Philosophie des Luxus Konsum statt Krieg

Der Philosoph Norbert Bolz spricht im Interview mit manager magazin über Shopping als Heilmittel gegen jede Art von Fanatismus und über eine neue Form von Luxus, die nicht mehr zu bezahlen ist.
Von Hanno Pittner

mm: Herr Professor Bolz, Sie haben - den alten Marx ironisierend - ein konsumistisches Manifest verfasst. Sie vermeiden dabei jedoch eine Definition des Konsumismus. Was dürfen wir darunter verstehen?

Bolz: Der Begriff Konsumismus soll ausdrücken, dass es sich um ein Lebenssystem handelt. Um ein System der Lebensführung, das prinzipiell alle Kontakte mit der Wirklichkeit, die ein Mensch hat, über Kaufprozesse vermittelt. Und das ist in der Tat der marxistischen Grundüberlegung sehr nahe, nämlich dass der Wert eines Sachverhalts über seinen Tauschwert ermittelt wird.

mm: Sich delektierender statt dialektischer Materialismus sozusagen?

Bolz: Wenn Sie so wollen. Dass man sich allen Lebenswirklichkeiten in Konsumakten nähert, ist eigentlich die Kernthese, die weit über trivialen Konsum - etwa von Essen und Trinken - hinausgeht und auch intellektuelle Zusammenhänge betrifft. Für mich ist der Umgang mit Büchern oder mit Theaterbesuchen genauso konsumistisch wie der Einkauf bei Karstadt.

mm: In Ihrem Manifest feiern Sie den Konsumismus als Heilmittel gegen jede Art von Fundamentalismus. Was soll Konsum in dieser Hinsicht leisten?

Bolz: Ich halte die konsumistische Lebensform, so trivial sie auch ist, für eine Form realer Friedlichkeit.

mm: Wer gern einkauft ...

Bolz: ... prügelt sich nicht. Vielleicht ist Konsum vollkommen geistlos, wie Kulturkritiker sagen, aber er ist auf jeden Fall friedlich. Überall dort, wo Menschen in konsumistischen Lebensformen existieren, muss man sich eigentlich nicht von Gewalt bedroht sehen.

Der Konsumismus kommt ohne Blutvergießen, ohne Gewaltherrschaft, ohne Unterdrückung ganzer Bevölkerungsschichten aus. Er verträgt sich gut mit der Demokratie und bewahrt vor Fanatismus. Er ist eine ganz brauchbare Philosophie zur Selbstfindung, wenn auch ohne die Faszination der Fanatismen des Islam und anderer Heilslehren.

"Der Konsumismus als Ersatzreligion"

mm: Auch Muslime gehen gern einkaufen. Die saudische Herrscherschicht etwa, die einer rigiden Form des Islam anhängt, liebt Luxusprodukte. Wie geht das zusammen?

Bolz: Die Scheichs werden bestimmt keinen Heiligen Krieg anzetteln, trotz ihrer Gläubigkeit. Die große Masse jedoch wird vom Glauben bewegt, weil sie nichts zu verlieren hat. Und das ist nicht ungefährlich, denn die Eroberung der Welt ist eine Prophezeiung des Islam.

Letztlich stehen sich heute zwei Weltreligionen gegenüber. Auf der einen Seite der Konsumismus, auf der anderen der Fundamentalismus, den ich allerdings weiter fasse als den islamischen Fundamentalismus. Für mich ist das im Grunde Antiwestlichkeit und, um es noch deutlicher zu sagen, der Kampf gegen den American Way of Life.

mm: Spielt der Antiamerikanismus wirklich eine so dominierende Rolle?

Bolz: Der ist sehr tief verankert in den intellektuellen Kulturen des Westens, also gerade auch bei uns. Die linke Intellektualität ist extrem antiamerikanisch und entsprechend eben auch antikonsumistisch. Dieser Antiamerikanismus ist eine Art Weltreligion, und dagegen setze ich als Ersatzreligion den Konsumismus. Nicht weil er eine so wunderbare Lebensform wäre, sondern von zwei Übeln noch das geringere darstellt.

mm: Gleichzeitig kritisieren Sie den Konsumismus gemeinsam mit Feminismus und Environtalismus als "männlichkeitsfeindliche Ersatzreligionen". Wie das?

