Ökomanagement Es grünt so grün

Der Klimawandel bietet Unternehmen auch neue Chancen. manager magazin zeigt, wie Umweltschutz für Firmen zum Wettbewerbsvorteil wird.

Im Labor riecht es nach Spaghetti. Ein Roboter greift sich einen schwarzen Teller vom Stapel und füllt ihn mit etwas Nudelwasser, das er in elegantem Schwung verteilt. Daneben spritzt ein Automat starken Schwarztee in Tassen. Nach einigen Minuten saugt er die schmierige Brühe in kleinen Schlucken wieder ab - alle 5 Minuten 20 Milliliter, sodass braune Ränder entstehen.

Der Schmutz hat System und dient einem guten Zweck. Mit seiner Hilfe entwickelt Henkel , Hersteller von Waschmitteln, Kosmetika und Klebstoff, einen neuartigen Reiniger für die Spülmaschine. Der sorgt für glänzend sauberes Geschirr bei 40 Grad Wassertemperatur und spart - je nach Programm - rund 20 Prozent Energie. Bislang waren 50 bis 55 Grad für den gleichen Effekt nötig.

Ein hübscher Werbegag zum In-Thema Klimaschutz? Schließlich posaunen derzeit viele Firmen tolle Pläne zur Verringerung von Kohlendioxidemissionen in die Welt - passend zu den UN-Berichten zur globalen Erwärmung.

Sicher, Umweltmarketing ist auch für Henkel wichtig, aber der Düsseldorfer Mischkonzern ist geradezu grün durchwirkt. 1994 erhob er "Eco-Leadership" zum Unternehmensziel. Seither integrierte die Führung den Umweltschutz als Managementaufgabe in sämtliche Abläufe - von der Produktentwicklung bis zum Marketing. Im Jahr 2000 ergänzte Vorstandschef Ulrich Lehner die Vorgaben um gesellschaftspolitische Komponenten - seither gilt dem Traditionshaus Nachhaltigkeit als Leitbild.

Nicht nur Naturschützer sehen darin den richtigen Weg. Mittlerweile verlangen auch viele Investoren, dass Unternehmen Ökologie und Soziales neben dem Gewinnstreben als gleichberechtigte Führungsaufgabe behandeln. Immer öfter fordern sie neben den reinen Geschäftszahlen auch quantitativ belegte Aussagen zu dem neudeutsch Sustainability genannten Gemisch aus Umweltfreundlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung ein.

"Nur mit nachhaltigem Wirtschaften können die Firmen langfristig ihre Geschäftsgrundlage erhalten", begründet Nicolas Huber, Fondsmanager bei DWS, die Motivation der Anleger. Der Finanzexperte sieht die Vorsorge gegen Risiken wie den Klimawandel nicht nur als Defensivstrategie. "Wer intelligent im Umweltschutz agiert, verschafft sich einen Wettbewerbsvorteil", erklärt der Verwalter des DWS-Klimafonds.

Topmanagement ist verantwortlich

Wie Ökologie und Ökonomie im Unternehmen perfekt zusammenspielen, lehren Vorbilder wie Henkel. Das Unternehmen gehört zu den Konzernen, die unabhängige Organisationen wie der WWF oder das Carbon Disclosure Project großer institutioneller Investoren als global führend beurteilen. manager magazin stellt die besten Konzepte vor.

Gemeinsam ist den Beispielen von Bayer  bis Otto, dass sich das Topmanagement für den Umweltschutz einsetzt. Nicht Stabsstellen oder Sonderbeauftragte initiieren vereinzelte Feigenblattaktivitäten oder formulieren Ökokapitel für die Firmenphilosophie.

Damit die wohlklingenden Absichtserklärungen nicht - wie laut dem WWF-Wirtschaftsexperten Matthias Kopp häufig der Fall - als "heiße Luft verpuffen", kümmert sich ein Vorstand um die Umweltziele. Spitzenleute - bei Bayer etwa der für Technologie zuständige Wolfgang Plischke oder bei BMW  Produktionschef Frank-Peter Arndt - sorgen für eine konsequente Realisierung. Sie erlassen strenge Leitlinien, bestimmen verantwortliche Manager und formulieren bezifferbare Indikatoren für die Umsetzung der Ökovorgaben. Das gesamte System zertifiziert ein externer Gutachter, etwa nach ISO-Norm 14 001.

Die Maßgaben aus der Chefetage werden inklusive klarer Zeitrahmen auf alle Bereiche, Prozesse und Standorte heruntergebrochen. Sie stehen gleichwertig neben Steuergrößen wie Umsatz oder Produktionsmenge. Die oberste Führung überprüft ihre Erfüllung in jedem Quartal und macht Teile der Bonuszahlungen von den Fortschritten abhängig.

