Klaus Schwab Der Netzkünstler

Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums in Davos, führt die Mächtigen der Welt zusammen - zu unternehmerischem wie öffentlichem Nutzen.

Es war eine zwiespältige Erfahrung für Klaus Schwab - zu merken, dass er es geschafft hatte. Mitte der 70er Jahre sei das gewesen, erzählt er. Der junge Wirtschaftsprofessor hatte sich mit Managementkonferenzen in Davos bei Fachleuten einen Namen gemacht. Eines Morgens bat er seine Sekretärin, ihn doch mit Herrn Giscard d'Estaing zu verbinden. Gemeint war Olivier Giscard d'Estaing, der Gründer der Privathochschule Insead. Die Verbindung kam flugs zustande, Schwab nahm ab. "Gis - card - d'Es - taing" schnarrte eine tiefe Stimme. Schlagartig begriff Schwab, dass er nicht Olivier an der Strippe hatte, sondern dessen Bruder Valéry, den damaligen französischen Staatspräsidenten; die Sekretärin hatte irrtümlich im Elysée-Palast angerufen und war gleich durchgestellt worden. "Da hab' ich", bekennt er, "vor lauter Schreck einfach den Hörer aufgeknallt."

Wie anders sieht es aus, wenn er heute auf die Mächtigen trifft. So wie an diesem Morgen in Washington. Da sitzt Schwab im Konferenzsaal des amerikanischen Außenministeriums. Mit ihm sind rund 80 junge Manager, Unternehmer und Politiker aus aller Welt gekommen, die sich zu Schwabs Nachwuchsgruppe "Young Global Leaders" zählen dürfen. Gemeinsam wollen sie einen Tag lang die Absichten der US-Regierung erkunden, und die bietet gleich das halbe Kabinett auf, vom Stabschef bis zur Außenministerin. Da ist sie auch schon. Condoleezza Rice rauscht herein: im maisgelben Kostüm, akkurat, breit lächelnd, wie man sie kennt.

Klaus Schwab schreitet ihr entgegen, begrüßt sie mit ausgiebigem Händedruck, geleitet sie auf die Bühne. Dann regnet es Artigkeiten - vor allem für den Gast. Condoleezza Rice dankt Schwab für die große Ehre seines Besuchs, lobt seine Arbeit im Allgemeinen und erinnert daran, dass sie "Klaus" schon lange kenne, von Begegnungen in Harvard. Schwab, ein Mann mit rundem Denkerschädel und gütigen Augen, nimmt die Eloge gefasst, ja routiniert entgegen.

Kein Deutscher - von Staatslenkern einmal abgesehen - trifft die globalen Entscheider so oft wie er. Keiner versteht es besser, sie in ein privat organisiertes Netz einzubinden.

Klaus Schwab (69) schuf mit seinem jährlichen Treffen in Davos, dem Weltwirtschaftsforum, eine "einzigartige Kontaktbörse auf höchstem Niveau", wie das Schweizer Wirtschaftsblatt "Bilanz" attestiert. Hier begegnen sich die Spitzen der globalen Geschäftsgemeinde, debattieren mit Wissenschaftlern und Politikern, mit Künstlern und einflussreichen Verbändechefs.

Die Zeit zwischen den Jahresversammlungen füllt inzwischen eine Vielzahl weiterer Treffen. Schwab, ein "human tornado of ideas" ("Wall Street Journal"), ersann rund ein Dutzend Regionalforen, die - über die ganze Welt verteilt - die Gewaltigen anziehen.

Ein feines Gespür für Mentalitäten

Die Bezeichnung "Veranstaltungsmanager" mag der Impresario allerdings gar nicht, "da geh' ich in die Luft". Über schnödes Kongresswesen ist er längst hinaus. Sein "World Economic Forum" (WEF), eine Stiftung mit 280 Mitarbeitern in Genf, zielt auf nicht weniger, als "den Zustand der Welt zu verbessern", wie es in der Selbstdarstellung heißt.

