Sozialkritik Der ewige Nörgler

Gesundheitsökonom Karl Lauterbach meldet sich zurück. Seine Philippika gegen die jüngsten Sozialreformen verliert sich nicht in operativen Details. Sie dringt vor an die Wurzel der vielen Übel - im Krankenhaus, im Pflegeheim, in der Hauptschule, an der Universität.

Erkenntniswert: Kaum ein Experte und kaum ein Politiker füllte in den Reformdebatten der vergangenen Jahre die Rolle der Nervensäge besser aus als der Gesundheitsökonom und SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach. Seine akademischen, spitzfindigen und in rechthaberischem Tonfall vorgetragenen Einwände waren die Grundmelodie zur Kakofonie der letzten Gesundheitsreform.

Am Ende haben ihn selbst die eigenen Leute kaum noch ertragen, weshalb es nach der Verabschiedung der Reform eine Weile sehr ruhig um ihn war. Jetzt meldet er sich zurück: mit einer Philippika gegen das Bildungssystem, die Medizin, die Renten, die Pflege und nahezu alle übrigen Themen, die in den vergangenen zehn Jahren sozialpolitisch angepackt wurden.

Im Gegensatz zur Gesundheitsreform geht er sein Thema grundsätzlicher an. Lauterbachs Rundumschlag verliert sich nicht in operativen Details und den Paragrafen des Sozialgesetzbuchs. Er dringt vor an die Wurzel der vielen Übel - im Krankenhaus, im Pflegeheim, in der Hauptschule, an der Universität.

Schuld an der Misere sind für Lauterbach die Privilegierten: Besserverdiener, Gebildete, vor allem Beamte. Für die Zukunft sieht er soziale Eruptionen heraufziehen, die nur durch politisches Krisenmanagement zu beherrschen wären.

Stil: Lauterbach schreibt sehr viel flüssiger, spannender und pointierter, als er spricht. Er hat kein Fachbuch verfasst, das nur mithilfe eines Glossars zu verstehen ist. Er vertritt verständliche Thesen und entwickelt eine umfassende Gesellschaftskritik.

Nutzwert: Man muss Lauterbachs Standpunkte nicht teilen. Zumal die Fakten und Zusammenhänge, die er hier ins Feld führt, kaum neu sind. Bei genauer Betrachtung verabschiedet er sich mit diesem Buch von den Zielen der heutigen Sozialdemokratie und bewegt sich in Richtung Linkspartei. So gesehen ist diese Streitschrift auch eine Art Bewerbungsschreiben: "Profilierter, aber von den eigenen Leuten unverstandener Sozialexperte sucht neue politische Heimat."

Foto: manager-magazin.de
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