Neidgesellschaft Die gelbe Gefahr

Die Verteilung der Einkommen und Vermögen spitzt sich in Deutschland weiter zu. manager magazin hat die Bundesbürger daher befragen lassen, was sie von den reichsten Deutschen halten. Ergebnis: Wer viel Geld hat, muss auch Neider ertragen.

Im Spiel offenbart der Mensch seine wahre Natur und lässt einen Blick in die Gefilde, aber auch in die Abgründe seiner Seele zu, die im Alltag gewöhnlich verborgen bleiben.

Der Frage beispielsweise "Wie neidisch ist eigentlich der Mensch?" gingen Forscher der britischen Universität Warwick nicht zuletzt aus diesem Grund sozusagen spielerisch nach: Sie ersannen ein höchst interessantes, aber auch erschreckendes Laborexperiment zur Neidmessung.

Jeder Proband bekam etwas Geld, das er beim Wetten einsetzen konnte - einige willkürlich ausgewählte Teilnehmer allerdings erhielten darüber hinaus einen zusätzlichen Betrag in unterschiedlicher Höhe. So bildete sich in Stufe eins des Spiels, wie im wahren Leben, eine höchst ungleichmäßige Vermögensverteilung heraus - und es ging sogleich spannend zu.

Denn in Stufe zwei des Experiments hatten die Probanden die Möglichkeit, das Geld der anderen Mitspieler "zu verbrennen", also deren Guthaben zu verringern. Um ihr Ziel zu erreichen, mussten sie freilich eine Art "Neidersteuer" entrichten.

Mit anderen Worten, ein Neider konnte einen Mitspieler nur unter der einen Voraussetzung schädigen, dass er bereit war, seinerseits einen Vermögensverlust hinzunehmen. Die Ergebnisse des Experiments waren frappierend: 62,5 Prozent der Teilnehmer zeigten neidisches Verhalten, indem sie, um den Preis eigener Verluste, das Geld ihrer Konkurrenten "verbrannten".

Besonders rabiat gingen die sogenannten Armen zu Werke, jene Probanden, die in der ersten Runde kein zusätzliches Geschenk erhalten hatten und offenbar das Gefühl hatten, zu kurz gekommen zu sein: Sie versuchten mit besonders großem Nachdruck, die Vermögen der Glücklicheren zu verringern.

Dabei zeigte sich: Je größer das Geschenk in Stufe eins ausgefallen war, desto energischer wurde es den "Reichen" von den Unterprivilegierten wieder abgeknöpft. Kurz und gut, das Experiment brachte eine Art progressive Vermögensteuer hervor.

Mieses Zeugnis für die Spezies Mensch

"Aus Neid entsteht in menschlichen Gesellschaften ein Rattenrennen", sagt der italo-britische Ökonom Daniel Zizzo. "Und das kann extrem destruktiv sein."

Am Ende hatten die Probanden ein ökonomisches Desaster angerichtet: 48,7 Prozent des insgesamt vorhandenen Geldes wurden vernichtet.

Das Experiment, ersonnen und analysiert von Zizzo und seinem Kollegen Andrew Oswald, stellt der Spezies Mensch ein ziemlich mieses Zeugnis aus: Im Zweifel ist der Neid stärker als die (wirtschaftliche) Vernunft. Offenbar ist der Laborversuch von der Wirklichkeit nicht weit entfernt: Im Experimentierfeld Deutschland nimmt sich das Rattenrennen nicht wesentlich ansehnlicher aus.

Dies belegt eine repräsentative Untersuchung im Auftrag des manager magazins für die Bundesbürger gefragt wurden, wie sie die Besitzer großer Vermögen sehen.

Die Ergebnisse erinnern an die Zizzo-Versuche: 80 Prozent der Bundesbürger fordern, dass sehr wohlhabende Mitbürger stärker zur Kasse gebeten werden, etwa mittels der "Einführung einer Vermögensteuer auf große Vermögen" - auch auf die Gefahr hin, dass Deutschland diese Vermögen an attraktivere Länder verliert.

Der Geldadel hat aus Sicht des Durchschnittsverdieners gegenüber der Gesellschaft eine Bringschuld: Wer reich ist, verlangt eine große Mehrheit von 73 Prozent, solle auch verstärkt investieren und spenden und dürfe durchaus öffentlichem Druck ausgesetzt werden.

Aber den Begüterten dafür entgegenkommen mit ähnlich günstigen Steuern wie in den Nachbarländern Schweiz und Österreich oder mit einer zumindest reichenfreundlichen Stimmung, die die Erfolg-Reichen "öffentlich als Vorbilder" hinstellte?

