Swatch-Gründer Hayek Magie der Mechanik

Zur Swatch Group gehören 18 Uhrenmarken, darunter die Edelmarken Blancpain, Breguet und Omega. Der Umsatz kletterte vergangenes Jahr auf mehr als fünf Milliarden Schweizer Franken. Swatch-Gründer Nicolas G. Hayek spricht im Interview über die Uhr als Seelentröster, den Kampf mit Rolex und den Ärger mit chinesischen Raubkopien.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

mm: Herr Hayek, in der Öffentlichkeit sieht man Sie stets mit mehreren Uhren an den Handgelenken. Welche Modelle trägt der Verwaltungsratschef der Swatch Group am liebsten?

Hayek: Ich besitze eine emotionale Bindung zu Uhren, betrachte sie nicht allein als Messinstrumente, sondern hauptsächlich auch als Schmuckstücke und Kunstwerke, wie übrigens neuerdings viele Menschen. Auf alle Fälle trage ich immer eine Swatch - und zwar die erste, die 1983 vom Band lief. Ein New Yorker Museum bot mir schon 250.000 Dollar, aber sie ist unverkäuflich. Die zweite Uhr, die ich immer bei mir habe, ist eine Omega aus Titan mit Gold. Eine Spezialanfertigung für mich.

mm: Aber immer noch zu wenig für Ihren Geschmack?

Hayek: Auch eine meiner Lieblingsuhren, eine Breguet mit Tourbillon, darf nicht fehlen. Wenn ich mal verzweifelt bin über das, was so alles auf unserer Welt passiert, schließe ich mich im Büro ein, höre mir ein Klavierkonzert an und betrachte die von Hand gefertigte Mechanik dieser Uhr. Dann glaube ich wieder an das Gute und Schöne in dieser Welt.

mm: Die Swatch Group ist ein eigenwilliges Geschöpf. Wie passen die bunten, billigen Swatch-Zeitmesser zu den Edelmarken Blancpain, Breguet und Omega?

Hayek: Die passen sehr gut zusammen. Sowohl Swatch als auch die Edelmarken sind Kunstwerke. Ebenso wie Pop und Klassik zusammenpassen: Andy Warhol hat einmal eine Swatch kreiert, und eine Breguet ist wie ein Leonardo da Vinci. Ohne die Marke Swatch wären wir nicht die Könige der Uhrenindustrie. Über die Jahre haben wir durchschnittlich 15 bis 20 Millionen Swatch-Uhren im Jahr produziert. Sie geben uns immer noch das Volumen, das notwendig ist, um unsere 156 Fabriken und Fertigungsstätten auszulasten, wo auch Uhrwerkteile hergestellt werden, auf die fast alle Uhrenmacher heute angewiesen sind.

Dies hat uns auch entscheidend dabei geholfen, das enorme Know-how der Schweizer Uhrenindustrie zu sichern und zu erhalten. Außerdem: Selbst wenn wir die Swatch-Produktion, wie einige Analysten einmal vorgeschlagen haben, einstellen würden, hätte das keinen positiven Einfluss auf die anderen Marken unseres Hauses - nicht eine Uhr mehr würden wir deswegen verkaufen. Im Gegenteil, durch den Ausfall der Swatch-Gewinne würden eher weniger Gewinne für den Gesamtkonzern generiert und die Fixkosten erhöht.

"Eine Visitenkarte unserer Kultur"

mm: Der Marke Omega wollen Sie neuerdings zu altem Glanz verhelfen und gar den Marktführer in diesem Segment, die Firma Rolex, herausfordern. Wie gehen Sie das an?

Hayek: Das ist albernes Branchengeschwätz. Die Wahrheit ist schlicht: Rolex und Omega sind von Geburt an Konkurrenten gewesen. Zu Beginn des Wettkampfs stand bei den Verkaufszahlen, aber auch beim Prestige, Omega ganz oben und Rolex tiefer.

