Sonntag, 8. Dezember 2019

Gesellschaft Sehnsucht nach Sinn

9. Teil: Ein Phantomschmerz als Sehnsucht

Es ist die Skizze einer wahrhaft schönen neuen Welt, in der Kundendruck den Turbokapitalismus zur Nachhaltigkeit zwingt - ganz ohne Eingriff des Staates. Harte empirische Belege kann das Trendbüro für die These vom kommenden Karmakapitalismus allerdings nicht vorbringen.

Zukunftsszenarien: Wie soll die Gesellschaft künftig funktionieren?
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Zukunftsszenarien: Wie soll die Gesellschaft künftig funktionieren?
"Für mich klingt das eher nach der Wunschvorstellung eines großstädtischpostmateriellen Milieus", sagt Sozialforscherin Friederike Müller-Friemauth. Sicher, die Unzufriedenheit mit dem globalisierten Kapitalismus, die gebe es auch in der Mitte der deutschen Bevölkerung.

Als die Sinus-Forscher den Deutschen vor Kurzem in einer repräsentativen Umfrage drei Gesellschaftsmodelle zur Auswahl vorlegten, da konnten sich jedoch nur 21 Prozent für eine dem Karmakapitalismus ähnelnde Netzwerkgesellschaft begeistern, ebenso wenige wie vor zwei Jahren.

Statt Karmakapitalismus wünscht sich die Mehrheit der Deutschen inzwischen eine Rückkehr in den rheinischen Kapitalismus. Eine Sehnsucht, die einem Phantomschmerz gleicht. Denn natürlich führt kein Weg zurück in die westdeutsche Welt der 80er Jahre.

Fest steht: Unternehmen tun gut daran, bereits heute auf das wachsende Unbehagen zu reagieren. Die neuen Sinnsucher machen es den Managern vergleichsweise leicht: Anders als die 68er oder die Ökobewegung pflegen sie keine antikapitalistischen Utopien. Statt endloser Theoriedebatten bevorzugen sie die Praxis.

Ex-Investmentbanker Paul Simon zum Beispiel verfolgt mit der von seinem Chef unterstützten Anti-Klimawandel-Kampagne "Global Cool" ein denkbar pragmatisches Ziel: Eine Milliarde Menschen soll dazu gebracht werden, ihren CO2-Ausstoß um eine Tonne pro Jahr zu verringern.

Simon hat schon mal angefangen. Sein Strom kommt jetzt von einem Ökoanbieter.

© manager magazin 7/2007
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