Editorial Zum Erfolg verdammt

Siemens steht vor einer von oben verordneten Kulturrevolution.
Von Arno Balzer

Peter Löscher tritt an. Sogar ein paar Tage früher als vertraglich vereinbart - sein offizieller Arbeitsbeginn ist der 1. Juli - legt der neue Siemens-Chef in der Konzernzentrale am Wittelsbacher Platz los. Auf den 49 Jahre alten Österreicher wartet ein Höllenjob: Er soll das in ein Korruptionsverfahren verstrickte Traditionshaus wieder zu einem angesehenen Unternehmen machen, "auf das die Welt mit Respekt schaut", wie Siemens-Oberaufseher Gerhard Cromme formuliert.

Mit dem Etikett Krisenmanagement ist dieser Auftrag unzureichend umrissen. Es geht um mehr, viel mehr. Es geht um schöpferische Zerstörung, um einen radikalen Kulturwandel, den Löscher in dem Superkonzern herbeiführen muss. Strukturen müssen aufgebrochen, verhängnisvolle Gewohnheiten abgeschafft werden. Ein schweres Stück Arbeit, denn bei Siemens  - und nicht nur dort - werden Reformer schnell durch Beharrungskräfte auf allen Ebenen ausgebremst.

Als Löscher Mitte Mai zum neuen Siemens-Chef gekürt wurde, gab es innerhalb des Unternehmens nicht wenige, die meinten, die Aufgabe sei eine Nummer zu groß für den Mann. Doch je mehr sie über ihn erfuhren, umso mehr drehte sich auch das Meinungsbild. Löscher hat seine Chance. Und langsam müsste auch dem letzten Siemensianer dämmern, dass sich beim Münchener Technologiekonzern Grundsätzliches ändern muss - und wird. Wenn das (Löscher) nicht gelingt, drohen dem Konzern nicht nur Strafzahlungen in Milliardenhöhe, dann droht im schlimmsten Falle die Zerschlagung. Peter Löscher ist zum Erfolg verdammt.

Was auf Siemens jetzt zukommt, lesen Sie in unserer Titelgeschichte ab Seite 28.

Wie viel dürfen Topmanager verdienen? Seit Jahren tobt ein Streit über diese Frage. Und die Argumente, die dabei fallen, bewegen sich mitunter auf Hartz-IV-Niveau. So, wenn SPD-Veteran Franz Müntefering einen Höchstlohn für Vorstände fordert. Oder wenn die "Bild"-Zeitung den scheidenden Siemens-Chef Klaus Kleinfeld wegen der einst geplanten Gehaltserhöhung als "Raffke-Boss" geißelt und natürlich nicht schreibt, dass ihr oberster Verlagsmanager Mathias Döpfner 2006 deutlich mehr kassiert hat. Höchste Zeit also für einen sachlichen Diskussionsbeitrag. Gemeinsam mit den Experten von Ernst & Young sowie Professor Reinhart Schmidt von der Universität Halle hat manager magazin die Gehälter von mehr als 120 europäischen Vostandschefs mit ihren Leistungen für die Aktionäre ins Verhältnis gesetzt. Wer sein Geld wert ist und wer nicht, lesen Sie ab Seite 38. Ein Ergebnis vorweg: Der Hinweis etlicher Manager, in den USA würde sich Leistung viel mehr lohnen als hierzulande, stimmt längst nicht immer. Peter Löscher verdiente beim Pharmariesen Merck im vergangenen Jahr 3,6 Millionen Dollar. Da können etliche Dax-Chefs locker mithalten.