Dienstag, 20. August 2019

Agnelli-Familie Jaki der Ernste

2. Teil: Arrivederci Todesfurcht!

Drei Tage und drei Nächte zitterte der damals 28-jährige Elkann, dann kam der erlösende Handschlag. Mit aller Entschlossenheit und Härte schickte Marchionne das alte Management nach Hause und formte sein eigenes Team. Elkanns Kalkül ging auf: Mit Marchionne hieß es zum ersten Mal nach zehn bangen Jahren - Arrivederci Todesfurcht! Nun ging es in die neue Kurvenlage - Erfolg.

Zehn Milliarden Euro ist der Familienbesitz heute wert; damit sind die Agnellis wieder in der ersten Reihe der reichsten Reichen Italiens, der größte Arbeitgeber des Landes ohnehin. Der Kurs der Fiat-Aktie Börsen-Chart zeigen, einst auf dramatische vier Euro gefallen, hat sich mit derzeit rund 18 Euro mehr als vervierfacht.

Patriarch: Gianni Agnelli galt lange Zeit als mächtigster Mann Italiens
Corso Matteotti Nr. 26 beherbergt heute den Firmensitz der Familie. Man betritt ihn durch immense Holzportale, unter einer kleinen Überwachungskamera, die Noblesse von gestern heruntergekühlt auf Stahl-und-Glas-Moderne, die enormen Säle verwandelt in eine kleine Bürowelt mit abgewetzten Teppichböden und dem unvermeidlichen Ficus Benjamini. Trotzdem lässt sich der Hauch der Historie nicht vertreiben, obschon man vergeblich den Namen der berühmtesten Familie Italiens sucht.

Auf einem blank polierten Halbrund im Eingang finden sich lediglich die schmalen Lettern "IFI" und darunter "IFIL". Das klingt nach quietschenden Comicfiguren, es sind aber Finanzgesellschaften, in denen sich die Schätze der Familie bündeln. Dabei kontrolliert IFI IFIL, und IFIL gehören 30 Prozent von Fiat. John Elkann ist Vorsitzender der IFI und Stellvertreter bei IFIL. Aber bald wird er auch hier die Führung übernehmen.

Im innersten Tabernakel des weit verzweigten Agnelli-Imperiums existiert noch ein ganz besonderer Schatz, die Privatholding Dicembre. Elkanns jüngere Geschwister, Lapo und Ginevra, besitzen davon jeweils ein knappes Viertel, er selbst kontrolliert über 50 Prozent der Stimmrechte. Diese Mehrheit garantiert, dass bei allen Entscheidungen, die Fiat betreffen, niemand in der Dynastie an John Elkann vorbeikommt. Mit Dicembre verfügt er über 34 Prozent der Stimmanteile am Aktienpaket.

So steht er rein rechnerisch mit einer satten Mehrheit da; wie einst sein Großvater Gianni Agnelli, besser bekannt als "L'Avvocato". Der letzte große Patriarch, der mit einem Räuspern Bataillone in Stellung bringen konnte. Der Homme à Femmes, den sich auch Jackie Kennedy zum Ehemann wünschte. Der Mann, der mit Marella an seiner Seite für die Sehnsucht nach italienischen Royals stand. Wie soll man in die Fußstapfen einer solchen Legende treten, ohne vom Mythos erschlagen zu werden?

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"Ich möchte nicht in Konkurrenz treten zu Gianni Agnelli, Imitation ist nicht meine Sache. Mir ist nur wichtig, mein Bestes zu geben", sagt John Elkann bescheiden. "Jaki" nennen ihn seine Freunde und die Familie liebevoll, auch die Menschen, die geschäftlich um ihn herum sind; scheinbar lockerer amerikanischer Führungsstil eben. Gepaart mit dem Motto, das er nie versäumt zu wiederholen: "Respekt wird nicht vererbt, sondern verdient." Dass Gianni Agnelli persönlich ihn zu seinem Nachfolger ernannt hat, widerspricht dem nicht.

Jaki präsentiert sich im marineblauen Anzug mit hellblauem Hemd und Biedermann-Schlips, dunkelblau mit dicken, weißen Querstreifen. Blau ist seine Farbe. Es gäbe vornehmere und auch solche, die mit seinen dunklen Augen besser harmonierten. Doch mittlerweile haben wir die erste Lektion in Symbolik gelernt. Blau - Imitation ist nicht Elkanns Ding? - war schon die Farbe des Avvocato. Wie dieser liebt Elkann Schnellboote; in Familien wie den Agnellis sind solche Leidenschaften status- und wahrscheinlich sogar gengesteuert. Aber im Gegensatz zum Großvater vermeidet er, im internationalen Jetset zu leuchten. Mit Journalisten spricht er selten.

Ein Mann, der bisher immer im Hintergrund blieb. Von Ausnahmen abgesehen, wie im Frühjahr 2006.

© manager magazin 11/2007
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