Petrodollars Generation Golf II

Öl, Gas und sehr viel Geld - die arabischen Herrscher spielen ihren globalen Einfluss zunehmend selbstbewusst aus und bauen heimliche Weltimperien auf.

Es wächst, wo eigentlich nichts wachsen dürfte. Mitten in der Wüste gedeiht ein Wald, umgeben nur von Sand, Trockenheit, Hitze und wilden Kamelen. Entlang der Autobahn 11 lässt Seine Hoheit Scheich Chalifa Bin Sajid Al Nahayan (58), Alleinherrscher von Abu Dhabi, Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate und Freund Gerhard Schröders, den "green belt" sprießen: 80 Kilometer lang, zig Meter breit, künstlich benetzt von entsalztem Meerwasser. Ein gigantischer Aufwand - nur damit es die Autofahrer im Vorbeifahren schön grün haben.

Mit Willenskraft und sehr viel Geld lassen sich sogar die Naturgesetze beugen. Man sieht es derzeit überall auf der arabischen Halbinsel: Mit aller Macht sind die Scheichs dabei, die Welt nach ihren Vorstellungen zu verändern. So schnell wie möglich wollen sie die Rückständigkeit ihrer Volkswirtschaften überwinden, wollen nicht mehr bloße Energielieferanten sein, sondern in die erste Reihe der Weltwirtschaft vorrücken.

Seit Jahren lassen die hohen Energiepreise die Kassen überquellen. Die Eliten sind entschlossen, diese Chance zu nutzen. Anders als ihre Väter, die mit dem Dollar-Segen in den 70er Jahren nicht viel anzufangen wussten, hat die neue Führungskaste große Pläne. Die Generation Golf II drückt aufs Tempo.

Die Angehörigen der neuen arabischen Elite tragen Dischdascha, das traditionelle Gewand, aber schätzen guten Wein. Sie sind weltoffen, aber ihren arabischen Traditionen und rigiden Stammesverbünden verpflichtet. Sie haben Edelunis, meist in Amerika, besucht, aber von den USA sind sie tief enttäuscht, seit dort nach dem 11. September Araber unter pauschalem Terroristenverdacht stehen. Und sie verfolgen ein großes Ziel: Ihre von jeher fast menschenleere Sandwüste soll sich in ein Zentrum von weltweiter Bedeutung verwandeln.

Die Wüste bebt. Die Golf-Emirate und Saudi-Arabien vibrieren geradezu vor Aufbruchstimmung und neuem Selbstbewusstsein. Abu Dhabi und vor allem Dubai sind dabei, sich zu Knotenpunkten der globalen Ökonomie zu entwickeln, zu Kreuzungen der Energie-, Waren-, Kapital- und Menschenströme; Retortenmetropolen werden aus dem Sand gestampft; ganze Branchen, von der Petrochemie bis zur Unterhaltungsindustrie, werden nach den Masterplänen der Scheichs und ihrer Berater hochgezogen. Eigentümliche Global Player wachsen da heran, die ein einzigartiges sozioökonomisches Modell pflegen: einen feudalistischen Kapitalismus.

Schon heute ist die Region ein zentrales Scharnier der globalen Ökonomie: Saudi-Arabien, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Katar - mit Oman und Bahrain zum Golf-Kooperations-Rat (Gulf Cooperation Council, GCC) zusammengeschlossen - gehören zu den wichtigsten Ölförderländern der Welt. Ihre Bedeutung wird in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen.

Weniger bekannt ist, dass die Golfstaaten auch die wichtigsten Finanziers der Weltwirtschaft sind. Die Überschüsse aus dem Öl- und Gasgeschäft sind so gigantisch, dass trotz aller Megabauprojekte und künstlich bewässerten Wüstenwälder Jahr für Jahr Hunderte Milliarden Dollar übrig bleiben. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind die Golfstaaten die größten Kapitalexporteure - größer als China, und viel geheimniskrämerischer.

Die heimliche Wirtschaftsmacht

Ob die Weltkonjunktur weiter auf Hochtouren läuft oder in eine tiefe Rezession fällt, ob Öl und Gas bezahlbar bleiben, ob die USA weiterhin ihre Defizite finanzieren können oder der Dollar ins Bodenlose stürzt - all das wird maßgeblich in Riad und Abu Dhabi, in Dubai, Kuwait und Doha entschieden.

