P&C Piksen & kloppen

Eine Marke, zwei Firmen - die Modehäuser Peek & Cloppenburg führen seit Jahren einen unsinnigen Stammeskampf.

Düsseldorf, Schadowstraße: In der belebten Einkaufsmeile unweit der legendären Kö steht das Bekleidungshaus der Zukunft. Peek & Cloppenburg (P&C) hat sich hier vom amerikanischen Stararchitekten Richard Meier ein Monument modernen Shoppens erbauen lassen. Viel Glas, viel Licht, viel Luft, hier kann die Kundschaft durchatmen.

Die Damen- und Herrenmode ist nach Marken geordnet. Neben einer einladenden Cafébar finden sich viele kleine Shops in dem großen Kaufhaus. Ganz unten ist der Bereich Young Fashion, wo samstags unter einpeitschenden DJs das junge Publikum den neuesten Trend sucht. Je weiter man nach oben fährt, desto ruhiger, desto edler wird es. Oben auf der vierten Etage präsentiert sich schließlich der Gipfel des Luxus: Armani.

Hamburg, Mönckebergstraße: Nahe dem Bahnhof steht ein eher unscheinbarer Klinkerbau, an dessen Front die rot-blauen P&C-Logos prangen. Fast kein Tageslicht dringt nach innen. Auf fünf Etagen werden wie vor 20 Jahren die Kleidungsstücke präsentiert: im Erdgeschoss Hemden und Blusen, im ersten Stock Hosen und Pullover, im zweiten Hosenanzüge und Kleider, im dritten Anzüge und Sakkos und so weiter.

Nur wenige Markenshops - wie etwa die von Boss oder Ralph Lauren - lockern das eher triste Ambiente auf.

Im Untergeschoss in der Abteilung "Young Woman", wo kaum "In"-Labels hängen, verlieren sich selbst an einem Samstag nur wenige Kundinnen.

Hamburg versus Düsseldorf - augenscheinlicher kann der Unterschied nicht sein. Die beiden Häuser haben nur eines gemeinsam - den Namen Peek & Cloppenburg.

Ein bizarrer Streit

Wie die Albrecht-Brüder, die ihr Aldi-Reich in Nord und Süd aufgeteilt haben, sind sich auch die Vettern James (58) und Harro Uwe Cloppenburg (66) nicht grün. Deshalb gibt es zwei verschiedene P&C - ein sehr erfolgreiches im Westen der Republik, ein weniger erfolgreiches im Norden. Die Grenze verläuft durch Westfalen bis hinüber nach Berlin. Nördlich davon herrscht James - zusammen mit seinem Kompagnon Dirk Schröder - über 25 P&C-Filialen, südlich davon gebietet der Clan von Harro Uwe über 69 Filialen.

Nord gegen West - ein bizarrer Streit in der deutschen Handelslandschaft. Er schadet vor allem den beiden Unternehmen. Sie leisten sich unnötige Doppelarbeit, verzichten auf Synergien, reiben sich in Streitereien auf. Gemeinsam wären sie finanziell viel stärker, gemeinsam wären sie in Deutschland unschlagbar, gemeinsam hätten sie das Zeug zu einem europäischen Champion, wenn nicht gar zu einem Global Player.

Doch unter den Patriarchen James und Harro Uwe wird es dazu nicht kommen. Die Hoffnung ruht auf der nächsten Generation, die jetzt antritt und vielleicht in den kommenden Jahren das derzeit Unmögliche möglich machen könnte - eine Fusion der beiden Peek & Cloppenburg-Unternehmen.

Lange Zeit störte es niemanden wirklich, dass da zwei verschiedene Firmen gleichen Namens am Markt waren. Bereits 1911 eröffneten Mitglieder der Gründerfamilie Cloppenburg in Hamburg eine eigene Dependance. Die agiert seither unter gleichem Namen und Logo, operativ aber völlig unabhängig vom Düsseldorfer Stammhaus (siehe: "Es bleibt in der Familie").

In den folgenden Dekaden bauten die Zwillingsfirmen ihre Filialnetze aus, wobei Nord und West stets fest in Familienhand blieben. Um des lieben Friedens willen vermieden die Kleiderclans bei der Expansion im Heimatmarkt lange Zeit die direkte Konfrontation. Seit 1993 allerdings wildern die Rheinländer unter anderem Namen - mit dem Herrenausstatter Anson's - im Revier des kleinen Bruders. Gut zu besichtigen ist das Nebeneinander an der Hamburger Mönckebergstraße, wo Anson's in direkter Nachbarschaft zum Nord-Hauptsitz firmiert.

Derlei Keckheiten können sich die Düsseldorfer leisten. 96 Jahre nach der Trennung ist es offensichtlicher denn je, dass sie besser sind als ihr norddeutsches Pendant. Der Westen macht mehr als das Doppelte an Umsatz, hat mehr Filialen, arbeitet profitabler, besetzt mehr Auslandsmärkte und wächst dynamischer.

