Sammler Jäger in Nadelstreifen

Uhren zu sammeln, kostet viel Zeit und Geld, kann aber auch stattliche Gewinne abwerfen. manager magazin hat Experten und Sammler befragt und sagt, warum immer mehr uhrenbegeisterte Männer ihr exklusives Hobby als Investition mit Renditechance begreifen.
Von Claus G. Schmalholz

Im November des vergangenen Jahres wäre der Hedgefondsmanager Florian Homm (47) fast gestorben. Weil er seine Armbanduhr nicht hergeben wollte.

Auf der Fahrt zum Flughafen von Venezuelas Hauptstadt Caracas gerät der Finanzalchimist und Großaktionär von Borussia Dortmund in einen Stau. Zwei Motorradfahrer stoppen neben der schwarzen Hotellimousine. Plötzlich richten sie Waffen auf Homm. Der Rolex-Träger gibt den Straßenräubern Bargeld, die Kreditkarte, auch sein Handy. Doch sie wollen noch mehr, deuten auf seinen Arm. Als Homm sich weigert, auch noch seine Uhr herauszugeben, eröffnen die Banditen sofort das Feuer. Die Kugel zerfetzt Homms Milz, verfehlt sein Herz nur um Zentimeter. Eine Notoperation rettet ihm das Leben.

Ein Mann und seine Uhr. Oftmals eine ganz besondere Kombination. Im Fall von Homm ein Schmuckstück, für das er sogar sein Leben riskiert.

Auf gesellschaftlichem Parkett ist es das einzige Schmuckstück, das Männern erlaubt ist. Die Möglichkeit, einen Teil seiner Persönlichkeit offen zur Schau zu tragen. Telekom-Chef René Obermann zum Beispiel leistet sich eine "Lange 1" von Lange & Söhne im Wert von rund 30.000 Euro. Allianz-Finanzvorstand Paul Achleitner trägt unter anderen eine Blancpain "Flyback" für rund 9000 Euro.

Männer mögen teure Uhren, auch wenn sie an jedem Handy die Zeit ablesen können - so viel Unvernunft lässt sich noch verstehen. Warum aber sammeln viele von ihnen Dutzende von Uhren und bewahren sie in Tresoren und Spezialschränken auf, die allein so teuer sind wie ein Sportwagen?

"Uhren zu sammeln ist eine Männerleidenschaft, weil wertvolle Uhren sehr mechanisch, sehr logisch aufgebaut sind", sagt der Hamburger Uhrmacher Andreas Hentschel (42). Außen verziert mit edlen Materialien wie Gold und Platin, im Inneren angetrieben von Wunderwerken der Feinmechanik - allein zum Tragen oft viel zu schade. Zum Grübeln über die Bedeutung von Zeit und das eigene Geschäft dagegen bestens geeignet.

So mag etwa mancher Manager beim Blick auf die Grande Complication einer "Caliber 89" von Patek Philippe (Preis über zwei Millionen Euro) an die schwierig umzusetzenden Merger-Pläne seines Vorstandschefs erinnert werden. Der Unterschied zu manch fusioniertem Unternehmen ist: Die Uhr funktioniert.

Uhren für den Tresor

Uhrenexperte Jörg Mehltretter (55) sagt, es gebe zwei Arten von Sammlern. Den Techniksammler, der mal von seiner Frau eine Omega "Seamaster" (Preis circa 4500 Euro) geschenkt bekommen hat und seitdem seine Sammlung technisch aufwendiger Uhren mit mechanischen Werken vervollständigt.

Und den Renommeesammler, der teure Uhren zwecks Egotuning kauft und zum Beispiel eine "Lange 1" trägt oder eine Hublot "Big Bang Black Magic" für 9800 Euro.

Letztere zwingt dem Verfasser eines Kompendiums über hochwertige Armbanduhren ("Die Noblen aus der Schweiz") einen verächtlichen Unterton in die Stimme. Er hält Hublot für eine Angebermarke, deren Uhren keine eigenen Werke haben und zudem - peinlich - mit Gummiarmbändern ausgestattet sind.

