Freitag, 19. Juli 2019

Petrodollars Generation Golf II

Öl, Gas und sehr viel Geld - die arabischen Herrscher spielen ihren globalen Einfluss zunehmend selbstbewusst aus und bauen heimliche Weltimperien auf.

Es wächst, wo eigentlich nichts wachsen dürfte. Mitten in der Wüste gedeiht ein Wald, umgeben nur von Sand, Trockenheit, Hitze und wilden Kamelen. Entlang der Autobahn 11 lässt Seine Hoheit Scheich Chalifa Bin Sajid Al Nahayan (58), Alleinherrscher von Abu Dhabi, Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate und Freund Gerhard Schröders, den "green belt" sprießen: 80 Kilometer lang, zig Meter breit, künstlich benetzt von entsalztem Meerwasser. Ein gigantischer Aufwand - nur damit es die Autofahrer im Vorbeifahren schön grün haben.

Mit Willenskraft und sehr viel Geld lassen sich sogar die Naturgesetze beugen. Man sieht es derzeit überall auf der arabischen Halbinsel: Mit aller Macht sind die Scheichs dabei, die Welt nach ihren Vorstellungen zu verändern. So schnell wie möglich wollen sie die Rückständigkeit ihrer Volkswirtschaften überwinden, wollen nicht mehr bloße Energielieferanten sein, sondern in die erste Reihe der Weltwirtschaft vorrücken.

Seit Jahren lassen die hohen Energiepreise die Kassen überquellen. Die Eliten sind entschlossen, diese Chance zu nutzen. Anders als ihre Väter, die mit dem Dollar-Segen in den 70er Jahren nicht viel anzufangen wussten, hat die neue Führungskaste große Pläne. Die Generation Golf II drückt aufs Tempo.

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Die Angehörigen der neuen arabischen Elite tragen Dischdascha, das traditionelle Gewand, aber schätzen guten Wein. Sie sind weltoffen, aber ihren arabischen Traditionen und rigiden Stammesverbünden verpflichtet. Sie haben Edelunis, meist in Amerika, besucht, aber von den USA sind sie tief enttäuscht, seit dort nach dem 11. September Araber unter pauschalem Terroristenverdacht stehen. Und sie verfolgen ein großes Ziel: Ihre von jeher fast menschenleere Sandwüste soll sich in ein Zentrum von weltweiter Bedeutung verwandeln.

Die Wüste bebt. Die Golf-Emirate und Saudi-Arabien vibrieren geradezu vor Aufbruchstimmung und neuem Selbstbewusstsein. Abu Dhabi und vor allem Dubai sind dabei, sich zu Knotenpunkten der globalen Ökonomie zu entwickeln, zu Kreuzungen der Energie-, Waren-, Kapital- und Menschenströme; Retortenmetropolen werden aus dem Sand gestampft; ganze Branchen, von der Petrochemie bis zur Unterhaltungsindustrie, werden nach den Masterplänen der Scheichs und ihrer Berater hochgezogen. Eigentümliche Global Player wachsen da heran, die ein einzigartiges sozioökonomisches Modell pflegen: einen feudalistischen Kapitalismus.

Schon heute ist die Region ein zentrales Scharnier der globalen Ökonomie: Saudi-Arabien, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Katar - mit Oman und Bahrain zum Golf-Kooperations-Rat (Gulf Cooperation Council, GCC) zusammengeschlossen - gehören zu den wichtigsten Ölförderländern der Welt. Ihre Bedeutung wird in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen.

Weniger bekannt ist, dass die Golfstaaten auch die wichtigsten Finanziers der Weltwirtschaft sind. Die Überschüsse aus dem Öl- und Gasgeschäft sind so gigantisch, dass trotz aller Megabauprojekte und künstlich bewässerten Wüstenwälder Jahr für Jahr Hunderte Milliarden Dollar übrig bleiben. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind die Golfstaaten die größten Kapitalexporteure - größer als China, und viel geheimniskrämerischer.

© manager magazin 6/2007
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