Vermögensverwaltung Tradition suisse

Nicht nur Liechtensteiner, sondern auch Genfer Banken versprechen Exklusivität und Diskretion. Doch was hat, beispielsweise, ein Deutscher, der sein Geld nicht vor dem Fiskus verbergen will, von einem Konto am Lac Léman? manager magazin sagt, was die Genfer Privatbankiers tatsächlich bieten, wie viel ihre Dienste kosten und wo sie das Geld ihrer Kunden anlegen.
Von Jonas Hetzer

Am Boden aufwendig gemustertes Parkett, an der Decke ein funkelnder Kronleuchter, an den Wänden schwere Orientteppiche, die Türknäufe aus poliertem Messing - das Ambiente in der Rue de la Corraterie 11 in Genf ist geradezu einschüchternd vornehm. Ausdruck einer Bankierstradition, wie auf seine Weise auch Thierry Lombard (59): Seit sechs Generationen ist seine Familie an Lombard Odier Darier Hentsch & Cie. (LODH) beteiligt, heute ist er Senior Partner, ein drahtiger Mann mit grauen Haaren und einem exakt getrimmten Vollbart.

Wie ist eigentlich ein typischer LODH-Kunde, Monsieur Lombard? "Glücklich", sagt der Bankier genauso prompt wie knapp und lacht. Die Antwort auf die Frage, wie er seine Kunden denn glücklich mache, fällt ungleich wortreicher aus. Er spricht von persönlicher Betreuung, einem globalen Expertennetzwerk, strikter Kundenorientierung und davon, dass all dies letztlich beinahe zwangsläufig zu guten Wertentwicklungen in den Kundendepots führe.

Die Kurzfassung der Botschaft dürften viele seiner Kunden schon mal gelesen haben, am Genfer Flughafen: "Liberty. Independence. Responsibility. Still unique after 200 years." Mit diesem Motto werben die Bankhäuser LODH, Bordier & Cie., Mirabaud & Cie. und Pictet & Cie. um die Millionen der ankommenden Fluggäste.

Gemeinsam bildet das Quartett das Groupement des Banquiers Privés Genevois, die Vereinigung der Genfer Privatbankiers. Das 1933 gegründete Bündnis ist umflort von einem Mythos, dessen Ingredienzen sehr viel Geld, verschwiegene Banker und Kunden sind, für die Anonymität ein Wert an sich ist.

Die Historie der Groupement-Häuser reicht zurück bis zu den Ursprüngen des Finanzplatzes Genf. Es waren aus Frankreich geflohene Hugenotten, die im 17. Jahrhundert in der Calvin-Stadt Schutz fanden und das dortige Bankwesen begründeten. Sie gelten als die Pioniere des Private Bankings in der Welt.

Rund 140 Banken sind heute in Genf präsent. Sie verwalten rund 600 Milliarden Euro aus aller Welt, mehr als ein Drittel des in der Alpenrepublik deponierten ausländischen Vermögens. Das Groupement zieht vor allem das große Geld an. Wer mit weniger als einer Million Schweizer Franken vorbeischaut, wird in aller Regel dezent, aber bestimmt wieder hinauskomplimentiert.

Das Quartett, das sich bis heute allein auf die Vermögensverwaltung konzentriert, kann es sich offenbar leisten, wählerisch zu sein. Die Summe der verwalteten Kundengelder hat sich seit Anfang der 90er Jahre vervielfacht. Pictet, das größte der vier Häuser, kommt auf gut 250 Milliarden Euro, die kleinste Bank, Bordier, hat Mandate in einer Größenordnung von sechs Milliarden Euro.

Eine gewisse Verlässlichkeit

Die Klientel rekrutiert sich traditionell aus den reichen Familien des Wallis und Frankreichs. Für die Mitglieder des internationalen Jetsets sind die Genfer Privatbankiers inzwischen ebenso Statussymbol wie für die Upperclass der arabischen Welt. Die Beziehung zu vielen dieser Kunden hält über mehrere Generationen.