Doch diese heimliche Weltwirtschaftsmacht sitzt bislang nicht mit am Tisch der Mächtigen. Beim G8-Gipfel in Heiligendamm Anfang Juni waren die Golfstaaten nicht vertreten, wohl aber, obwohl weit weniger bedeutend, Mexiko und Südafrika.

Immerhin, beim Treffen der G7-Finanzminister Mitte April, als über die bedrohlichen globalen Ungleichgewichte verhandelt wurde - satte Überschüsse in China, den Golfstaaten und Russland, gigantische Defizite insbesondere in den USA - war der Saudi Ibrahim Abdulhaziz al-Assaf dabei. Ein Versuch, die absolutistischen Ölmonarchien nach und nach mit in die globale Verantwortung zu holen.

Die Spur der Petrodollars zieht sich inzwischen um die Welt. Oft verläuft sie im Verborgenen, weil es die Golfclans vorziehen, ihr Tun zu verschleiern - was ihren Einfluss freilich noch steigert.

"Wissen Sie", sagt ein arabischer Finanzstratege, "niemand draußen weiß, was wir tun. Und das soll auch so bleiben." Dann erzählt er von einem ein paar Wochen zurückliegenden Besuch beim indischen Finanzminister. Der habe ihm eine Liste "mit unseren angeblichen Investments" gezeigt, die sein Ministerium zusammengestellt habe. Schade um das Papier: "Tatsächlich sind unsere Investitionen dort schon jetzt viermal höher, als die Regierung glaubt."

So ist das bei der Adia, der Abu Dhabi Investment Authority, der weltgrößten staatlichen Investmentgesellschaft. Was die Adia-Strategen treiben oder durch Investmentbanken treiben lassen, ist Gegenstand von Geraune. Veröffentlicht wird nichts, keine Zahlen, keine Namen, kein Organigramm. Die Adia-Website weist nur die Adresse aus: Hausnummer 125 an der Corniche. Mutmaßlich managt die Adia 250 bis 500 Milliarden Dollar. Manche tippen auf 600 Milliarden.

Insider sagen, alle kolportierten Zahlen seien "total falsch", was wohl heißen soll: zu niedrig. Man investiert über Banken in London, New York oder Frankfurt. Die Quelle der Gelder - nicht nachvollziehbar. Sicher ist lediglich, dass das Vermögen rasch wächst, derzeit um schätzungsweise 30 Milliarden Dollar jährlich.

Schwindende Dollar-Fixierung

An der Corniche ist ein glänzender Neubau fast fertig, noch aber sitzen die wichtigsten Abteilungen in einem angejahrten Hochhaus mit Blick auf die Promenade. Von der Wand grüßen Scheich Chalifa und sein verstorbener Vater Sajid Bin Sultan Al Nahajan, der in den 70er Jahren die VAE und die Adia gründete. Im 17. Stock, wo die Anlagestrategen residieren und amerikanische Private-Equity-Manager mit ihren Adia-Counterparts Tee aus kleinen Gläsern trinken, hält man die gleißende Sonne mit Jalousien draußen und sitzt auf billigen schwarzen Ledermöbeln.

Also, Hand aufs Herz, wo investiert die Adia? Auch die vertraulichen Antworten bleiben vage: eigentlich in alles, außer in Rohstoffe. Man suche nach Vermögenswerten, deren Entwicklung unabhängig vom Öl verlaufe, so dass man in schlechten Zeiten immer noch Überschüsse erwirtschafte. Ansonsten werde das Vermögen breit gestreut. Länder, Währungen, Branchen, Aktien, Anleihen, Derivate, Private Equity - von allem etwas. Man verfolge 25 langfristige Anlagestrategien. Aha.

Seit 30 Jahren pumpt die Adia Geld in alle Welt. So gehören die Corniche-Kapitalisten, ihre Kollegen in Saudi-Arabien und Kuwait sowie die Notenbanken der GCC-Länder zu den wichtigsten Finanziers des US-Leistungsbilanzdefizits. Nur weil die Araber (sowie Chinesen und Russen) ihnen Billionen Dollar geliehen haben, konnten die Amerikaner in den vergangenen Jahren immer mehr konsumieren und die Weltkonjunktur auf Touren halten. Wenn diese gigantische globale Geldumwälzpumpe ausfällt, dann bricht das derzeitige weltwirtschaftliche Szenario zusammen - mit kaum absehbaren Folgen.

