InBev Forsche Brasilianer

Der Bierkonzern InBev wird von einer jungdynamischen Sambariege beherrscht. Aus Frust verlassen nun immer mehr Manager die deutsche Tochter - bei Beck's gärt es.

Irgendwann hatte Roland Tobias (44) keine Lust mehr auf die Reisen von Bremen ins belgische Leuven. Immer wieder, immer häufiger musste der Deutschland-Chef des Bierkonzerns InBev  (Beck's, Diebels, Franziskaner, Hasseröder) in der Konzernzentrale nahe Brüssel antreten, um Befehle zu empfangen. Tobias, der vor zwölf Jahren zur damaligen Bremer Brauerei Beck & Co. gestoßen war, wollte jedoch kein ausführendes Organ mehr sein; er quittierte deshalb den Dienst.

Mit ihm ging Verkaufsdirektor Uwe Albershardt (45). Weitere Manager flüchteten in loser Folge: Controllingchef Jörg Söllner (37), der renommierte Produktionsmann Hans-Georg Eils (49) und zuletzt Kommunikationschef Jörg Schillinger (46) und Pressesprecher Michael Hoffmann (37). Damit nicht genug: Vor allem im Vertrieb sitzt - so wird kolportiert - die Hälfte der Mannschaft auf gepackten Koffern.

In Bremen gärt es - und nicht nur in den Biertanks. Die Stimmung ist mies bei vielen der rund 1700 Mitarbeiter. Sie sind zwar stolz, bei Beck's zu sein, aber auf den fernen Konzern, dem die Traditionsmarke gehört, und die fremden Herren, die diesen Konzern führen, schimpfen sie.

InBev - 2004 entstanden durch die Fusion der brasilianischen Ambev mit der belgischen Interbrew (die wiederum 2001 Beck & Co. gekauft hatte) - wird beherrscht von einer Sambariege um CEO Carlos Brito (46). Die Belgier sind sukzessive hinausgedrängt worden. Auf der ersten und zweiten Ebene von InBev sitzen fast nur noch junge, forsche Brasilianer - viele mit einem MBA-Abschluss in der Tasche.

Was sie an den Unis gelernt haben, setzen sie schulbuchmäßig um - auch in Bremen. Dort führten sie das Zero-Base-Budgeting-System ein. Jedes Jahr müssen bei der Etatplanung alle Kosten auf den Prüfstand. Meist werden sie gekürzt, auch die Marketingausgaben. Und die reduzierten Werbegelder gehen nur noch in die "Stürmermarken" (Konzernjargon), also Beck's, Franziskaner und Hasseröder. Die kleineren Labels (von Diebels über Gilde bis Löwenbräu) bekommen immer weniger ab.

Funklöcher und Lieferengpässe

Andererseits fordern die extrem ergebnisorientierten Brasilianer, die von ihren südamerikanischen Märkten fast nur Monopolgewinne gewohnt sind, auch von ihren europäischen Kolonien satte, aber unrealistische Renditen. Einwürfe der Deutschen, dass hierzulande aufgrund der großen Anzahl von Brauereien und Marken ein nahezu ruinöser Wettbewerb herrscht, werden von ihnen ignoriert. Wer die brasilianischen Herren auf solche Sonderheiten anspricht, bekommt als lapidare Antwort: "You must try harder."

Um einigermaßen erfolgreiche Zahlen nach Leuven zu melden, wird deshalb gespart, wo es nur geht. Die Folgen der Knauserei sind skurril bis gravierend: Durch den Wechsel zu einem günstigeren Mobilfunkbetreiber verschwinden die Vertriebsleute häufig unerreichbar in Funklöchern. Durch das Outsourcen des Rechnungswesens nach Osteuropa kam es zum Tohuwabohu bei der Fakturierung.

Und mehrmals gab es Lieferengpässe, weil Flaschen und Kisten fehlten. Händler berichten, dass ihre Lastwagen oft stundenlang in Bremen warten mussten, ehe sie dann mit halber Ladung vom Hof fuhren.

Der Getränkegroßhandel ist ziemlich erbost. Manche Distributeure greifen deshalb zu erzieherischen Maßnahmen. Sie halten ihre Zahlungen an InBev zurück, oder sie listen zum Beispiel die Beck's-Biermischgetränke (Green Lemon, Chilled Orange, Level 7) aus.

Auf die Hauptmarke Beck's zu verzichten, trauen sie sich freilich nicht. Sie ist zu begehrt - noch jedenfalls. Irgendwann könnte freilich auch das Toplabel unter dem unsensiblen Regime leiden.

Roland Tobias schaut sich das Treiben lieber aus der Nachbarstadt Hamburg an. Er ist seit dem 1. Juli Chef von Iglo Deutschland. Der Tiefkühlkonzern gehört zwar dem Private-Equity-Unternehmen Permira, aber "Heuschrecken" scheinen Tobias immer noch lieber zu sein als brasilianische Konzernherren.

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