Artindex Gerahmtes Geld

Nichts ist so teuer und undurchschaubar wie der Markt für moderne Kunst. Eine neuartige Analyse gibt Anlegern jetzt eine klare Orientierung.
Von Brigitte von Trotha

Als Damien Hirst im vergangenen Jahr seine in Formaldehyd eingelegten Schafe und Ziegen für eine Ausstellung nach Mexiko verschickte, hatte der Zoll auch an den furchterregendsten Skulpturen des Schockkünstlers nichts auszusetzen. Nur die Werkzeuge für die Installation der Objekte waren den Beamten suspekt. Bohrer und Zangen blieben im Gewahrsam der Behörden - zu gefährlich für den Import.

Der 41-Jährige verzichtete auf unerquickliche Diskussionen. Stattdessen baute er eine Glasvitrine, verstaute seine Utensilien darin, deklarierte den gläsernen Werkzeugkasten als Kunstwerk und gab dem ganzen den Titel "Unbefleckte Empfängnis". Das Paket passierte anstandslos die Grenze.

Wo einer wie Hirst Kunst draufschreibt, ist auch Kunst drin - dem beugen sich sogar die Zöllner Lateinamerikas. Was soll man auch von einem Künstler anderes erwarten, der behauptet, dass es "im Kunsthimmel schon einen Platz mit meinem Namen gibt"?

Mit einer gehörigen Portion Chuzpe und dem Verzicht auf jegliches Understatement hat sich der begnadete Selbstdarsteller zu einem der am heißesten gehandelten Protagonisten der aktuellen Kunstszene aufgeschwungen.

Die Auktionshäuser setzen mit keinem anderen jungen Künstler so viele Millionen um. Als Sotheby's das von Hirst gestaltete Interieur eines Restaurants versteigerte, rissen sich die Fans sogar um die Fetzen der Tapeten. Und wenige noch lebende Künstler werden von den Kunstexperten ähnlich mit Lob zugeschüttet wie Hirst.

"Seine Werke wird man sich noch in über 100 Jahren anschauen", ist Udo Kittelmann vom renommierten Museum für Moderne Kunst in Frankfurt überzeugt.

Von der Auktionswelt gefeiert, von der Fachwelt hofiert - damit befindet sich Hirst in einer Ausnahmesituation. Denn eigentlich verbindet Auktionatoren und Museumsdirektoren wenig.

Markt weiter anheizen

Den Auktionshäusern geht es darum, den ohnehin heiß laufenden Markt weiter anzuheizen. Was nur funktioniert, wenn immer öfter immer spektakulärere und immer teurere Werke versteigert werden. Ob der Preis auch in einigen Jahren noch gerechtfertigt ist, interessiert in der Hitze der wohl inszenierten Bietergefechte niemanden. Sollen die Museumsdirektoren und Kunstprofessoren doch denken, was sie wollen.

Denen wiederum ist das Wesen der Spekulation suspekt. Kunstexperten orientieren sich an der in monetären Größen nur schwer messbaren langfristigen Bedeutung eines Künstlers. Sie nehmen für sich in Anspruch, aus der Masse der Maler, Fotografen und Bildhauer die wirklich relevanten Namen herauszufiltern. Wer nur Mittelmaß bietet, bekommt keinen der raren Plätze in den Ausstellungsräumen der wichtigen Museen - ganz gleich, wie sehr er in den Auktionssälen auch gefeiert wird.

Wie aber finden sich Anleger in einem derartig unübersichtlichen Markt zurecht, in dem es anders als an den Aktienbörsen keinerlei nachvollziehbare Bewertungskriterien gibt? Wie können sie die Künstler herausfiltern, deren Qualität eine langfristig stabile Wertentwicklung verspricht? Und wie stellen sie sicher, dass sie für die Werke dieser Künstler nicht zu viel bezahlen?

Antworten auf diese Fragen gibt eine in Art und Umfang einzigartige Untersuchung zur zeitgenössischen Kunst. Eine Studie, die manager magazin von nun an einmal pro Jahr präsentieren wird. Kern der Untersuchung ist das Urteil von 14 renommierten Kunstexperten, das manager-magazin-Artpanel.

