Debitel Modell Toter Esel

Oliver Steil, neuer Chef von Debitel, soll der stagnierenden Mobilfunkfirma endlich zu profitablem Wachstum verhelfen. Viel Zeit für eine Neuausrichtung hat er nicht. Die Private-Equity-Gesellschaft Permira, die Debitel 2004 gekauft hat, will bessere Zahlen sehen.
Von Anne Preissner und Ursula Schwarzer

Leidgeprüfte Veteranen der Mobilfunkfirma Debitel nehmen es schon lange mit Fatalismus, wenn sie wieder einmal von einer tief greifenden Veränderung in ihrem Unternehmen erfahren.

Seit 1999 haben sie unter drei verschiedenen Eigentümern gedient, und zum 1. Dezember tritt mit Oliver Steil (35) der in dieser Zeitspanne fünfte Vorstandsvorsitzende an.

Das ständige Hin und Her hat Deutschlands größtem Mobilfunk-Serviceprovider geschadet: Das Stuttgarter Unternehmen stagniert und verdient unter dem Strich so gut wie nichts. "Debitel versucht seit Jahren den Niedergang aufzuhalten", urteilt ein Branchenanalyst.

Nun soll Steil die Wende schaffen. Der McKinsey-gestählte Manager trat Mitte 2006 in den Debitel-Vorstand ein und löste Anfang Dezember Axel Rückert (61) ab, der die Firma 17 Monate interimistisch leitete.

Steil erwartet ein äußerst verzwickter Job. Denn nach mehreren Schrumpfkuren gibt es bei Debitel kaum noch etwas zu kürzen. Die Zahl der Beschäftigten ist zwischen 2002 und 2006 deutlich gesunken. Drei von vier Auslandstöchtern wurden verkauft. Und die verlustreiche Billigtochter Debitel Light ging an den Rivalen Blau.de.

Eine Zukunft hätte Debitel nur mit einem völlig neuen Geschäftsmodell - das alte Konzept hat längst ausgedient.

Seit der Gründung 1991 agiert Debitel als Service-Provider. Die Firma besitzt kein eigenes Telefonnetz, sie kauft von Netzbetreibern wie T-Mobile oder Vodafone Telefonminuten und verkauft sie mit selbst gestalteten Tarifen unter eigenem Namen weiter. Das Risiko von Forderungsausfällen lastet auf Debitel - wie auch die Gefahr, teuer bezahlte Minutenkontingente nicht loszuwerden.

Debitels Hybridmodell

In den 90er Jahre ging die Rechnung der meisten Service-Provider auf. Doch die Goldgräberstimmung ist vorbei.

Die Anbieter von Handyverträgen liefern sich im gesättigten Markt einen harten Verdrängungswettbewerb - zum Schaden der Service-Provider. Die einstigen Pioniere kommen heute auf einen Marktanteil in Deutschland von knapp 20 Prozent, 1994 waren es noch 60 Prozent.

Zudem mischen sich nun auch Billiganbieter wie Simyo oder Aldi Talk in die Schlacht um die Kunden. Die Folge sind dramatisch fallende Preise. Trotz Zunahme der Gespräche um 30 Prozent werden die Umsätze im laufenden Jahr um 1,5 Prozent auf 26,4 Milliarden Euro zurückgehen, prognostiziert der Branchenverband VATM.

Da die Gewinne schrumpfen, fällt es den Service-Providern immer schwerer, neben den Kosten für die zugekauften Telefonminuten auch noch die finanzielle Last der Kundenverwaltung zu tragen.

"Dieses Modell ist ein toter Esel", orakelt ein hochrangiger Mobilfunkmanager. Zwangsläufig gab der Münsteraner Telefondienstleister The Phone House unlängst das Geschäft mit eigenen Tarifen auf und verkauft nur noch Originalverträge der Netzbetreiber.

Debitel geht anders vor. Die Stuttgarter übernahmen vor einem Jahr für rund 200 Millionen Euro die expandierende Handelskette Dug von Firmengründer Lars Dittrich (33). Dem pfiffigen Entrepreneur war es binnen weniger Jahre gelungen, ein florierendes Unternehmen aufzubauen. Er verantwortet nun den Vertrieb bei Debitel.

Die Dug-Shops, deren Zahl bis Ende Dezember auf gut 450 steigen soll, bieten die Anschlüsse der Netzbetreiber T-Mobile, E-Plus, Vodafone und O2 feil. Hier agiert Debitel als neutraler Zwischenhändler. Zugleich ist die Firma auch Service-Provider und verkauft eigene Verträge.

"Weder Fisch noch Fleisch"

"Von einem Haus der Marken", in dem der Kunde die freie Auswahl habe, schwärmt Debitel-Chef Steil. "Das ist weder Fisch noch Fleisch", kontert Armin Raffalski, Telekommunikationsexperte bei der Consultingfirma Goetzpartners.

Nur wenige Monate nach dem Dug-Erwerb kaufte Debitel im Sommer den Elmshorner Serviceprovider Talkline. 560 Millionen Euro ließ sich Debitel den Ausbau der Marktführerschaft kosten; nach Ansicht von Analysten ein zu hoher Preis.

Ausweitung der Vertragskundenbasis und gleichzeitig Einstieg ins Vermittlergeschäft - kaum ein Experte glaubt, dass dieses Hybridmodell eine Zukunft hat. Plausibel indes erscheint Branchenkennern folgendes Szenario: Debitel könnte seine Vertragskunden den Netzbetreibern andienen. Da die Stuttgarter durch den Talkline-Zukauf ihre seit 2001 stagnierende Kundenzahl deutlich erhöht haben, kämen T-Mobile & Co. nicht daran vorbei, auf die Offerte einzugehen und für den Deal gutes Geld zu zahlen.

Würde Debitel die Vertragskunden abstoßen, könnte der Konzern endlich ein klares Geschäftsmodell präsentieren: Debitel wäre dann nur noch ein Händler, der keine aufwendige Kundenbetreuung mehr braucht.

Steil dementiert indes jedwede Absicht, das Service-Provider-Geschäft aufzugeben und sich ausschließlich auf Retail konzentrieren zu wollen. "Beide Standbeine sind Debitels Zukunft", betont er.

Viel Zeit für eine Neuausrichtung hat Steil nicht. Die Private-Equity-Gesellschaft Permira, die Debitel 2004 von Swisscom gekauft hatte, will bessere Zahlen sehen. 2006 erwirtschaftete Debitel ein operatives Ergebnis vor Zinsen, Abschreibungen und Sonderlasten (Ebitda) von 6,1 Prozent. Zu wenig, um dem ehrgeizigen britischen Finanzinvestor zu einem profitablen Ausstieg zu verhelfen.

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.