Wempe Glanzlicht im Norden

Unternehmerin Kim-Eva Wempe erläutert im Interview mit manager magazin, warum die Familienfirma aus Hamburg jetzt eigene Luxusuhren in Glashütte fertigt, was richtig guten Schmuck ausmacht und warum Frauen neuerdings Gefallen an Herrenuhren finden.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

mm: Frau Wempe, vor vier Jahren haben Sie die Uhren und die Juwelen von Ihrem Vater übernommen. Wie kommt man sich da vor: als Frau und Mutter von zwei Kindern an der Unternehmensspitze?

Wempe: Eigentlich prima. Ich wollte Familie, wusste aber immer, dass ich Dinge bewegen will. Im Alltag ist es so: Wenn Sie von einem zu viel haben, dann wird es lästig. Es braucht eine gute Balance. Aber ich bin Sternzeichen Waage und komme damit ganz gut zurecht.

mm: Findet eine Frau raschen Zugang zum Männerthema "mechanische Uhren"?

Wempe: Ich bin mit mechanischen Uhren aufgewachsen, für mich war diese Faszination immer im Raum. Mein Großvater war Uhrmacher, mein Urgroßvater auch. So eine Herkunft prägt. Hier habe ich auch gelernt, dass hochwertige Objekte eine sozusagen geschlechtslose Seele haben, die aus der Handarbeit herrührt.

mm: Sie können für 2006 eine überzeugende Bilanz vorweisen, der Umsatz stieg um 14 Prozent. Die Branche selbst wächst nur um 6 Prozent. Was machen Sie besser als die anderen?

Wempe: Wir haben etwas mehr darüber nachgedacht, was wirklich wichtig ist, zum Beispiel der Service. Er ist etwas ganz Elementares für unsere Kunden. Je mehr mechanische Uhren wir verkaufen, desto besseren Service müssen wir bieten. Wir haben bereits vor sieben Jahren begonnen, unsere Werkstatt auszubauen. Wir beschäftigen dort mehr als 30 Mitarbeiter und haben im vergangenen Jahr eine weitere Uhrenwerkstatt mit zehn Mitarbeitern in Glashütte aufgebaut.

mm: Aber der Uhrmacherservice allein kann es doch nicht bringen.

Wempe: Nein, wir haben ja auch noch den Schmucksektor. Und auf den Feldern Schmuck und Uhren sind wir gleichmäßig gewachsen. Wichtig ist, dass wir uns immer besser entwickeln als der Markt.

"Das Wichtigste sind die Werte"

mm: Das Unternehmen zählt jetzt 25 Niederlassungen mit fast 500 Mitarbeitern bei einem Umsatz von mehr als 220 Millionen Euro. Wie viele Niederlassungen, Mitarbeiter und Millionen sollen es 2010 sein?

Wempe: Unser Ziel liegt nicht in Quantitäten, es ist nicht an Zahlen zu messen. Das Wichtigste in diesem Unternehmen sind die Werte. Ich kann nur so viele neue Geschäfte eröffnen, wie ich Nachwuchskräfte habe, wie ich passende Ladengeschäfte zum passenden Zeitpunkt finde. Unsere Hausaufgaben in Paris und in London haben wir erledigt, beide Standorte haben wir vergrößert. Unsere neue Niederlassung in London wurde im Juli dieses Jahres neu eröffnet. In Paris haben wir bereits 2006 das Geschäft neben uns übernommen und ausgebaut.

mm: Wie steht es um die Akzeptanz eines deutschen Juweliers in Metropolen wie Paris, London oder New York?

Wempe: Wenn wir in Deutschland ein Geschäft eröffnen, dann ist Wempe ein Begriff. Als wir vor 27 Jahren in New York an den Start gingen, hat kein Mensch gewusst, wer Wempe ist und was wir da wollen. Inzwischen sind wir mit unseren Werten auch in den USA gut gelandet.

mm: Können Sie sich - Stichwort Globalisierung - dies auch für Russland vorstellen?

Wempe: In Moskau ist sicherlich viel Geld zu verdienen. Ein anderer Unternehmensinhaber würde möglicherweise auch in aller Ruhe nach Moskau gehen. Aber ich war in Moskau, ich habe mir das mehrfach angeschaut. Ich möchte die Stadt zurzeit keinem meiner Mitarbeiter zumuten.

mm: Der Durchschnittskauf in Deutschland lag bei Ihnen vor drei Jahren bei 2245 Euro. Wie lautet der Betrag - wir haben jetzt Aufschwung in Europa - für 2006?

Wempe: Er hat deutlich zugelegt, und zwar auf 2847 Euro. In Amerika kommen wir sogar auf 6500 Euro. Der Unterschied hat einen einfachen Grund: In Deutschland verkaufe ich mehr Schmuckstücke als Uhren, aber der Durchschnittspreis einer Uhr ist fast doppelt so hoch wie der eines Schmuckstücks. In Amerika verkaufe ich fast nur Uhren, kaum Schmuck, dadurch ist das Verhältnis dann extrem anders.