In einem ersten Schritt wählen die mm-Juroren die aus ihrer Sicht besten zeitgenössischen Künstler der vergangenen 50 Jahre. Um die Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Künstlern zu gewährleisten, wurden die Mitglieder des Artpanels gebeten, ihre Favoriten in drei Gruppen aufzuteilen:

  • Künstler, deren Werk bereits Klassikerstatus erreicht hat;
  • Künstler, die mit ihrem Werk die aktuelle Entwicklung bestimmen und das Potenzial haben, einmal zu den Klassikern gezählt zu werden; sowie
  • Künstler, die erst vor wenigen Jahren die Kunstakademien verlassen haben, die aber über genügend Talent verfügen, um in ein paar Jahren die Trends mitzubestimmen.

Favoriten in drei Gruppen

In einem zweiten Schritt fasst manager magazin zusammen mit dem Kunstmarktdienstleister Artprice  die Wertentwicklung der von den Mitgliedern des Artpanels genannten Künstler des Klassikerkanons zum mm-Artindex (mmax) zusammen. Mithilfe dieses Barometers lässt sich zeigen, wie sich die Preise eines Künstlers im Verhältnis zu allen zeitgenössischen Klassikern entwickelt haben. Für die Künstler der aktuellen Szene ist ein ähnlicher Vergleich noch nicht möglich, da bisher zu wenige Auktionsdaten vorliegen.

In einem dritten Schritt analysiert manager magazin schließlich die Wertentwicklung der von den Artpanel-Mitgliedern am häufigsten genannten Künstler des Klassikerkanons und der aktuellen Szene noch einmal detailliert.

Mit der Verbindung von Expertenurteil und fundamentaler Analyse steht Anlegern künftig eine einzigartige Orientierung zur Verfügung: Die Untersuchung gibt klare Hinweise darauf, welche Künstler in den einzelnen Kategorien die attraktivsten Investmentmöglichkeiten bieten.

Ob Andy Warhol, Gerhard Richter oder Louise Bourgeois - alle Namen auf der Liste der zeitgenössischen Klassiker haben sich ihren Platz im Olymp gesichert. Ihre Werke hängen in den wichtigsten Museen der Welt - wie dem New Yorker Museum of Modern Art, der Tate Modern in London und dem Hara Museum of Contemporary Art in Tokio.

Für Anleger gilt daher: Eine echte Fehlinvestition ist bei diesen Bluechips kaum möglich. Das zeigt schon ein Blick auf den mm-Artindex, der alle von der Expertenjury genannten zeitgenössischen Klassiker umfasst. Seit 1997 hat er um über 270 Prozent zugelegt - das entspricht einer durchschnittlichen Wertsteigerung von 14 Prozent pro Jahr.

Allerdings zeigt sich, dass die Wertentwicklung der 15 am häufigsten genannten Künstler des Klassikerkanons in den vergangenen Jahren höchst unterschiedlich war. Während sich die Preise für die meisten seit 1997 vervielfacht haben, kosten die Werke von Robert Gober und Nam June Paik heute nicht mehr als vor zehn Jahren.

"Warhol ist Warhol ist Warhol."

Andy Warhol ist, egal wie man es betrachtet, nicht nur der King of Pop Art, sondern der König der Zeitgenossen überhaupt. Den Auktionshäusern garantiert er einen Superlativ nach dem anderen: In den vergangenen zehn Jahren haben Sotheby's, Christie's & Co. mit den großformatigen Drucken und Grafiken des New Yorkers über 500 Millionen Euro umgesetzt, die Preise für seine Werke verdoppeln sich derzeit alle zwei bis drei Jahre. Inzwischen kostet ein Bild von Warhol im Schnitt so viel wie ein Eigenheim: 300.000 Euro.

Doch selbst diese astronomischen Preise scheinen gerechtfertigt, denn auch die Experten des mm-Artpanels betrachten Warhol als eine Klasse für sich. Seine Alleinstellung begründen sie mit seiner Rolle als Wegbereiter der Pop Art. Es war der ehemalige Schaufensterdekorateur, der Anfang der 60er Jahre als Erster banale Motive aus der Werbung und Fotos aus Medien nutzte und daraus eine künstlerische Persiflage auf die Konsumgesellschaft schuf.