Weil die Marke Omega dann eine Reihe von nicht sehr begabten Chefs hatte, änderte sich die Rangfolge vor circa 30 oder 40 Jahren. Eine japanische Uhrenfirma bot den Banken damals an, ihnen die Marke Omega für 400 Millionen Schweizer Franken plus Lizenzgebühr abzukaufen. Aufgrund meiner damaligen Empfehlung haben die Banken das Angebot abgelehnt. Ich hatte mich bereits damals verstärkt um die Marke gekümmert. Die Situation heute: Rolex wächst - und Omega wächst stärker.

mm: Wo liegt die Zukunft der teuren mechanischen Uhr - bei immer weiteren Komplikationen oder dem Einsatz neuer Werkstoffe zur Erhöhung der Präzision und Funktionsdauer?

Hayek: In der Ganggenauigkeit, der Schönheit und im Handwerk vor allem. Uhren aus der Manufaktur symbolisieren ein Stück Schweiz und Europa, sind eine Visitenkarte unserer Kultur. Das heißt, sie sind in Aussehen und Qualität unverwechselbar.

Die Magie der Mechanik begeistert immer mehr Menschen - besonders auf den asiatischen Boommärkten China und Singapur. Um mit seinen Zeitmessern auch in Zukunft attraktiv bleiben und höchste Präzision abliefern zu können, bedarf es großen handwerklichen Geschicks. Und deshalb investieren wir in der Schweiz, in den USA, in Deutschland und Frankreich und auch anderswo viel in die Ausbildung neuer Mitarbeiter. Vier Jahre Lehrzeit hier bringen mehr als etwa manches Ingenieurdiplom einer renommierten amerikanischen Lehranstalt.

"Meine Familie liebt diese Firma"

mm: In vielen Manufakturen im Schweizer Jura herrscht weithin Hightech-Betrieb, computergesteuerte Automaten haben längst Einzug in die Uhrmacherwerkstätten gehalten. Wo bleibt da das schöne Idyll des Handwerksbetriebs nach Altväter Sitte?

Hayek: Wir schneiden nicht mehr jedes Teil von Hand. Das können die Maschinen schneller und genauer. Aber bei einer Breguet etwa, die aus mehr als 700 Einzelteilen besteht, ist beim Zusammensetzen von Teilen, bei der Gestaltung, Anpassung und der Dekoration noch enorm viel Handarbeit vonnöten.

mm: Wie groß sind die Probleme, die Sie mit gefälschten Uhren, etwa aus China, haben?

Hayek: Enorm groß. Wir müssen darauf drängen, dass die chinesische Regierung Fälscher härter bestraft. Wird einer erwischt, dann bekommt er eine Geldbuße und wird nach ein paar Tagen oder sogar Stunden Knast wieder nach Hause geschickt. In Amerika gibt's dagegen sieben Jahre Gefängnis. Das ist der Unterschied. Nicht wir allein sind jetzt gefordert, denn die Schweiz ist nur ein kleines Land. Da müssen die Europäische Union und die USA mitmachen, denn es sind nicht nur Uhren, sondern auch andere Luxusartikel, die der Produktpiraterie zum Opfer fallen. Man muss den Chinesen deutlich machen, dass sie mehr Geld verdienen, wenn sie uns legale Ware verkaufen statt illegale.

mm: Sie beaufsichtigen den Verwaltungsrat, in dem auch Ihre Tochter Nayla vertreten ist. Ihr Sohn Nick ist CEO der Swatch Group, Ihr Enkel Marc führt die Marke Blancpain. Ist das nicht ein bisschen viel Familie für ein Unternehmen?

Hayek: Ganz im Gegenteil. Wenn Sie sehen, welches Unheil Hedgefonds im Moment anrichten und was Investmentbanker mit der Industrie auch in der Schweiz treiben, werden Sie mir zustimmen. Die Swatch-Group ist heute mit über 20 Milliarden Schweizer Franken an der Börse kapitalisiert. Die Marke Omega allein können Sie für acht oder sogar für zehn Milliarden verkaufen. Aber weil wir alle in diesem Unternehmen mit Herzblut tätig sind, kommt keiner auf die Idee, Aktien zu verkaufen, um sich vielleicht auf einer einsamen Insel ein schönes Leben zu machen. Das passiert auch nach meinem Tod nicht, dafür liebt meine Familie diese Firma zu sehr.

Swatch Group: Hayeks Mischung in Bildern

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