Management "Ganz anders führen"

Seestern satt Spinne - Serien-Firmengründer Rod A. Beckstrom erklärt im Gespräch mit manager magazin sein Erfolgsrezept dezentraler Organisationsstrukturen.

mm: Herr Beckstrom, in Ihrem Buch empfehlen Sie uns ausgerechnet den Seestern als Vorbild für eine gelungene Unternehmensorganisation. Sind Seesterne nicht in erster Linie unendlich langsam und ziemlich dumm?

Beckstrom: Mit diesen Eigenschaften haben sie es als Gattung immerhin geschafft, Hunderte von Millionen Jahren zu überleben. Selbst wenn man einen Seestern in Stücke schneidet, kann jeder Arm allein überleben - ganz im Gegensatz etwa zu einer Spinne. Das macht den Seestern zu einer passenden Metapher für moderne Unternehmen, die auch ohne eine Zentrale auskommen.

mm: An welche Unternehmen denken Sie?

Beckstrom: An Google  zum Beispiel. Auf die Frage nach ihrer Fünf-Jahres-Strategie haben die Google-Gründer einmal geantwortet: Es gibt keine. Googles neue Geschäftsfelder entstehen aus Projekten, die die Mitarbeiter selbst initiieren. Die Firmenleitung entscheidet lediglich, welche Ideen vielversprechend genug sind, um sie weiterzuverfolgen.

mm: Nun ist Google in jeder Hinsicht ein Ausnahmekonzern. Gibt es überraschendere Beispiele, vielleicht sogar in Deutschland?

Beckstrom: Im deutschen Online-Netzwerk Xing erkenne ich viele Ansätze für eine Seestern-Organisation. Innerhalb von Xing bilden sich ständig neue Untergruppen, etwa die Alumni der Universität St. Gallen. Diese Untergruppen machen einen Großteil des Reizes von Xing aus, aber sie werden von den Nutzern gesteuert, nicht von der Zentrale.

mm: Der Ruf nach dezentralen Konzernstrukturen galt schon in den 90er Jahren als Modethema. Nach dem 11. September 2001 war dann plötzlich wieder ein zentralistischer Führungsstil angesagt, zumindest in US-Konzernen. Jetzt predigen Sie die neue Lockerheit. Folgen die Moden bei der Unternehmensorganisation der Konjunktur?

Beckstrom: Daran habe ich ehrlich gesagt noch nicht gedacht. Ich sehe eher einen langfristigen Trend zu dezentralen Strukturen, ausgelöst durch das Internet. Es hat unsere Kommunikationsmöglichkeiten explodieren lassen, denken Sie nur an E-Mail, Internettelefonie oder Online-Projektgruppen. Dank dieser einfachen und billigen Kommunikation kann ich heute einen Konzern ganz anders führen als noch vor 20 Jahren. Ich kann stärker auf permanenten Diskurs setzen statt auf Befehle von oben, die unten ausgeführt werden.

mm: Es scheinen bislang vor allem Internet-Unternehmen zu sein, die auf Ihr Seestern-Prinzip bauen. Ließe sich auch ein Autokonzern nach diesem Vorbild führen?

Beckstrom: Die derzeit heißeste neue Autofirma heißt Tesla, bekannt durch ihren Elektro-Roadster. Tesla hat seine gesamte Fertigung ausgelagert, Produktentwicklung und Marketing dezentral organisiert. Irgendwo gibt es bestimmt Branchen, die sich nicht für eine Seestern-Organisation eignen. Aber ich habe bislang noch keine gefunden.

Foto: manager-magazin.de
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.