Für Christoph Heinrich, Leiter der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle, gehört er deshalb neben Pablo Picasso zu den wichtigsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Sein Expertencredo: "Andy Warhol ist Andy Warhol ist Andy Warhol."

Trotz ihrer Rekordpreise sind Warhol und die anderen Vertreter der Pop Art, Roy Lichtenstein und Robert Rauschenberg, noch immer für Einsteiger interessant; denn im Schnitt kostet ein Drittel ihrer auf Auktionen angebotenen Arbeiten weniger als 10.000 Euro.

Das überzeugendste Argument für das Premiumsegment ist allerdings ein ganz anderes: Die spektakulären Bietergefechte in den Auktionssälen konzentrieren sich auf die absolute künstlerische Spitze. Wer schon teuer ist, wird aus genau diesem Grund immer teurer.

"Noch nicht ausreichend entdeckt"

Das gilt auch für den deutschen Maler Gerhard Richter, der auf den Auktionsmärkten so hohe Umsätze erzielt wie kein anderer lebender Künstler. "Niemand hat die Entwicklung der Malerei in der jüngeren Vergangenheit so stark beeinflusst wie er", hebt Eugen Blume, Leiter der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin, die Leistung des 75-Jährigen heraus.

Legendär sind Richters Vielseitigkeit - sein Repertoire umfasst abstrakte Bildmotive genauso wie fotorealistische Darstellungen - und seine bereits seit Jahrzehnten unter Beweis gestellte Beständigkeit. Ein Richter ist ein bleibender Wert.

Dass Vielseitigkeit und Kontinuität allein jedoch noch keinen großen Markterfolg garantieren, zeigt sich bei keinem der Künstler aus dem Klassikerkanon so deutlich wie bei Joseph Beuys. Die Preise für seine Arbeiten haben sich in den vergangenen Jahren nur durchschnittlich entwickelt, über die Hälfte der angebotenen Stücke findet keinen Abnehmer. Beuys ist oft sperrig, aber nie dekorativ. Und die wenigsten Sammler wollen sich ein Stück ranzige Butter ins Wohnzimmer stellen oder einen Filzanzug in den Flur hängen.

Unbestritten ist allerdings, dass Beuys einer der wichtigsten Wegbereiter für die aktuelle Kunstszene war und neben seinen von Filz und Fett zusammengehaltenen Großinstallationen auch brillante Zeichnungen abgeliefert hat.

Dass sich auch dafür oft kein Bieter findet, kann selbst Simon de Pury, Chef des weltweit drittgrößten Auktionshauses, Phillips de Pury & Company, nur bedingt erklären: "Der Markt hat ihn einfach noch nicht ausreichend entdeckt."

Das lässt sich auch von Bernd & Hilla Becher sagen. Ihre kühl aufgenommenen Serien von Förder- und Wassertürmen des Ruhrgebiets haben den Weg für den Boom der Fotografie erst geebnet. Doch das Becher-Kapitel im Kompendium der Auktionsgeschichte ist eher dünn: Ihre Arbeiten waren bislang keine Renner.

Dass es den Schülern oft besser ergeht als ihren Lehrmeistern, zeigt das Beispiel Andreas Gursky. Bei Bernd und Hilla Becher ausgebildet, ist der Düsseldorfer so etwas wie der Damien Hirst der Fotografie. Mit seinen digitalisierten Monumentalbildern von Autorennbahnen, Massenraves oder Billigsupermärkten zählt er aus Sicht der Experten zu den vielversprechendsten Künstlern der aktuellen Szene.

Noch günstig zu haben

Insgesamt 30 Künstler, die fast alle zwischen 1945 und 1965 geboren wurden, haben die Mitglieder des Artpanels aus Hunderten Talenten ausgewählt. Sie haben sich dabei auf die Namen konzentriert, die ihrer Meinung nach die besten Chancen haben, in nicht allzu ferner Zukunft in den Kanon der Klassiker aufgenommen zu werden.

