Bordeaux-Wein Kampf um Reben

Wer in Frankreichs Wirtschaft auf sich hält, muss schon ein Château an der Gironde sein Eigen nennen. Immer mehr Chefs kaufen sich ein.
Von Klaus Ahrens und Rüdiger Albert

Es war nicht eben ein ausgelassenes Mittsommernachtsfest, aber eines, auf dem die Luft von Neuigkeiten und Gerüchten knisterte. Unter den wehrtüchtigen ockergelben Türmen des Château Smith Haut Lafitte in der Parklandschaft am Westufer der Garonne hatten Daniel und Florence Cathiard an diesem 21. Juni zur Fête de la Fleur geladen, seit 56 Jahren gesellschaftlicher Höhepunkt im Weinjahr des Bordelais.

Und unter den Augen des Ex-Ministerpräsidenten und heutigen Bürgermeisters Alain Juppé traf sich, was in der Welt der Bordeaux-Weine Rang und Namen hat. Oder haben wird.

Rund 1500 Gäste flanierten durch die weitläufigen Gärten, um sich anschließend zum Diner im kerzenglimmenden Gewölbe zu Seebarschtatar, Lammhaxe, Käseplatte, Süßem (bei Bordeaux-Weinen, versteht sich) zu versammeln.

Hier plauderte der smarte Tycoon Martin Bouygues (Château Montrose) mit Henri de Monpezat, Prinz von Dänemark (Château de Caïx). Dort alberte die Winzerin Philippine de Rothschild mit einem französischen Fernsehstar, der in der Gesellschaft der Reichen und Schönen den Spaßmacher gab. Selbstverständlich auch dabei: Die großen Kritiker und Verkoster sowie zahlreiche potente russische Weinhändler in Begleitung, wie das Blatt "Le Monde" anmerkte, "spektakulär junger Frauen".

Der Auftrieb zur Sonnenwende machte klar: Das Bordelais mit seinen Weinschlössern am Zusammenfluss von Garonne und Dordogne, Heimstatt der edelsten und teuersten Weine der Welt, ist neuerdings Spielfeld für Investoren aus der Industrie geworden. Immer häufiger entdecken zu Reichtum gelangte Unternehmenslenker die Region als interessante Geldanlagemöglichkeit mit hohem sozialem Prestige und privatem Vergnügungsnutzen.

Perlen der Bordeaux-Kultur

"Es gibt genug Industrielle und reiche Leute", sagt Stephan Graf von Neipperg, deutscher Inhaber mehrerer Rotweingüter bei St. Emilion, "die es jetzt schick finden, auch Weinbau zu haben."

Ähnlich kommentierte den Gütertausch - "Bordelais zum Verkauf" - das Blatt "Le Figaro": Mit dem Investment in diese "Perlen der Bordeaux-Weinkultur erfüllen sich Männer der Industrie einen Traum".

Wie etwa der Luxusindustrielle Bernard Arnault, Besitzer von gleich eineinhalb Châteaux, dem ganzen d'Yquem und Cheval Blanc zur Hälfte. Der LVMH(Louis Vuitton Moët Hennessy)- Eigner genoss es sichtlich, als er die Hochzeit seiner einzigen Tochter Delphine, angetan mit einer Dior-Prachtrobe, vorgefahren in einem Rolls-Royce Phantom III (Jahrgang 1937), in den erhabenen Mauern von d'Yquem zelebrieren konnte. Und anschließend auch noch sage und lese 23 Seiten Hofbericht in der Illustrierten "Paris Match" durchblättern durfte.

So konnte er gleich auch noch Punkte gutmachen gegenüber seinem Erzrivalen François Pinault, Inhaber des Luxushauses Printemps Redoute PPR (Gucci, Christie's, Puma et cetera).

Dem gehört zwar nur ein Weingut, aber dieses Château Latour, in den Gironde-Auen südlich von Pouillac gelegen, liefert den angeseheneren Wein. Es gehört zu den nur fünf Châteaux der allerhöchsten Güteklasse der Premiers Crus Classés Châteaux des Médoc, bereits seit 1855 klassifiziert und somit alter Adel. Klassenkampf auf Milliardärsebene.

Arnault und Pinault haben in den 90er Jahren den Anfang gemacht mit den Hahnenkämpfen um teure Weinlatifundien, seither gehört es für die Reichen aus Frankreich und den Nachbarländern zum guten Ton, das eine oder andere Château im Portefeuille zu haben.

So besitzt der belgische Baron und Finanzier Albert Frère, kurzfristig Miteigner von Bertelsmann, die zweite Hälfte von Arnaults Cheval Blanc, außerdem aber - gemeinsam mit einem Zweig der Rothschild-Familie - die Châteaux L'Evangile in Pomerol und Rieusse in Sauternes.

