Chef-Mobbing Aufstand im Büro

Frustrierte Mitarbeiter entdecken ein neues Betätigungsfeld: die Rache am Chef. Manager werden belogen, sabotiert, bedroht. Und leiden still. Denn wer darüber spricht, gilt als Versager.

Wenn's brennt, wenn ordentlich Blut fließt oder eine Menge Geld im Spiel ist, schaffen es manche Fälle sogar in die Zeitung. In der Rubrik "Vermischtes" ist dann zu lesen: "Schöne Mörderin stach immer wieder zu - blutige Rache für Kündigung", "In Brand gestecktes Opfer war Vorgesetzter des Täters" oder "Arbeitsvertrag nicht verlängert - Wachmann raubt 500.000 Euro".

Wohliger Grusel befällt den Leser - wer hätte seinen Chef nicht schon mal dahin gewünscht, wo der Pfeffer wächst? Sicher: Nur die wenigsten greifen zu den rabiaten bis letalen Mitteln, die die Öffentlichkeit schockieren. Doch es sind längst nicht nur Verzweifelte, schwermütige Grübler oder Psychopathen mit chronischem Bluthochdruck, die sich an Vorgesetzten rächen.

Bedrohte, verleumdete und gemobbte Führungskräfte finden sich zu Hunderten in deutschen Firmen. Allerdings wählen ihre Untergebenen meist subtilere Waffen: Sie machen Dienst nach Vorschrift, sie streuen üble Gerüchte, sie sabotieren, schreiben anonyme Drohbriefe oder klauen Firmengeheimnisse.

So wunderte sich Holger Bernsen*, Inhaber einer kleinen Unternehmensberatung, dass regelmäßig vertrauliche Akten aus seinem Büro verschwanden und wenige Tage später unversehrt wieder auftauchten. Sein Ex-Partner, von dem er sich kurz zuvor im Streit getrennt hatte, konnte nicht dahinterstecken - Bernsen hatte sämtliche Schlösser und Passwörter austauschen lassen. Dennoch beauftragte er eine Detektei, das Haus seines ehemaligen Kompagnons per Videokamera zu beschatten. Und siehe da: Wie auf einer Ameisenstraße gingen Bernsens Mitarbeiter tagein, tagaus mit den Akten ins Haus und holten sie bald darauf wieder ab.

Wie sich herausstellte, war gut die Hälfte der Belegschaft mit dem neuen Alleinchef unzufrieden - und rächte sich mit der Datenweitergabe an den geschassten Co-Inhaber. Bernsen musste jeden zweiten Mitarbeiter feuern.

"Büro ist Krieg", heißt es in der TV-Serie "Stromberg". Davon bleiben auch die höheren Etagen längst nicht mehr verschont. Mittlerweile ist es fast schon ein Sport, sich am Chef zu rächen. Computerspiele à la "Boss Hunter" oder Bücher wie "Und morgen bringe ich ihn um", "Mein Chef ist ein Arschloch, Ihrer auch?" oder zuletzt Susanne Reinkers Bestseller "Rache am Chef" sind zuverlässige Verkaufsschlager, geschrieben aus dem Blickwinkel frustrierter Mitarbeiter.

*Name von der Redaktion geändert.

Angriffe aus der zweiten Reihe

Nach landläufiger Auffassung wird von oben nach unten gemobbt oder von gleich zu gleich. Tatsächlich aber sind zunehmend auch Vorgesetzte das Ziel von Angriffen aus den niederen Rängen. "Das Mobbing von Chefs hat in den vergangenen Jahren sehr stark zugenommen", sagt Norbert Copray, Direktor der Fairness-Stiftung, die bedrängte Führungskräfte berät.

Über die Angriffe aus der zweiten und dritten Reihe mag kaum ein Chef sprechen: Die meisten Führungskräfte haben panische Angst, es könnte publik werden, dass sie genau das anscheinend nicht können: führen. Dass sie aus der Rolle des ewigen Siegers fallen. Und ihnen die Mitarbeiter auf der Nase herumtanzen.

Aus Sorge um die eigene Reputation war daher kein Betroffener bereit, in dieser Geschichte seinen Namen zu nennen. Denn manager magazin fragte, was bisher tabu war: Warum agieren immer mehr Mitarbeiter irgendwann gegen ihre Firma? Was macht das Mobbing mit den Chefs? Sind Führungskräfte wirklich so unschuldig - und so wehrlos? Und was können sie tun, damit es gar nicht erst so weit kommt?

