Kaschmirkönige Sanfte Liebe

Reisen, reiten, segeln - die schiere Lust am Leben inspiriert die beiden italienischen Kaschmirkönige Sergio und Pier Luigi Loro Piana zu immer neuen Ideen.
Von Anne Preissner

Mitten im Gespräch springt Sergio Loro Piana (59) auf, schnappt sich eine Karaffe Wasser und schüttet sie schwungvoll auf eines seiner edelsten Stücke der neuen Winterkollektion. Sergio lächelt, die Demonstration ist geglückt: Die aus teurem Vikunja-Haar gefertigte samtweiche Jacke "Icer" übersteht die Attacke unbeschadet.

Wasserfest und winddicht ist das Stöffchen, eine Mischung aus feinstem Naturhaar und einem mikromolekularen Material mit atmungsaktiver Membran. Das patentierte "Storm System" ist so recht nach dem Geschmack der Brüder Sergio und Pier Luigi Loro Piana (55), die in sechster Generation das Geschäft mit ausgesuchten Stoffen und Garnen betreiben.

"Wir wollen Tradition mit Innovation verbinden", sagt der Ältere des quirligen Gespanns. Begriffe wie Fashion und Coolness sind ihm ein Gräuel. Am liebsten heftet er Loro Piana das Etikett "klassisch" an, um sofort anzumerken: "Aber bloß nicht altmodisch."

Mit der Mischung aus Bewährtem und Neuem hat es das Brüderpaar weit gebracht. Anfang der 70er Jahre übernahm es die Leitung des Unternehmens, und ihm gelang der Aufstieg zum größten Kaschmirproduzenten der Welt. Zudem avancierten die zwei Norditaliener zum international größten Einkäufer feinster Merinowolle.

Mit Erfolg begannen die Stoff- und Garnproduzenten in den 80er Jahren, erstmals eine eigene Herren- und Damenkollektion zu entwickeln. Im Rekordtempo etablierten sich die Kaschmirkönige anschließend in den besten Einkaufslagen. 1999 wurden in Mailand und Venedig die ersten Stores eröffnet. Mittlerweile firmieren 110 Geschäfte zwischen New York und Tokio unter der Marke Loro Piana.

Hamburg, Neuer Wall 46. Vor einigen Monaten eröffnete Loro Piana einen Laden an der Designermeile der Hansestadt. Schlichtes Naturholzdekor, minimalistische Einrichtung, dezente Beleuchtung - nichts lenkt von der eigentlichen Botschaft ab: seidensanfte Wollwaren, edle Schals, ausgewählte Accessoires und jede Menge Ballen feinsten Zwirns.

Ein abgesteckter Kundenkreis

Alle Läden im Loro-Piana-Reich sind auf Einheitslook getrimmt. In seinem dickleibigen "Merchandising Guide" schreibt Sergio Loro Piana seinen Einzelhändlern en détail vor, wie sie die Ware präsentieren sollen. Selbst vor der Kundentoilette macht seine Fürsorge nicht halt. In Dubai steht die gleiche Klobürste wie in St. Moritz.

Ein Kontrollfreak? Eher ein Missionar. Sergio Loro Piana betreut das expandierende Luxusgüter- und Handelsgeschäft des Unternehmens. Im geordneten Auftritt sieht er die größte Chance, Loro Piana als unverwechselbare Marke für elegante Business- und Freizeitkleidung zu positionieren.

Der Kundenkreis ist abgesteckt: gut verdienende Manager, wohlhabende Privatiers und die Zunft der Jungmillionäre, die sich in Russland und Asien epidemisch vermehrt. Pullis ab 465 Euro, maßgeschneiderte Anzüge bis zu 10.545 Euro sind für diese Klientel Peanuts - sofern sie italienische Eleganz goutiert. Denn Extravagantes oder gar Schrilles sucht man im Reich der Loro Pianas vergebens.

Das Traditionsunternehmen aus dem Piemont, das mit seinen Stoffen Edelschneider wie Armani beliefert, wirbt nur selten in Modemagazinen. Umso mehr setzen die Brüder auf kundige Käufer und individuellen Service. Herrenanzüge gibt es nur maßgeschneidert. "Das Vergnügen, etwas zu besitzen, das kein anderer hat, ist ein Wert an sich", postuliert Sergio Loro Piana.

Sergio ist in der Öffentlichkeit häufiger präsent als sein Bruder. Die Harmonie stört das offenbar nicht. "Wir funktionieren wie ein CEO", sagt Pier Luigi.

Auch privat herrscht Einvernehmen zwischen den beiden. Sie wohnen Tür an Tür, sind begeisterte Segler, sponsern ein eigenes Poloteam - es gewann unlängst den "Queen's Cup"- und unterstützen das Loro Piana Classic Team, einen Rennstall mit Oldtimern.

Am stärksten jedoch eint sie das väterliche Diktum, Qualität über alles zu stellen. Seit Jahrzehnten pendelt Pier Luigi Loro Piana zwischen Australien und Neuseeland, Tibet und der Mongolei, um die besten Rohstoffe zu bekommen. Zuständig für Einkauf und Fabrikation, sichert er sich die feinsten Ballen Merinowolle und Babykaschmir, die erste Schur junger Ziegen.

