VW/MAN Trennungsängste

Die Fusion der VW-eigenen Lastwagen-Beteiligungen MAN und Scania ist noch nicht beschlossen, da zeichnen sich bereits die ersten Verlierer ab.

Ferdinand Piëch (70) lässt sich so leicht nicht aufhalten. Fünf Jahre war der Salzburger Ingenieur Audi-Chef, eine Dekade lang hat er den Volkswagen-Konzern  als Vorstandschef geführt, fünf weitere Jahre als Aufsichtsratsvorsitzender. Und so gut wie immer hat er sich am Ende durchgesetzt.

Selbst die neue Fahrgemeinschaft zwischen Porsche  und Volkswagen ist ihm gelungen, die Machtübernahme des Familienclans Porsche/Piëch in Wolfsburg. Wer wollte daran zweifeln, dass auch Piëchs jüngstes Projekt reüssiert, die Fusion der VW-eigenen Lastwagen-Beteiligungen MAN  und Scania ?

Noch verhandelt Piëch mit der Wallenberg-Familie, dem zweiten Großaktionär des schwedischen Scania-Konzerns. Doch in den Zentralen der beteiligten Unternehmen fürchten sich bereits etliche Manager vor einem Eingreifen der automobilen Sagengestalt und seiner Getreuen.

Tatsächlich sind die ersten Verlierer schon auszumachen, und zwar in Hannover. Sollte es tatsächlich eine große Lkw-Allianz aus Volkswagen, MAN und Scania geben, will VW-Chef Martin Winterkorn (60) die VW-Nutzfahrzeugsparte der größeren Effizienz halber auflösen und mit der wesentlich größeren Pkw-Organisation vereinigen.

Die von Stephan Schaller (49) geführte Nutzfahrzeugsparte schreibt zwar Gewinn. Die Umsatzrendite von zuletzt knapp 3 Prozent im ersten Halbjahr 2007 aber passt trotz einer leichten Verbesserung gegenüber dem Vorjahreszeitraum nicht recht zu Winterkorns und Piëchs Vorgabe, sich am Branchenführer Toyota  zu orientieren.

Volkswagens Nutzfahrzeugeinheit (19.400 Mitarbeiter, 4,4 Milliarden Euro Umsatz im ersten Halbjahr 2007) besteht aus zwei Teilen: Erstens aus einem Werk für Busse und Lkw in Brasilien, das MAN und Scania zugeordnet werden soll. Zweitens, ungleich umsatzstärker, aus den leichten Nutzfahrzeugen in Hannover.

Vieles in Hannover ist überflüssig

Vieles in Hannover, so die Überlegung der Wolfsburger Granden, sei überflüssig. Die Entwicklung der leichten Nutzfahrzeuge fußt zum großen Teil auf Pkw-Technik und zum Teil auch auf Pkw-Plattformen. Sie ließe sich leicht in die Wolfsburger Organisation integrieren.

Der Vertrieb könnte weitgehend vom neuen Lkw-Konzern übernommen werden, ähnlich wie es Mercedes erfolgreich vormacht. Und dem Transporterwerk in Hannover täte eine Übernahme durch VW-Produktionschef Jochem Heizmann (55) wohl gut. Die Fabrik gilt als die ineffizienteste im Konzern.

Noch gibt es keinen formellen Vorstandsbeschluss. Sollte der Plan jedoch umgesetzt werden, bliebe von Schallers alter Organisation nicht viel übrig.

Immerhin könnte der eine oder andere in der Lkw-Allianz unterkommen. Die VW-Spitze stellt gerade ein Team für das künftige Unternehmen zusammen. Im Gespräch ist unter anderem VW-Pkw-Vertriebschef Michael Kern (52).

Auch bei MAN regt die Zukunft als Großkonzern offenbar schon Planspiele an; und das nicht nur in München, wo das Gerangel um die Topjobs beginnt. Auch in Essen, bei der Tochter Ferrostaal, wächst die Nervosität.

Einen Tag vor den Osterferien, MAN war längst unter Kontrolle von VW geraten, hatte Ferrostaal-Chef Matthias Mitscherlich (58) seine rund 100 Topführungskräfte zusammengerufen. Im Essener Saalbau, dem Sitz der Philharmonie, lauschten die Manager den Ausführungen des Vorstandsvorsitzenden über das vergangene Geschäftsjahr. Das hatte die Ferrostaal AG mit einem Rekordgewinn von 119 Millionen Euro abgeschlossen.

"Vorauseilender Gehorsam"

Als Mitscherlich, der auch dem Vorstand der MAN AG angehört, zu einem Ausblick auf die Zukunft von Ferrostaal ansetzte, trauten viele ihren Ohren nicht. Ferrostaal, so Mitscherlich sinngemäß, müsse sich künftig für externe Investoren attraktiv positionieren. Das weitverzweigte Portfolio mit einem Umsatz von 1,4 Milliarden Euro, zu dem zum Beispiel Großanlagen- und Schiffbau sowie Rohstoffhandel zählen, werde in den kommenden Monaten genauestens überprüft.

Mitscherlich hatte damit ein Thema angesprochen, dem MAN-Lenker Håkan Samuelsson (56) schon länger nachhängt: Ferrostaal passt nicht recht zum MAN-Kerngeschäft und gehört verkauft. Jetzt sieht Mitscherlich offenbar den Zeitpunkt dafür gekommen.

Die Ferrostaal-Manager reagierten erbost, sprachen von "vorauseilendem Gehorsam". Kaum tauche Ferdinand Piëch mit seinen Visionen auf, biete sich Mitscherlich selbst zum Verkauf an.

Offiziell klingt das bei Ferrostaal anders. Das habe Mitscherlich nicht so gesagt, schon gar nicht so gemeint. Die alarmierte Pressestelle des Unternehmens schickte gleich eine Mail an die Führungskräfte.

Auf mögliche Journalistenfragen nach einem Verkauf der Firma sei wie folgt zu antworten: "Ferrostaal wird bei MAN weiter die Rolle (...) als weltweite Vertriebsplattform für die gesamte Gruppe spielen." Dabei hätten VW, MAN und Scania auch ohne Ferrostaal genügend Vertriebskraft.

An anderen Stellen des entstehenden Konzerns kooperiert man derweil schon zu beiderseitigem Nutzen: Als MAN am 27. Juni im Münchener Hotel "Bayerischer Hof" seine neuen Acht-Zylinder-Motoren für schwere Lkw präsentierte, wurden die geladenen Gäste in Acht-Zylinder-Modellen eines eng befreundeten Unternehmens chauffiert: Eingesetzt wurde der VIP-Service der VW-Tochter Audi .

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