Im Schnitt sind die Werke der Künstler aus der aktuellen Szene mit 70.000 Euro rund 60 Prozent günstiger als die Arbeiten der zeitgenössischen Klassiker. Besonders interessant für Anleger sind jedoch die Namen, die trotz ihrer hervorragenden Qualität und Etablierung auf dem Kunstmarkt noch relativ günstig zu haben sind. Zu diesen ungeschliffenen Diamanten gehören etwa der Bildhauer Thomas Hirschhorn, der Fotograf Wolfgang Tillmans und der Maler Raymond Pettibon.

Augenfällig ist die Dominanz europäischer und amerikanischer Künstler in der Auswahl des Artpanels. So findet sich unter den 30 besten Künstlern der aktuellen Kunstszene bis auf den Japaner Takashi Murakami kein einziger Asiate.

Dabei sind es gerade die Künstler aus Fernost, insbesondere China, die zurzeit auf Auktionen und Ausstellungen für Furore sorgen.

Die Mitglieder des Artpanels zeigen sich skeptisch, ob dieser Boom langfristig trägt. Fest steht, dass die Preise der jüngeren Künstler auch in einem weiter wachsenden Kunstmarkt in den kommenden Jahren deutlich stärker schwanken werden als die Notierungen der Klassiker. Es kann auch passieren, dass der eine oder andere Shootingstar in zehn Jahren das gleiche Schicksal erlebt, das den sogenannten Jungen Wilden wie Peter Bömmels und Helmut Middendorf widerfahren ist: In den 80er Jahren verkauften sie gut, heute redet keiner mehr von ihnen.

Anleger, die extreme Preisschwankungen scheuen, können auf Nachwuchskünstler setzen. Hier ist das Verlustrisiko von Beginn an auf Beträge im vierstelligen Bereich begrenzbar, während gleichzeitig die Aussicht auf hohe Wertzuwächse lockt.

Unübersichtliche Szene

Allerdings ist die Szene der Künstler um die 30 die mit Abstand unübersichtlichste. Allein in Deutschland verlassen jedes Jahr Tausende Studenten die Kunsthochschulen.

Um etwas Licht in den Schatten der Hinterhofateliers zu bringen, haben alle 14 Mitglieder des Artpanels exklusiv ihre persönlichen Favoriten unter den ganz jungen Malern, Zeichnern, Fotografen, Bildhauern sowie Video- und Installationskünstlern benannt. Dabei handelt es sich um Namen, die bisher meist nur Insidern bekannt sind ("Auf dem Sprung nach vorn").

Mehr noch als viele heute schon renommierte Künstler arbeiten die meisten jungen Favoriten des Artpanels in allen Medien. Terence Koh etwa, der als neuer Andy Warhol gilt, schafft Installationen genauso wie Wandarbeiten oder flüchtige Performances. Mit ihren oft comicartigen Zeichnungen und meist sehr farbenfrohen Bildern stehen auch Künstler wie Lucy McKenzie und Paul Chan ganz in der Tradition der Pop Art. Denn 20 Jahre nach seinem Tod ist der Einfluss von Andy Warhol prägender denn je.

Gerade für die wirklich kunstinteressierten Investoren sind die Geheimtipps aber nicht nur wegen der Aussicht auf eine besonders lukrative Rendite attraktiv. Denn alle Nachwuchskünstler bieten den Anlegern auch eine ausgesprochen hohe emotionale Dividende. Wer sich bereits früh mit einem Künstler befasst, hat die Möglichkeit, ihn lange auf seinem Entwicklungspfad zu begleiten.

Dann muss er nur noch die Daumen drücken, dass seinem Schützling das Schicksal von Damien Hirst erspart bleibt. Der baut sich zwar gerade ein eigenes Museum und gilt mit einem geschätzten Vermögen von 150 Millionen Euro als reichster lebender Künstler - doch richtig glücklich ist er trotzdem nicht: "Ich kann meine Arbeiten ad infinitum verkaufen, aber ich entwickle mich künstlerisch nicht weiter."

Mitarbeit: Sven Böll

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