Der Homo sapiens neidet

Bloß nicht. Nur knapp jeder dritte Bundesbürger ist der Meinung, dass die Attraktivität von Deutschland als Lebensstandort der Superreichen erhöht werden müsse.

Es ist unbestritten, dass ein Exodus der Reichen und Klugen Deutschland schadet. Dennoch ist eine große Mehrheit der Meinung: Lieber größtmögliche Gleichheit, auch wenn es am Ende sowohl der Gesellschaft insgesamt als auch den meisten Befragten individuell schlechter geht. Neid, so sieht man es seit alters, ist ein höchst zerstörerischer, ja selbstzerstörerischer Trieb: einer, der Beneidete und Neider gleichermaßen schädigt - das gelbe Gefühl, das den Menschen von innen vergiftet wie ein Leberschaden. Offenkundig ist der Neid ein Urwesenszug des Menschen: "Eine anthropologische Grundkategorie", wie es der Soziologe Helmut Schoeck formulierte.

Der Homo sapiens neidet, so erkannte der Spanier Gonzalo Fernández de la Mora, ein anderer Pionier der neueren Neidforschung, weil er die Welt nur wahrnehmen könne, indem er vergleiche: "Alle identifizieren wir uns und ordnen wir uns ein in Bezug auf die anderen."

Erst die Beziehungen zu seinen Mitmenschen mache aus einem Individuum ein soziales Wesen. "Dieser zwischenmenschliche Vergleich, aus dem der Neid hervorgeht, ist also kein Steckenpferd oder eine Schwäche bestimmter Leute", er sei vielmehr "eine unabänderliche Tatsache". Dennoch bekennt sich kaum jemand zu diesem Gefühl.

In der manager-magazin-Untersuchung geben lediglich 10 Prozent der Befragten zu, die Existenz der Superreichen mache sie neidisch. Reiner Selbstbetrug, wie das Geldverbrennungsexperiment zeigt.

Neid ist ein Tabu - eines der wenigen der westlichen Gesellschaften. Weder sich selbst noch anderen vermag man ihn einzugestehen.

Gewiss, Neid hat die Kraft, Gesellschaften innerlich zu zerreißen. Aber er ist auch eine "gesellschaftsformende Kraft", wie der Philosoph Friedhelm Decher sagt: Ohne das Vergleichen und Messen mit anderen kämen die Individuen einander nicht so nahe. Diese Ambivalenz führt jede Gesellschaft automatisch zur wichtigen Frage nach der richtigen Balance: Wie viel Ungleichheit erträgt der Neid?

Jenseits von Eden

Und wie schaffen wir es, den Neid produktiv zu nutzen? Schon in der Bibel beginnt das Leiden des Menschen mit dem Sündenfall, also mit dem Eintritt des Neides in die Welt.

Weil Adam Gott dessen Sonderstellung neidet, will er werden wie er und probiert - angestachelt von der Schlange und Eva - die Frucht vom tabuisierten Baum der Erkenntnis. Dies war das Ende aller paradiesischen Zustände auf Erden: Weil er neidet, muss der Mensch fürderhin sein Leben jenseits von Eden fristen. Und hart arbeiten.

Ganz ähnlich ist es bei der Geschichte von Kain und Abel: Weil Kain seinem Bruder Abel dessen Gottgefälligkeit neidet, erschlägt er ihn. Doch Kain wird nicht etwa von Gott bestraft, um die Menschheit vor dem Bösen zu schützen, sondern stattdessen zu einer zentralen Figur der Menschheitsgeschichte.

Der Neider Kain, versehen mit einem Schandmal, zieht in die Welt und entfaltet enorme Produktivität: Er gründet eine Stadt und eine Familie, zeugt eine Menge Kinder.

Schon im Alten Testament zeigt sich die Doppelgesichtigkeit des Neids: einerseits zerstörerische Macht, andererseits Antrieb zu kulturellen und wirtschaftlichen Höchstleistungen.

Dennoch bleibt von dieser Ambivalenz im Mittelalter nur die negative Seite im Blickfeld. Verständlicherweise, denn in der festgefügten Ständegesellschaft würde der von Neid getriebene Aufsteiger die Ruhe und Ordnung stören.

Die katholische Kirche erklärt die "Invidia" zu einem der sieben "Hauptlaster". Das Rattenrennen wird durch Androhung der höchstmöglichen Strafe (ewiges Fegefeuer) zu unterbinden versucht. Erst der Reformator Johannes Calvin erklärt das Anhäufen irdischer Güter durch harte Arbeit für gottgefällig. Er legt die ethische Grundlage für jene Neid erregenden materiellen Unterschiede, die später den "Geist des Kapitalismus" (der Soziologe Max Weber) wehen lassen.