Tatsächlich gilt der persönliche Service als schwer zu übertreffen, und die Anlageergebnisse können sich sehen lassen. Dass enttäuschte Kunden ihre Verbindung zu einer der Edelbanken kappen, kommt äußerst selten vor und spricht mithin für eine gewisse Verlässlichkeit und handwerkliches Niveau.

Berühmt aber sind die Geldhäuser vor allem für eines: ihre Verschwiegenheit. So soll der Privatbankier Jacques Darier einst eine Liste mit Kontoinhabern seines Instituts verschluckt haben, als er in die Fänge der französischen Polizei geriet. Letztlich zahlte er lieber fünf Millionen Franc, als seine Kunden preiszugeben.

Deshalb bunkern seit dem Fall des Eisernen Vorhangs auch viele neue Reiche aus dem einstigen Sowjetreich ihre Millionen in den Tresoren der Groupement-Häuser. Die vier Banken mit ihrem auf strikter Diskretion basierenden Ehrenkodex gelten als besonders sicherer Hafen für Geld aus politisch sensiblen Regionen.

Aber was hat, beispielsweise, ein Deutscher, der sein Geld nicht vor dem Finanzamt verbergen will, von den Welschschweizern? Was unterscheidet die Privatbankiers vom Genfer See von ihren Kollegen in Zürich, Frankfurt, London oder New York?

Die Zeiten, als noch nicht einmal die Namen auf den Türschildern der Banken ausgeschrieben wurden und statt Bordier etwa ein schlichtes B & Cie. in die Messingplatten am Eingang graviert war, gehen vorbei. So sind Mirabaud und Pictet aus ihren über 100 Jahre alten Stammhäusern in moderne, größere Gebäude umgezogen.

Pictet verließ gar die Altstadt und residiert nun in einem schicken 35.000 Quadratmeter großen Neubau in trister Nachbarschaft des Gewerbegebiets Acacias am Stadtrand.

Stärken der Privatbankiers

Auf den ersten Blick erinnern allenfalls noch das freundliche Personal und das Mobiliar an das gediegene Privatbanken-Flair im Genfer Quartier des Banques. Und stimmt der Service noch?

Auf telefonische Anfrage gibt es sofort einen Termin für eine erste Beratung. Am Empfang weist der Portier den Weg zu dem Salon, in dem das Gespräch stattfinden soll. Das Interieur ist sachlich-modern. Auf dem Holztisch im Raum liegen Papier und gespitzte Bleistifte.

Es erscheint nicht irgendwer, sondern Alfred Roelli, Research-Chef bei Pictet und ehemals oberster Anlagestratege der Deutschen Bank. Nach der Begrüßung kommt er schnell zur Sache. Vor sich einen Fragenkatalog, erkundigt er sich nach Einkommen und Vermögen, Frau und Kindern, Immobilienbesitz und zu erwartenden Erbschaften. Roelli setzt Häkchen.

Im Anschluss präsentiert der Banker drei Portfoliotypen: wachstumsorientiert, ausgewogen und konservativ. Einem Anleger, der jedes Jahr ein kleines Plus sehen will, empfiehlt er das konservative Depot mit vornehmlich Anleihen und Hedgefonds. Ein detaillierter Anlagevorschlag soll per E-Mail nachgereicht werden.

Roellis Auftritt - systematisch, effizient, durchrationalisiert - hat auf den ersten Blick wenig mit dem individuellen Ansatz zu tun, der gemeinhin von einem Privatbankier erwartet wird. "Nahezu jede Bank arbeitet heute mit Kundenrastern und vorgefertigten Portfoliotypen, die kleinen genauso wie die großen", sagt Ted Wilson, Senior Consultant bei Scorpio, einem auf Vermögensverwalter spezialisierten Londoner Beratungshaus.

