Donnerstag, 20. Juni 2019

Bayer-Chef Wenning Revolutionär mit Bodenhaftung

3. Teil: Der kalkulierte Aufstieg

II. Der kalkulierte Aufstieg

"Wenning schätzt Mitarbeiter mit Zivilcourage und eigener Meinung, die auf Argumente statt auf Autoritäten setzen", sagt Axel Steiger-Bagel, Vorstand bei Bayer Material Science und bis 2006 Assistent des Vorstandsvorsitzenden. Der wurde auf ihn aufmerksam im Lenkungsausschuss für den US-Börsengang von Bayer 2002. Obwohl Steiger, Mitte 30, rund 15 Jahre jünger war als alle anderen, bot er den alten Herren kräftig Paroli. "Das hat Wenning imponiert."

Bilderbuchkarriere im Wechselschritt: Der Aufstieg Werner Wennings bei Bayer
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Bilderbuchkarriere im Wechselschritt: Der Aufstieg Werner Wennings bei Bayer
Die Abneigung gegen Buddytum und Gebuckel reicht tief in die Biografie. Statt großbürgerlichen Musik-und-Tennisstunden-Elternhauses wie bei den meisten Dax-Kollegen herrschte schmaler Geldbeutel im Leverkusener Stadtteil Opladen, wo Wenning bis heute lebt.

Der Vater, ein Elektriker, starb, als Werner 14 war; der Teenager schleppte Bananenstauden, Kartoffelsäcke, arbeitete als Kegeljunge, für zehn Mark am Abend und freies Trinken. "Ich musste früh Verantwortung übernehmen. Das fördert Entscheidungsstärke besser als jeder Managementkurs." Der ehemalige Nestlé-Chef Helmut Maucher, der lange im Bayer-Aufsichtsrat saß, sagt: "Bei denen, die sich an den eigenen Schnürsenkeln hochziehen mussten, erkennt man viel schneller, wer etwas kann."

An ein Studium war nicht zu denken, doch nach Real- und Höherer Handelsschule (wo er seine Frau Ursula kennenlernte) startete Wenning auf der Außenbahn durch. Die erste entscheidende Station: Aufbau des Finanz- und Rechnungswesens einer Bayer-Tochter in Peru. Ein Pionierjob für den 23-Jährigen mit der Personalnummer 2, der ihn prägte und profilierte wie vielleicht kein zweiter.

Eine Tischtennisplatte als Schreibtisch - aber große Personalverantwortung, Treffen mit Ministern: Das ohnehin nicht unterentwickelte Selbstbewusstsein Wennings, der schon als Mittelfeldspieler beim BV 01 Opladen die Elfer geschossen hatte, bekam nochmals kräftig Wind unter die Flügel.

Bald wurden Förderer wie die Vorstandschefs Hermann Josef Strenger und Manfred Schneider auf ihn aufmerksam. Häufige Positionswechsel, pendelnd zwischen Zentrale und Peripherie, folgten: Etwa die Revision, wo Wenning Einblick in verschiedenste Firmenbereiche hatte, Stabsleiter Gesundheit, Geschäftsführer Bayer Spanien, 1997 dann Finanzvorstand. "Ein Musterbeispiel dafür, wie ein Konzern eine Karriere plant und Potenziale fördert", sagt Francisco Belil, Wennings technischer Leiter Mitte der 90er in Spanien.

Die Station entpuppte sich als Glücksfall: "Das Land war im Umbruch, auch Bayer musste neu strukturiert werden", erinnert sich Wenning. In anderen Ländern war der Vertrieb zwar größer, aber Spanien war einer der wichtigsten Produktionsstandorte. Wenning musste Tarifverhandlungen führen, die Effizienz der Werke steigern, die starre Organisation verschlanken. Es war die perfekte Vorbereitung für einen Vorstandschef.

Bis ganz oben durchgeplant war die Karriere nicht, aber den nächsten Schritt hatte Wenning stets klar vor Augen: "Ich hab' immer gesagt, ich will was Neues, mehr Verantwortung." Stehempfänge, Kontaktpflege, gekünsteltes Networking hält er dabei für vertane Zeit. "Mir ist wichtig, dass ich überall, wo ich war, wieder guten Gewissens hinkann." Wer seine Jobs gut erledigt, baut über wechselnde Positionen ein besseres Netzwerk auf, als das ein paar Grußmails zu Weihnachten je könnten.

Überhaupt hat der unaufgeregte Rheinländer mit westfälischen Wurzeln, dem man das Insich-Ruhen förmlich ansieht, wenn er die schlanken Hände faltet und vorsichtig auf den Bügelfalten ablegt, vor allem auf eines vertraut: sich selbst. "Wer Erfolg haben will, darf an eigenen Entscheidungen zweifeln, aber nicht an sich als Person." Eine "echte Kante", wie sie in Westfalen sagen.

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