Globalisierung Schmutzige Scharmützel

Powerplay statt Fairplay. Die Weltwirtschaft driftet in eine heikle neue Phase - die ungebändigte dritte Welle der Globalisierung. Wir erleben die Renationalisierung der Wirtschaftspolitik, die Rückkehr staatlicher Willkür und die Unterspülung internationaler Vereinbarungen.

Eigentlich hatten wir uns die Globalisierung ja ganz anders vorgestellt. Geordneter irgendwie, fairer sowieso. Als einen Siegeszug der ökonomischen Rationalität und der Freiheit. Und was die Spielregeln angeht, darüber würde die Welthandelsorganisation, die WTO, schon wachen. Eine verbreitete Haltung, auch unter Managern und Ökonomen.

Jetzt stellt sich heraus, dass alles anders kommt. Ein neues Kapitel der Weltwirtschaftsgeschichte hat begonnen. Wir erleben die rapide Renationalisierung der Wirtschaftspolitik, die Rückkehr staatlicher Willkür und die Unterspülung internationaler Vereinbarungen. Regierungen und Unternehmenslenker spielen derzeit ein heikles Spiel um vermeintliche oder tatsächliche Interessen - Macht statt Markt.

Übertriebene Panikmache, meinen Sie? Ein paar Indizien:

Immer mehr Staaten versuchen heimische Unternehmen vor Übernahmen durch Ausländer zu schützen. Einige haben bereits Listen mit unberührbaren Branchen aufgestellt (Frankreich); andere verschärfen ihre Genehmigungsverfahren (USA) oder formieren informell den Widerstand (Spanien).

Auch die Bundesregierung bastelt derzeit an Abwehrmaßnahmen gegen unliebsame Übernehmer - lautstark unterstützt, bemerkenswert genug, von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Verbliebene Staatsbeteiligungen bleiben einstweilen als Schutz bestehen.

Solche Defensivstrategien gründen auch, aber bei Weitem nicht nur, in dem Unbehagen, das autoritär regierte Schwellenländer im Westen verursachen. Ob Russland (mm 11/2006), China (mm 4/2007) oder die Golfstaaten (mm 6/2007) - regierungsnahe Unternehmen und staatliche Investmentfonds sind zu mächtigen Spielern herangewachsen.

Powerplay statt Fairplay

Sie sind undurchschaubar, sowohl was ihre Mittel als auch was ihre Ziele angeht. Wollen sie Rendite, Technologien, Macht? Wer weiß.

Sicher ist nur, dass sie über enorme Feuerkraft verfügen: Die fünf größten Staatsfonds gebieten zusammen über ein geschätztes Vermögen von knapp zwei Billionen Dollar. Tendenz: rapide steigend.

Im Ringen der Staaten um ökonomische Vorteile kommt auch die multilaterale Handelsordnung, der wichtigste Ordnungsrahmen der bisherigen Globalisierung, unter die Räder. Seit sechs Jahren schleppt sich die Doha-Runde zur weiteren Liberalisierung des Welthandels dahin, ohne absehbares Ende.

Statt auf die WTO setzen die EU, die USA, aber auch große Schwellenländer auf neue bilaterale Freihandelsabkommen - im Zweifel gilt das Recht des Stärkeren, nicht gleiches Recht für alle.

Powerplay statt Fairplay.

In der Weltwirtschaftsgeschichte verläuft die internationale Integration der Märkte nicht gerade und stetig, sondern in Pendelschlägen: stürmisches Zusammenwachsen in der ersten Phase der Globalisierung im 19. Jahrhundert bis zum Kriegsausbruch 1914; dann der große Rückschlag, auf Jahrzehnte schotteten sich die Volkswirtschaften nach Kräften voneinander ab; schließlich die zweite Globalisierungswelle, als zunächst die Staaten des Westens vorsichtig ihre Grenzen öffneten und später fast die ganze Welt einbezogen wurde.

Es beginnt eine neue Ära

Nun schlägt das Pendel abermals zurück: Es beginnt eine neue Ära. Aber wie weit schlägt das Pendel zurück? Droht gar ein Handelskrieg wie in den düsteren 30er Jahren?

Vorerst sieht es nicht danach aus. Die globale Ökonomie ist derzeit eine robuste Veranstaltung: Das Wirtschaftswachstum verteilt sich auf immer mehr Länder.

Der Warenaustausch und die Kapitalströme erreichen immer neue Rekordmarken. Die Öffnung der Volkswirtschaften schreitet voran, unbeeindruckt von politischen Querelen. Nein, ein globaler Handelskrieg liegt in weiter Ferne.

Dafür werden vor allem die großen Unternehmen sorgen, die in einem früher unvorstellbaren Maß grenzüberschreitende Wertschöpfungsketten pflegen. Die traditionelle Kernfrage der Protektionisten lautete: "Wie können wir uns vor ausländischem Wettbewerb schützen?" Heute lautet die prompte Gegenfrage: "Wir? Wer ist eigentlich wir?"

In vielen größeren Unternehmen verlaufen die Konflikte längst jenseits nationaler Grenzen. Sie haben unmittelbares Interesse an offenen Grenzen. Im Prinzip jedenfalls. Aber sie sind auch immer häufiger in Konflikte verwickelt, in strategisches Ringen um Vorteile.

Dafür brauchen Manager Verbündete: Regierungen, andere Unternehmen, NGOs, wer auch immer gerade ähnliche Ziele verfolgt. Kein Handelskrieg, aber viele kleine, hässliche Scharmützel.

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