Innovationen Die Produkte von morgen

Aufbruch 2007. Eine Innovationswelle rollt durch die deutsche Wirtschaft. Nach Jahren der Zurückhaltung investieren die Unternehmen endlich wieder verstärkt in eigene Entwicklungen. Ein Team um Nobelpreisträger Theodor Hänsch zeigt exklusiv für manager magazin, mit welchen Produkten wir morgen punkten können.

Im Bristol Channel, gut drei Kilometer vor der Küste von Devon, ragt eine Eisenplattform aus den Fluten. Ein schlichtes Gebilde, das nichts verrät von dem Wunderwerk der Technik, das an einem Trägerrohr unter der Wasseroberfläche arbeitet: Ein Rotor, elf Meter im Durchmesser und geformt wie die Flügel eines zweiarmigen Windrads, dreht sich langsam im Strom der Gezeiten. Der Propeller treibt eine Turbine, die 300 Kilowatt Strom liefern kann - unsichtbar, geräuschlos, klimaneutral und auch sonst ökologisch unbedenklich.

"Wir machen aus der natürlichen Energie der Erde verwertbaren Strom", sagt Jochen Bard, Projektleiter am Kasseler Institut für Solare Energieversorgungstechnik (Iset), das den Prototyp für ein Strömungskraftwerk maßgeblich mitentwickelt hat.

Schon Ende dieses Jahres soll "SeaGen", die nächste Ausbaustufe der neuen Technologie, vor der nordirischen Küste installiert werden. Die Doppelrotoranlage wird bereits 1,2 Megawatt liefern, so viel wie eine mittelgroße Windturbine.

Binnen fünf Jahren, schätzen die Entwickler aus Kassel und aus dem englischen Bristol, sollen die Unterwasserturbinen zur Serienreife gebracht werden - und einen profitablen Elektrizitätserzeuger abgeben. Dann könnten Meeresströmungskraftwerke die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien ergänzen: Neben Windkraft, Geothermie und Solarenergie würden sie einen weiteren Baustein im klimaschonenden Energiemix der Zukunft bilden.

Das Interesse der Wirtschaft an der neuen Technologie sei beachtlich, erzählt Bard: Maschinenbauer wie Voith Siemens und Bosch Rexroth, aber auch Energiekonzerne wie EnBW planten, in die Unterwasserrotoren zu investieren. Davon profitiert das Iset: Die Drittmittelbudgets für Industrieforschung haben sich gegenüber 2004 verdoppelt.

Die Innovationswelle rollt

Aufbruch 2007. Eine Innovationswelle rollt durch die deutsche Wirtschaft. Nach Jahren der Zurückhaltung investieren die Unternehmen endlich wieder verstärkt in eigene Entwicklungen. Sie setzen auf neue Produkte und neue Märkte - auf Wachstum durch Technik.

Und sie finden eine durchaus fruchtbare Forschungslandschaft vor: Noch immer verfügt die Bundesrepublik über eine solide technologische Basis und über eine beeindruckende erfinderische Fantasie. Das zeigen jene "100 Produkte der Zukunft", die eine Jury um den Münchener Physik-Nobelpreisträger Theodor Hänsch ausgewählt hat. Die vollständige Liste, aus der manager magazin einige Produkte exklusiv vorstellt, ist seit kurzem auch als Buch erhältlich.

Die Juroren, ein gutes Dutzend Wissenschaftler von führenden Forschungsinstituten und Universitäten, lenken den Blick der Öffentlichkeit auf Innovationen, die "unser Leben verändern werden", darunter auch das Meeresströmungskraftwerk aus den Labors der Kasseler Iset-Entwickler.

Ob Energietechnik, Architektur, Umweltschutz, Verkehr, Gesundheit oder Sicherheit - mit ihrer Zukunftsliste präsentieren die Forscher keine Science- Fiction, sondern handfeste Produkte, die dazu angetan sind, die ökonomische Entwicklung voranzutreiben. "Wir wollen dem technischen Fortschritt eine Schneise schlagen", sagt Herausgeber Hänsch. "Die deutsche Wirtschaft, die Gesellschaft scheinen uns dafür reif."

Wohl wahr. Die Veröffentlichung kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die deutsche Wirtschaft wieder auf ihre eigenen Kräfte besinnt. "Die Perspektive in den Unternehmen hat sich gewandelt", beobachtet Marion Weissenberger-Eibl, Leiterin des Karlsruher Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung: "vom exogenen zum endogenen Wachstumsanreiz, zur Weiterentwicklung von innen heraus".

Kreativität freien Lauf lassen

Jahrelang gaben sich die deutschen Firmen bei Forschung und Entwicklung (F&E) knauserig; Zukunftsinvestitionen kamen in einer schier endlosen Reihe von Sparprogrammen unter die Räder.

In den Jahren der deutschen Strukturkrise, sagt Burkhard Schwenker, Chef der Unternehmensberatung Roland Berger, hätten sich die Firmen darauf konzentriert, ihre Prozesse effizienter zu machen: schlanker, schneller, billiger. Wachstum wurde vor allem durch Zukäufe erreicht - Firmen, Lizenzen, Marktanteile.