Kaderschmiede des Modehandels

Dass sich die Firmen unterschiedlich schnell entwickeln, liegt auch und gerade am Management: P&C West gilt als Kaderschmiede des deutschen Modehandels. Keiner hat bessere Leute in der Verantwortung.

Egal ob Verkäufer in der Filiale oder Generalbevollmächtigter im Düsseldorfer Hauptquartier: P&Cler gelten als stilsicher, zahlenorientiert und ehrgeizig. "Stellen Sie zehn Einkäufer aus der Modebranche nebeneinander. Den von P&C West erkennen Sie sofort am Auftritt und an der Wortwahl", sagt der Manager eines Wettbewerbers. Sie sind fast alle groß, schlank, Konfektionsgröße 98 oder 102 ist die Regel. 90 Prozent von ihnen haben das Handwerk bei P&C gelernt. Der Händler rekrutiert Spitzenkräfte mit Vorliebe aus den eigenen Reihen. Und sie werden über Branchenschnitt bezahlt.

Über den Topverdienern thront immer noch ein Nachfahre der Gründerfamilie. Harro Uwe Cloppenburg, genannt HUC, ist seit Mitte der 80er Jahre unumstrittener Herr im Hause. Als detailversessen und zielorientiert bis zur Schmerzgrenze beschreiben HUC vormalige P&C-Manager. Damit lebt der hochgewachsene Patriarch, der öffentliche Auftritte verabscheut wie Comic-Krawatten, seiner Truppe tagtäglich die wichtigsten Erfolgstugenden vor. "P&C ist Harro Uwe Cloppenburg", sagt ein Firmenkenner. Gleichwohl hat sich der Altmeister in den vergangenen Jahren um externes Know-how bemüht. Vermehrt verantworten Spitzenmanager von außen als Generalbevollmächtigte wichtige Konzernbereiche.

Die Folge: P&C West ist offener und transparenter geworden - ganz im Gegensatz zum norddeutschen Gegenstück. Die Hamburger gefallen sich weiterhin in der Rolle der Geheimniskrämer. Dort leiten James Cloppenburg und Dirk Schröder als Doppelspitze das Geschäft. Wie bei West stammen die Chefs aus dem Kreis der Familiengesellschafter. James Cloppenburg hat die kühle Attitüde des hanseatischen Kaufmanns. Sein Kompagnon Dirk Schröder gilt dagegen als jovialer Typ, "mit dem man ein Bier trinken kann", wie es ein Bekannter ausdrückt.

So ungleich das Duo ist, eines haben Schröder und Cloppenburg gemein: Sie bleiben gern unter sich. Anders als bei den Düsseldorfern gibt es in Hamburg nur wenige familienfremde Manager in der Führung. "P&C Nord orientiert sich an mittelständischen Strukturen, während West durch externes Personal professioneller wird und damit den Sprung zum Konzern schafft", sagt ein Branchenkenner.

Kantersieg für Düsseldorf

Das Progressiv-Elitäre der Düsseldorfer sucht man bei Nord denn auch vergebens. Mit Folgen für das Geschäft: Beim Sortiment etwa geben die Westler die Schlagzahl vor.

Kantersieg für Düsseldorf: P&C West vor P&C Nord

West Nord
Umsatz* 1,1 Milliarden Euro 0,5 Milliarden Euro**
Umsatzplus 3 Prozent 2,2 Prozent**
Umsatzrendite 9 Prozent 4 Prozent**
Filialen Inland*** 69 25
Auslandsmärkte Niederlande, Belgien, Österreich, Kroatien, Polen, Tschechien, Schweiz, Slowakei, Ungarn Polen
Auswahl Topmarken Armani, Ermenegildo Zegna, Dolce Gabbana Boss, Ralph Lauren
Auswahl Eigenmarken McNeal, Review, Christian Berg McEarl, Aygill's, Van Graaf
Stand: 2005
*Nur Inlandsumsatz, ohne Anson's; **geschätzt; ***Stand: Mai 2007.
Quelle: Unternehmensangaben, Textilwirtschaft

So hat Firmenchef Harro Uwe Cloppenburg früh erkannt, dass er heraus muss aus der grauen Mitte. Das Angebot weitete er mit immer mehr Topmarken aus - erst mit Boss, dann mit noch edleren Labels.

Zwar verkauft auch der Norden Edelmarken, aber die Zahl fällt überschaubarer aus. Und die ganz großen Namen fehlen. Ermenegildo Zegna, Armani oder Dolce & Gabbana etwa wird man in den großen Nord-Filialen kaum finden, wohl aber in den West-Häusern.