So sein wie die Aldi-Brüder?

"Neid ist einer der zentralen Motoren der Marktgesellschaft", sagt der Frankfurter Psychologieprofessor Rolf Haubl, Verfasser eines Standardwerks zum Thema*. Es ist die historische Leistung der offenen bürgerlichen Gesellschaft, die destruktive Missgunst in produktive Anreize umzumünzen.

Es komme ganz darauf an, "was der Gegenstand des menschlichen Rattenrennens" sei, meint der Experimentalökonom Daniel Zizzo.

Entzündet sich der Neid an der Zuteilung staatlicher Transferzahlungen und Steuerbelastungen - oder am Erfolg wagemutiger Unternehmer, Wissenschaftler, Künstler? Ein großer Unterschied, befindet Zizzo. Gesellschaften, deren Mitglieder den erfolgreichen Entrepreneuren nacheiferten, seien eher in der Lage, neidische Ur-Instinkte in ökonomische Erfolge zu verwandeln, als solche, die - ähnlich wie die Spieler im Geldverbrennungsexperiment -, in Kauf nähmen, sich selbst zu schädigen, wenn sie dadurch dem anderen Verluste zufügen können.

Aber auch Deutschland ist nach wie vor ein Land, in dem unternehmerische Leistungen und die daraus resultierenden finanziellen Segnungen respektiert werden, wie die mm-Untersuchung zeigt: Immerhin die Hälfte der Befragten hält die Begüterten für "überwiegend sehr erfolgreiche Unternehmer, die es verdient haben, ein so großes Vermögen zu besitzen".

Allerdings sind die reichsten Deutschen nur für wenige der Befragten auch Vorbilder, an denen sich ihr eigener Ehrgeiz entzündet. Möchte man so sein wie die Aldi-Brüder, Otto Beisheim oder Hasso Plattner? Eher nicht. Lediglich 22 Prozent der Bundesbürger sagen, die Existenz großer Vermögen sporne sie persönlich zu mehr Leistung an.

Das ist keine Überraschung: Menschen vergleichen sich weniger mit Vertretern gesellschaftlicher Sphären, die außerhalb ihrer Reichweite liegen. Neidgefühle entwickelt der Mensch eher gegenüber Mitgliedern der gleichen sozialen Schicht - "gegenüber einem früheren Schulkollegen, einem Nachbarn oder einer Arbeitskollegin, wo jemand glaubt, dass der Erfolg in Reichweite lag, aber trotzdem nicht eintrat", so der Züricher Ökonom Ernst Fehr.

Wohlhabender, aber nicht glücklicher

Deshalb blieben die Leistungsanreize in den westlichen, nivellierten Mittelschichtsgesellschaften der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erhalten.

Es ging nicht ums "Catching up with the Rockefellers", sondern um das schlichtere "Keeping up with the Joneses" - den materiellen Wettbewerb mit den Leuten von nebenan. Man kämpfte um das neue Automodell, die nächste Kleidermode, die weitere Urlaubsreise, das tollere Haus.

Dieser Dynamik folgend, wurden die Menschen zwar immer wohlhabender, aber nicht glücklicher. Seit Jahrzehnten nimmt die Lebenszufriedenheit in den reichen Wirtschaftsnationen nicht zu. Das gilt nicht zuletzt für Deutschland. Die Mehrheit der Bürger erlebt inzwischen, dass ihr Lebensstandard mitnichten steigt. Seit Mitte der 90er Jahre stagnieren die Durchschnittseinkommen nach Abzug von Steuern, Abgaben und Inflation.

Zugleich polarisiert sich die Verteilung immer stärker. Die am besten verdienenden 30 Prozent der Gesellschaft kommen heute auf 50 Prozent der Einkommen, die am schlechtesten gestellten 30 Prozent nur noch auf 14 Prozent.

Noch wesentlich ungleichmäßiger sind die Vermögen verteilt: Die wohlhabendsten 30 Prozent der Bevölkerung besitzen stattliche 82 Prozent der privaten Vermögen, die ärmsten 30 Prozent kommen auf sage und schreibe null Prozent.

Egal, ob man Einkommen oder Vermögen betrachtet: Die Verteilung spitzt sich weiter zu. Die obersten 30 Prozent gewinnen, die untersten 30 Prozent verlieren - und die 40 Prozent dazwischen stagnieren. Das ist das Muster seit Anfang der 90er Jahre.