Die westlichen Finanzminister und internationale Finanzinstitutionen wie der IWF und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben mit den geheimnisvollen staatlichen Investmentbehörden denn auch so ihre Schwierigkeiten. Die Finanzmärkte wiederum spekulieren über die Frage, wann und wie schnell die arabischen Großinvestoren sich von ihrer US-Fixierung lösen werden. Dass diese Entwicklung eintreten wird, ist klar, nur wie sie verlaufen wird, steht noch nicht fest.

Der Fokus auf Anlagen in Amerika ist eine logische Folge der Bindung der Golfwährungen an die US-Währung. Sie bekommen Dollar für ihre Ölexporte, ihre Notenbanken halten den Dollar-Kurs der lokalen Währungen konstant, ihre Überschüsse legen sie vornehmlich in Dollar an. So läuft das Petrobusiness seit den 70er Jahren.

Doch das wird sich in den nächsten Jahren ändern. 2010 wollen die sechs Staaten des Golf-Kooperationsrats eine gemeinsame Währung einführen. Vorbild ist der Euro, Experten der Europäischen Zentralbank und Deutschen Bundesbank sind als Berater dabei.

Eine leise Drohung Richtung USA

Die gemeinsame Währung der wichtigsten Energie- und Kapitalexporteure der Welt dürfte sich zu einer wichtigen internationalen Größe entwickeln. Das eröffnet wirtschaftspolitische Bewegungsfreiheit. Noch vor wenigen Jahren undenkbar: Die Bindung an den Greenback ist nicht mehr sakrosankt.

Die Mega-Investoren

Einer der Beauftragten für das Undenkbare ist Sultan Bin Nassir al-Suweidi, ein Mann, der eine gelassene Würde ausstrahlt. Er stammt aus einer der reichsten Familien Abu Dhabis, hat schon einige einflussreiche Posten bekleidet, derzeit ist er Gouverneur der VAE-Notenbank. Der einzige Fleck auf seiner Vita ist die Tatsache, dass er mit einer Edelfrau aus einem der kleinen, ärmeren Emirate im Norden der VAE verheiratet ist - ein Malus aus Sicht der immer noch geschlossenen arabischen Clan-Society. Zur Begrüßung in seinem hallengroßen Büro serviert ein indischer Diener bitteren Tee aus einer beigefarbenen Thermoskanne. Durchs Fenster sieht man hölzerne Fischerboote in der Mittagshitze dösen. Die mächtige arabische Tradition ist allgegenwärtig.

" Bislang", sagt Suweidi, "ist die Dollar-Bindung eine gute Sache für uns. Aber das heißt natürlich nicht, dass wir sie ewig behalten werden." Bis 2015 werde der Euro zur Weltwährung Nummer eins, auch asiatische Länder wie China würden wohl zunehmend von der amerikanischen auf die europäische Währung umsteigen. Und all das werde, natürlich, Auswirkungen auf die künftige Wechselkurspolitik der GCC haben.

Man kann hier eine leise Drohung heraushören. Sie lautet: Wir werden nicht ewig Amerikas Defizite finanzieren.

Dann erzählt Suweidi in freundlichem Plauderton, wie gern die arabischen Staaten doch mehr in Europa investieren würden. Nur sei es leider so, dass die fragmentierten europäischen Finanzmärkte die gigantischen Überschüsse der Golfstaaten gar nicht aufnehmen könnten.

Bislang sei man noch auf den US-Kapitalmarkt angewiesen. Aber das, glaubt der Sultan, werde sich mit der Zeit ändern.