Ein solch stringentes Managementsystem garantiert, dass die Akteure in allen Geschäftsbereichen den Ökoaspekt von Anfang an in ihr Handeln einbeziehen. Dabei gilt es zunächst, große Quellen schädlichen Verhaltens und damit besonders geeignete Felder für Präventivmaßnahmen zu identifizieren.

Bei Henkel etwa analysierten Mitarbeiter, wo im Lebenszyklus ihrer Produkte die meiste Energie verbraucht wird, Sparmaßnahmen also besonders wirkungsvoll den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids verringern können. Weil bei Spülmaschinentabs mehr als 80 Prozent des Energiebedarfs bei der Anwendung im Haushalt entstehen, sah Produktentwickler Christian Nitsch den idealen Ansatz in einer Verringerung des Stromfressers Wassertemperatur.

Die perfekte Balance finden

Aus der Marktforschung wusste der Chemiker, dass die Kunden die 40-Grad-Programme ihrer Maschinen aber nur nutzen, wenn das Geschirr dabei garantiert blitzblank wird. "Deshalb haben wir nach einer Rezeptur mit Aktivatoren für niedrige Temperaturen gesucht, etwa nach Enzymen, die bei weniger Wärme arbeiten, oder einem Katalysator für die Bleiche", schildert er den Entstehungsprozess. Über etliche Jahre testete sein zehnköpfiges Team immer neue Mixturen in unzähligen Spülgängen. Seit Jahresbeginn ist das neue Produkt auf dem Markt - und die Verkaufszahlen entwickeln sich höchst erfreulich.

Die Genese von Somat 7 zeigt idealtypisch, wie sich in der Produktentwicklung Ökologie, sprich Energiesparen, mit Ökonomie, in diesem Fall dem Wunsch der Hausfrau nach bester Spülqualität, vereinbaren lassen.

Bei der Konstruktion ihrer Autos hat die BMW AG diese perfekte Balance bislang nicht gefunden. 2008 wird erst ein Drittel der Boliden aus Bayern den Grenzwert von 140 Gramm CO2-Ausstoß pro gefahrenen Kilometer erreichen, auf den sich die Industrie 1998 verpflichtet hat.

In der Produktion dagegen gilt der Luxusklasseproduzent als ökologisch vorbildlich. Laut einer Studie des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung gelingt es BMW, beim Autobau deutlich weniger CO2 zu verursachen als der Rest der Branche. Verglichen mit allen deutschen Firmen, wirtschaftet der Konzern im Umgang mit Energie, Wasser oder Abfall sogar fünfmal produktiver.

Deutlich wird die Ökoeffizienz im Werk Regensburg. Auf dem 140 Hektar großen Fabrikgelände montieren 10 000 Mitarbeiter täglich 1000 Modelle der 1er- und 3er-Baureihe - und die Bewohner des angrenzenden Wohngebiets Harting bemerken kaum etwas. Weil etwa die riesige Presse, die Stahlblech zu Türen, Dächern oder Motorhauben formt, vom Fundament getrennt auf einer gefederten Brücke steht, dringen keine Schwingungen nach draußen. Und da das Monstrum der jüngsten Generation angehört, verbraucht es nur halb so viel Energie wie ein älteres Modell.

Ein Gebäude weiter tanzen lange Roboterarme elegant um Karosserien. Sie sprühen eine mehlige weiße Schicht auf die Autorohlinge. Dieser Pulverklarlack verflüssigt sich im Trockenofen und bildet die letzte Schutzschicht über der Farbe. Das Verfahren braucht kein Wasser, das bei Nasslackierung in Mengen verschmutzt wird, und kein stinkendes Lösungsmittel. Zudem verringert sich der Abfall, da die Technologie fast 100 Prozent des eingesetzten Materials nutzt.

Energie von der Mülldeponie

In der Produktionshalle drehen sich Wärmeräder, die mit Abluft die Temperatur auf angenehme 19 Grad Celsius erwärmen. Allein dieser Trick vermeidet jährlich 20.000 Tonnen CO2-Emissionen. Und weil die rund 700 Zulieferer ihre 20.000 verschiedenen Bauteile in klappbaren schrill pinkfarbenen Mehrwegkisten ankarren, entfallen Unmengen Pappmüll und unnötige Transporte.

Die Effekte solcher Ökomaßnahmen ermittelt jedes BMW-Werk anhand einheitlicher Daten für Abfall, Emissionen, Wasser- oder Energieverbrauch. Die daraus ermittelte Umweltleistungskennzahl UZ muss sich kontinuierlich verbessern und wird beim Quartalsreview ebenso zur Bewertung der Performance herangezogen wie die Produktionsmenge oder die Personalkosten.

