Dollar "Instabile Situation"

Der Dollar steht unter großem Druck. Immer weiter fällt sein Kurs gegenüber den anderen wichtigen Währungen. Wie lässt sich ein Crash verhindern? Der Historiker Harold James analysiert im Gespräch mit manager magazin den epochalen Wandel und spricht über die Zukunft des Weltwährungssystems.

mm: Herr Professor James, wir erleben derzeit einen Dollar-Crash in Zeitlupe. Die Lage erinnert an die großen Wendepunkte des globalen Währungssystems: an 1914, als das britische Pfund seine dominierende Rolle als internationale Leitwährung verlor; an 1973, als die westlichen Länder ihre Währungen vom Dollar  lösten. Beginnt jetzt abermals eine neue Ära?

James: Es gibt Parallelen, sicher. An den Devisenmärkten herrscht derzeit sehr große Unsicherheit, fast Panik. In den Schwellenländern, die ihre Währungen an den Dollar gebunden haben, steigt die Inflation wie Anfang der 70er Jahre, als sich Deutschland und andere entschlossen, das Wechselkurssystem von Bretton Woods zu verlassen und ihre Währungen frei schwanken zu lassen. Aber bedenken Sie bitte: Auch damals redeten viele vom Ende des Dollar als Weltwährung. Wie wir wissen, kam es anders.

mm: Sie schreiben den Dollar noch nicht ab?

James: Nein. Die USA haben derzeit große wirtschaftliche Probleme. Die Immobilienkrise, die Ausfälle bei den Subprime-Krediten, der Rückgang des Wachstums, die sinkenden US-Zinsen - all das trägt zur Dollar-Schwäche bei, so wie es die Wechselkurstheorie vorhersagt.

Die Lage in Amerika sollte uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die USA immer noch die größte Volkswirtschaft der Welt und die mit Abstand größte Militärmacht sind. Solange das so ist, sehe ich nicht das Ende des Dollar als internationale Währung kommen.

mm: Kenneth Rogoff, der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, sagte uns kürzlich, die Lage in den USA sei so ernst, dass für den Euro "die Tür weit offen" stehe, die dominierende Weltwährung zu werden.

James: Der Euro wird international wichtiger werden - als Reservewährung, als Anlagewährung, vielleicht auch als Handelswährung. Aber einen weitgehenden Wechsel zum Euro sehe ich nicht.

"Wechsel nicht über Nacht"

mm: Warum?

James: In der Wirtschaftsgeschichte laufen solche grundlegenden Veränderungen nicht abrupt ab, sondern allmählich. Auch der Wechsel vom Pfund zum Dollar kam ja nicht über Nacht, sondern dauerte Jahrzehnte: Zwischen 1914 und 1944 gab es parallel drei wichtige Reservewährungen - das Pfund, den französischen Franc und die deutsche Reichsmark, deren Platz dann später der Dollar einnahm. Weltwährungen haben ein großes Beharrungsvermögen.

mm: Der Dollar dürfte durch die auf Jahre schwache US-Entwicklung weiter an Wert verlieren. Anders als in früheren Schwächephasen gibt es jetzt mit dem Euro eine ernst zu nehmende und stabilere Alternative. Warum wechselt der Rest der Welt nicht einfach zum Euro?

James: Weil auch der Euro nicht auf einem soliden Fundament steht. Europa hat grundlegende ökonomische Schwächen: die rasche Alterung der Gesellschaften, das schwache Produktivitätswachstum in vielen Ländern, der schleppende Strukturwandel weg von der Industrie. All das spricht nicht gerade für den Euro. Eine katastrophale Dollar-Krise und ein rascher Wechsel zum Euro sind möglich, aber sehr unwahrscheinlich.

mm: Was könnte eine solche Dollar-Krise auslösen?

James: Eine akute politische Katastrophe. So war es auch, als 1973 das System von Bretton Woods endgültig zerbrach: Da spielten der Vietnam-Krieg, die Krise im Nahen Osten und der folgende Ölpreisschock eine wichtige Rolle. Auch heute wäre wohl eine weitere Zuspitzung im Nahen Osten der Auslöser: beispielsweise ein Krieg gegen den Iran, der zu massiven innenpolitischen Unruhen in den übrigen Golfstaaten führen würde.

mm: Dass der Dollar nicht längst ins Bodenlose gestürzt ist, resultiert aus politischen Entscheidungen: Schwellenländer wie China und die Rohstoffexporteure haben ihre Währungen an den Dollar gebunden. Sie halten ihre Wechselkurse niedrig und müssen deshalb Dollar in großem Stil kaufen. Damit können sie doch morgen aufhören.

