Testamente Der perfekte Abschied

Wo ein reichhaltiges Erbe lockt, ist der Familienzwist nicht fern. Die vermeintlich Zukurzgekommenen eröffnen den Krieg um die Beute. Eine gute Nachlassplanung beugt Auseinandersetzungen vor.

Es geschah an einem sonnigen Apriltag des Jahres 1983, dass Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, Enkel des Industriemagnaten August Thyssen, legendärer Kunstsammler und Playboy von Weltformat, die Zeit für gekommen hielt, seinem ältesten Sohn Georg auch einmal etwas zuzutrauen.

Dieser war zwar anders geraten als sein Vater. Streng rational, ein ausgebildeter Jurist und diskret in Privatangelegenheiten. Doch die Augen des Industriellen ruhten liebevoll auf seinem Sprössling, denn immerhin schien Georg einen Charakterzug zu besitzen, der die Thyssens reich und mächtig gemacht hatte: Geschäftssinn.

So rief Hans Heinrich, genannt "Heini", seinen Sohn aus kurzer erster Ehe in jenem April ins Tropen- und Steuerparadies Bermuda. Dort setzten die beiden ungleichen Männer ihre Unterschriften unter ein ausgeklügeltes Vertragswerk, das später den Ausgangspunkt bilden sollte für eine der teuersten Erbstreitigkeiten aller Zeiten.

Der alte Thyssen brachte sein milliardenschweres privates Industrievermögen in einen Trust ein, bestimmte die Erbteile seiner vier leiblichen Kinder und übertrug Georg die Leitung. Aus den Erträgen sollte er - bei gut laufenden Geschäften - bis zu seinem Tod jährlich 22 Millionen Dollar Apanage erhalten. Von nun an wollte sich der Vater ins Private zurückziehen, nur noch Bilder kaufen und seinen Luxus genießen.

Doch dann kam Tita. Und mit dem Familienfrieden war es vorbei. Denn die Geschäfte der im Trust organisierten Firmengruppe liefen schlechter als erwartet. Der Alte aber brauchte das Geld, um mit seiner fünften Ehefrau Carmen, genannt Tita, einer ehemaligen Miss Spanien und Witwe von Tarzan-Darsteller Lex Barker, ein aufwendiges Jetset-Leben zu führen.

Mitte der 90er Jahre kam es dann zum Showdown vor Gericht. Der Senior warf dem Junior vor, dieser habe ihn betrogen und ausgenutzt, um sich die Kontrolle über das Milliardenvermögen zu verschaffen. Tita unterstützte den Familienkrieg auf ihre Art: Sie streute, Georg sei nicht mal Heinis leiblicher Sohn.

Subtil und unbarmherzig

Fünf Jahre kämpften die Thyssens in einem provisorischen Gerichtssaal auf den Bermudas. Allein das Plädoyer von Hans Heinrichs Anwalt dauerte 66 Tage, die Anwaltskosten summierten sich auf mehr als 120 Millionen Euro. Erst wenige Wochen vor dem Tod des Patriarchen im Jahr 2002 schlossen die Parteien einen Vergleich. Eindeutig bewiesen hat der Mammutprozess am Ende nur eines: dass auch die Bestsituierten bisweilen komplett die Nerven verlieren, wenn es ums Erben geht.

Die Anwälte der Kanzlei Flick Gocke Schaumburg, eine der ersten Adressen für die erbrechtliche Beratung von vermögenden Familien, führen den Streit im Hause Thyssen gern an, wenn sie nach den Usancen der Reichen in Erbschaftsangelegenheiten gefragt werden.

Je größer ein Vermögen, desto subtiler und unbarmherziger werde der Verteilungskampf geführt, sagt Kanzleigründer und Seniorpartner Hans Flick. "Arbeiterfamilien kämpfen um die Bettwäsche, im Angestelltenhaushalt feilschen die Nachkommen um das Meißener Porzellan, und im Villenvorort wird darüber gestritten, ob der Verfasser des Testaments bei der Niederschrift noch bei Verstand war und ob die Kinder überhaupt die eigenen Kinder sind."

Da tauchen überraschend Verwandte auf, die zu Lebzeiten des Vermögenden nie dessen Nähe suchten. Da reihen sich Prozesse an Prozesse, wie es auch der Hamburger Steuer- und Erbrechtsexperte Ulrich Gerken oft erlebt. Gerken sah einen millionenschweren Vergleich an der Frage scheitern, welches Kind das Schachspiel des Vaters erhalten sollte.

