Dienstag, 12. November 2019

Sammler Geliebte Gegenwelt

2. Teil: Faible für junge Kunst

"Es ist doch egal, als was ich bezeichnet werde", wandte sich Saatchi etwa gegen einen persönlichen Anwurf. Seine Anlagestrategie: "Haie können gut sein, Künstlerscheiße kann gut sein, Öl auf Leinwand kann gut sein."

Über Sammler allerdings gab er unlängst eine klare Meinung zum Besten. "Wie suspekt ihre Motivation", so Saatchi, "wie sehr am gesellschaftlichen Aufstieg orientiert, wie vordergründig ihr Interesse, ihre Wände zu dekorieren, auch sein mag, ich bin betört von der Tatsache, dass reiche Leute überall auf der Welt jetzt zeitgenössische Kunst sammeln und nicht mehr Rennpferde, Oldtimer, Juwelen oder Jachten."

Neben den Blüten des internationalen Kunst-Hypes nimmt sich die deutsche Sammlerlandschaft eher aus wie ein wohlgehüteter Ziergarten. Liebhaber wie Roland Berger, der Verleger Frieder Burda und der Schraubenhändler Reinhold Würth, der Werber Christian Boros und der Industrielle Harald Falckenberg bestimmen das Bild, alles honorige Leute, die nicht wilder Spekulationen wegen, sondern aus Liebe zur Sache in Gegenwartskunst investieren. Die sie lange vor dem Hype für sich entdeckt haben. Und die ihre eigenen Tempel errichten - Burda in Baden-Baden, Würth in Schwäbisch Hall und dem spanischen La Rioja, Boros in Berlin, Falckenberg in Hamburg-Harburg.

Leute auch, die sich in den Kuratorien von Museen und Stiftungen um die Förderung und Verbreitung der Künste bemühen. Wie Marli Hoppe-Ritter, Erbin aus der Ritter-Sport-Schokoladendynastie, die mit einem Museumsprachtbau im Schwäbischen Furore macht. Oder einfach Manager wie Rudolf Scharpff, der sein Leben der Kunst verschrieben hat und mit seiner Frau Ute aus seiner umfangreichen Sammlung gern an dankbare Museen herleiht.

Was bewegt diese Leute, oftmals noch unverstandene, gar verpönte Arbeiten von Künstlern zu erwerben? Was reizt sie, ihre Freizeit auf Messen, in Galerien und Museen zuzubringen?

Der Ex-Freudenberg-Manager Rudolf Scharpff (77), zuvor rechte Hand des Bosch-Patriarchen Hans L. Merkle, empfängt in seiner Wohnung hoch über Stuttgart. An den Wänden im Salon drei große Leinwände, eine von André Butzer, eine von Albert Oehlen, eine von Neo Rauch bemalt. Alles Prachtstücke.

Das Ehepaar hat mit Beginn der 60er Jahren zu sammeln angefangen, erzählt Scharpff. Zuerst Maler wie Janssen und Wunderlich, dann hat ein Galerist sie auf den Geschmack an den Nouveaux Réalistes gebracht, an den Körperbildern von Yves Klein, den Müll-Assemblagen von Fernandes Arman, den klamaukigen Maschinen von Jean Tinguely.

© manager magazin 11/2007
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