Donnerstag, 5. Dezember 2019

Gesellschaft Sehnsucht nach Sinn

2. Teil: "Wunsch nach mehr Konstanz"

Die neue Skepsis hat viele Symptome. Sie zeigt sich zum Beispiel in einer aktuellen Umfrage des Sozialforschungsinstituts Sinus Sociovision. Darin wird deutlich: Ein immer größerer Teil der Deutschen lehnt mehr Wettbewerb und Eigenverantwortung ab - und sehnt sich stattdessen nach Solidarität, Heimat und Familie.

 "Es gibt den dringenden Wunsch nach mehr Verlässlichkeit und Struktur." Friederike Müller-Friemauth, Sinus Sociovision
Enver Hirsch
"Es gibt den dringenden Wunsch nach mehr Verlässlichkeit und Struktur."
Friederike Müller-Friemauth, Sinus Sociovision
"Regrounding" nennt Sinus Sociovision diese Sehnsucht. "Ausmaß und Geschwindigkeit des Wandels haben die Grenze dessen erreicht, was man bewältigen kann und will", sagt Sinus-Forschungsleiterin Friederike Müller-Friemauth.

"Es gibt den dringenden Wunsch nach mehr Konstanz, Verlässlichkeit und Struktur." Das Hamburger Trendbüro ruft bereits den "Karmakapitalismus" aus, in dem Konsumenten massenhaft auf ökologische und soziale Verträglichkeit von Produkten achten.

Die Skepsis zeigt sich auch in unzähligen Einzelindizien, nicht nur in Deutschland: Immer größere Summen strömen in nachhaltige Investments.

Millionen von Amerikanern gehen ins Kino, um sich Al Gores pädagogisierenden Dokumentarfilm über den Klimawandel anzusehen - und etliche tauschen anschließend ihren Cadillac Escalade gegen einen Hybrid-Toyota. Das Peace Corps, der miserabel zahlende US-Entwicklungshilfedienst, gehört plötzlich zu den fünf Traumarbeitgebern von US-Collegeabsolventen.

Der G8-Gipfel, einst gegründet, um die Konjunktur in den Industriestaaten anzukurbeln, beschäftigt sich vornehmlich mit der Armut in Afrika und der Erderwärmung. Und in Großbritannien hat ausgerechnet die Partei Margaret Thatchers einen neuen Vorsitzenden gewählt, der ein Windrad auf dem Dach stehen hat und das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts für eine überholte Zielgröße hält: Tory-Chef David Cameron will zusätzlich einen "General Wellbeing"-Faktor einführen.

© manager magazin 7/2007
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