Tatsächlich gingen vom WEF mehr als 20 soziale und politische Initiativen aus, etwa eine Kampagne gegen die Menschheitsgeißeln Aids, Tuberkulose und Malaria, ein Treibhausgas-Register oder der Rat der 100 Führer, der den westlich-islamischen Dialog pflegt. Immer wieder nutzten Politiker Davos für heikle Missionen. Hier unterzeichneten 1988 Griechen und Türken ein Annäherungsabkommen. Hier besprachen 1989 Helmut Kohl und der damalige DDR-Ministerpräsident Hans Modrow die Wiedervereinigung. Mittendrin, in stiller Diplomatie: Klaus Schwab.

"Eigentlich bin ich ein ungeselliger Mensch", behauptet er. Wohltätigkeitsgalas etwa seien ihm ein Graus. Private Einladungen nehme er nur selten an, "man isst zu viel, man trinkt zu viel, man kommt zu spät ins Bett".

Trotz aller Weltläufigkeit: Das Geschliffene, das man erwarten würde, fehlt ihm. Seine schwäbische Herkunft klingt deutlich durch. Englisch geht ihm sicher über die Lippen, wiewohl in reichlich germanischer Aussprache.

Die Stimme aber passt: dunkel und beruhigend klingt sie. Im Verein mit dem Adagio seiner Rede verleiht sie ihm präsidiales Gewicht.

Sein größtes Talent liegt offenkundig in einem feinen Gespür für Mentalitäten und Interessenlagen. Bei der Visite in Washington sieht man ihn während der Pausen alle paar Minuten mit jemand anderem plaudern. Ob es eine Geschäftsfrau aus dem Iran ist, ein Oppositioneller aus Simbabwe oder ein Banker aus Frankreich - mit allen kommt er ohne Mühe gedeihlich ins Gespräch.

Sein Gegenüber entlässt er gern mit einem Wink in eigener Sache: "Wenn Sie das nächste Mal nach Genf kommen ..." hört man ihn sagen, oder "Wir sehen uns dann in Dalian"; in der chinesischen Großstadt Dalian richtet das WEF Anfang September erstmals eine Art Sommer-Davos aus, speziell für den Boom-Kontinent Asien. Der US-Außenministerin nimmt er in einem Privatissimum nach ihrem Auftritt die erneute Zusage ab, dass sie zu seinem Nahost-Regionalgipfel nach Amman kommen wird.

"Ich bin kein Kontaktbroker"

3000 bis 4000 Entscheider, überschlägt Schwab, umfasse die Gemeinschaft des World Economic Forum - sein Netzwerk. Er managt es mit dem Flugticket. Unablässig reist er um den Globus, besucht nahezu jedes regionale Treffen und was sonst noch auf dem Weg liegt. Den wichtigsten Leuten begegne er drei- bis viermal im Jahr.

Eine spezielle Kontaktpflege betreibe er nicht. Was ihn nicht hindert, etwa zum 70. Geburtstag von VW-Patron Ferdinand Piëch zu gehen.

Schwab kennt alle, und alle können einander auf Schwabs Plattformen kennenlernen. Einen "heiligen Grundsatz", sagt er, halte er jedoch immer ein: "Ich vermittle keine individuellen Zugänge. Ich bin kein Kontaktbroker."

Den Sinn für globale Verbindungen hat er wohl von seinem Vater geerbt. Der leitete in Ravensburg die deutsche Niederlassung eines Schweizer Turbinenbauers. Er reiste viel und pflegte als passionierter Rotarier einen verzweigten Bekanntenkreis. Klaus Schwab, der mittlere von drei Söhnen, profitierte davon. Schon in den 50er Jahren verbrachte er seine Ferien bei befreundeten Rotariern im Ausland.

Sein Vater drängte ihn, Maschinenbau zu studieren. Der Filius hätte lieber Ökonomie belegt. Da studierte er eben beides und promovierte doppelt.

Eine leitende Position in der Firma des Vaters gefiel ihm nur für vier Jahre. Es zog ihn ins Akademische. 34-jährig wurde er Professor in Genf.

Davos-Premiere mit 400 Teilnehmern

Sein erster Kongress in Davos, 1971, hatte noch ein eindeutig betriebswirtschaftliches Thema. Schwab wollte die europäischen Führungskräfte mit den neuen amerikanischen Managementmethoden vertraut machen, die er bei einem Aufbaustudium in Harvard kennengelernt hatte.