Von Schwarzfahren und Falschparken einmal abgesehen, gibt es kaum eine Grenzüberschreitung, bei der so wenig Unrechtsbewusstsein herrscht wie beim Mobben gegen die Bosse. Loyalität am Arbeitsplatz ist ein schwindendes Gut. "Das Commitment der Mitarbeiter sackt ins Bodenlose", sagt Walter Bungard, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Uni Mannheim. In der schlechten Konjunktur der vergangenen Jahre wurde den Angestellten einiges abverlangt: mehr Arbeit, weniger Geld, permanente Umstrukturierungen. Vielerorts kamen Führungskräfte ans Ruder, die Mitarbeiter nur als Kostenfaktor sahen. "Beim Image haben Topmanager das Niveau von Politikern erreicht", sagt Bungard. "Viele Vorgesetzte sind immun gegen Kritik, weil sie sich in den mageren Jahren gegenüber ihren Untergebenen viel herausnehmen konnten."

Jetzt ist die Wirtschaft im Aufwind - aber die Stimmung in den Büros trotzdem am Boden. Mehr als 40 Prozent der Arbeitnehmer sagten in einer Forsa-Umfrage, das Betriebsklima habe sich im Aufschwung verschlechtert. Kaum ein Arbeitnehmer hat das Gefühl, dass sich sein bedingungsloser Einsatz für die Firma noch lohnt.

Anders als vor einigen Jahren aber wird bei Frust nicht mehr gekündigt, sondern stillschweigend Rache geschworen. Wem selbst gekündigt wird, der klagt erst mal - ist ja normal.

Die Folge: eine grassierende Mitnahmementalität - jeder ist sich selbst der Nächste. Und wenn ich heute schon mal drei Packen Laserpapier mitnehme, kann ich morgen darauf meine Bewerbung drucken.

Überraschend schlichte Rachelogik

Nur noch 13 Prozent der deutschen Arbeitnehmer sind Feuer und Flamme für die Arbeit, stehen voll und ganz hinter Job und Firma - der Rest macht entweder Dienst nach Vorschrift (68 Prozent) oder hat bereits innerlich gekündigt (19 Prozent), wie das Marktforschungsunternehmen Gallup herausfand. Die miese Stimmung im Büro drückt auf die Motivation, fördert Sabotage - und lässt auf Defizite in der Führungsetage schließen.

Dabei ist das Wesen der Chefexistenz simpel: Er muss Chef sein. Das heißt: die Mitarbeiter motivieren und führen. Umgekehrt heißt das, Rebellion von unten ist da kein lästiges Ärgernis, sondern ein Angriff auf die eigene Existenz. "Werden Führungskräfte gemobbt, geraten sie psychisch unter solchen Druck, dass extreme Selbstzweifel entstehen, auch bei hartgesottenen Typen", sagt Sabine Dembkowski, Coach in Köln.

Markus Hall etwa ist kein Mann, der sich mit Sentimentalitäten aufhält. Als er Bereichsleiter eines IT-Unternehmens wurde, musste die Abteilung ordentlich ranklotzen. Die Effizienz stieg, die Stimmung sank. Plötzlich kursierten vertrauliche Mails von Hall in der Firma, Mitarbeiter schwänzten Kundentermine und sagten hinterher, Hall habe sie nicht informiert. Als Hall dringend eine Präsentation vor dem Vorstand fertig machen musste, lieferten ihm einige Mitarbeiter absichtlich falsche Zahlen. Der Vorstand merkte es, Hall bekam erst einen Rüffel und wurde dann versetzt.

Der Mitarbeiter, den die härtere Gangart genervt und der ein Grüppchen Gleichgesinnter um sich geschart hatte, siegte im Rachefeldzug. Auch weil Hall die ersten Signale zu lange ignoriert hatte. "Vorgesetzte nehmen solche Vorfälle zunächst nicht wahr, dann verdrängen sie - und dann kommt die große Hilflosigkeit", sagt Dembkowski.

Was also tun? Zuerst einmal muss der Chef verstehen lernen, warum Mitarbeiter ihn mobben wollen: Auslöser ist deren eigene Hilflosigkeit. Die Rachelogik ist überraschend schlicht: Fühlt sich ein Mitarbeiter unfair behandelt und hat keine Möglichkeit, sich beispielsweise beim Betriebsrat zu beschweren, sucht er seinen Ausgleich auf anderem Weg. Sein Ziel: am Ende subjektiv quitt zu sein. Er rächt sich, indem er nimmt, was ihm in seinen Augen ohnehin zusteht. Diese Form der Sozialhygiene schafft Befreiung und stellt die eigene Ehre wieder her, zumindest auf den ersten Blick.

