Dienstag, 18. Juni 2019

Unicredit "Wir brauchen europäische Champions"

2. Teil: "Risiko eines Verlusts an Identität"

mm: Vor Kurzem haben Sie versucht, durch die Übernahme der Pariser Bank Société Générale Börsen-Chart zeigen das zweitgrößte Geldhaus Europas zu schmieden. Warum haben sich die Franzosen Ihren Avancen verweigert?

Alessandro Profumo

Unternehmen: Nach dem Wirtschaftsstudium in Mailand wollte der 50-Jährige eigentlich Professor werden. Stattdessen machte er erst bei McKinsey und dann als Banker Karriere.

Mission: Durch Übernahmen, zunächst in Italien, dann jenseits der Landesgrenzen, schuf Profumo den Unicredit-Konzern, eines der größten Geldhäuser Europas.

Profumo: Unsere Firmenkulturen sind sehr unterschiedlich. Unicredit ist über Akquisitionen groß geworden, Société Générale hauptsächlich durch organisches Wachstum. Daraus ein gemeinsames Institut zu formen hätte das Risiko eines Verlusts an Identität bedeutet. Deshalb haben beide Seiten entschieden, das Projekt nicht weiterzuverfolgen.

mm: Stattdessen haben Sie für knapp 21 Milliarden Euro die italienische Bank Capitalia Börsen-Chart zeigen gekauft, als vorläufige Krönung einer beeindruckenden Serie von Übernahmen. Ist Größe im Bankgeschäft so wichtig?

Profumo: Teilweise schon. Sie müssen unterscheiden zwischen der Produktion von Finanzdienstleistungen, wie Immobilienkrediten oder Leasing, und der Distribution dieser Produkte. Bei der Herstellung zählt Größe, da sind Skaleneffekte wichtig, da gibt es Gebiete wie die IT, wo man eine Menge Geld sparen kann. Beim Verkauf kommt es eher darauf an, über eine Marke zu verfügen, die in der jeweiligen Region stark ist.

mm: Sie machen beides, Produktion und Distribution.

Profumo: Unser Vorteil ist, dass wir einerseits ein großer Produzent sind und andererseits über eine starke Präsenz in verschiedenen regionalen Märkten verfügen, von Italien über Österreich und Deutschland bis nach Osteuropa. Trotz der Capitalia-Übernahme werden wir Ende dieses Jahres etwa 55 Prozent unserer Umsätze außerhalb Italiens erzielen. Wir sind heute eine europäische Bank mit mehreren Heimatmärkten.

mm: Welche Ihrer vielen Übernahmen war rückblickend am wichtigsten, um diesem Ziel näherzukommen?

Profumo: Zuerst der Zusammenschluss von Credito Italiano und regionalen Banken, mit dem wir die Konsolidierung in Italien eingeleitet haben. Dann der Kauf der Bank Pekao in Polen, unser Einstieg in Osteuropa. Und schließlich die Fusion mit der deutschen HVB Börsen-Chart zeigen, die uns mit einem Schlag in die europäische Champions League katapultiert hat. Am Tag nach der HVB-Übernahme hat mich sogar IBM-Chef Sam Palmisano angerufen, weil ihm bewusst wurde, dass wir plötzlich einer seiner wichtigsten Kunden waren.

© manager magazin 9/2007
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