James: Da wäre ich mir nicht so sicher. All die Schwellenländer, die Sie genannt haben, verzeichnen ja sehr große Leistungsbilanzüberschüsse. Das heißt: Sie müssen große Beträge im Ausland anlegen, denn ihre eigenen Kapitalmärkte sind nicht aufnahmefähig genug. Also suchen sie sichere, liquide Märkte, und davon gibt es nun mal nur wenige auf der Welt: die USA, Euro-Land, mit Abstrichen Japan, Großbritannien, Australien, die Schweiz. Selbst wenn die großen Überschuss-Schwellenländer ihre Wechselkurse flexibilisieren, werden sie doch immer noch einen Teil ihres Geldes in den USA anlegen müssen - mangels Alternativen.

"Wenige Schlüsselspieler"

mm: Der Dollar wird bislang von einem Kartell von Notenbanken gestützt. China, die Golfstaaten und Russland sitzen auf großen Dollar-Beständen und wollen verhindern, dass diese abgewertet werden. Wie bei jedem Kartell ist die Versuchung groß, auszusteigen: Jeder hat einen Anreiz, seine Bestände heimlich zu verkaufen, um möglichst viel seines Vermögens zu retten. Irgendwann wird das Kartell erodieren - und es kommt zu einer dramatischen Flucht aus dem Dollar.

James: Sie haben recht: Marktmechanismen spielen auf diesem Gebiet nur eine Nebenrolle. Der Wert des Dollar hängt an wenigen Schlüsselspielern, die oligopolistisch interagieren. Eine strategische Konstellation, die der Grund für die derzeitige Nervosität der Devisenmärkte ist. Deshalb bin ich der Meinung, dass wir das internationale Währungssystem dringend reformieren müssen.

mm: In welcher Weise?

James: Dass die Situation so instabil ist - dass es überhaupt die Möglichkeit einer globalen Dollar-Krise gibt -, liegt an der Konzentration derart gigantischer Währungsreserven in den Schwellenländern. Dafür gibt es kein historisches Beispiel. Die Marktteilnehmer wissen einfach nicht, was die Notenbanken und staatlichen Investmentfonds in Asien, Arabien und Russland mit ihren Billionen von Dollar tun werden. Deshalb plädiere ich dafür, dass diese Länder das Management ihrer Reserven an eine neutrale Institution übertragen, am ehesten wohl an den Internationalen Währungsfonds (IWF). Dadurch käme mehr Stabilität ins System.

mm: Können Sie sich im Ernst vorstellen, dass die Führer Chinas oder Russlands die Herrschaft über ihre Währungsreserven abgeben - und das ausgerechnet an eine westlich dominierte Institution wie den IWF?

James: Ich weiß, meine Idee ist sehr ambitioniert. Sie hat, wenn überhaupt, nur im Rahmen einer großen IWF-Reform eine Realisierungschance. Aber sehen Sie es mal von der Warte eines Landes wie China aus: Die Regierung kann mit ihren Währungsreserven gar nicht viel anfangen - die Summen sind zu groß, um sie wirklich managen zu können. Zugleich müssen die Chinesen eine drastische Wertvernichtung fürchten. Die Reserven sind für sie auch eine Bürde. Wenn der IWF das Management übernähme, würde das Risiko eines Dollar-Crashs beseitigt. Unsicherheit würde aus den Devisenmärkten verschwinden, was für die ganze Welt gut wäre und damit auch Chinas weitere Entwicklung absicherte.

mm: Dennoch: Das Gefühl des Souveränitätsverzichts wäre enorm.

James: Deshalb müssten China und andere Schwellenländer im Gegenzug viel mehr Einfluss im IWF bekommen: Sie sollten den westlichen Staaten gleichgestellt werden. Das ist ohnehin überfällig: Die Gewichte in der Weltwirtschaft werden sich weiter nach Asien verschieben. Entsprechend sollten China, Indien und andere beginnen, verstärkt internationale Verantwortung zu übernehmen.

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