Am grössten ist die Gefahr von Racheaktionen für börsennotierte Konzerne: Sie sind primär auf den Shareholder-Value ausgerichtet, und ihre Größe begünstigt den Verlust persönlicher Bindungen an die Firma. Bekommt etwa ein Mitarbeiter keine Gehaltserhöhung, muss aber aus der Zeitung von den fetten Boni der Vorstände erfahren, fühlt er sich unfair behandelt. Mit der Folge, dass er sich selbst immer weniger loyal der Firma gegenüber verhält.

Der Reigen der Gehässigkeiten

Mit zunehmender Größe eines Unternehmens nimmt die persönliche Verpflichtung ebenso ab wie die direkte Kommunikation: In Großkonzernen wird mehr sabotiert als in mittelständischen Familienbetrieben. Dazu kommen Angst um den Job und erhöhter Stress - fertig ist ein gefährlicher Nährboden für Illoyalität.

Wie sehr sich Firmen dessen inzwischen bewusst sind, zeigt die hohe Rate an Freistellungen. "Seit einigen Jahren werden 100 Prozent des Topmanagements und etwa die Hälfte der Mittelmanager nach einer Kündigung sofort freigestellt. Vor 30 Jahren war so etwas die Ausnahme", sagt der Frankfurter Arbeitsrechtler Ulrich Fischer. Auch wenn es teuer kommt, einen Topmanager bei vollen Bezügen in seiner unfreiwilligen Auszeit lieber golfen zu lassen, ist das gegebenenfalls der geringere Schaden. Denn ist ein Mitarbeiter erst einmal gekündigt, ist sein Rachebedarf groß. Und die Hemmungen sind niedrig: Angst vor Sanktionen hat er keine mehr - wen kratzt die Abmahnung, wenn er ohnehin schon gekündigt ist?

Es ist ja auch so einfach, der elektronischen Post sei Dank. Schnell sind Mails an den Vorgesetzten geschrieben, die pornografische Darstellungen von Kindern enthalten ("Hier sind die Bilder, um die Du gebeten hattest") oder in denen sich die Konkurrenzfirma für die vermeintliche Unterstützung großzügig bedankt: "Schauen Sie doch mal auf Ihr Konto - wir haben den Betrag ein wenig aufgerundet."

In der Regel beginnt der Reigen der Gehässigkeiten allerdings weniger dramatisch. Nämlich damit, erst mal gar nichts mehr zu machen - maximal Dienst nach Vorschrift. Wichtige Informationen werden nicht weitergeleitet, Kundentermine vergessen, das Handy bleibt aus.

Weiter geht es mit gezielt gestreuten Gerüchten quer durch die Branche. Da wird wie zufällig mal ein "Wenn Sie wüssten ... " fallen gelassen oder Sätze wie "Die Tage von Herrn Y sind ja ohnehin gezählt". Als Nächstes wechseln materielle und immaterielle Güter den Besitzer, vom Beamer bis zur vertraulichen Adressdatei.

Unrechtsbewusstsein? Unbekannt. Schließlich geht es ja lediglich darum, eine offene Rechnung zu begleichen. Auch wenn die Rache von einem bestimmten Niveau an über die Unrechtskompensation hinausgeht und zur persönlichen Bereicherung dient. Bei der höchsten Eskalationsstufe, dem Angriff auf Leib und Leben, wird dann nicht nur das Unternehmen nachhaltig geschädigt - die Rache am Chef kann sogar bis zum Mord gehen.

Der Griff zum Revolver

"Rund 5 bis 8 Prozent der Mitarbeiter bringen die Grundanlagen zu derart drastischen Formen der Rache mit", schätzt Everhard von Groote vom Team Psychologie & Sicherheit, einer Düsseldorfer Firma, die viele Dax-Unternehmen in Fällen von anonymen Drohbriefen oder Erpressungen berät.