Die Uhrensammelei, so Mehltretter, sei besonders unter Führungskräften schwer in Mode, wenngleich der Experte die Meinung vertritt: "Je souveräner ein Manager ist, desto weniger achtet er auf seine Uhr."

Udo Winter (44) sammelt sportliche Rolex- und Breitling-Modelle. Seinen richtigen Namen will der Bankmanager nicht nennen. Bei einem Sammlerkollegen ist eingebrochen worden, nachdem eine Zeitung über dessen exklusives Hobby berichtet hatte.

Der Finanzexperte verkörpert einen neuen Typus des Uhrensammlers: Winter betrachtet seine Uhren als Investition: "Ich kaufe jede Uhr mit dem Ansatz, dass sie beim Weiterverkauf jede Festgeldanlage schlagen muss", sagt er.

Die kindliche Verzückung, mit der viele Uhrensammler ihre Preziosen präsentieren, ist dem Porsche-Fahrer fremd. Ungerührt legt er sein teuerstes Stück auf den Tisch, eine Rolex "Submariner" im Wert von 10.000 Euro. Bringt die Uhr die richtige Rendite, wird sie verkauft, sonst kommt sie zu Hause wieder in den Tresor. Den aktuellen Marktpreis erfährt Winter bei Ebay, einem der wichtigsten Handelsplätze für Sammler und Händler.

Männerträume im Web

Wer ernsthaft Uhren sammeln will, braucht aber vor allem eines: Zeit. Winter besucht regelmäßig Uhrenmessen, fliegt schon mal extra nach München zur Uhrenbörse, um seine Sammlung zu ergänzen und seine Stücke von Profis schätzen zu lassen. Und wenn er beruflich in London zu tun hat, schaut er stets bei einem Händler vorbei, der seit 30 Jahren im Geschäft ist und Winter schon so manches Schmuckstück verkauft hat.

Wer das richtige Gespür für Modelle hat, die in einigen Jahren hohe Preise erzielen können, kann in diesem Markt ordentlich Geld verdienen. Die höchsten Summen werden für ungetragene mechanische Uhren von traditionsreichen Herstellern bezahlt. Eine Patek Philippe "Nautilus" aus den 70er Jahren, die neu 10.000 Euro kostete, wurde unlängst für 26.000 Euro verkauft.

"Die 60er und 70er Jahre waren eine Blütezeit der mechanischen Uhrenindustrie", sagt Winter. Das sorgt für ein großes Angebot an schönen Uhren - und verschafft vielen jüngeren Managern emotionale Höhepunkte. Sie können Uhren aus ihrem Geburtsjahr sammeln.

"Richtige Uhrensammler sind schon ganz bestimmte Typen. Das sind Männer wie ich, die beruflich erfolgreich sind, oft neben Uhren auch Oldtimer aus den 60er und 70er Jahren sammeln und gern mal zusammen eine Zigarre rauchen", erzählt Winter.

Mancher Uhrenfreund pflegt gar ein fast schon libidinös zu nennendes Verhältnis zu seinem Zeitmesser, wie Stefan Muser vom Mannheimer Auktionshaus Dr. H. Crott zu berichten weiß. Einer seiner besten Kunden besitzt eine Lange-&-Söhne-Uhr im Wert von rund 30.000 Euro. Weil der Mann das gute Gerät so sehr schätzt, will er es tunlichst vor Beschädigungen schützen. Deshalb trägt er die Uhr nur nachts, im Bett.


Männerträume im Web

Das Internet ist für Sammler teurer und seltener Uhren, in der Regel Männer, die wichtigste Handelsplattform. Bei Ebay und Börsen wie www.chrono24.com  sowie www.antiquorum.com  finden Uhrenfreunde ein breites Angebot. Tipps von Sammlern und Experten-Know-how bieten Foren wie www.watchbizz.de  und www.timezone.com .

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