Freitag, 22. November 2019

Hans Joachim Langmann Die Sagengestalt

3. Teil: Regelrechter Mentalitätswandel

So näherte sich der junge Hans als Lehrer nicht nur seiner zukünftigen Frau, sondern gleich auch einer weit verzweigten Familie, die sein Leben werden sollte. Wir schreiben die späten 50er Jahre, Langmann promovierte nach dem Studium in Heidelberg und verdingte sich nebenher als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kernforschungszentrum in Karlsruhe. Zu dieser Zeit erholte sich Merck schnaubend von den anstrengenden Wiederaufbaujahren, ohne dabei jedoch den Weg in die Zukunft zu finden. Einerseits stolz, wieder wer zu sein unter Deutschlands Pharma- und Spezialchemieunternehmen, andererseits von der Sorge geplagt, den spürbar globaleren Anforderungen der Märkte nicht folgen zu können.

Stationen eines Lebens

Herkunft: Hans Joachim Langmann wurde am 5. Oktober 1924 bei Güstrow in Mecklenburg geboren. Als Diplomatensohn wuchs er teilweise in Lateinamerika auf.

Karriere: Zu Merck kam der promovierte Physiker über seine Frau Marlis, eine geborene Groos. 1964 trat er als persönlich haftender Gesellschafter in die Firma ein. Als Vorsitzender der Geschäftsleitung amtierte er zwischen 1970 und 2000. Dem Bundesverband der Deutschen Industrie stand er 1985 und 1986 vor. Das Ehepaar Langmann hat drei Töchter.

Dies war der richtige Moment für Langmanns Auftritt. Das neue Familienmitglied knöpfte sich als bis heute bekennender Zahlenliebhaber die Bilanzen und Geschäftsberichte des Unternehmens vor, brachte sich per Selbststudium bei, warum schon damals das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen mehr aussagte als der letztlich im Rechenwerk der Firma ausgewiesene Gewinn oder Verlust. Langmann erstellte die ersten konsolidierten Bilanzen, führte eine interne Überschussrechnung ein, heute würde man das Cashflow nennen, und signalisierte so den Altvordern: Schaut mal, wir haben die Mittel, auch Größeres zu wagen.

Noch immer zaudernd, legte die Familie ihre Scheu vor expansiven Risiken aber erst endgültig ab, als Langmann über eine Schweizer Tochterfirma auch noch eine millionenschwere Anleihe am Markt platzierte. "Das ging so reibungslos, anschließend war ein regelrechter Mentalitätswandel spürbar - wir können ja doch etwas."

Bei allem Streben nach Erneuerung aber musste der Chef auch daran denken, die Gesellschafter "mitzunehmen". Neue Organe der Mitbestimmung und Instrumente der Information installierte er. Auf alljährlichen Familientreffen berichtete er fortan ausführlich über den Gang der Geschäfte und versuchte so schon früh, auch den Nachwuchs für die Firma zu interessieren - Geschlossenheit als Betriebsgrundlage. Ein Familienmitglied erinnert sich an seine erste Teilnahme: "Hans Joachim Langmanns Vortrag war schon sehr spröde. Aber ich hatte hinterher das Gefühl von Wichtigkeit, wie er da auch und vor allem an unsere Verantwortung als Gesellschafter appelliert hat."

Langmann gelang es in den 90er Jahren sogar, die Familie davon zu überzeugen, Firmenanteile an freie Aktionäre abzugeben - ein bis dahin geradezu unerhörter, weil lange undenkbarer Bruch mit der Familientradition. "Der Börsengang 1995 war ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung von Merck zu einem modernen Unternehmen", urteilt Rolf Krebs, der früher den Konkurrenten Boehringer Ingelheim führte und heute im Aufsichtsrat von Merck über die Arbeit des Vorstands wacht. "Langmann hat sich nie nach Erfolgen zurückgelehnt, er hat immer gleich wieder nach den nächsten zukunftsweisenden Wegen geschaut."

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