Bolz: Es sind doch vor allem feminine Verhaltensweisen, die den Konsumismus entscheidend prägen.

mm: Oha.

Bolz: Doch, doch. Nehmen Sie das Phänomen Shopping: Dass man sich überhaupt ausreichend Zeit nimmt für das Einkaufen, dass man Lust am Einkaufen empfindet, ist, so glaube ich, ein femininer Zug. Ähnlich wie das Sichschmücken. Die Tatsache, dass Männer heute nach der Hautcreme suchen, die zu ihrem Typ passt, ist eine feminine Verhaltensweise. Oder sich die Brusthaare rasieren zu lassen. Das mag vielleicht alles toll und richtig sein, aber wenn man es charakterisiert, ist es feminin. Viele moderne Entwicklungen favorisieren feminine Verhaltensweisen, und dagegen hat die klassische Männlichkeit einen schweren Stand.

"Wider den Terror der Verfügbarkeit"

mm: Und wie ist es beim Environtalismus?

Bolz: Das Umweltbewusstsein kann als Ersatzreligion dienen: Man wendet sich von Gottvater ab und Mutter Erde zu. Und auch das ist ein typisch femininer Zug.

mm: Luxus und Konsum haben in den Hochkulturen samt und sonders einen schlechten Ruf. Ob Jesus, Mohammed oder Buddha - alle Religionsstifter empfehlen die Askese, das Mönchtum gilt als Garant für Gottesnähe.

Bolz: Ich beneide fromme Menschen um ihre Lebens- und Orientierungssicherheit. Die asketische Lebensform kann am ehesten so etwas wie erfülltes Leben ermöglichen. Wenn echte Spiritualität gelebt werden soll, ist das eine asketische Lebensführung. Aber man muss es nur aussprechen, um zu spüren, wie unattraktiv das ist. Nur für ganz wenige geeignet.

mm: Was ist mit dem alten, sehr weltlichen Vorwurf von Platon, dass süßes Leben, Verschwendung und Überfluss zu Verweichlichung und Untüchtigkeit führen, zum Niedergang ganzer Gesellschaften?

Bolz: Wäre das eine einfache Grunddiagnose des gesellschaftlichen Lebens, dann müsste man Platon recht geben. Aber wir beobachten ja etwas anderes. Wir sehen zwar die ungeheure Dominanz des Konsumismus im Westen, aber es fällt auch auf, dass eine große Zahl von Funktionseliten anders tickt. Wenn Sie sich etwa die herrschenden Politiker angucken, die Wirtschaftsführer oder die innovativen Wissenschaftler, dann frönen die doch selten dem Konsumismus. Im Gegenteil: Die haben ihre Form von Enthaltsamkeit - Askese im Dienst der Macht, im Dienst der Forschung, aber auch im Dienst der Gewinnmaximierung.

mm: Wie sieht denn die Enthaltsamkeit der Eliten aus?

Bolz: "Gegen alle bloß Genießenden!", hat Nietzsche einmal sehr schön gesagt. Es geht um Ehre, Ruhm, Werke und Projekte. Wer dagegen meint, es gehe im Leben um "Happiness", gehört nicht zur Elite.

mm: Die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts, so prognostizieren Sie, bringe einen Luxus zweiter Ordnung hervor. Wie wird der aussehen?

Bolz: Damit meine ich den Luxus des Immateriellen, etwa Ruhe oder Eigenzeit. Also "living on my schedule", im Gegensatz zu der traurigen Existenz der meisten, die nach dem Terminkalender anderer Leute fremdbestimmt sind.

mm: Einmal nicht erreichbar zu sein wird zum Privileg?

Bolz: Dem Terror der Verfügbarkeit trotzen zu können, das ist der neue Luxus. Wer allerdings auf der Dienstboten-Ebene operiert, muss sein Handy halt immer eingeschaltet haben. Zeit haben, Ruhe finden, Nachdenken können - dafür gehen Manager mittlerweile ins Kloster. Den Geist schulen statt Golf spielen.

Mehrwert: Berühmte Philosophen über Luxus

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