"Weil das Management an Fortschritten bei der UZ gemessen wird, bezieht es ökologische Faktoren immer in seine Aktivitäten mit ein", schildert Herbert Höltschl, Konzernbeauftragter für Umweltschutz, den Vorteil des Zahlensystems. Zwischen den 23 Fabriken herrsche Wettbewerb, wer die größten Verbesserungen erziele. Die besten Beispiele - wie Regensburg für die Lackiererei - gelten als Vorbilder für das gesamte Unternehmen. Ihre Methoden werden schrittweise im Konzern eingeführt.

Zudem hat der erfahrene Produktionsmanager Höltschl erreicht, dass bei der Planung neuer Anlagen ökologische Überlegungen von Anfang an einbezogen werden. So wurde der im Dezember 2006 eingeweihte Umbau des Motorenwerks im österreichischen Steyr als die weltweit erste völlig abwasserfreie Fabrik konstruiert. Der Standort Spartanburg in den USA erzeugt 63 Prozent seiner Energie aus Methangas, das in einer nahe gelegenen Mülldeponie entsteht.

Das Beispiel BMW zeigt: In der Produktion lassen sich enorme Umwelteffekte erzielen - wenn ein stringentes Managementsystem die Einzelschritte klug koordiniert und in Quartalsberichten konsequent nachhält.

Weit grössere Erfolge indes entstehen, wenn Umweltschutz noch früher ansetzt als beim Bau von Fabriken. Bayer etwa bezieht den Klimaschutz in seine Forschung ein. Einer der größten Stromverbraucher in der ohnehin energiefressenden Chemiebranche ist die Herstellung von Chlor - einer der wichtigsten Ausgangsstoffe für Kunststoffe, Pflanzenschutzmittel oder Medikamente. Die Gewinnung des gelbgrünen Gases geschieht per Elektrolyse aus Salz oder Salzsäure.

Kernelement aller Prozesse

Jahrelang tüftelten Bayer-Wissenschaftler an einer Verbesserung des extrem energieaufwendigen Verfahrens. In der Materialkunde tätige Physiker kamen auf die Idee, eine mit Sauerstoff umströmte Kathode in die Elektrolysezelle einzusetzen. Die aus der Brennstoffzellentechnik entlehnte Inspiration wirkte durchschlagend: Der Elektrizitätsbedarf sank um rund 30 Prozent.

Gemeinsam mit Kollegen vom internen Dienstleister Bayer Technology Services und externen Wissenschaftlern optimierten die Materialforscher die Sauerstoffverzehrkathode für die industrielle Anwendung. 2003 startete der erste Betrieb im Bayer-Werk Brunsbüttel, in dem seither 20.000 Tonnen Chlor im Jahr entstehen.

Mittlerweile baut der Konzern in Shanghai eine gigantische neue Anlage für den innovativen Prozess. 215.000 Tonnen Chlor für die Herstellung von Kunst- und Schaumstoffen sollen hier jährlich produziert werden. Die Einsparungen beim CO2-Ausstoß gegenüber einer konventionellen Anlage betragen rund 70.000 Tonnen pro Jahr.

Das Beispiel zeigt Methode. Wolfgang Große Entrup, Leiter des Konzernbereichs Umwelt: "Ökologie ist ein Kernelement all unserer Prozesse und damit ein wesentlicher Faktor bei Entscheidungen." Dafür sorgt ein Sustainability Board, in dem neben Innovationsvorstand Plischke Vorstände aus allen Teilkonzernen sitzen. Die Topmanager legen die Strategie und Schwerpunktthemen fest. Sie benennen jeweils in ihren Geschäftsbereichen Verantwortliche für das Ökothema, die die Vorgaben festlegen.

Auch dank klarer Zuständigkeiten und Vorgaben hat Bayer sein 1990 erklärtes Ziel, die absoluten CO2-Emissionen bis 2010 um die Hälfte zu reduzieren, bereits heute weit übererfüllt. Diesen Erfolg honorierte das Carbon Disclosure Project mit dem Branchensieg in der Chemieindustrie.

Ob Forschung, Produktentwicklung oder Fabrikation - gut gemanagter Umweltschutz verschafft den Unternehmen nicht nur ein positives Image, sondern klare Wettbewerbsvorteile. "Energie, Abfall und Wasser bedeuten Kosten", postuliert Große Entrup, "wenn wir die mit effizienten Maßnahmen wie der Sauerstoffverzehrkathode verringern können, dient das nicht nur der Natur, sondern auch unserer Bilanz."