Die Stärken der Privatbankiers sieht Wilson denn auch eher in der alltäglichen Betreuung der Kunden. "Wenn eine Depotposition ins Minus rutscht, bekommt der Anleger einen Anruf von seinem Berater, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Bei Großbanken wird das leicht vergessen", sagt Wilson.

Unzufriedene Kunden scheinen bei den Genfer Luxusbankiers tatsächlich die Ausnahme zu sein - über einen Rechtsstreit mit einer Bank des Groupements ist in den vergangenen 20 Jahren nichts bekannt geworden.

Kleiner Gesellschafterkreis

Ein Grund für die Harmonie liegt wohl in der Organisation der Geldhäuser. Die Banken gehören zwischen drei (Bordier) und neun (LODH) Partnern, die gleichzeitig auch das Topmanagement stellen. Wer aus dem operativen Geschäft ausscheidet, wird ausbezahlt; anschließend rückt ein neuer Partner nach - nach wie vor meist ein Mitglied der Gründerfamilien.

Dieser kleine Gesellschafterkreis steht mit seinem gesamten Privatvermögen für die Bank ein. Jeder Haftungsfall schlägt unmittelbar auf das persönliche Hab und Gut der Partner durch. "Das macht von Natur aus konservativ", glaubt Scorpio-Mann Wilson.

Zudem verdienen die Geldhäuser immer dann besonders gut, wenn auch ihre Kunden hohe Gewinne einfahren, da die Summe der fälligen Gebühren meist an die Größe des Vermögens gekoppelt ist. Wenn also die Rendite das Vermögen der Kunden wachsen lässt, steigen auch die Einnahmen des Geldhauses. "Die Interessen von Bank und Kunden sind identisch", sagt Pictet-Partner Jacques de Saussure.

Und wer erst einmal ein Konto eröffnet hat, das unterstreichen alle Groupement-Banken, für den nimmt man sich Zeit. "Wir wollen wissen, welche Risiken jemand zu tragen bereit ist. Das geht nur in sehr intensiven Gesprächen", sagt Antonio Palma, Mitglied des Exekutiv-Komitees bei Mirabaud.

Bei nüchternen Gesprächen bleibt es nicht. Der persönliche Empfang am Flughafen, die Reservierung von Hotelzimmern oder die Einladung zum Essen gehören dazu - zumindest bei sehr wohlhabenden Kunden. Um einige Depotinhaber, deren Familien der Bank schon seit Generationen die Treue gehalten haben, kümmern sich die Partner persönlich.

Die Mitarbeiter, die das Gros der Kundschaft bedienen, sind handverlesen. Eine sehr gute Ausbildung, mehrjährige Berufserfahrung und ein exzellenter Leumund sind Einstellungsvoraussetzungen für die Vermögensverwalter. Die betuchte Klientel soll schließlich Toprenditen erzielen.

"10 Prozent Ertrag pro Jahr", sagt Thierry Lombard, "sind zwar eine Herausforderung, aber durchaus machbar." Über die tatsächliche Wertentwicklung der Kundendepots schweigen sich Lombard und seine Kollegen bei den anderen Banken freilich aus.

Respektable Wertzuwächse

Immerhin, Mirabaud und Pictet geben preis, wie ihre Musterportfolios abgeschnitten haben. Die Zahlen sind respektabel: So soll das konservative Portfolio von Pictet seit 1985 jährlich 7,5 Prozent Rendite gebracht haben; die Variante "Wachstum" gar 9,6 Prozent. Mirabaud weist ähnlich gute Wertzuwächse aus.

Bei der Auswahl der Investments, ob Anleihen, Aktien oder Fonds aller Art, setzen die Häuser auf intensive Analyse. Hier zeigen sich die Unterschiede zwischen den großen und den kleinen Groupement-Banken am deutlichsten.