Um Längen besser steuert Düsseldorf seine Eigenmarken. Labels wie McNeal, Review und zunehmend Christian Berg sind dank eigener Design- und Beschaffungsabteilungen heute so stark, dass direkte Wettbewerber die Kollektionen bei P&C einkaufen. Allein mit McNeal macht das Unternehmen einen Umsatz im hohen zweistelligen Millionenbereich. Bei Eigenmarken gilt der Westen deshalb als Vorbild für die gesamte Branche.

Ein vergleichbares Profil fehlt den Hamburger Markenmanagern. "Der Norden agiert beim Sortiment sehr brav. Der Westen ist experimentierfreudiger und auch erfolgreicher", resümiert ein Lieferant, der mit beiden Seiten sein Geschäft macht.

Die Hanseaten ahmen nach

Innovativer gibt sich Düsseldorf auch bei der Filialgestaltung. Seit einigen Jahren setzt das Modehaus auf sogenannte Weltstadthäuser. Stets in Eins-a-Lagen angesiedelt, spektakulär in der Architektur, offen und hell im Inneren - nach diesem Muster hat P&C West seine Aushängeschilder in Berlin, Düsseldorf, Stuttgart und zuletzt in Mannheim konzipiert.

Furore machte 2005 die Kölner Dependance. Der von dem Italiener Renzo Piano gestaltete Bau in der Schildergasse sieht aus wie ein gestrandeter Wal aus Glas (siehe Bild).

Obwohl solche Projekte ebenso teuer wie technisch riskant sind, lohnt sich der Aufwand. "P&C setzt auf Erlebniseinkauf. Das kommt bei den Kunden an", sagt ein Handelspartner.

Mit Verspätung wollen sich nun auch die Norddeutschen von der miefigen Kaufhauskultur vergangener Jahre lösen. Eine Million Euro haben sie zuletzt in die Modernisierung des Hamburger Stammhauses gesteckt. 2010 will Nord auch ein Weltstadthaus eröffnen: in Dresden.

Wie so oft das gleiche Bild: die Hanseaten ahmen nach, sie denken nicht vor. Im Westen kümmert sich Harro Uwe Cloppenburg, ausgestattet mit einem Faible für Architektur und Immobilien, selbst um ein prägendes Erscheinungsbild. Im Verlauf der Jahre baute er neben dem Modekonzern ein Immobilienimperium auf. Den Gesamtwert des Hausbesitzes, der in eine eigene Gesellschaft ausgelagert wurde, taxieren Firmenkenner auf über zwei Milliarden Euro. Kein Wunder also, dass der Westen den Norden auch beim Filialbau hinter sich lässt.

Düsseldorf liegt vorn: Beim Management, beim Sortiment, bei den Filialen. Die Norddeutschen können nicht mithalten. Sicher, die Warenhäuser Karstadt und Kaufhof können von den Hamburgern immer noch lernen, wie man Mode verkauft und so eine Umsatzrendite von geschätzten 4 Prozent erzielt. Doch die Namensvettern aus dem Westen sind auch hier mit 9 Prozent erfolgreicher.

Noch stärker wären beide, wenn sie zusammenarbeiten würden. Denn dieses Neben- oder Gegeneinander der Peek & Cloppenburgs kostet Geld, viel Geld. Sie leisten sich doppelte Stäbe, doppelten Einkauf, doppelte Werbung - und dementsprechend doppelte Kosten.

So wirbt der Westen mit edlen Hochglanzbeilagen in nationalen Magazinen. Doch schon auf der ersten Seite prangt eine Art Warnhinweis: Diese Waren bekommen Sie nur in den Filialen von Aschaffenburg bis Wuppertal. Die immensen Streuverluste einer solchen nationalen Werbung nehmen die Düsseldorfer in Kauf. Ebenso verärgerte Kunden, die in Nord-Filialen Anzüge aus dem West-Prospekt wollen - und sie nicht bekommen. Wer weiß denn schon, dass es zwei P&C gibt.

Eine kultivierte Feindschaft

Am deutlichsten wird der anachronistische Dualismus im Ausland, in dem Nord wie West zu Recht große Wachstumschancen sehen. Doch jenseits der Grenzen gibt es anders als hierzulande keine Gebietsabsprachen. Es gilt die ungeschriebene Regel: Wer zuerst in ein Land kommt, benutzt den Namen P&C. Und das war bislang immer der Westen. Der Norden muss dann - wie in seinem bislang einzigen Auslandsmarkt Polen - unter dem Namen Van Graaf firmieren.

Dort gibt es denn auch ein bizarres Gegeneinander. So eröffnete der Norden im Februar 2007 eine 3000 Quadratmeter große Filiale in Warschau, obwohl dort der Westen schon seit über fünf Jahren vertreten ist. Nun machen sie sich in Polens Hauptstadt gegenseitig die Kunden abspenstig.