Viel Geld haben reiche Araber in den USA angelegt. Der größte private ausländische Einzelinvestor in Amerika ist ein Saudi: Prinz Walid Ibn Talal Al Saud, ein Neffe des saudischen Königs, Herr über ein 20-Milliarden-Dollar-Vermögen. An Dutzenden renommierter Konzerne ist er beteiligt, von Apple  über PepsiCo  bis Walt Disney . Walid schickt sich an, neue Wege zu gehen: Seine Kingdom Holding möchte er an die Börse bringen. In China ist er neuerdings mit "bedeutenden Investments" vertreten. Beim Mega-IPO der Bank of China  war er mit 300 Millionen Dollar dabei.

No bombs, no booze, no boobs

Etliche arabische Investoren haben in den vergangenen Jahren begonnen, Gelder aus dem Dollar-Raum abzuziehen - nicht nur, weil die US-Wirtschaft schwächelt, sondern auch, weil das Verhältnis zu den Amerikanern seit dem "Patriot Act" und dem Irak-Krieg gestört ist. Als Affront empfanden es die Araber, dass die USA nach dem 11. September Konten einfroren. Nun schichten sie ihre Vermögen eben in wachstumsstarke Regionen Asiens und nach Europa um.

Und manchmal geht es verdammt hoch hinaus. Mitten in London soll bis 2010 der größte Büroturm Europas entstehen. Den 288 Meter hohen "Bishopsgate Tower" hat eine Immobiliengesellschaft namens Arab Investments gekauft. Dahinter steht der Clan der Affaras, der vom Stadtteil Knightsbridge aus diskret sein Ölvermögen managt. 750 Millionen Pfund verwalten Chalid, Mohammed und Afra Affara.

Immobilien, Hotels, Banken, Beteiligungen an Autofirmen: Erlaubt ist, was gefällt, und, vor allem, was Rendite bringt. Auch die Bundesrepublik haben die arabischen Investoren als attraktives Anlageziel entdeckt.

Deutsche Konzerne versuchen, den kapitalen Golfstrom in ihre Richtung zu lenken und neue Großaktionäre zu ködern. Auf einer deutsch-arabischen Investorenmesse Ende vergangenen Jahres präsentierten die Finanzchefs von acht Konzernen vor der Dubai International Capital, dem Investmentvehikel des Herrschers Mohammed Bin Raschid Al Maktum (57): Eon  und RWE , Lufthansa  und EADS , BASF , Daimler , SAP  und Siemens . Jeder eine knappe halbe Stunde, in freundschaftlicher Atmosphäre und bei angenehmen Temperaturen. Man schied mit dem Versprechen, sich bald wieder zu treffen. Mitte Mai stieg Dubai mit 2,2 Prozent bei der Deutschen Bank  ein, Anfang Juli bei EADS.

Mehr und mehr bestimmen die Araber die Regeln des Kapitalmarktes mit. Gläubige Muslime dürfen keine Zinsen nehmen und nicht ins Rüstungs-, Alkohol- oder Sexgeschäft investieren ("no bombs, no booze, no boobs"). "Islamic Banking", das mit neuen, shariakompatiblen Produkten die Gebote des Propheten in die Investmentstrategie einbezieht, ist ein rasch wachsender Sektor.

Großes Potenzial für deutsche Firmen sieht Steffen Schubert in diesem neuen Markt. Der Schwabe, bis voriges Jahr erster Vorstandschef der internationalen Dubaier Börse, arbeitet derzeit an einem Konzept, den arabischen Cash-Überschuss auch für deutsche Mittelständler nutzbar zu machen. Denn bislang scheitere ein Einstieg oft daran, dass die Volumina zu klein seien: "Es gibt hier eine Menge Leute, die jährlich über 500 Millionen Dollar anzulegen haben." Mit Zehn-Millionen-Deals in Deutschland könnten die sich einfach nicht abgeben.

Ausdruck des neuen arabischen Selbstvertrauens sind auch die rasch steigenden Investitionen in die eigenen Volkswirtschaften. Dieser Tage nimmt eine Abspaltung der Adia ihre Arbeit auf, der Abu Dhabi Investment Council (ADIC). Die neue Gesellschaft wird nicht nur international, sondern auch in der Region investieren.

Umlenken der Geldpipelines

Kronprinz Muhammed (46) hat seit einigen Jahren sein eigenes Investmentvehikel: Mubadala, eine Entwicklungsgesellschaft, die sich um die Modernisierung der Wirtschaft von Abu Dhabi kümmert. Unter anderem bringt die Firma ab 2009 die Formel 1 nach Abu Dhabi. Prestigeträchtig hat sie sich an Ferrari beteiligt und baut nun einen Ferrari-Themenpark. Wie gesagt, man will unbedingt auf die globale Poleposition.