Die Jagd nach dem Rekordballen

Regelmäßig erklimmt der agile Mittfünfziger die Hochanden in Peru, um die Aufzucht von Vikunjas zu begutachten, gefördert von seinem Unternehmen. Das Vlies des zeitweilig vom Aussterben bedrohten, lamaähnlichen Tieres zählt zu den seltensten und teuersten der Welt. Nur 120 Gramm Haare lassen sich von einem Vikunja alle zwei Jahre gewinnen. Mindestens 3000 Gramm sind nötig, um einen Mantel zu schneidern.

Jedes Stück Stoff oder Garn, das Loro Piana verkauft, lässt sich bis zum Rohballen zurückverfolgen. Stete Kontrollen vom Einkauf bis zum Endprodukt sollen die Qualität sicherstellen.

Ein aufwendiger Job. Der Durchmesser - und damit der Feinheitsgrad und die Qualität einer Faser - wird in Mikron, also Tausendstel Millimeter gemessen. 11,6 Mikron misst derzeit die feinste Merinofaser. Allein durch Betasten des Rohmaterials kann Pier Luigi Loro Piana die Ware klassifizieren - präzise wie ein Elektronenmikroskop.

"Für Stoffe gilt nichts anderes als für ein gutes Restaurant. Die Qualität des Ausgangsmaterials ist entscheidend", resümiert der Experte. Die Suche nach immer besseren Naturfasern veranlasste ihn, einen spektakulären Wettbewerb ins Leben zu rufen: die jährliche Jagd nach dem Rekordballen.

Seit dem Jahr 2000 sind die Züchter von Merinoschafen in Australien und Neuseeland aufgerufen, den Ballen mit den dünnsten Wollfäden zu liefern. Reichte im ersten Durchgang ein Durchmesser von 15 Mikron zum Sieg, ging die Prämie in diesem Jahr an einen Australier, dessen 98 Fäden 11,6 Mikron Durchmesser aufwiesen. 50 Anzüge lassen sich daraus herstellen - und einer ist immer für Pier Luigi reserviert.

Merinowolle von schwarzen Schafen, Babykaschmir und eine Reihe patentierter Stoffe von superleichter Wolle bis hin zu wasserfesten Materialien - die Konzentration auf Hochwertiges ist ein Motor des Geschäfts.

Nicht minder ausgeprägt ist das Gespür der Brüder für die Bedürfnisse ihrer Klientel - entsprechen die doch ihren eigenen: knitterfreies Tuch für Geschäftsreisen, wasserdichtes Outfit für Segelturns, kuschelige Pullis und Schals für kühle Abende.

"Wir brauchen keine Einflüsterer"

Einige der erfolgreichsten Produkte von Loro Piana sind von der Sportleidenschaft der Firmenlenker getrieben. Etwa das Horsey Jacket, das für die italienischen Reiter zu den Olympischen Sommerspielen 1992 in Barcelona entwickelt wurde. Oder die maritime Roadster-Kollektion, die beide Jachtbesitzer tragen, wenn sie mit "My Song" (Pier Luigi) und "Out of the Blue" (Sergio) im Mittelmeer kreuzen.

Alle Produkte werden von Loro Piana selbst entworfen, sei es Kleidung, seien es Accessoires wie Gürtel, Taschen und Schuhe. "Wir brauchen keine externen Einflüsterer", unterstreicht Sergio Loro Piana selbstbewusst. Umso mehr setzt er auf sein Designerteam, das ihm zu einem der größten Verkaufsschlager verhalf: der Jacke "Bomber Windmate".

Das Leichtgewicht aus weicher Mikrofaser und gekämmtem Kaschmir lässt sich platzsparend in einer Hand zusammenknüllen und ist knitterfrei. "Ich sah keine Verwendung dafür, doch meine Mitarbeiter beknieten mich so heftig, dass ich sagte: Versucht es." Es wurde ein Outdoor-Klassiker.

Noch immer residiert Loro Piana in Quarona, einem Städtchen am Fuße der Voralpen. Im Piemont liegen auch die meisten Produktionsstätten der 1924 von Pietro Loro Piana gegründeten Firma. Zuvor war die Familie über ein Jahrhundert als Stoffhändler tätig.

1941 übernahm der Neffe von Pietro, Franco Loro Piana, das Ruder und weitete nach dem Zweiten Weltkrieg die Geschäfte auf Europa, Japan und die USA aus. 1971 übertrug Franco zunächst seinem ältesten Sohn Sergio die Führung des Unternehmens, vier Jahre später rückte Pier Luigi mit an die Spitze auf.

Die Bilanz der Brüder kann sich sehen lassen. 1971 setzte Loro Piana 1,7 Millionen Euro um, 2007 wurde die 400-Millionen-Marke überschritten. "Wir wachsen seit Jahren zweistellig", betont Sergio Loro Piana. Nur über Gewinne mag sich der sonst so auskunftsfreudige Familienmanager nicht äußern. Aber er lächelt sehr, sehr zufrieden.

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