HypoVereinsbank Schlaflos in München

Beim Verkauf des Osteuropa-Geschäfts an die Konzernmutter Unicredit hat der Vorstand der HypoVereinsbank allerlei Tricks angewendet. Das könnte sich nun rächen.
Von Ulric Papendick

Alessandro Profumo (50), Vorstandschef des Finanzkonzerns Unicredit , ist um ein ebenso sachliches wie zurückhaltendes Auftreten bemüht. Manchmal allerdings blitzt bei dem Mailänder Starbanker ein gewisses Imponiergehabe durch.

Die Übernahme der Münchener HypoVereinsbank (HVB)  etwa, berichten Vertraute, kommentiere der frühere McKinsey-Partner im kleinen Kreis gern mit der etwas großspurigen Bemerkung, er habe die deutsche Großbank 2005 äußerst günstig erstanden.

Gut möglich, dass dem smarten Banker eine solche Aussage künftig weniger leicht über die Lippen geht. Ende Januar urteilt ein Münchener Gericht über einen Teil des HVB-Deals. Die Übernahme könnte für Profumo im Nachhinein erheblich teurer werden.

Und nicht nur das: Es geht auch um die Frage, ob Profumo und sein deutscher Statthalter, HVB-Chef Wolfgang Sprißler (62), im Verlauf der Transaktion mit jener Sorgfalt gehandelt haben, die Bankvorstände bei Milliardendeals walten lassen müssen. Womöglich drohen strafrechtliche Konsequenzen.

Am Donnerstag (31. Januar) will das Landgericht München I unter dem Vorsitz des Richters Helmut Krenek (46) entscheiden, ob der Verkauf der früheren HVB-Tochter Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) an Unicredit rechtens war. Anfang 2007 hatte die HVB ihre BA-CA-Aktien für rund 12,5 Milliarden Euro an die italienische Mutter weitergereicht.

Ein Spottpreis - argumentieren etliche der freien HVB-Aktionäre, die noch rund 4,5 Prozent der Bankaktien halten. Das Paket, sagen sie, sei mindestens doppelt so viel wert gewesen. Die HVB habe die höchst profitable Wiener Bank mit ihren Ablegern in Osteuropa allein deshalb so günstig verkauft, weil der neue Eigentümer aus Mailand das so angeordnet habe - zulasten der HVB-Minderheitsaktionäre.

Die HVB-Oberen hielten zwar die Formalien ein: In einer eigens einberufenen Hauptversammlung im Oktober 2006 ließen sie den BA-CA-Verkauf mit den Stimmen des Großaktionärs Unicredit genehmigen; und ein weiteres Anlegertreffen Mitte 2007 leitete zudem den Ausschluss der Minderheitsaktionäre ("Squeeze-out") in die Wege. Seitdem wurde die Bank von einer Flut von über 170 Klagen überrollt.

Profumo wehrt sich nach Kräften

Eine Gruppe institutioneller Investoren fordert vom Unicredit-Konzern und dessen Chef Profumo darüber hinaus Schadensersatzzahlungen in Höhe von 17 Milliarden Euro.

Der Konzernchef wehrt sich nach Kräften. Die BA-CA, versichert Profumo, sei von Unicredit zu marktgerechten Konditionen übernommen worden. Unabhängige Gutachter hätten bestätigt, dass alles korrekt gelaufen sei. Es gebe in Deutschland wohl "einen exzessiven Schutz der Minderheitsaktionäre", stellt Profumo beleidigt fest.

Auch HVB-Chef Sprißler müht sich, den Verkauf der BA-CA und ihres Osteuropa-Geschäfts zu rechtfertigen. Der Deal sei von Vorteil für die HVB gewesen, die sich von da an auf ihren Kernmarkt Deutschland und das Investmentbanking konzentrieren konnte.

Ob diese Sicht der Dinge zutrifft, ist fraglich - und das wussten die HVB-Oberen ganz offensichtlich auch. Dies belegen interne Unterlagen, die ein von den Kleinaktionären per Gerichtsbeschluss durchgesetzter "besonderer Vertreter" bei seinen Recherchen in der HVB-Zentrale zutage gefördert hat.

Die diversen E-Mails und internen Schreiben, die der Bonner Rechtsanwalt Thomas Heidel (51) in München entdeckte, zeigen, dass sich der HVB-Vorstand und seine Rechtsberater sehr wohl darüber im Klaren waren, wie heikel der Verkauf des florierenden Osteuropa-Geschäfts werden konnte.

Man müsse "sehr gut herausarbeiten, aus welchem Grund der Vorstand der HVB die BA-CA und damit ein wichtiges Geschäftsfeld veräußern will", warnte etwa Gerhard Wirth (63) von der Kanzlei Gleiss Lutz im Februar 2006 die HVB-Rechtsabteilung. Ein marktgerechter Verkaufspreis allein genüge nicht, gab der Advokat zu bedenken.

Auch der HVB-Vorstand beriet im Juli 2006 intensiv darüber, ob der BA-CA-Verkauf "einen Nachteil für die HVB begründen" könne. Ergebnis: Es sollte nicht nur ein angemessener Preis erzielt werden. Die HVB müsse von ihrer Konzernmutter Unicredit auch eine Entschädigung für die Abgabe des Osteuropa-Geschäfts erhalten. Dies könne zum Beispiel durch eine Übertragung des Investmentbankings an die HVB geschehen.