Eckhardt Fechtner dagegen zahlt für die Umwelt auch mal drauf. Der Leiter der internationalen Logistik der Otto Group lehnt Billigangebote von Spediteuren ab. Transportleistungen mit alten Benzinschleudern und Seelenverkäufern sind tabu. Denn Firmeninhaber Otto hat dem Versandhaus ein strenges Ökoprogramm verordnet. So gelang es dem Unternehmen, für das jeden Tag mehr als 300 Container mit Hemden, Hosen oder Handtüchern rund um den Globus unterwegs sind, den CO2-Ausstoß in der Logistik seit 1999 um 51 Prozent zu senken.

Wettbewerbsvorteil Ökoengagement

Erreicht hat Fechtner die Reduktion mit einem Drei-Punkte-Plan. Er beauftragt erstens nur Anbieter, die modernste Flotten mit geringem Kraftstoffverbrauch nutzen. Ob bei Jets, Schiffen oder Lkw - die Lagerleiter überprüfen ständig die Einhaltung dieser Vorgabe.

Zweitens müssen Glitzershirts aus der Türkei oder Schuhe aus Vietnam ohne Umwege oder Umladungen zu Otto gelangen. Ob die Spediteure die vorgegebenen besten Routen tatsächlich fahren, checkt ein Tracking-System. Wer gegen die Regeln verstößt, muss mit Strafen bis zur Kündigung der Order rechnen.

Drittens soll jeder Container bis an den Rand beladen sein. In den Häfen Shanghai, Hongkong oder Seoul werden die Lieferungen der einzelnen Hersteller gemeinsam in einem Behälter verstaut. Dabei kontrollieren Otto-Emissäre die Qualität, um Retouren zu verhindern.

"Durch unser Effizienzprogramm hat die Produktivität im Transport enorm zugenommen", erklärt Fechtner, warum sich das Ökoprogramm für Otto bezahlt macht. Neben Kosteneinsparungen durch direkte Wege und dichte Packung hat die Liefertreue und damit die Planungssicherheit zugenommen - für ein Versandhaus ein entscheidendes Plus.

Ob Henkel, Otto, Bayer oder BMW - alle Beispiele zeigen, wie aus der Sorge für die Umwelt Wettbewerbsvorteile entstehen. Die ganz hohe Schule beherrscht indes, wer das Ökoengagement geschickt zu vermarkten weiß.

Als Meister dieses Handwerks erweist sich Georges Kern, Chef des Schaffhauser Luxusuhrenherstellers IWC. Mit einer Umstellung auf Holzpelletheizung, Sonnenkollektoren, Ökostrom aus Wasserkraft sowie schadstoffarme Dienstwagen reduziert das Unternehmen seinen CO2-Ausstoß von derzeit 750 Tonnen auf 100 Tonnen pro Jahr. Für den engagierten Manager ein tolles Verkaufsargument: "Wir als Produzent höchst begehrter Objekte zeigen, wie attraktiv umweltverträgliches Verhalten ist."

Drängendes Problem - Treibhausgase

Das Ziel:

Geht es nach den Plänen von Kanzlerin Angela Merkel, sollen die Deutschen ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent reduzieren. Allerdings nur, wenn alle Europäer mitmachen. Zicken die Nachbarn, beträgt das Soll 30 Prozent.

Industrie und Dienstleister, die rund 16 Prozent zu den CO2-Emissionen beitragen, können mit effizienteren Prozessen, Kraft-Wärme-Kopplung, besserer Logistik oder Gebäudesanierung ihren Energieverbrauch drastisch reduzieren.

Die Lösung:

Einen nachhaltigen Beitrag zum Klimaschutz bringt nur stringentes Management in fünf Schritten:

  1. Firmenweite Leitlinien festlegen.
  2. Klar Ziele, Verantwortliche und Zeitrahmen definieren.
  3. Managementsystem mit Kennzahlen an allen Standorten einführen.
  4. CO2-Quellen systematisch erfassen und Maßnahmen entwickeln.
  5. Regelmäßig Fortschritte kontrollieren und die Vorgaben weiterentwickeln.

Die Tricks:

Der Klimaschutz lädt viele Unternehmen auch zum Falschspiel ein. Immer wieder versuchen Firmen, durch das Auslagern besonders klimaschädlicher Aktivitäten ins Ausland ihre deutsche CO2-Bilanz zu schönen. Einbrüche in der Produktion oder Verkäufe von Unternehmensteilen und damit sinkender Energieverbrauch werden ebenfalls gern als Ökoengagement verkauft.

Mehr lesen über