Derart rabiat gehen Angestellte ironischerweise oft gerade dann vor, wenn der Vorgesetzte gar nicht persönlich gemeint ist, sondern als symbolischer Platzhalter für die Firma insgesamt steht: Die Frustration braucht ein Gesicht. So bekam der Vorstand einer großen Versicherung in Süddeutschland einen anonymen Brief, in dem es hieß: "Ich habe nichts mehr zu verlieren. Der einzige Grund für mich weiterzuleben, ist, Sie umzubringen." Psychologische und linguistische Analysen des Briefs führten schnell zum Verfasser: Ein Ex-Mitarbeiter, der einer Umstrukturierung zum Opfer gefallen war, gerade geschieden wurde, seine Kinder der Ex-Frau überlassen und aus seiner Wohnung ausziehen musste.

Eine klassische Konstellation. Denn damit tatsächlich ein Angestellter zu Revolver oder Buschmesser greift, müssen meist drei Faktoren zusammentreffen: eine extreme, lang andauernde Stresssituation, ausgelöst etwa durch Überforderung oder Angst vor Jobverlust. Fehlende Loyalität und Identifikation mit der Firma als Folge von Fusionen, Übernahmen, Restrukturierungen. Und: massive private Probleme.

Oft bevor der Chef etwas merkt, hat sich sein treuer Angestellter so in eine tickende Zeitbombe verwandelt. "Die beste Tätertarnung ist die Arroganz derer, die glauben zu wissen, was einen Täter ausmacht", sagt Thomas Müller.

Müller arbeitet für die Sicherheitsakademie des österreichischen Innenministeriums und gilt als einer der führenden Profiler in Europa. Im Laufe seiner Karriere hat er die seelischen Abgründe Dutzender Serienkiller erkundet, wie die des österreichischen Prostituiertenmörders Jack Unterweger oder des Hamburgers Lutz Reinstrom, der Frauen in einem Bunker in seinem Garten gefangenhielt und sie, nachdem sie verstorben waren, in Salzsäure auflöste.

Seit einigen Jahren gilt Müllers Interesse dem Phänomen der "Workplace Violence". Jeder zweite deutsche Betrieb ist davon betroffen, schätzt er. In seinem neuen Bestseller ("Gierige Bestie") geht er der Frage nach, wie es zu extremen Racheakten am "Tatort Arbeitsplatz" kommen kann. Warum etwa erschien ein Abteilungsleiter in Niederösterreich eines Tages mit einem geladenen Revolver zum Meeting?

Potenzielle Racheengel

"Niemand wacht eines Morgens auf und sagt: Heute bringe ich meinen Chef um", sagt Müller. "Die Demütigungen, der Frust und der Hass stauen sich über Monate, oft Jahre auf. Es gibt viele Warnsignale, aber die Führungskräfte ignorieren sie meistens."

So werden potenzielle Racheengel anfangs sehr häufig beim Chef vorstellig - sie betteln um Aufmerksamkeit. Dann schotten sie sich ab, weichen in Randarbeitszeiten aus, schließen ihre Unterlagen weg und machen den Mund nur noch auf, um über die Firma herzuziehen. Typischer Satz von Kollegen in dieser Phase: "So kennen wir den Werner gar nicht." Es folgen anonyme Mails (meist zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens), schließlich gezielte Racheakte. So entsteht aus persönlicher Kränkung erst Frust, dann Isolation, schließlich Angst und Aggression.

"Wenn in der unausgesprochenen Übereinkunft zwischen Chef und Angestelltem immer wieder Erwartungen enttäuscht werden, dann ist es für die subjektive Selbsthygiene wichtig, jemanden dafür verantwortlich zu machen. Der Weg zur Rache ist dann nicht mehr weit", sagt Thorsten Mehles, Chef der Münchener Prevent AG. Die Beratungsfirma entwirft Präventionsprogramme gegen Wirtschaftskriminalität, etwa für Firmen in Fusionsprozessen, um rechtzeitig Mitarbeiter zu identifizieren, bei denen Frustration in strafbares Handeln umschlagen kann. Ein Frühwarnsystem, das Chefs und Kollegen helfen soll zu erkennen, "wann jemand aus dem Loyalitätsruder läuft".

Den Präventionsgedanken dehnen die Unternehmen immer weiter aus. Unter vielen Psychologen und Personalchefs gilt es mittlerweile als ausgemacht, dass Eigenschaften wie Loyalität und Ehrlichkeit feststehende Charaktermerkmale sind.

Firmen setzen daher zunehmend auf intensive Bewerberscreenings, sie überprüfen Unterlagen oder unterziehen die Kandidaten langwierigen Psychotests mit Hunderten von Fragen. "70 Prozent der später überführten Täter haben auch schon bei der Bewerbung gelogen", sagt Manfred Lotze von der Detektei Kocks, seit 40 Jahren Privatermittler für Unternehmen. "Es gibt den Typus des unintegren Mitarbeiters, der zu Fehlzeiten, Mobbing und Büromaterialklau neigt - und auch eher seinen Chef bedroht."

