Expertenrat Mehr Weh als Fern

Frust begrenzen, heißt das Motto der Reiseprofis; und alle Chancen nutzen, vielleicht doch irgendwie schneller von A nach B zu kommen. Routinierte Business-Traveller verraten, wie sie ihre Reisezeit verkürzen, wie sie widrige Situationen meistern und welche Tricks unterwegs helfen.
Von Anne Preissner

Grenzübergang Frankfurt/Oder: Zwei Stunden stehen Barbara Kux (53) und ihr Chauffeur regelmäßig im Stau, ehe sie in Polen einreisen dürfen. Entnervt vom Warten, entdeckt die Philips-Managerin eines Tages die schnelle Variante des Seitenwechsels - den Fußweg.

Bei ihrem nächsten Trip ins östliche Nachbarland lässt sich die Einkaufschefin des niederländischen Elektronikkonzerns von ihrem Fahrer direkt an der Grenze absetzen, schlendert durch die Kontrolle und steigt auf der polnischen Seite in ein anderes Dienstfahrzeug ein.

"Wie überliste ich das System?", fragt sich Kux ständig. Seit Jahrzehnten ist die gebürtige Schweizerin in Europa unterwegs und fliegt regelmäßig in die USA und nach Asien. Als Mitglied der Philips-Konzernleitung verantwortet sie seit knapp vier Jahren ein Beschaffungsvolumen von jährlich rund 20 Milliarden Euro. Sie hat gelernt, mit Hetze, unvorhersehbaren Verzögerungen und Jetlag zu leben: "Ich reise gern."

Barbara Kux hat, ganz typisch für Vielreisende, einen mentalen Schutzschild entwickelt. Auch wenn seit dem Terroranschlag vom 11. September 2001 die Check-in-Prozeduren peinigend und die Verspätungen im Flug- und Zugverkehr nicht weniger geworden sind - "aufregen bringt nichts", resümiert Joachim Reinhart (60), Europa-Chef von Panasonic.

Wie Manager versuchen, ihre Reisezeit zu optimieren, und mit unangenehmen Situationen umgehen, ist allerdings höchst unterschiedlich. Sie sei eine "Künstlerin im Last-Minute-Check-in", gesteht Barbara Kux. Personalberater Heiner Thorborg (62) hingegen hat dem Eilprinzip längst abgeschworen: "In VIP-Lounges lässt es sich prima nachdenken und telefonieren." Bahn-Liebhaberin Karen Heumann (42), Vorstand bei der Werbeagentur Jung von Matt, nutzt unvorhergesehene Wartezeiten zum Shoppen und Speisen in Bahnhöfen.

Frust begrenzen, heißt das Motto der Reiseprofis; und alle Chancen nutzen, vielleicht doch irgendwie schneller von
A nach B zu kommen. Geradezu diebische Freude bereit es Kux, beim Reisen Zeit zu schinden. 100 Euro jährlich kostet die Privium Card am Flughafen Schiphol, die ihr eine schnelle Abfertigung am Amsterdamer Airport garantiert. Und am Moskauer Flughafen Scheremetjewo ersparen ihr örtliche Dienstleister die oft langwierige Einreiseprozedur.

Schreckenskammer Heathrow

Reisen um des Reisens willen ist für Kux ohnehin kein Thema. "Viele Themen und Aufgaben lassen sich per Videokonferenz und per E-Mail viel schneller erledigen", so die Topmanagerin, die früher in leitenden Positionen bei Nestlé, McKinsey, ABB und Ford tätig war. Dort hat sie gelernt, ihre Touren von langer Hand zu planen und ihre auswärtigen Termine zu bündeln.

Kux, vom Weltwirtschaftsforum in Davos 2002 in die Riege der "Global Leader for Tomorrow" aufgenommen, gönnt sich aber auch Muße. Gern verlängert sie ihre Auslandsreisen über das freie Wochenende, um Land und Leute besser kennenzulernen oder alte Freunde zu treffen.

Mit "stoischer Ruhe" nehme sie Verzögerungen im Reiseablauf hin und fülle die Leerzeiten mit Shopping, erzählt Kux. Was die Vielfliegerin am meisten stört, sind die Zustände an den Airports, vor allem die oft langen Distanzen zum Gate und zum Ausgang. "Die Architekten dieser Flughäfen sollte man dazu verdonnern, täglich diese Routen zu bewältigen", wettert sie.

Der Airport-Marathon ist vielen mit Laptops und Ordnern bepackten Managern ein Gräuel. Auch Joachim Reinhart ist es leid, ständig ein Lauftraining zwischen Check-in und Gate absolvieren zu müssen.

Rund 200 Flüge tritt er pro Jahr an und fliegt durchschnittlich 400.000 Meilen. Seine Kammer des Schreckens heißt London-Heathrow, und er teilt diese Einschätzung mit zahlreichen Business-Travellern.

Überfüllte Lounges, überhöhte Preise, mieser Service - ausgerechnet der von deutschen Geschäftsreisenden am häufigsten frequentierte Auslandsairport enttäuscht durch absolute Kundenunfreundlichkeit.

"My home is my airplane"

Heathrow-Profis suchen ständig, dem allgegenwärtigen Chaos durch kleine Tricks zu entrinnen. Wer sich in Terminal 2 (Lufthansa) in die linke Reihe einordnet, so erzählt man sich, erspare sich die Sockenschau und dürfe seine Schuhe anbehalten. Reinhart setzt lieber auf Risiko.

Erst nach Aufruf seines Flugs begibt er sich zur Sicherheitskontrolle und wird dann wegen Dringlichkeit vor die lange Warteschlange gewinkt. Bislang hat er noch keinen Flieger in Heathrow verpasst.