Die Premiere zog 400 Teilnehmer an, ein schöner Erfolg. Nebenher fand er sogar sein privates Glück. Hilde Stoll, die als seine erste Mitarbeiterin die Tagung organisiert hatte, wurde seine Frau. Bis heute ist sie seine wichtigste Beraterin.

In den Folgejahren schwand das Interesse an Managerlektionen. Der Gründer reagierte, mischte mehr Politisches ins Programm - die europäische Integration, die Energiekrise, schließlich die heutigen Generalthemen: Globalisierung und soziale Verantwortung.

Gegen blinde wirtschaftliche Macht setzt der emiritierte Professor den Diskurs: "Wir wollen Leute zum Nachdenken bringen - über ihre Existenz und ihre Verantwortung." Als einer der Ersten, reklamiert Schwab, habe er von Stakeholdern gesprochen. Demnach besitzen nicht nur die Kapitalgeber berechtigte Ansprüche an ein Unternehmen, sondern eine Vielzahl von Interessengruppen, einschließlich der Mitarbeiter oder der Öffentlichkeit.

Die Weltverbesserung betreibt er freilich mit ausgesuchten Verbündeten. Als Stiftungsmitglieder akzeptiert das WEF im Kern nur Unternehmen mit mindestens einer Milliarde Dollar Umsatz. Von den 500 größten Firmen der Welt nach Version des US-Magazins "Fortune" gehören 350 dem Forum an, von den Top 100 sind es 80.

Ein Ritter als intellektueller Künstler

Das Elitäre hat dem Forum auch Kritik eingebracht. Erst protestierten Mittelständler, die sich hinausgedrängt sahen. Dann nahmen, ungleich heftiger, Globalisierungsgegner das WEF unter Beschuss. In Schwabs exklusivem Zirkel sahen sie eine neoliberale Verschwörung. Gegengipfel wie das Weltsozialforum entstanden. Die Anwürfe sind abgeflaut, seit der Maître verstärkt die sogenannten Non-Government-Organisationen wie Greenpeace oder Amnesty zur Debatte einlädt.

Daniel Lubetzky, ein Enddreißiger aus der Nachwuchsriege Young Global Leaders, kennt beide Seiten. "Beim Sozialforum bin ich schon gewesen", erzählt er und winkt ab, "da wird nur gejammert." Schwab hingegen bringe die Entscheider zusammen, "damit wirklich etwas passiert". Lubetzky, ein Amerikaner mit jüdischen Wurzeln in Europa, steht dem Unternehmen Peaceworks vor, das vermeintliche Todfeinde mit gemeinsamen Geschäften versöhnen will, besonders Israelis und Palästinenser. "Wenn die Politik keinen Frieden schaffen kann", meint er, "dann müssen wir Unternehmer es tun."

Ein Modell ganz nach Schwabs Geschmack. "Ich bin überzeugt, dass nur Unternehmertum wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt schaffen kann", bekennt er.

"Klaus Schwab ist ein Realist und ein Idealist", urteilt ein norwegischer Teilnehmer der Washingtoner Runde. Realist, weil er nicht gegen, sondern mit dem Establishment arbeite. Idealist, weil er an die Kraft des Dialogs glaube.

Dreieinhalb Jahrzehnte im Dienst von Debatte und Zwiegespräch haben Klaus Schwab international enormes Renommee eingebracht. Seit ein paar Jahren häufen sich die Ehren: Doktorwürden, Orden, Medaillen. Im vergangenen Jahr schlug ihn die Queen sogar zum Ritter.

Die Anerkennung, der Umgang mit den Großen der Welt gefallen ihm wohl. Sein Antrieb aber ist ein anderer. Ihn bewegt die Freude an einem Werk, das sich mit den Jahren nicht verschleißt, sondern immer weiter wächst. Jeder Gipfel kitzelt seine Kreativität aufs Neue - welche Themen sind die richtigen? Welchen "Beitrag", wie Schwab gern sagt, können er und sein Forum leisten?

"Ich sehe mich", sagt er unbescheiden, "als intellektuellen Künstler." Ein gutes Argument gegen das Aufhören. "Ich kenne keinen großen Künstler, der sich zur Ruhe setzt", meint Schwab. Er wird sich an die Regel halten.

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