Fragwürdige Vorgehensweisen

HVB-Firmenkundenvorstand Stefan Schmittmann (51) ließen diese Pläne keine Ruhe. Er habe nach der Vorstandssitzung "nicht gut schlafen" können, schrieb er zwei Tage später an die Rechtsabteilung der HVB, die den Brief an Firmenchef Sprißler weiterleitete.

Eine schlüssige Begründung, dass die italienische Investmentbanking-Tochter auch nur annähernd ein Äquivalent für den Verkauf der BA-CA sei, werde man niemals finden, befürchtete Schmittmann und schlussfolgerte: "Wir sollten es daher auch nicht versuchen."

Dennoch verkündete Sprißler wenige Monate später, die Konzentration des konzernweiten Investmentbankings auf die HVB sei einer der Gründe für den BA-CA-Verkauf gewesen.

Die HVB-Manager gingen jedoch noch weiter. Um das Plazet ihres Aufsichtsrats zu bekommen, schreckten sie offenbar auch vor einer fragwürdigen Vorgehensweise nicht zurück.

Als sich der Aufsichtsrat am 11. September 2006 mit dem BA-CA-Verkauf befassen sollte, war die Stimmung nicht die beste. Die HVB-Kontrolleure, vor allem die Arbeitnehmervertreter, standen der Transaktion teilweise sehr kritisch gegenüber. Mehrfach hatten sie gefordert, man müsse die Wiener Tochter über eine Auktion öffentlich feilbieten, um den bestmöglichen Erlös zu erzielen.

Auch wollten sie wissen, ob die Angemessenheit des Verkaufspreises denn wenigstens ausreichend von neutralen Gutachtern überprüft worden sei.

Letzteres bejahte Sprißler; es gebe ein Bewertungsgutachten und darüber hinaus eine "Fairness Opinion", die den Preis rechtfertige. Präsentiert wurde dieses von der Citigroup  erarbeitete Dokument den Kontrolleuren indes nicht. Die "Fairness Opinion" wurde den Aufsichtsräten nach Heidels Recherchen noch nicht einmal vorgelesen.

Für die Geheimniskrämerei gab es offenbar gute Gründe: Das Citigroup-Papier enthielt einen expliziten Hinweis darauf, dass man nicht geprüft habe, ob der Erwerber für die BA-CA-Papiere eine sogenannte Kontrollprämie zahlen müsste. Ein solcher Zuschlag für einen Mehrheitserwerb wäre beim Verkauf auf dem freien Markt unter Umständen entrichtet worden - und hätte den Preis des Aktienpakets in die Höhe getrieben.

Es könnte teuer werden

Wohl deshalb bestanden die Citigroup-Experten auf der Formulierung. Mitarbeiter der HVB-Rechtsabteilung hatten versucht, die Gutachter zur Streichung des Passus zu bewegen.

"Das Verhalten der HVB-Vorstände gegenüber ihrem Aufsichtsrat könnte ein Fall für den Staatsanwalt sein", sagt ein mit dem Fall vertrauter Jurist. Die Vorstände müssten sich zudem die Frage gefallen lassen, ob sie den Anforderungen der Finanzaufsicht an die Zuverlässigkeit von Bankmanagern genügten.

Denn die HVB-Oberen ließen noch ein weiteres Detail außer Acht: Der Verkaufspreis für die BA-CA-Anteile hätte aufgrund des gesunkenen Kapitalmarktzinses rund 300 Millionen Euro höher ausfallen müssen. Da der Firmenwert durch Abzinsen künftiger Erträge ermittelt wird, führt eine Zinssenkung zu einem höheren Barwert. Den Rat ihrer Anwälte, den Betrag deshalb zu erhöhen, ignorierten Sprißler und Co.

Während Rechtsanwalt Heidel unterdessen die Rückabwicklung der Übertragung der Bank-Austria-Anteile fordert, will die HVB den Sachverhalt mit Blick auf das laufende Gerichtsverfahren nicht kommentieren, weist aber insbesondere den Vorwurf zurück, Organe der Bank seien getäuscht worden.

Für Unicredit-Chef Profumo könnte der Fall indes teuer werden. Richter Krenek hat bereits angedeutet, dass der Kaufpreis für die BA-CA seiner Meinung nach zu niedrig ausgefallen sei.

Italiens Vorzeigebanker Profumo spart derweil an anderer Stelle. Das mussten zuletzt die Frankfurter Mitarbeiter der zum Unicredit-Konzern gehörenden Banca Di Roma leidvoll erfahren. Die rund 30 Köpfe starke Truppe wollte einen Betriebsrat gründen, um ihre Interessen bei der Integration in die HVB besser wahrnehmen zu können.

Die Beschäftigten kamen nicht dazu. Kurz nachdem die Betriebsratswahl ausgeschrieben worden war, erhielten die Banker eine Direktive aus Mailand: Die Frankfurter Filiale werde dichtgemacht. Für die Kollegen bestehe leider kein Bedarf mehr.

Übernahmeaffäre: Warum sich HVB und Aktionäre bekriegen

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