Wirtschaftssprache Jetzt mal Klartext

Gekünstelt, aufgebläht, englisch durchsetzt: Mit schlechtem Deutsch nerven Manager nicht nur ihre Umwelt - sie schaden auch der eigenen Karriere.

Ihr Abteilungsleiter hat sie geschickt. Jetzt sitzt eine Handvoll technischer Betriebswirte, Ingenieure und Informatiker eines großen Maschinenbauers aus dem Schwäbischen vor Texten und soll erklären, worum es darin geht.

Sie stammeln herum, ist ja auch irgendwie recht kompliziert. Die Aussage? Hmh, also so direkt, schwer zu sagen. Würden sie das beschriebene Produkt kaufen? Ähh, nun, nein.

Peinlich, da sie die Texte selbst geschrieben haben. Diese Standardübung von Sprachtrainer Markus Reiter öffnet vielen der Teilnehmer die Augen: "Die Leute kommen zu mir, weil es nicht reicht, dass sie fachlich gut sind. Wer Karriere machen will, muss sich auch verständlich ausdrücken können - das heißt anderen deutlich machen, was man meint."

Leichter gefordert als getan. Die Gruppe heute soll eine spezielle Turbine verkaufen - was sie aufgeschrieben hat, sind technische Fakten. Was gut gewesen wäre: dem Käufer klarzumachen, was das Produkt auszeichnet und warum es wesentlich besser ist als das günstigere Modell aus Korea. Auf der Basis von Fakten, aber in einer allgemein verständlichen Sprache.

Sprachtrainer wie Reiter sind derzeit gut im Geschäft. Denn die Sprachverwirrung quer durch Deutschlands Unternehmen hat auch dank des globalisierten Wirtschaftsdenglisch einen neuen Höhepunkt erreicht. Dabei machen diejenigen, die mit ihrer Fachsprache alles verkomplizieren, nur eine Hälfte des Übels aus. Fast noch schlimmer sind diejenigen, die nichts zu sagen haben, aber trotzdem mitreden wollen: Auch wer nichts Neues weiß, mischt seine Managerphrasen mit in die Dauerbeschallung von internen Mitteilungen, Kundenpräsentationen, Mitarbeitergesprächen.

Das Elend fängt oft an der Uni an

Schlimm für alle, die sich das anhören müssen. Aber bisweilen noch schlimmer für die Schwafler selbst: Denn am Ende machen nur diejenigen Karriere, die klar und präzise sprechen können. Weil sie sich und ihre Ideen verkaufen können. Weil aufgeräumte Sprache aufgeräumtes Denken bedeutet. Und weil sie eine Botschaft haben.

Um das zu erreichen, müssen Manager nur wieder zu sich zurückfinden. Ein Kind spricht meist klar. Das Elend fängt oft an der Uni an - je komplizierter ein Sachverhalt in einer Hausarbeit ausgedrückt wird, desto besser oft die Note. Im angelsächsischen Raum hingegen belegen die Studenten eigens Seminare, um sich Verständlichkeit anzutrainieren.

Für Walter Krämer, prominenter Sprachschützer und Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik, ist der Hang zur deutschen Unverständlichkeit kein Zufall: "Besonders die deutschen BWL-Professoren haben Minderwertigkeitskomplexe, weil die Elite für ihren MBA lieber in die USA geht. Also imitieren sie zumindest die Sprache."

Und was der Student gelernt hat, gebraucht er oft eilfertig im Job. "Viele Manager benutzen Kunstwörter oder Anglizismen, weil sie Trivialitäten als große Einfälle verkaufen wollen", sagt Krämer. "Wer nichts zu sagen hat, sagt's auf Englisch."

Und dass jemand, der in Karlsruhe an der "Hector School of Engineering and Management ... die erste Graduation Ceremony an der Business School" (Einladungstext) mitgemacht hat, erst einmal munter weiter Denglisch brabbelt, mag nicht verwundern.

Besonders auf den niedrigeren Rängen versuchen Einsteiger, durch Managersprache zu imponieren - schließlich bedeutet gemeinsame Sprache auch dazuzugehören. Und Expertise zumindest vorzugaukeln.

Mit Bedacht ins sprachliche Nirwana

Dies gelingt jedoch nur bis zu einer bestimmten Ebene, wie Thomas Spranz-Fogasy, habilitierter Linguist am Mannheimer Institut für deutsche Sprache, bei seinen Forschungen zur Kommunikation von Führungskräften herausgefunden hat.