Besser und ökonomisch sinnvoller wäre natürlich eine Marke und ein Unternehmen. Die Einsicht in diese Notwendigkeit war schon einmal da. Damals in den 90er Jahren gab es Versuche der Annäherung. Die Cloppenburgs machten in jener Zeit gemeinsame Sache. James und Harro Uwe trafen sich regelmäßig, tauschten sich aus und - kooperierten.

Zum Beispiel im Einkauf: Sie kreierten und kauften zusammen ihre Eigenmarken ein. Sie koordinierten zwischen 1996 und 2000 ihre Werbung. Und sie bauten und betrieben Ende der 90er Jahre sogar erstmals ein gemeinsames Haus, die damalige Neueröffnung in der Wiener Mariahilfer-Straße.

Hehres Ziel war eine Verschmelzung der beiden Unternehmen. Aber dieses ambitionierte Vorhaben scheiterte. Es habe vor allem an dem hanseatischen Sturkopf James Cloppenburg gelegen, sagt einer aus dem Westen, der damals mit am Verhandlungstisch saß. Sein Kompagnon Dirk Schröder sei dagegen etwas konzilianter gewesen.

Maßlos seien die Hamburger gewesen, sie hätten mehr Gesellschaftsanteile verlangt, als ihnen aufgrund ihrer wirtschaftlichen Potenz zugestanden hätten, sie hätten die Kräfteverhältnisse falsch eingeschätzt. Die Gespräche scheiterten deshalb. Seitdem herrscht Funkstille. Zwischen den beiden werden keine Signale der Annäherung mehr gesendet.

Im Gegenteil: Sie kultivieren ihre Feindschaft. Sie zerrten sich sogar vor Gericht, um dort im Sommer 2005 die Demarkationslinie zwischen West und Nord rechtlich sanktionieren zu lassen.

Unter James und Harro Uwe wird es deshalb wohl keine Annäherung mehr geben, es sei denn, die Herren bekämen noch einen Anfall von Altersmilde. So ruhen die Hoffnungen auf der nächsten Generation, die sukzessive in beiden Unternehmen antritt.

Hoffen auf die Nachkommen

Da sind die drei Söhne von Harro Uwe, die - im Gegensatz zu seinen beiden Töchtern - inzwischen alle im Unternehmen tätig sind. Hendrik (42), der älteste, ist als Generalbevollmächtigter im Mutterhaus für den Einkauf der Herrenmode zuständig. John (38) führt die Geschäfte bei Anson's, und Patrick (24) ist seit Kurzem im Einkauf aktiv.

Im Norden sind die drei Kinder von James im Unternehmen noch nicht in Erscheinung getreten, berichten Geschäftspartner. Dagegen kommt jetzt der Sohn von Partner Dirk Schröder, der Mittdreißiger Felix Schröder, in die Firma.

Schröder lernte und arbeitete vor dem Bruch zwischen West und Nord bei P&C in Düsseldorf. Er kennt also den feindlichen Bruder. Umgekehrt hat einst West-Junior Hendrik Cloppenburg in Hamburg gewirkt. Er war früher in der weiten Welt, in Nordamerika.

Vielleicht kann diese weltoffenere - und von persönlichen Animositäten eher unbelastete - Generation den doch provinziell anmutenden Kleinkrieg entlang der Front im Münsterländischen beenden.

Denn die Frage bleibt aktuell: Warum nicht eine gemeinsame Peek & Cloppenburg AG gründen? In der Branche argumentieren viele so wie der ehemalige Boss-Chef Peter Littmann: "Ein Zusammengehen von Nord und West würde strategisch großen Sinn ergeben."

Die Standortportfolios ergänzen sich ideal. Die Streithähne müssten nur die imaginäre Demarkationslinie einreißen - und von heute auf morgen entstünde ein bundesweiter Filialist.

Trotz aller Unterschiede in Ambiente und Präsentation - das Prinzip Bekleidungshaus ist ja bei beiden dasselbe: ein breites Spektrum von Damen- und Herrenkleidung anzubieten - von günstigen Eigenmarken bis zu mehr oder weniger teuren Designerlabels.

Ein neues Peek & Cloppenburg könnte ein Unternehmen mit glänzenden Perspektiven sein. Es wäre kapitalstark. Es hätte viel Geld in der Kasse für eine raschere Expansion ins Ausland.

Ein geeintes Peek & Cloppenburg wäre ein absolut dominierender Marktführer in Deutschland. Von dieser soliden Heimatbasis aus könnte es Europa erobern - und noch mehr. Denn - so glaubt ein ehemaliger P&C-Manager - dieses Unternehmen hätte das Zeug zu einem Global Player.

Peek & Cloppenburg: Es bleibt in der Familie

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