Pictet und LODH bauten in den vergangenen Jahren ein weltumspannendes Netz an Niederlassungen auf. Ob Tokio, London, Dubai, Montreal - rund um den Globus haben die beiden Häuser ihre Anlagestrategen platziert. Eine Expertise, die beide Firmen auch für ein breites Angebot an hauseigenen Fonds nutzen, die sie nicht nur eigenen Kunden anbieten, sondern über Drittbanken verkaufen, auch in Deutschland.

Die Ergebnisse sind durchwachsen. 20 der 48 LODH-Fonds mit einer Historie von mindestens fünf Jahren gehören laut den Performance-Statistiken des Analysehauses Feri Rating & Research zur besseren Hälfte aller Fonds ihres Segments. Bei Pictet sind es immerhin 28 von 41 Fonds.

Um in die Kundendepots aufgenommen zu werden, müssen die hauseigenen Produkte jedoch, das betonen beide Banken, denselben strengen Anforderungen genügen wie Fremdfonds. "Unsere Portfoliomanager haben keine Anreize, unsere Produkte zu bevorzugen", sagt Pictet-Partner de Saussure.

Die Kleinen des Quartetts, Bordier und Mirabaud, haben ohnehin nur eine Handvoll eigener Fonds im Angebot und sind zudem auf zugekaufte Expertise bei Aktien und Anleihen angewiesen. Sie haben sich jedoch früh auf ein Anlagesegment spezialisiert: Hedgefonds.

Schon in den 70er Jahren legten Bordier und Mirabaud bei dem damals noch weithin unbekannten George Soros an und waren an der Initiierung eines der ersten Dachhedgefonds weltweit beteiligt. Zur Freude ihrer Kunden: Der Fonds hat seit dem Start 1973 jährlich im Schnitt knapp 18 Prozent gebracht.

"Schneller und flexibler sein"

Es ist diese Mischung aus Tradition und Offenheit gegenüber innovativen Investmentansätzen, mit der die Privatbanken in Genf den Wettbewerb mit UBS, Credit Suisse & Co. bestehen. "Wir müssen immer etwas schneller und flexibler sein als die Großbanken", erklärt Grégoire Bordier.

Und das zu konkurrenzfähigen Preisen. Wer eine Million Euro bei einem der Groupement-Häuser anlegt, zahlt rund ein Prozent der Summe, also 10.000 Euro, pro Jahr für die Vermögensverwaltung. Andere Schweizer Banken sind kaum günstiger.

Etwas anderes wäre mit der auf Fleiß und Bescheidenheit beruhenden calvinistischen Ethik kaum vereinbar. Zur Schau gestellter Luxus gilt den alteingesessenen Genfern als obszön. So fahren etwa Grégoire und Gaétan Bordier wie viele ihrer Angestellten mit dem Motorroller zur Arbeit. Der häufig vor der Bank geparkte Porsche gehört einem Mitglied der Familie Rothschild, deren Geldhaus vis à vis eine Niederlassung hat - Zugereiste also.

Derart verinnerlichte Ausgabenscheu spiegelt sich auch im Geschäftsmodell wider. Radan Statkow, bei Bordier für Business Development verantwortlich, deutet auf den Fußboden: "Wir wechseln die Auslegeware eben nicht alle zwei, sondern nur alle sechs Jahre."

Man hält das Geld zusammen, und man leistet es sich bei Bordier, Mirabaud, LODH und Pictet, seine Kunden auszusuchen. Mithilfe von Datenbanken und spezialisierten Auskunfteien werde jeder Interessent genauestens überprüft.

Und so kann es durchaus sein, dass selbst Millionensummen die Tresore der Edelbanken nicht zwangsläufig öffnen. "Bedaure", erfuhr etwa ein interessierter Anleger im Vorstellungsgespräch bei Mirabaud, "ohne die Empfehlung eines Altkunden oder einer Bank können wir nichts für Sie tun."

LODH, Pictet und Co.: Was Genfer Privatbanken bieten

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