Und er begleitet eine ältere Dame, die sich gegen ihre Stiefschwester bereits im 14. Prozess zur Wehr setzen muss. Seit zwei Jahrzehnten wird gerichtlich so erbittert gefochten, dass eine Einigung nicht möglich erscheint: "Es geht auch um enttäuschte Liebe und angebliche Bevorzugung", sagt Gerken mit Bedauern: "Das Geld ist der Anlass. Das Ziel ist Rache."

Geldgier am Grab kann Familienbande auf ewig zerstören - und, wie im Fall Thyssen, nebenbei ein Vermögen durch teure Prozesse empfindlich schmälern. Erfahrene Anwälte drängen ihre Klienten daher dazu, ihre Erbangelegenheiten möglichst früh und umfassend zu regeln.

Dabei bedarf es oft schon großer Überredungskunst, die Millionäre überhaupt zur Niederschrift eines Testaments zu bewegen. Rund 70 Prozent der Deutschen machen kein Testament, auch viele Begüterte würden im Alter gute Vorsätze über Bord werfen und untätig bleiben, sagt Erbrechtsspezialist Marc Jülicher aus der Bonner Kanzlei Flick: "Im Alter wächst die Verarmungsangst."

Krach ist programmiert

Leider nehmen oft zugleich die geistigen Fähigkeiten ab. Jülicher bittet Mandanten jenseits des 80. Lebensjahres deshalb grundsätzlich darum, ihr Testament notariell beurkunden zu lassen, damit nicht nach dem Tod des Testamentsverfassers Zweifel an dessen Zurechnungsfähigkeit aufkommen. Da muss sich ein verwirrt wirkender Millionär auch einmal Testfragen gefallen lassen, damit sich der Notar Gewissheit verschaffen kann, ob sein Besucher klar im Kopf und damit testierfähig ist.

Unter Fachleuten gefürchtet sind auch jene Testamentsverfasser, die - aus Vergesslichkeit, Wankelmut oder weil sie von diversen Erben unter Druck gesetzt werden - ihren Letzten Willen immer wieder ändern und bei ihrem Ableben gleich mehrere Testamente hinterlassen, ohne die alten Regelungen ausdrücklich zu widerrufen.

Wie nun das Erbe verteilen?

Widerspricht der jüngste Entwurf klar seinen Vorgängern, ist die Sache einfach: Dann gilt nur das jüngste Schriftstück. Wenn aber die unterschiedlichen Testamente einander ergänzen, muss der wahre Wille des Verstorbenen durch Auslegung ergründet werden. Krach ist programmiert.

Dann ziehen die widerstreitenden Erben erwartungsfroh vor Gericht, um mit allerlei Zeugen glaubhaft zu machen, der Verstorbene habe nur sie begünstigen wollen - bis dem Richter irgendwann der Kragen platzt und er das Testament so auslegt, wie er es für richtig hält.

Der Mannheimer Rechtsanwalt Manuel Tanck, der schon in vielen Erbfällen vor Gericht aufgetreten ist, warnt deshalb davor, bei Auslegungsfragen einen Prozess anzustrengen: "Der Ausgang ist unkalkulierbar."

Tanck rät zum Abschluss eines Auslegungsvertrags: Alle in den diversen Testamenten genannten Erben sollen sich zusammensetzen und sich auf eine endgültige Lesart einigen. Das kann sich mühsam und langwierig gestalten, doch schneller und günstiger als ein Gerichtsverfahren ist es allemal.

Mit etwas gutem Willen der Überlebenden kann also bei unklaren Testamenten am Ende noch alles gut werden.

Die allerletzte Lektion

Was aber, wenn der Begüterte selbst im Angesicht des Todes zu der Einsicht kommt, dass er seinen Nachkommen die Freude am reichen Geldsegen gar nicht gönnt? So mancher Spross aus reichem Haus erlebt sein blaues Wunder, wenn er das Testament seines millionenschweren Vorfahren zum ersten Mal in Händen hält. Das Erbrecht hält wunderbare Gestaltungsmöglichkeiten für Leute bereit, die sich an vermeintlich missratenen Kindern oder lieblosen Verwandten rächen wollen - indem sie das Erbe an Bedingungen knüpfen.

Der Münchener Anwalt Andreas Vitti erzählt die Geschichte eines Münchener Großbäckers, der es in der Disziplin "Wie ärgere ich meine Verwandten?" recht arg trieb. Der Brötchenunternehmer, der es mit eiserner Disziplin und persönlicher Sparsamkeit zu Wohlstand gebracht hatte, war von seinen beiden Söhnen tief enttäuscht. Die verwöhnten Nachkommen frönten dem Münchener Schickimicki-Leben und machten sich über den Alten lustig, wenn der am Samstag mit Spaten und Rasenmäher um die Villa zog, um die Kosten für einen Gärtner zu sparen.

