Innovation Kopf schlägt Geld

Die Beispiele für die spektakuläre Stärke deutscher Mittelständler sind Legion. Diese Hidden Champions beweisen: Innovation ist eine Führungsfrage.

In den vergangenen zehn Jahren haben führende Mittelstandsunternehmen ihre Wettbewerbsposition im Weltmarkt entscheidend verbessert.

Als trennschärfstes Maß für Wettbewerbsstärke gilt der sogenannte relative Marktanteil, definiert als eigener Marktanteil geteilt durch den Marktanteil des stärksten Konkurrenten. Nur der Marktführer hat einen relativen Marktanteil, der größer als eins ist. Vor zehn Jahren stand dieser Wert für die Hidden Champions bei 1,56; das heißt, sie waren im Schnitt 56 Prozent größer als der stärkste Konkurrent. Seither ist dieser Wert auf eigentlich unglaubliche 2,34 angestiegen.

Was steckt hinter dieser sensationellen Entwicklung? Die Antwort heißt Innovation. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit erleben wir bei den führenden Mittelstandsunternehmen einen Innovations-Tsunami - wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Beispiele für die spektakuläre Stärke deutscher Mittelständler sind Legion angesichts von über 1200 weltweit führenden Unternehmen. Drei Fälle zeigen, welche Dynamik dabei entfaltet wird:

- der Mikrofonhersteller Sennheiser, der innerhalb weniger Jahre den lange unangefochtenen Champion, den US-Konkurrenten Shure, abgehängt hat;

- die Ausgründung Carl Zeiss SMT, die Chipfabriken mit Lithografieoptik beliefert und inzwischen einen Weltmarktanteil von 55 Prozent errungen hat;

- der Technologieführer in der Windenergieerzeugung Enercon, der zwei Milliarden Euro umsetzt, fast 10.000 Mitarbeiter beschäftigt und mehr als 40 Prozent aller Patente weltweit in der Branche hält.

Die Antriebskräfte der Innovation

Wie ist das möglich? Wie kommen diese Innovationen zustande? Was machen die Hidden Champions anders als Großunternehmen? Hierzu einige meiner Kernbefunde, die bei der Recherche für mein Buch "Hidden Champions des 21. Jahrhunderts" entstanden sind.

1. Mittelständler erzielen ihre Forschungserfolge kostengünstiger. Bei fünf ausgewählten patentaktiven Großunternehmen (Siemens , Bosch, Daimler , VW , BASF ) kostete ein Patent im Jahr 2005 im Schnitt 2,7 Millionen Euro. Bei zehn ausgewählten patentaktiven Hidden Champions* lag der entsprechende Betrag bei 529.000 Euro, also bei weniger als einem Fünftel. Nun liegt die Vermutung nahe, Patente bei Großunternehmen seien mehr wert. Das wird jedoch durch eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft widerlegt; dort heißt es, "dass größere Unternehmen keineswegs, wie vielleicht vermutet, über wertvollere Patente verfügen".

2. Die Pro-Kopf-Patentintensität liegt bei den Hidden Champions um den Faktor 5,3 höher. Während die genannten fünf Großunternehmen im Jahr 2005 5,8 Patente pro 1000 Mitarbeiter anmeldeten, waren es bei den Hidden Champions 30,6 Patente pro 1000 Mitarbeiter. Die Firma Voith Paper meldete allein mehr Patente an als die Helmholtz-Gemeinschaft, die 15 Großforschungseinrichtungen betreibt (325 versus 302 Patentanmeldungen).

3. Ein entscheidender Unterschied besteht in den Antriebskräften der Innovation. Mittelständler orientieren sich in der Regel viel stärker am Markt. 65 Prozent der Hidden Champions geben an, dass Markt und Technik als Antriebskräfte bei ihnen gleich wichtig seien, von den Großunternehmen sagen dies nur 19 Prozent.


* Es handelt sich um die Firmen Voith Paper, Behr, König & Bauer, Giesecke & Devrient, MAN Roland, Sick, Heidenhain, Brainlab, Qiagen und Tracto-Technik.

Ein nahezu perfekter Zustand

4. Bei den Hidden Champions kümmert sich das Topmanagement eigenhändig um die richtige Innovationskultur. Die Verantwortung für F&E liegt oft beim CEO. Patentangelegenheiten sind praktisch immer in der Zuständigkeit der ersten Ebene. Nach den Erfahrungen des Patentanwalts Klaus Göken ist dies bei keiner der großen deutschen AG der Fall.

5. Die Zusammenarbeit von Forschung und Entwicklung mit anderen Funktionen, die für den Innovationserfolg entscheidend sind - wie Produktion oder Vertrieb - läuft bei den Mittelständlern reibungsloser. Sennheiser-Entwickungsleiter Wolfgang Niehoff: "Eitelkeiten und Machtspielchen zwischen Abteilungen sind nicht erlaubt. Wir müssen mit Sony  und Philips  konkurrieren. Da können wir uns einen solchen Quatsch nicht erlauben." Eine deutlich kürzere Entwicklungsdauer ist ein wichtiger Nebeneffekt dieser reibungslosen Zusammenarbeit.

6. Sehr interessant ist auch, dass Hidden Champions stärker auf ständige Verbesserungen und weniger auf die eine große Durchbruchsinnovation setzen.

Die Firma Wanzl, Weltmarktführer bei Einkaufswagen, spricht von ihrer "Geschichte der permanenten Innovationen". Auch Mieles Maxime "Immer besser" trifft diesen Anspruch, auf allen Märkten der Welt das absolute Spitzenprodukt anzubieten. Dadurch, dass sie ständig viele kleine Dinge verbessern, kommen die Produkte dieser Firmen näher an den Zustand, den man als perfekt bezeichnet.

Es bleibt die Erkenntnis: Innovation ist viel stärker eine Frage der richtigen Köpfe, der Führung und der Prozesse als des reinen Geldes. Die Hidden Champions beweisen es täglich: Kopf schlägt Geld.

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