Inzwischen haben sich die Bedingungen grundlegend geändert: Die Möglichkeiten zuer Verbesserung der Prozesse sind weitgehend ausgereizt; und Übernahmen sind sehr teuer geworden - oder, angesichts der aktuellen Kreditklemme, kaum noch finanzierbar. Den Unternehmen bleibe deshalb gar nichts anderes übrig, als wieder der Kreativität freien Lauf zu lassen, sagt Schwenker: "Jetzt geht es verstärkt darum, neue Produkte zu entwickeln und auf den Markt zu bringen."

Es geht darum, Neues zu wagen. Die Trendwende zeigt sich auch in der Statistik: Nach Umfragen des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft haben die Unternehmen in den vergangenen beiden Jahren wieder ihre F&E-Ausgaben gesteigert, zum ersten Mal seit dem Platzen der Tech-Bubble im Jahr 2000. Es geht aufwärts - auch wenn das EU-Ziel, mindestens 3 Prozent der Wirtschaftsleistung für F&E aufzuwenden, noch in weiter Ferne ist.

Die aktuelle Innovationsoffensive kann auf ein gut gefülltes Reservoir zurückgreifen. Trotz "Pisa-Schock" und eines sich verschärfenden Fachkräftemangels verfügt die Bundesrepublik nach wie vor über einen vitalen technologisch-industriellen Komplex.

Die Basis dieses nationalen Innovationssystems stellen die staatlichen Forschungsinstitute dar: Die Max-Planck-Gesellschaft gehört zur internationalen Crème der Grundlagenforscher - ihre 80 spezialisierten Institute sind die akademische Heimat nahezu aller lebenden deutschen Nobelpreisträger. Auch die 15 Großforschungszentren der Helmholtz Gemeinschaft, darunter die Hamburger Teilchenforschungsanlage Desy und das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg, arbeiten verstärkt an Erfindungen, Patenten, kurz: am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt (siehe "Interview: 'Wir müssen endlich managen dürfen!'").

Stützen der Tech-Wirtschaft

Weltweit einmalig sind die 56 Fraunhofer-Institute, die als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Wirtschaft angewandte Forschung mit den Unternehmen entwickeln.

Auf dieser akademischen Basis fußt eine Industrieforschung, die in vielen Bereichen immer noch international führend ist. Nirgends in Europa ist der Anteil forschender Unternehmen im produzierenden Gewerbe so hoch wie in Deutschland. Allein DaimlerChrysler, der Konzern mit dem größten heimischen Innovationsbudget, gab im vergangenen Jahr 5,3 Milliarden Euro für F&E aus - eine Summe, so groß wie die gesamte Forschungs- und Technologieförderung des zuständigen Berliner Ministeriums.

Die Bundesrepublik exportiert so viele Technologiegüter wie kein anderes Land der Erde - mehr als die USA und Japan. Der Überschuss im Handel mit F&E-intensiven Waren liegt bei 2700 Dollar pro Kopf, höher als in jedem anderen OECD-Land, doppelt so hoch wie in Schweden, viermal so hoch wie in Finnland - Länder, die seit Jahren für ihre Forschungspolitik und ihre hohen F&E-Aufwendungen gelobt werden. Ganz zu schweigen von der viel gerühmten Hightech-Nation USA, die auch im Handel mit Technologiegütern ein Defizit erwirtschaftet.

Und während in Amerika der Anteil der F&E-intensiven Industrien an der Wertschöpfung seit mehr als zehn Jahren immer weiter absackt, liegt er in Deutschland bemerkenswert konstant bei gut 12 Prozent. Nur Südkorea kann bessere Zahlen vorweisen.

In den Statistiken spiegelt sich die Stärke wichtiger deutscher Branchen wider: Auto, Maschinenbau, Chemie - das sind immer noch die Stützen der heimischen Tech-Wirtschaft.

Und gerade in diesen traditionsreichen Industrien breite sich derzeit ein neues Paradigma aus, sagt Tomas Pfänder, Vorstand der Unternehmensberatung Unity: "Die Unternehmen setzen wieder verstärkt auf Deutschland."

All die Betriebsverlagerungen der vergangenen Jahre hätten zwei wichtige Erkenntnisse gebracht: Fertigung und Entwicklung könne man nicht so einfach voneinander trennen. Und zweitens seien die Bedingungen für die Paarung von Produktion und Innovation wohl nirgendwo auf der Welt so gut wie hierzulande.

"Nicht fit für den Wettbewerb"

Die Folge ist ein neues Deutschland-Kalkül: Lieber nicht die Standorte auseinanderreißen, nur weil irgendwo auf der Welt die Löhne niedriger sind, sondern hiesige Verbünde besser managen.

So sieht das auch Georg Reif, Chef von Alcan Composites, einer selbstständigen Einheit innerhalb des globalen Alcan-Konzerns , die auf Verbundmaterialien für Fassaden, Windkraftanlagen und Transportanwendungen spezialisiert ist. Der Schweizer Manager ist gerade dabei, seinen Leute eine neue Innovationskultur nahezubringen, weil die Firma ihre Produktpalette kontinuierlich renovieren will.

Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem größten deutschen Composites-Standort zu, im badischen Singen, wo seit 1912 Aluminiumprodukte entwickelt und produziert werden. "Hier haben wir die Leute, das Wissen, die Anlagen - das lässt sich alles nicht so leicht nach Osteuropa oder China verlagern", sagt Reif. Wozu auch? Schließlich gebe es auch in Deutschland noch "riesige Potenziale".

So positiv der neue innere Expansionsdrang der Wirtschaft ist, die strukturellen Schwächen des Innovationssystems sind längst nicht behoben: An der Spitze des Fortschritts finden sich nur wenige Deutsche. Die Bundesrepublik lebt von gehobenen Gebrauchsgütern - mehr von Midtech, weniger von Hightech.

So werden Forschung und Entwicklung von der Autoindustrie dominiert. Die tätigt ein Drittel der heimischen F&E-Ausgaben - dennoch leidet sie unter Überkapazitäten und Margenverfall.

Relativ schwach sind hingegen die Informationstechnologie, die Pharmaindustrie, die Luft- und Raumfahrt und andere Zweige der Spitzentechnologie. Auf diesen Feldern, in denen mehr als 7 Prozent der Umsätze in F&E investiert werden, gerät die Bundesrepublik im internationalen Wettbewerb immer weiter ins Hintertreffen.

Das Bundesforschungsministerium hat Deutschlands Stellung in wichtigen Spitzentechnologien unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse sind wenig schmeichelhaft.

So urteilen die Experten über die deutschen Raumfahrtunternehmen, sie seien "noch nicht fit genug für den europäischen Wettbewerb". Und die "Verwertung von Raumfahrttechniken und Forschungsergebnissen in marktfähige Produkte", die sei schlicht "unzureichend". Über die Biomedizin urteilt das Ministerium: Die Lage sei vielleicht nicht hoffnungslos, aber ernst. Die "Zusammenarbeit von Unternehmen mit der Grundlagen- und der klinischen Forschung" sei nur "schwach entwickelt". Mit dem Ergebnis, dass "wenige anwendungsreife Produkte" dabei herauskämen.

Gut gemeinte Subventionen

Aber ein paar Stärken vermögen die Ministerialen dann doch zu erkennen. So schneiden die Bereiche Optik, Medizintechnik, neue Werkstoffe sowie die Produktionstechnologien gut ab.

Mit beachtlichem Geldeinsatz hofft die Bundesregierung nun die Schwäche bei den Spitzentechnologien lindern zu können. Knapp 12 Milliarden Euro sollen im Rahmen der Hightech-Strategie bis 2009 in 17 Hochtechnologiegebiete fließen. Hinzu kommen knapp 2,7 Milliarden Euro für "technologieübergreifende Querschnittsmaßnahmen". Dazu gehören etwa Verbesserungen der F&E-Bedingungen für den "innovativen Mittelstand" oder Unterstützungszahlungen für die Gründung neuer Technologieunternehmen.

Gut gemeinte Subventionen. Wie viel sie nützen? Abwarten. Denn das Nadelöhr auf dem Weg vom Geist zum Geld beheben sie nicht: Deutsche Spitzenforscher halten sich immer noch zurück, wenn es um die wirtschaftliche Verwertung ihrer Erkenntnisse geht.

Die Wissenschaftler, meint Nobelpreisträger Hänsch, "finden oft nicht die richtigen Nischen, aus denen heraus sie sich etablieren könnten. Oder sie können sich nicht durchsetzen".

Immerhin: Einige positive Beispiele für solchen Hightech-Transfer gibt es inzwischen. So sind auf dem Feld des "Tissue-Engineering" (Gewebezüchtung im Labor) und der Zelltherapie - in Hänschs Buch durch die Experimente mit neu gezüchteten Herzklappen vertreten - einige erfolgreiche Unternehmen entstanden.

Etwa die Freiburger Biotissue, die Knorpel- und Knochentransplantate passgenau züchtet, um damit Arthrose oder vom Krebs zerfressene Knochen zu heilen. Oder die Weinheimer Cytonet, die ein neuartiges Leberzellpräparat entwickelt zur Behandlung schwerer Vergiftungen oder angeborener Organschäden. Cytonet gehört zum Biotech-Unternehmensverbund von SAP-Gründer Dietmar Hopp.

Auch Theodor Hänsch wagt seit einigen Jahren einen Ausflug in die Wirtschaft. Er hat ein Unternehmen der Spitzentechnologie mitgegründet: Die Martinsrieder Menlo Systems entwickelt und vermarktet ultrapräzise Lasermessgeräte, die auf Hänschs nobelpreiswürdige Entdeckung des Frequenzkamm-Generators zurückgehen.

Der Quantenoptiker macht damit vor, was er sich von der deutschen Forschergilde insgesamt wünscht: "Wissenschaftler sollten auch unternehmerisch denken - und handeln."

Deutschlands Zukunft: Sechs Produkte im Überblick Köpfchenfaktor: Unsere Wirtschaft im Wissenswettlauf

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