"My home is my airplane", konstatiert Reinhart, der zu den wenigen Europäern gehört, die auch im Board eines japanischen Mutterkonzerns vertreten sind. Auch wenn ihm Gelassenheit zur zweiten Natur geworden ist, ärgert ihn zunehmende Willkür bei den Kontrollen an den Airports.

Warum zieht das Sicherheitspersonal mal zwei, mal eins und mal keines seiner Feuerzeuge ein? Warum gilt die teuer erstandene Pastete im Handgepäck mal als Flüssigkeit und mal nicht? "Die Sicherheitsbestimmungen sind nicht nachvollziehbar", murrt er.

Nicht minder stören den Flugveteranen oft mitreisende Artgenossen. Kaum sei das Flugzeug gelandet, beginne die Handyfonie: "Ich bin gleich da" - "Wir sind jetzt gelandet" - "Wir sehen uns in zehn Minuten", tönen viele Passagiere. Mit Entsetzen verfolgt er die Pläne mancher Fluggesellschaften, demnächst auf Fernflügen Handygespräche zu erlauben.

Wie Reinhart sucht auch Personalberater Heiner Thorborg, lärmenden und hetzenden Mitreisenden zu entkommen. Als Mitglied des Hon Circle der Lufthansa (Voraussetzung: 600.000 Flugmeilen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren) preisen beide Manager den neuen Frankfurter Luxusterminal für exklusive Kranichkunden. Im Angebot: Parkservice für das Auto, Einchecken durch einen Assistenten und Pkw-Transport zum Flugzeug.

Anstehen trotz VIP-Status

"Der Hon-Service ist ein Segen", lobt Thorborg, der nahezu jeden zweiten Tag über den Wolken schwebt und seit Jahrzehnten mehrmals im Jahr von Frankfurt aus in die Vereinigten Staaten fliegt.

Doch schon nach der Ankunft in New York, Boston oder Los Angeles vergeht ihm häufig die gute Hon-Laune. Obwohl er Mitglied im President's Club von Avis ist, steht so gut wie nie der vorab georderte Mietwagen bereit. Trotz VIP-Status müsse er sich meist in die Warteschlange einreihen. Beschwerden und Proteste, so der Headhunter, seien sinnlos. Stets stoße er "auf totales Desinteresse".

Das viel gelobte Serviceparadies USA ist für den Amerika-Liebhaber vielfach zur Servicewüste degeneriert.

Der Personalprofi scheut keine Auseinandersetzung, um die Erfüllung seiner Wünsche einzufordern. Doch manchmal sagt er auch ganz leise Servus. Als in seinem New Yorker Lieblingshotel "Peninsula" die Direktion wechselte und der Service spürbar nachließ, wanderte er dem ehemaligen Direktor in die konkurrierende Luxusherberge nach.

Reibungsloser Service, Action statt Ausreden - auch Karen Heumann schätzt Professionalität und Aufmerksamkeit. Es freut sie, schon beim zweiten Besuch im Hotel namentlich begrüßt zu werden. Und es vergrätzt sie, mit einem schwachbrüstigen Föhn, der allenfalls schütteres Männerhaar trocknet, ihre Pracht bändigen zu müssen.

Heumann ist seit Jahren ständig auf Achse. Als 33-Jährige wurde sie geschäftsführende Gesellschafterin bei Leagas Delaney in Düsseldorf, seit sieben Jahren gehört sie zur Führungsspitze von Jung von Matt.

Zu wenig Schnellverbindungen

Anders als viele ihrer männlichen Kollegen legt sie aufs VIP-Dasein wenig Wert. Auch wenn sie zeitweise bei Lufthansa Senator-Status erlangte, bevorzugt sie bei innerdeutschen Reisen und ins angrenzende Ausland die Bahn.

Wie Fernreisende vom Taj Mahal schwärmt Heumann von der Schönheit der Bahnhöfe in Leipzig, Berlin oder Hannover. Und sie genießt die Bewegungsfreiheit in den oft spärlich besetzten Erste-Klasse-Abteilen. "Ich stopfe mir Stöpsel ins Ohr, baue mit meinen Unterlagen eine Wagenburg um mich auf und arbeite."

Ein kreatives Ambiente. "Karen ist wieder Bahn gefahren" - sie kennt den Schreckensruf im Hamburger Hauptquartier, wenn sie nach einer langen Tour mit neuen Ideen zurückkommt.

Gewiss, auch sie kann sich besseren Erste-Klasse-Service vorstellen: Einen Rufknopf für flottere Getränke- und Speiselieferung, Hilfe beim Kofferverstauen und bei Bedarf Decken und Schlummerkissen. "Schade, dass die Bahn ihre Metropolitan-Züge für Geschäftsreisende eingestellt hat", bedauert sie. Für Städte-Hopper wie sie bietet die Bahn noch viel zu wenige Schnellverbindungen an.

Auch wenn sie geschäftlich in die Provinz muss, hadert sie manchmal mit ihrem Bahndasein: Nicht selten endet es auf heruntergekommenen Bahnhöfen und spät in der Nacht auf schlecht ausgeleuchteten Bahnsteigen. "Dann rede ich mir die Situation oft schön", räumt Heumann ein.

Vielleicht nicht mehr lange. Künftig fährt sie als neuen Dienstwagen einen Mercedes CLS. Die erste Probefahrt mit dem Coupé hinterließ bei ihr einen nachhaltigen Eindruck: "Es fährt sich fast so gut wie auf Schienen."

Mehr lesen über