Mittwoch, 11. Dezember 2019

Gesellschaft Sehnsucht nach Sinn

6. Teil: "Wir ersetzen faktisch den Staat"

Anglo American hat für sich eine andere Definition von Nachhaltigkeit gefunden: Nach der Ausbeutung einer Mine soll es den in der Umgebung lebenden Menschen so viel besser gehen, dass sie dadurch für den Verlust der Rohstoffe unter ihrem Land angemessen entschädigt werden.

License to Operate: Wird ein Rohstoffkonzern als Ausbeuter wahrgenommen, können diese Investitionen gefährdet sein, durch Sabotage, Enteignungen oder Konsumentenboykotte in den Industriestaaten. Ein Schicksal, das etwa den Ölkonzern Shell in Nigeria ereilte.
In Industriestaaten würde dies der Staat sicherstellen, durch Steuern und Umweltauflagen. "Doch in manch entlegenen Regionen der Dritten Welt ersetzen wir faktisch den Staat", sagt Bickham. "Dort ist Anglo American oft der einzige Anbieter von Schulen und Spitälern."

Anglo American versucht seiner Verantwortung mit einer Vielzahl von Sozial- und Ökoprogrammen gerecht zu werden, die dem Unternehmen unter anderem den dritten Rang im jüngsten Good Company Ranking des manager magazins einbrachten.

Es geht Anglo American vor allem um den Erhalt dessen, was im CR-Fachjargon "License to Operate" genannt wird: Von der Entdeckung eines neuen Rohstoffvorkommens bis zu dessen Erschöpfung vergehen viele Jahrzehnte. Wird ein Rohstoffkonzern als Ausbeuter wahrgenommen, können diese Investitionen gefährdet sein, durch Sabotage, Enteignungen oder Konsumentenboykotte in den Industriestaaten. Ein Schicksal, das etwa den Ölkonzern Shell Börsen-Chart zeigen in Nigeria ereilte.

So gegensätzlich die Geschäftsmodelle von Solarworld und Anglo American erscheinen mögen: Beide stellen langfristigen Erfolg über kurzfristige Profitmaximierung - und werden dafür belohnt. Börsenindizes, in denen nachhaltige Unternehmen versammelt sind, entwickeln sich regelmäßig besser als der Durchschnitt.

"Dabei sind es meist nicht die Umwelt- und Sozialprogramme selbst, die das Ergebnis verbessern, sondern die Werte, für die sie stehen", sagt Berger-Experte Bloching. Wer sein Geschäft auch übermorgen noch betreiben will, kann es sich nicht leisten, Mitarbeiter in wenigen Jahren auszupressen. Gleiches gilt für die natürlichen Ressourcen, die ein Unternehmen verbraucht.

© manager magazin 7/2007
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