Als es für den Bäcker mit 63 Jahren nach langer Krebskrankheit ans Sterben ging, beschloss er, dem Nachwuchs eine Lektion zu erteilen. Er schrieb sein Testament und las das Dokument vor laufender Videokamera noch einmal laut vor. Nach seinem Tod erfuhren die fassungslosen Kinder aus dem Videofilm: Wer am Leichenschmaus nicht teilnehmen oder bei der Urnenbeisetzung fehlen würde, sollte enterbt sein. Darüber hinaus sollten beide Söhne pro Woche je zwei Stunden Grabpflege leisten, ansonsten drohte ebenfalls die Enterbung.

Sind solche Klauseln erlaubt? Anwalt Vitti schränkt ein: "Eine Klausel, die Erben erkennbar schikaniert, verstößt gegen die guten Sitten. So etwas ist unzulässig."

So konnte der Bäcker seine Söhne zwar zur Teilnahme am Begräbnis auffordern; er durfte aber nicht verfügen, dass sie komplett leer ausgehen würden, sollten sie nicht erscheinen. Der Befehl zur Grabpflege sei als reine Boshaftigkeit einzuschätzen und damit auf jeden Fall nichtig, meint Vitti.

Wie den verbitterten Bayern treibt viele Testamentsverfasser der Wunsch an, über ihren Tod hinaus auf das Verhalten der Nachwelt Einfluss zu nehmen. Dabei geht es sehr oft um die Frage, wie sich vorhandenes Vermögen in der eigenen Dynastie halten lässt.

Ohne Zeitverzug handeln

Zumeist sollen nur die eigenen Abkömmlinge erben, nicht aber die Schwiegerkinder. Eltern, die dies festlegen wollen, sollten ohne Zeitverzug handeln, rät der Hamburger Anwalt Ulrich Gerken.

Verliebt sich etwa die Tochter des Reeders aus dem vornehmen Elbvorort der Hansestadt in einen dahergelaufenen Webdesigner, wird recht bald auch der Familienanwalt des Schifffahrtsunternehmers von der aus Sicht der Eltern möglicherweise beunruhigenden Verbindung erfahren. Gerken: "Dann lautet die Frage: Wie schaffen wir jetzt möglichst schnell eine wasserdichte Erbschaftsregelung?"

Diverse Wege stehen offen. Wenn der Vater seiner Tochter bereits zu Lebzeiten im Wege der Schenkung Werte übertragen möchte, sollte er in den Schenkungsvertrag eine Rückfallklausel aufnehmen: "Darin kann vereinbart werden, dass der Vater die Schenkung widerrufen kann, wenn seine Tochter kinderlos vor ihm stirbt." Dann fließt das Vermögen an die Eltern zurück.

Will der Vater seinen Besitz erst nach seinem eigenen Tod an die Tochter weitergeben, kann er sie als so genannte Vorerbin und andere Personen - zum Beispiel die aus der Ehe zwischen Reederstochter und Webdesigner hervorgegangenen Kinder - als Nacherben einsetzen. Dann bliebe die Tochter lebenslang Erbin, doch nach ihrem Tod würde das Familienvermögen unter Umgehung des Gatten direkt den Enkeln zufallen. So bliebe die Familienerbfolge gewahrt.

Welchen Weg auch immer eine vermögende Familie wählt, um ihren Reichtum unbeschadet an die kommenden Generationen weiterzureichen, wichtig ist, dass die Entscheidungen mit Bedacht gefällt werden. "Testamente sind nichts für schlechte Launen und auch nichts für den letzten Atemzug", warnt der Bonner Anwalt Marc Jülicher.

Testamentsverfasser sollten, so schwer das mitten im Leben fallen mag, dem Gedanken an den eigenen Tod nicht ausweichen und rechtzeitig mit der Nachlassplanung beginnen. Das Erbrecht hält unzählige Gestaltungsmöglichkeiten bereit.

Dabei legen Anwälte ihren begüterten Mandanten insbesondere ans Herz, keine offensichtlichen materiellen Ungerechtigkeiten entstehen zu lassen. Aus dem Gefühl einzelner Erben, übervorteilt worden zu sein, erwachsen später die hartnäckigsten Konflikte, sagt Jülicher: "Es sind die Zukurzgekommenen, die den Krieg eröffnen."

Erbfolge: Die Firma retten, Unrecht vermeiden Millionenerben: Noble Gesten, traurige Querelen

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