Am Tiefpunkt eingestiegen

Alain Wertheimer, Inhaber der Chanel-Gruppe sowie Freund und Arbeitgeber des Modemannes Karl Lagerfeld, verwaltet für seinen Clan die Weinschlösser Rauzan-Segla und Canon.

Die Versicherungskonzerne und SMABTP Axa unterhalten Bordeaux-Weingüter, sogar der japanische Getränkekonzern Suntory ist mit den Châteaux Lagrange und Beychevelle dabei.

"Es gab eine Menge Bewegung in den vergangenen Jahren", sagt Stephan Graf von Neipperg. Er selbst hat zusammen mit Robert Peugeot, Aufsichtsrat des Autobauers und Vorsteher der Peugeot-Familienholding, zuvor mit 15 Prozent beim Champagner Taittinger beteiligt, das Sauternes-Château Guiraud gekauft. Für einen Spottpreis von unter 20 Millionen Euro.

"Wir sind wirklich am Tiefpunkt eingestiegen", freut sich der Weingraf über seinen Coup. Der süße weiße Sauternes, lange Zeit ein Schmähprodukt, kommt nämlich wieder zu neuen Ehren. Gerade Inder und Chinesen, neue Kunden auf dem Bordeaux-Markt, mögen ihn zu ihren Speisen. "Wenn wir das Gut heute nach einem Jahr verkaufen würden, könnten wir 30 oder 40 Prozent mehr für den Betrieb bekommen."

Der adlige Weinbauer aus Deutschland fühlt sich durchaus wohl in der Partnerschaft mit den Automobilindustriellen. "Die Peugeots sind im Gegensatz zu vielen anderen", sagt Neipperg, "keine Showleute. Die brauchen kein Weingut, um in der Gesellschaft ernst genommen zu werden." Und fügt an: "Bei manchen anderen hat man diesen Eindruck durchaus."

Der Wechsel der Châteaux vom Winzer zum Großunternehmen hat häufig seinen banalen Grund in der Steuergesetzgebung. Denn anders als Personen zahlen Holdings keine Vermögen- oder Erbschaftsteuer.

Was in der Vergangenheit zu einer für Franzosen nicht eben erfreulichen Übergabe ihrer Nationalheiligtümer von den Winzern an große Investoren oder gar fremde Hände geführt hat. So war man schon sehr erleichtert, als die italienische Agnelli-Familie ihren 75-Prozent-Anteil am ruhmreichen, auf 400 Millionen Euro Wert geschätzten Château Margaux wieder an französische Besitzer gab, nämlich an die Miteigentümerin Corinne Mentzelopoulos.

Mit gutem Tropfen begossen

Die ist zwar Griechin von Abstammung, aber in Frankreich geboren und war zuvor mit einer französischen Ladenkette gesegnet. Immerhin hatte helle Aufregung geherrscht, als Gerüchte aufkamen, ausgerechnet Bill Gates, für fahnentreue Franzosen so etwas wie der Gottseibeiuns im Fegefeuer des US-Kapitalismus, habe Interesse am Nationalgut geäußert.

"Die Güter werden immer an die verkauft", sagt Graf von Neipperg, "die das Geld haben. Mal waren das die Deutschen, mal die Holländer, mal die Engländer. Und jetzt kommen eben reiche Inder und reiche Chinesen."

Wie Balsam für die wundgeriebene Seele der Nationalfranzosen wirkte da eine Transaktion aus jüngster Zeit. Gerade hatte zu ihrem Leidwesen noch der syrisch-britische Immobilien-Tycoon Simon Halabi, Platz 14 auf der Rangliste der Reichen Britanniens, das Château Cantenac Brown erworben. Da tauchte einer der ihren auf, das für 140 Millionen Euro feilgebotene Château Montrose vor fremdem Zugriff zu retten. Und was für einer!

Martin Bouygues, Trauzeuge (wie auch Bernard Arnault) von Nicolas Sarkozy und Taufpate eines Sohnes des Präsidenten, verfügt zusammen mit seinem Bruder Olivier über eines der größten privaten Firmenkonglomerate Frankreichs. Es umfasst den weltgrößten Baukonzern, Immobilienbesitz, Fernsehen (TF 1), Telekommunikation und Versorgung.

Neuerdings schicke Bouygues sich an, so heißt es, aus seinen Alstom-Anteilen und dem Nuklearstaatsbetrieb Areva einen riesigen Atomkonzern zu zimmern. Der geglückte Deal könnte dann auf dem Latifundium in den weiten Niederungen am Westufer der Gironde mit einem guten Tropfen begossen werden.

Etwa mit einem Château Montrose 2. Cru Classé St. Estephe, Jahrgang 2003. Der soll laut Bordeaux-Kenner Robert Parker so übel nicht sein.

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