Die Regeln des Rattenrennens

Entsprechend haben sich die Regeln des deutschen Rattenrennens verändert. "Keeping up with the Joneses" heißt für zwei Drittel der Bundesbürger nicht mehr: die Leiter weiter nach oben steigen. Sondern: sich festklammern, wo man ist. Womöglich gar: nicht schneller absteigen als die anderen.

Der naturgegebene Neid übersetzt sich deshalb weniger in produktive Leistungsbereitschaft als vielmehr in destruktive Umverteilungsgelüste - die positive soziale Dynamik der prosperierenden Wirtschaftswunder-Nation hat sich in ihr Gegenteil verkehrt.

Mit feinem Gespür für die animalischen Instinkte der großen Mehrheit hat die Große Koalition zum Beispiel die "Reichensteuer" beschlossen.

Deren eigentlicher Sinn ist nicht die Konsolidierung des Staatshaushalts, sondern die Schädigung der sehr gut Verdienenden.

Dass der Preis dieser Politik hoch ist - weil sich viele der Angesprochenen dem großen Treck von Deutschen ins Ausland anschließen und ihre Produktivität künftig nicht mehr hierzulande entfalten ( siehe "Auswanderung: Ihr fehlt uns") -, nimmt die schwarz-rote Regierung hin. Nicht gerade ein Ausweis souveräner politischer Führung.

Neid sei zwar in der Gesellschaft allgegenwärtig, warnte einst der 1993 verstorbene Sozialforscher Helmut Schoeck, er dürfe aber nicht zur Maxime der Politik werden.

Denn von Missgunst verformte Steuer- und Transfersysteme drohen eine Gesellschaft zu degenerieren, wie im Geldverbrennungsexperiment von Warwick. Der Staat, fordert Schoeck, solle deshalb so handeln, "als ob man auf den Neider keine Rücksicht zu nehmen brauche".

Die Forderung nach einer missgunstfreien Politik entlässt die glücklichen Beneideten indes nicht aus ihrer sozialen Verpflichtung. In jeder Gesellschaft und zu allen Zeiten mussten sich die Privilegierten für ihre herausgehobene Stellung rechtfertigen, durch Leistungen, die der Allgemeinheit zugutekommen.

Bill Gates und Warren Buffett, zwei der reichsten Männer der Welt, haben die größten Teile ihrer Milliardenvermögen gespendet. Viele der reichsten Deutschen - bei der Mehrheit handelt es sich um typische mittelständische Unternehmerfamilien - engagieren sich in ihrer Region, kümmern sich teils persönlich um Mitarbeiter und deren Familien.

Die Leere des eigenen Seins

Ansonsten leben die meisten der reichsten Deutschen nach dem Motto: Bloß nicht auffallen, bloß keinen Neid erregen.

Sie halten sich in der Öffentlichkeit zurück, verstecken ihre Villen hinter hohen Hecken, fahren in teuren, aber schlichten dunklen Limousinen durch die Gegend.

Es ist eine Strategie, die die Privilegierten seit alters anwenden. "Krame nicht zu glänzend deine Pracht, deinen Reichtum, deine Talente aus!", riet der Benimmmoralist Adolph Freiherr von Knigge. Nach christlicher Lehre leiden die weniger Glücklichen ohnehin unter ihrer Armut, da sollten sie nicht noch durch die Prahlerei der Reichen beschämt werden. Die Calvinisten trieben das Schlichtheitsgebot auf die Spitze.

Voraussetzung für solche Zurückhaltung ist freilich eine gewisse innere Größe: Wer über ein Selbstwertgefühl verfügt, das sich aus anderen Quellen speist als aus dem Ansehen, das er bei seinen Mitmenschen genießt, ist eher in der Lage, sich in äußerer Bescheidenheit zu üben.

Dies gelinge allerdings immer weniger Menschen, erzählt Rolf Haubl. In seiner psychotherapeutischen Praxis behandelt er überwiegend Angehörige der Oberschicht. Bei seinen Patienten diagnostiziert er immer häufiger eine regelrechte Sucht nach Anerkennung.

Beneidet zu werden sei "ein Liebesersatz" in einer Gesellschaft, in der nicht finanzielle Wertmaßstäbe und enge persönliche Bindungen verloren gingen. Wer nicht mehr ist als das, was er hat, für den wird der Neid anderer Leute zum "wichtigsten Indikator des eigenen Wertes". Eine Brücke über die Leere des eigenen Seins - aber keine sonderlich tragfähige. "Wer beneidet wird, der glaubt, dass er's geschafft hat", sagt Haubl. Er darf sich dann allerdings nicht über die deutsche Neidgesellschaft beklagen.

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