Montag, 9. Dezember 2019

Gesellschaft Sehnsucht nach Sinn

Wohin führt eigentlich das ewige Schneller, Höher, Weiter? Immer mehr Menschen stellen den Turbokapitalismus infrage. manager magazin zeigt, wie Unternehmen darauf reagieren können.

Es war nicht so, als hätte irgendjemand im Kopf des Investmentbankers Paul Simon einen Schalter umgelegt. Die Sache glich eher einer allmählichen Entwicklung. Sie begann in jenen Monaten, in denen der 29-Jährige mal wieder kreuz und quer durch Europa flog. Er versuchte, Investoren für einen russischen Hightech-Fonds zu begeistern, den seine Bank aufgelegt hatte.

 "Ich arbeite so viel wie früher, aber ich weiß jetzt wenigstens, wofür." Paul Simon, Ex-Banker und Umweltaktivist
Enver Hirsch
"Ich arbeite so viel wie früher, aber ich weiß jetzt wenigstens, wofür."
Paul Simon, Ex-Banker und Umweltaktivist
In dieser Zeit las Simon davon, dass immer mehr reiche Unternehmer gemeinnützige Organisationen ins Leben rufen, die mit professionellen Managementmethoden Armut und Umweltzerstörung bekämpfen. Könnte das nicht auch etwas für ihn sein? Ein Weg, dem Gefühl der Bedeutungslosigkeit zu entkommen, das ihn immer häufiger bei seinen Bankgeschäften beschlich?

Sein Schwager machte ihn schließlich mit Stanley Fink bekannt, dem langjährigen Chef der Man Group, des weltgrößten börsennotierten Hedgefonds. Simon und Fink verstanden sich auf Anhieb. Heute betreut Simon als eine Art One-Man-Family-Office einige der philantrophischen Aktivitäten Finks, vor allem ein Schulprojekt und eine Stiftung zur Bekämpfung des Klimawandels.

Zum klassischen Aussteiger ist Simon mit seinem Jobwechsel nicht geworden. Er trägt noch immer die Kluft des City-Bankers, dunklen Anzug, Hosenträger, breit gestreifte Krawatte. Noch immer hat seine Arbeitswoche 60, 70 Stunden. "Aber ich weiß jetzt, wofür ich arbeite", sagt Simon.

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An seinem Gehalt hat sich nicht viel geändert. Geschwunden ist lediglich die Aussicht auf fette Bonuszahlungen, die ihn im Investmentbanking wahrscheinlich schon mit Anfang 40 zum Millionär gemacht hätten. "Trotzdem sagen mir viele meiner Bankerbekannten, dass sie mich beneiden."

In den westlichen Industriestaaten stellen sich immer mehr Menschen ähnliche Fragen wie Simon: Macht uns mehr Geld wirklich glücklicher? Wohin führt eigentlich das ewige Schneller, Höher, Weiter des globalisierten Turbokapitalismus? Müssen sich die Menschen in den Unternehmen dem totalen Diktat von Rendite und Shareholder-Value fügen? Sollten in der Wirtschaft nicht andere, humane Steuerungsgrößen eine wichtigere Rolle spielen?

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