Ein Vertreter dieser Gattung wäre beinahe auch Bernd Jachus zum Verhängnis geworden. Der Maschinen- und Anlagenbauer, bei dem Jachus als Leiter Rechnungswesen arbeitet, ist bekannt für seine strengen Ethikrichtlinien. Vor allem Alkoholismus und Spielsucht sind geächtet. Ein Mitarbeiter, den Jachus mehrmals bei Beförderungen übergangen hatte, kam auf eine ebenso raffinierte wie aufwendige Idee: In Spielcasinos quer durch die Republik sammelte er Eintrittskarten und Jeton-Belege - und zwar just an den Tagen, an denen Jachus auf Dienstreise in den betreffenden Städten war. Dann deponierte er die Papiere in Jachus' Schreibtisch, gab einen anonymen Hinweis - und Jachus hatte ein massives Problem. Nur die Tatsache, dass er für einige Termine nachweisen konnte, woanders gewesen zu sein, rettete ihm schließlich den Job.

Abmahnen und rauswerfen

Glück gehabt - ein Zeichen schlechter Führung bleibt das Beispiel trotzdem. Denn was muss zwischen Chef und Mitarbeiter alles schief gelaufen sein, damit dieser sich eine derart perfide Rachestrategie ausdenkt? "Viele Vorgesetzte sind unfair, sie hinterlassen eine Spur der Verwüstung quer durch die Abteilungen. Wer cholerisch herumschreit, Boni nach Gutsherrenart verteilt und nie positives Feedback gibt, kann schnell zum Ziel von Racheaktionen werden", sagt Copray von der Fairness-Stiftung. Natürlich gibt es auch diejenigen, die einfach zu nett sind und deshalb gemobbt werden.

Doch woher auch immer sie rührt, die Eskalation: Was ist zu tun, wenn sie eintritt? Was, wenn ein Vorgesetzter offen gemobbt wird, in Meetings keiner erscheint, Abgabetermine nicht eingehalten werden? Erste Schritte sind: Informationen sammeln, klare Grenzen ziehen, Allianzen knüpfen, vielleicht einen Coach nach seiner Sicht der Dinge fragen. Manchmal bietet sich ein Teamtraining an, um Konfliktherde zu identifizieren.

Lässt sich ein Chef zudem ernsthaft darauf ein, sein Verständnis von Führung zu überdenken, verpufft so manches Rachegelüst: Schafft es der Vorgesetzte, seine Mannschaft von Frust auf Lust umzupolen, haben alle gewonnen.

Die härtere Anti-Mobbing-Gangart ist die juristische. Arbeitsrechtler Ulf Weigelt aus Berlin sagt: "Haben Sie noch Kraft, dann kämpfen Sie, und das heißt abmahnen, abmahnen, abmahnen, rauswerfen." Dazu gehört eine genaue Dokumentation der Vorfälle - vor dem Arbeitsgericht zählen Sätze wie: "Herr Schneider fehlte im Monat Mai viermal unentschuldigt, und zwar am ..." . Doch oft kommen die Gemobbten erst zum Anwalt, wenn sie selbst psychisch ein Wrack sind. "Habe ich das Gefühl, der kann nicht mehr, rate ich zu Versetzung und einem Neubeginn", so Weigelt.

Die harte Kante gegen Racheengel ist menschlich verständlich und in vielen Fällen auch richtig. Doch wenn Lebensgefahr für den Bedrohten besteht, empfiehlt sich eher Mäßigung. "Kündigung, Polizei, Anzeige - das alles erhöht nur die Gefährdung", sagt Ex-Polizeipsychologe von Groote, "die Täter fühlen sich dann nur noch mehr isoliert und in die Ecke gedrängt."

Bei der Morddrohung gegen den Versicherungsvorstand wählte sein Team deshalb einen anderen Weg. Nachdem der anonyme Verfasser gefunden war, half ihm von Groote, "seine Lebenssituation zu entschärfen": Er empfahl ihm eine gute Schuldnerberatung, überredete den Vermieter, dem Mann nicht sofort zu kündigen, und unterstützte ihn bei der Jobsuche.

Die Drohbriefe blieben fortan aus.

Mobbing-Experte: "Die Chefs verhärten"

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