Er sagt: Im Topmanagement wird klarer gesprochen. "Es gibt eine produktive Auslese: Wer ganz oben ist, muss präzise denken können und formuliert entsprechend." Denn nur so kann man Mitarbeiter führen, Kunden gewinnen und die Öffentlichkeit von sich überzeugen.

Wenn Topmanager ins sprachliche Nirwana abdriften, dann mit Bedacht. Wenn sie unangenehme Nachrichten bemänteln wollen, wenn sie keine börsenrelevanten Informationen verraten dürfen, füllen Manager ganze Sitzungen mit euphemistischem Blabla.

Oder sie kaschieren mit kruden Sätzen, dass sie auf eine Frage eigentlich keine Antwort haben - so wie es Ex-US-Notenbankchef Alan Greenspan vor Kurzem zugab. Er machte mit seinen kryptischen Aussagen jahrelang Ökonomen weltweit verrückt. Greenspans Grundeinstellung: "Ich weiß, dass Sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich meinte."

Manchmal mag Metasprache also zum Geschäft gehören. Wo sie es aber nicht tut, stört sie und ist kontraproduktiv. Wie zum Beispiel auf der Homepage vom Päckchenzusteller DHL. Die Abteilung "Supply Chain Management" preist sich an mit den Worten: "DHL Exel Supply Chain setzt auf die konsequente Nutzung des World Wide Web. Wir sind innovativer Treiber im Einsatz von RFID und bieten Ihnen im Rahmen unseres Services 'TAG Fit' die auftragsspezifische Ausstattung von Waren mit RFID-Transpondern."

Was das heißen soll, wissen höchstens die Manager bei DHL. Sprachexperte Reiter interpretiert wie folgt: "Wenn Sie wollen, kleben wir von DHL einen winzigen Chip auf die Sendung, damit Sie immer nachvollziehen können, wo sie gerade ist".

Besser leben mit nackten Tatsachen

Kunden muss man umgarnen, Mitarbeiter durch klare Sprache gewinnen. Sonst gilt ein Manager schnell als arrogant, seine Anordnungen werden oft aus Unverständnis nicht oder falsch ausgeführt. Und die Mitarbeiter fühlen sich nicht ernst genommen.

"Wie bei unangenehmen Nachrichten teilweise mit den Betroffenen kommuniziert wird, ist unterstes Niveau", meint Statistikprofessor Walter Krämer. Etwa wenn bei Fusionen nur allgemein von Synergieeffekten geredet wird und nicht konkret von den dann bevorstehenden Jobverlusten.

Auch nicht unbedingt für höhere Weihen empfiehlt sich, wer sich sprachlich zu wenig von seinem Fachbereich lösen kann. Wie ein Controller eines süddeutschen Konzerns, der im Mitarbeitermagazin seine Engstirnigkeit demonstrierte. Auf die Frage, woran die Abteilung denn gerade arbeite, antwortete er: "Es wurde eine Prozesskostenbewertung durchgeführt, und wir machen Kostenplausibilisierungen durch den Einsatz von Schattenkalkulationen."

Dabei ist der eigentliche Sinn von Mitarbeitermagazinen ja, dass sich die Abteilungen näherkommen. Dass das nicht klappt, wenn die einen fachsprechen und die anderen mit englischen Managerphrasen auftrumpfen, haben erste Unternehmen erkannt. Auch dass es nicht die Kundenbindung fördert, wenn man sich zu sehr von der Sprache der Zielgruppe entfernt.

Deshalb gibt es bei Eon Westfalen Weser keine Hotline im Customer-Care-Center mehr. Auch über die Prozessoptimierung im Workflow wird nicht philosophiert, und Organizer oder Timer benutzt selbst der Vorstand nicht. Grund ist die Aktion "Unsere Sprache", die Mitarbeiter auffordert, ausschließlich klares und einfaches Deutsch zu sprechen und zu schreiben. Von englischen Titeln auf Visitenkarten bis Managerkauderwelsch in Briefen wurde alles rigoros getilgt.

Mit einem einfachen Ziel: Die Stromverkäufer wollten von ihren Kunden verstanden werden. Nach ersten Hemmungen, die sprachlichen Hüllen fallen zu lassen, sind alle begeistert. Denn mit den nackten Tatsachen lässt sich besser leben.

Exklusiv-Vorabdruck aus "Die Phrasendrescher"

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