Das allmähliche Umlenken der Geldpipelines - weg von der Fixierung auf westliche Kapitalmärkte, hin zur eigenen Region - findet auch in anderen Golfstaaten statt, insbesondere in Saudi-Arabien. Dort steckt die Sabic (Saudi Arabian Basic Industries Corporation) Öldollar in den Aufbau der heimischen Industrie. Künftig will der Wüstenstaat nicht mehr simples Rohöl verkaufen, sondern verstärkt raffiniertes Benzin, chemische Grundstoffe und im Land geschürfte Mineralien. Westliche Kooperationspartner sind ausdrücklich willkommen, weshalb man in den Fliegern nach Riad und Dschidda so manchen deutschen Chemiemanager trifft.

Es sei ein "reizvoller Mix", der die Küsten der arabischen Halbinsel zu attraktiven Standorten für globale Industrien mache, sagt Armin Schmiedeberg, Mittelost-Statthalter der Boston Consulting Group in Dubai: extrem niedrige Energiekosten; billige importierte Arbeitskräfte; die günstige geografische Lage auf halbem Weg zwischen Europa und den asiatischen Megaboomländern China und Indien; dazu die nötige Liquidität aus dem Überfluss an Petrodollars - idealer Humus für die Produktion von Düngemitteln, Aluminium und vielem mehr.

Zur Blaupause für die arabische Entwicklung ist Dubai geworden. Scheich Mohammed, seit vorigem Jahr auch Premierminister der VAE, hat bewiesen, dass man ein Stück Sand, das noch vor 50 Jahren nur ein paar malariaverseuchte Lehmhütten trug, binnen weniger Jahre in eine glitzernde Weltstadt verwandeln kann. Eine Anderthalb-Millionen-Metropole, in der heute die Einheimischen nur noch rund 10 Prozent der Einwohner stellen, der Rest sind Inder, Pakistaner, Philippiner, Thais, Chinesen, Europäer, Amerikaner.

Weil die Ölvorkommen des Emirats weitgehend erschöpft waren, begann Scheich Mohammed als Erster der Emire, die Volkswirtschaft umzubauen. Heute ist die Stadt die Drehscheibe des arabischen Geldes. Geldschwere Saudis schätzen Dubai, wo sie, anders als in ihrer rigiden wahabitischen Heimat, freier leben und sogar Alkohol trinken können. Ausländische Milliarden befeuern den boomenden Immobilienmarkt. Ob reiche Russen, Saudis, Iraner, Iraker oder Europäer - man zahlt gern bar, auch große Summen, für einen Platz in der luxuriösen Oase der Sicherheit in einer unsicheren Region. Ideale Bedingungen für Geldwäsche in großem Stil.

Sorgen bereitet den Planern indes vor allem, dass die Infrastruktur nicht schnell genug mitwächst. Die Einwohnerzahl Dubais soll sich bis 2010 auf drei Millionen Menschen verdoppeln.

Problemfall Saudi-Arabien

"Maxed out" - an die Grenze der maximalen Kapazität stoßen -, das ist eine Lieblingsvokabel von Michael Proffitt, dem CEO von Dubai Logistics City. Der englische Logistikexperte war früher Manager bei Danzas; seit ein paar Jahren leitet er den Bau des neuen Flughafens. "Dubai World Central International Airport" - schon der Name klingt nicht übermäßig bescheiden - ist eine Vision für die nächsten Jahrzehnte.

Ein Flughafen, einer der größten der Welt natürlich, für bis zu 150 Millionen Fluggäste jährlich, mit sechs Startbahnen und zwölf Frachtterminals, umgeben von einem gigantischen Logistikzentrum, von Firmenparks, Luxuswohnungen und Arbeiterquartieren, von Golfplätzen und Hotels. Geplante Endausbaugröße von "Dubai Global City": eine Million Einwohner. Eine neue Stadt, 140 Quadratkilometer groß, wo bislang Wüste ist.