"Trend zu höheren Preisregionen"

mm: Sie haben 2006 im sächsischen Glashütte die verwaiste Sternwarte zu einer Betriebsstätte ausgebaut, in der Sie jetzt eigene Modelle herstellen. Vom Handel zum Handwerk?

Wempe: Ja, ein neuer Geschäftszweig. Das wird auch sehr spannend werden. Wir haben zuvor in der Firmenvergangenheit immer eigene Uhren gebaut, das machen wir jetzt wieder.

mm: Bisher waren Sie als Hersteller nicht aufgefallen.

Wempe: Das liegt daran, dass wir Schiffschronometer gebaut haben, eine Spezialität ausschließlich für die Seefahrt. Jetzt sind wir von der See aufs Land gegangen und fertigen Chronometer für das Handgelenk, und zwar in Deutschland.

mm: Wie verträgt sich die Produktion mit dem Handel, was sagen Ihre Partner von Rolex bis Patek dazu?

Wempe: Der Bereich der mechanischen hoch komplizierten Uhr ist ein großes Spielfeld geworden. Und keiner freut sich über eine neue Marke, wenn er selbst Uhrenhersteller ist. Aber wir haben uns mit den Uhren in ein Preissegment begeben, das die anderen außer Acht gelassen haben.

mm: Sie selbst aber bieten ein Tourbillon an, die Meisterklasse der Uhrmacherei. Es scheint, dass den Käufern keine Komplikation zu aufwendig und zu teuer ist.

Wempe: Ich glaube nicht, dass sich alles gut verkaufen lässt. Da ist es wichtig, welcher Name auf dem Zifferblatt steht.

mm: Wo liegen denn die wichtigsten Marktsegmente nach Preisen?

Wempe: Wir haben zwei Bereiche, 2500 bis 5000 Euro und 5000 bis 10.000 Euro. Beide sind fast gleich stark. Aber jetzt gibt es einen zusätzlichen Trend zu höheren Preisregionen: Vor zehn Jahren haben wir nie eine Uhr für 600.000 Euro verkauft, heute kommt das öfter mal vor.

"In Asien zählen andere Maßstäbe"

mm: Neuerdings entwickeln auch Frauen Neigung zu mechanischen Uhren - ohne Brillantendekoration. Ein stabiler Trend oder eher eine Modelaune?

Wempe: Das wüsste ich auch gern. Ich hoffe, dass dieses Kaufverhalten noch ein paar Jahre anhalten wird. Auf alle Fälle gibt es bei Frauen den Trend zur größeren Uhr. Sie schauen ja eher auf das Design und nicht so sehr auf die Technik. Wenn die Frau sich heute eine Uhr kauft, träumt sie nicht unbedingt von einem Goldband mit Brillanten, wie das noch vor 15 Jahren definitiv der Fall war. Sondern sie kann sich heute vorstellen, sich eine schöne mechanische Uhr mit Lederarmband zu kaufen, also die eigentliche Herrenuhr.

mm: Die Damen kaufen im Grunde die kleine Herrenuhr?

Wempe: Ja, sicher. Die schlichte "Lange 1" aus Glashütte, das ist die absolute Frauenuhr. In Asien zählen andere Maßstäbe, da sucht der Mann die Uhr für seine Frau aus - und der will vor allem ein Schmuckstück für sie.

mm: Sie selbst haben die Schmuckmarke "By Kim" entworfen. Wie sind Sie mit dem Markterfolg zufrieden?

Wempe: Ich habe sie entwickelt - und nicht entworfen, denn ich bin keine Designerin. Und wir sind sehr zufrieden damit, ein wahrer Umsatzmotor: Von der Neuware im letzten Jahr kamen mehr als 50 Prozent aus unserem Atelier. Ich gehe kaum mehr einkaufen, so wie ich früher mit meinem Vater auf Messen gegangen bin und nach Schönem Ausschau gehalten habe.

mm: Von Ihrem Vater ist häufig noch die Rede. Welche Rolle spielt eigentlich Ihr Ehemann im Unternehmen?

Wempe: Er stärkt mir den Rücken, das ist vielleicht das Wichtigste.

mm: Im Unternehmen?

Wempe: Er ist nicht im Unternehmen, nein. Ich darf mit allen Sorgen nach Hause kommen, er macht nie ein langes Gesicht, wenn ich über die Firma erzähle. Wenn ich unterwegs bin, bleibt er bei den Kindern. Das heißt, da brauche ich mir nie Gedanken zu machen. Und mir sagen: Die Kleinen sind wieder allein mit dem Kindermädchen. Ein Elternteil ist immer da.

Wempe-Kollektion: Luxus pur in Bildern

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