis von potenziellen Gewinnen und Verlusten viel besser abschätzen können als die Kundschaft, liegt der Verdacht nahe, dass der Preis, den die Anleger für ihre Sicherheit bezahlen, vielfach zu hoch ausfallen wird.

Aber so weit bin ich mit dem Prospekt, den mir der Sohn meines Freundes präsentierte, erst gar nicht gekommen. Die Broschüre war so mager, dass ich es nicht geschafft habe, mir ein einfaches Ertragsprofil aufzumalen. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass er der Volksbank die 3000 Euro nur anvertraut, wenn sein Berater es schafft, das Ertragsprofil so aufzuschlüsseln, dass es auch ein einfacher Finanzprofessor versteht.

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