Solchen Gigantismus findet man in den Golfstaaten keineswegs absurd. "Wir schaffen hier etwas von der Bedeutung Singapurs oder Hongkongs, einen Hub für die ganze Region", sagt Proffitt. Mit "Region" meint er die Welt in einer Entfernung von bis zu vier Flugstunden: Osteuropa, die früheren Sowjetrepubliken, Afrika, Indien - zwei Milliarden Konsumenten in rasch wachsenden Volkswirtschaften. Und Arabien mittendrin.

Wie viele westliche Manager glaubt auch Proffitt an die Überlegenheit des feudalkapitalistischen Systems. "Dies ist eine Dynastie, die langfristig handelt, weil sie nicht darüber nachdenken muss, wiedergewählt zu werden. Die Führung konzentriert sich auf die ökonomische Entwicklung und auf die Menschen." Sehen Sie, sagt Proffitt, der demokratische Prozess in westlichen Gesellschaften könne doch sehr erdrückend wirken. "Denken Sie nur an den Ausbau der Flughäfen in Frankfurt oder in London-Heathrow. Hier ist das anders: Was entschieden wird, das passiert auch."

Viele westliche Beobachter bezweifeln allerdings die langfristige Stabilität des arabischen Absolutismus. Offizielle Statistiken sind chronisch unzuverlässig oder einfach nicht vorhanden. Die Kontrolle der Machtausübung ist bestenfalls lückenhaft. Und dass sich die große Mehrheit der dort lebenden Ausländer bis in alle Ewigkeit den Entscheidungen der Alleinherrscher unterwerfen mag, ohne Mitsprache- und demokratische Wahlrechte, ist höchst fraglich.

Als Problemfall gilt insbesondere Saudi-Arabien, der größte Staat der Halbinsel, mit einer sehr schnell wachsenden heimischen Bevölkerung. Das Leben der Massen ist eingezwängt in die rigiden, fundamental-islamischen Glaubensregeln der saudischen Sekte der Wahabiten. Für den Aufbruch in die Turbomoderne sind die vielen unterbeschäftigten und unzufriedenen jungen Leute schlecht gerüstet - ihre Ausbildung haben sie überwiegend in den Koranschulen genossen. Die Gesellschaft gleicht einem Pulverfass.

Umso willkommener sind die Ölmilliarden, von denen sich die Eliten einen großen ökonomischen Sprung nach vorn versprechen. Die Petrodollars, so die Hoffnung der Monarchen, sollen die Gesellschaft befrieden, ohne sie nachhaltig zu verändern. Deshalb tun sie alles, um möglichst viel aus den primären Quellen ihres Wohlstands und ihrer Stabilität herauszuholen - aus Öl und aus Gas.

"Eine gut geölte Maschine"

Tatsächlich beginnt sich die globale Weltenergiemacht der Saudis und ihrer Nachbarn gerade erst zu entfalten. Während in vielen Industriestaaten die Quellen allmählich versiegen, fördern die Golfstaaten künftig immer mehr. Bis 2030, so haben die Experten der Internationalen Energieagentur (IEA) errechnet, steigt ihr Anteil an der Weltölproduktion von 21 auf 26 Prozent.

Und es ist vor allem ein Unternehmen, das zeigt, wie man die ölbefeuerte Macht ausspielt: Saudi Aramco. Die 1980 verstaatlichte Ölgesellschaft ist inzwischen ein moderner Konzern - das Vorbild für Energiestrategen in aller Welt. Wie ungewöhnlich das Unternehmen ist, zeigt sich in der Führungsspitze. Kontrolliert wird der weltgrößte Energiekonzern nicht etwa von einem arabischen Hochadeligen, sondern von einem Aufsteiger aus kleinsten Verhältnissen: von Ali al-Naimi (72).

Er begann seine Laufbahn als zwölfjähriger Junge, der amerikanischen Aramco-Mitarbeitern den Kaffee kredenzte. Ein halbes Jahrhundert später ist al-Naimi, ein hagerer Mann mit grauem Schnäuzer und Brille, als Saudi-Arabiens Ölminister der mächtigste Ölmann auf dem Globus.

Aramco beschäftigt die meisten Leute, füllt die Staatskasse und die Schatullen Tausender Prinzen - und verkörpert die Macht in der Welt hinter der Wüste. Die Unternehmensberatung McKinsey taxiert den Marktwert der Firma auf märchenhafte 781 Milliarden Dollar; ExxonMobil , die Krone der westlichen Ölindustrie, folgt abgeschlagen auf Platz zwei (454 Milliarden).

Aramco, lobt ein Topmanager eines Konkurrenten, "ist eine gut geölte Maschine". Dass der Apparat rundläuft, dafür sorgen 3000 bis 4000 westliche Ingenieure, das Herz der Firma. Sie brauchen sich auch sonst um nichts zu kümmern: Bungalows gibt es zum Spottpreis, die Krankenhausbehandlung ist kostenlos; Tennis- und Golfplätze - oil inclusive.

Die Macht Aramcos basiert auf Flexibilität: Saudi-Arabien ist seit jeher der einzige Öllieferant, der seine Kapazität nennenswert ausweiten (oder eben kürzen) kann. So können die Scheichs den Ölpreis entscheidend beeinflussen.

Lange sah es so aus, als würde das Land seine Position als Zentralbank des Öls verlieren. Als der Preis zu Beginn des Irak-Krieges 2003 in die Höhe schoss, gaben die Saudis einen Teil ihrer Ölreserven in den Markt und stabilisierten so das Niveau. Nach dem starken Nachfrageanstieg 2004 war die Überschusskapazität dramatisch abgerutscht.

Eine "neue Seidenstraße"

Aramco sah Handlungsbedarf. Der Konzern will seine Kapazitäten massiv ausweiten: von derzeit elf Millionen Barrel (à 159 Liter) pro Tag auf 12,5 bis 2009, langfristig sind 15 Millionen geplant.

Die Saudis können die Verbraucherländer gegeneinander ausspielen, weil sie nun mal am Ölhahn hocken. Um die Schutzmacht USA bei Laune zu halten, schippern sie immer noch das schwarze Gold über den Atlantik - eine teure Gefälligkeit. Gleichzeitig lassen sie aber auch keinen Zweifel daran, dass die Zukunft in Asien liegt. Immer mehr Öl fließt nach Fernost, während die Exporte in die Vereinigten Staaten und nach Europa rückläufig sind. Schon träumen die Chinesen von einer "neuen Seidenstraße"; die Regierung will die arabischen Ölförderländer mit einer Freihandelszone eng an sich binden.

Künftig werden die Golfstaaten ihre Macht noch auf einen anderen Energieträger ausdehnen: das Erdgas.

Die Zeiten, als der flüchtige Stoff bei der Ölförderung abgefackelt wurde, sind vorbei. Mittlerweile haben die Scheichs, wenn auch spät, erkannt, dass sich damit viel Geld verdienen lässt. Saudi-Arabien verfügt über die viertgrößten Gasvorkommen der Welt, die noch weitgehend unerschlossen sind. Das Miniemirat Katar (so groß wie das Saarland) schwingt sich gar zum Gasgiganten auf.

Bis 2012 will die staatliche Gesellschaft Katar Petroleum hinter Aramco und Russlands Gasprom zum drittgrößten Energielieferanten der Welt aufsteigen. Als Opec-Mitglied wurde das Emirat wegen seiner relativ geringen Fördermenge stets belächelt; nun drängt sein Herrscher Hamad Bin Chalifa auf die Gründung einer Gas-Opec. Im Bund der Großexporteure (mit Russland und Iran) fiele Katar aus geopolitischen Gründen wohl die Schlüsselrolle zu.

Der globale Energiehunger, die beständig hohen Ölpreise und ihre Rolle als größte Kapitalexporteure verschaffen den Scheichs eine Ausnahmestellung in der Weltwirtschaft. Das ist vielen im Westen unheimlich. Kein Wunder, dass die Golfgiganten ihre guten Absichten betonen. "Wir sind eine Quelle der Stabilität", sagt der Ölmann al-Naimi. "Wir sind ein ausgleichender Faktor", sagt der Notenbanker Suweidi.

Da schwingt viel Understatement mit. In Wahrheit werden die Petroprinzen immer reicher und einflussreicher.

Petrodollars: Die Spur führt auch nach Deutschland

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