Interview "Erfundene Geschichten"

Staranwalt Prinz sagt, warum er Medien häufig verklagt - und dennoch ein Freund der Presse ist.

mm: Herr Prinz, wie groß ist die Gefahr, dass Sie nach dem Erscheinen dieses Interviews juristische Schritte gegen manager magazin einleiten?

Prinz: Wenn Sie meine Worte wahrheitsgemäß wiedergeben, werde ich mich nicht zur Wehr setzen.

mm: So sicher sind wir uns da nicht. Sie sind doch bekannt dafür, dass Sie Redaktionen mit Unterlassungs- und Gegendarstellungsbegehren überschwemmen - selbst wenn es nur um Nichtigkeiten geht.

Prinz: Ich bin ein großer Freund des kritischen, investigativen Journalismus. Wenn bei der Recherche eine wahre Geschichte herauskommt, die einen Wert hat, gehe ich nicht dagegen vor. Anders ist das bei unwahren, teilweise erfundenen Geschichten. Oder wenn Geschichten im Interesse Dritter lanciert werden und einen Mandanten schädigen.

mm: Nach dem deutschen Presserecht können Sie jedes Medium dazu zwingen, eine Gegendarstellung abzudrucken, unabhängig davon, ob eine Geschichte wahr ist oder nicht.

Prinz: Stimmt. Das ist der Grundsatz der Waffengleichheit. Die Medien können die Geschichte schreiben, ohne die Wahrheit beweisen zu müssen. Die Betroffenen können eine Gegendarstellung erzwingen, ebenfalls ohne die Wahrheit beweisen zu müssen. Die Medien können dann einen sogenannten Redaktionsschwanz anhängen, in dem sie schreiben, was an der Gegendarstellung nicht stimmt.

Das kann ich nur verhindern, wenn ich eine Unterlassungsverfügung durchsetze. Und dafür muss ich einem Gericht die Darstellung meines Mandanten glaubhaft machen.

mm: Ob Redaktionsschwanz oder nicht - jede Gegendarstellung zehrt an der Glaubwürdigkeit der Presse.

Prinz: Das kann man auch anders sehen. Ich glaube, meine Zunft hat mehr für die Pressefreiheit getan als viele Verlagsmanager.

"Wichtig, dass Exzesse unterbleiben"

mm: Sie scherzen.

Prinz: Mitnichten. Wenn Journalisten sich der Konsequenzen einer fehlerhaften Geschichte bewusst sind, recherchieren sie sorgfältiger. Das trägt erheblich zur Qualität der Publizistik bei.

mm: Wir sollten Ihnen also dankbar sein?

Prinz: Für die Medien ist es wichtig, dass Exzesse unterbleiben und Qualitätsstandards hoch sind. Früher konnte man mit erfundenen Interviews und erfundenen Geschichten in einigen Marktsegmenten viel Geld verdienen. Niemand hat sich zur Wehr gesetzt, und die presserechtlichen Ansprüche waren unzureichend. Das ist jetzt nicht mehr so, und das schützt Qualitätsjournalismus vor unlauterem Wettbewerb.

mm: Uns können Sie mit erfundenen Interviews aber nicht meinen. manager magazin lässt seine Interviews grundsätzlich autorisieren.

Prinz: Das stimmt. Andere Medien haben das früher aber anders gehandhabt und von erfundenen Geschichten gut gelebt.

mm: Früher sind Sie meist im Auftrag von Königshäusern oder Filmstars gegen die Medien vorgegangen. Wie groß ist heute der Anteil von Unternehmen und Managern an Ihrer Klientel?

Prinz: Der liegt bei etwa 80 Prozent.

mm: Wie kommt es, dass Sie sich jetzt hauptsächlich mit Wirtschaftsmedien anlegen?

Prinz: Seit Ende der 90er Jahre, als plötzlich alle Leute auf die Aktienkurse starrten, hat die Wirtschaftsberichterstattung deutlich zugenommen. Schon deswegen haben wir Anwälte mehr zu tun. Gleichzeitig ist aber auch die Mediendichte gestiegen. Es ist ein Konkurrenzkampf entstanden, der dazu führt, dass manchmal Geschichten veröffentlicht werden, die noch nicht zu Ende recherchiert sind. So passieren Fehler. Dann darf man es den Unternehmen nicht verübeln, wenn sie sich wehren.

"Gefälschte Dokumente in Umlauf"

mm: Sind Wirtschaftsjournalisten Ihrer Ansicht nach schludriger geworden?

Prinz: Nein, aber es gibt zwei Problemkreise: Der eine ist der Trend, durch personelle Einsparungen Redaktionen zu schwächen. Der andere ist ein relativ neues Phänomen: Es tauchen immer häufiger Einflüsterer in den Redaktionsstuben auf ...

mm: ... also professionelle Medienberater, die im Auftrag eines Unternehmens bestimmte Geschichten lancieren?

Prinz: Ja, die meine ich. Spezialisierte Leute, deren Auftrag es ist, die Konkurrenten ihrer Kunden schlechtzumachen. Diese Medienberater versorgen die Journalisten mit Material - und leider passiert es immer häufiger, dass auch gefälschte Dokumente in Umlauf gebracht werden.

mm: Nicht jede Redaktion lässt sich von diesen Herren instrumentalisieren.

Prinz: Mag sein. Aber wenn die Einflüsterer bei einem Blatt nicht zum Zuge kommen, wandern sie zum nächsten weiter. Irgendwann findet sich schon ein Journalist, der von dem zugespielten Material so beeindruckt ist, dass er nicht mehr nachrecherchiert und eine unwahre Geschichte veröffentlicht.

mm: Nennen Sie ein Beispiel.

Prinz: Ich nenne die Namen meiner Mandanten nicht. Nur so viel: Medien werden manchmal bewusst als Waffe eingesetzt. In den letzten eineinhalb Jahren habe ich mehrfach erlebt, dass vor Börsengängen quergeschossen wurde, weil Wettbewerber nicht wollten, dass ihrem Konkurrenten neues Kapital zufließt. Manchmal soll auch der Kurs gedrückt werden, um billig Anteile aufzukaufen.

mm: Wie wird so etwas angestellt?

Prinz: Ein typischer Fall ist, eine anonyme Anzeige an die Staatsanwaltschaft oder die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht zu schicken. Die Kopie der Anzeige landet dann kurz darauf in einer Redaktion, versehen mit dem Hinweis, man solle sich mal bei der Staatsanwaltschaft erkundigen. Das machen die Journalisten natürlich - und prompt kriegen sie ein Aktenzeichen mitgeteilt. Was am nächsten Tag in der Zeitung steht, können Sie sich ja ausmalen.

mm: Dass gegen Firma A. oder Vorstand B. ein Ermittlungsverfahren läuft.

Prinz: Ja, zum Beispiel wegen Untreue oder Bilanzmanipulation. So eine Meldung ist eine enorme Rufschädigung, auch wenn an dem ganzen Vorwurf nichts dran ist.

"Hilfreicher als jede Drohgebärde"

mm: Justiziare von Verlagen und Sendern beklagen, dass Sie in den vergangenen Jahren die Streitwerte nach oben getrieben haben. Was ist dran an diesem Vorwurf?

Prinz: Streitwerte sollen dem Wert der Sache für die Beteiligten entsprechen. Und dieser Wert liegt bei der Wirtschaftsberichterstattung nun mal höher, als wenn es um die Privatsphäre von Prominenten geht.

mm: Sie tun ja fast so, als ob ein Fehler im Artikel über ein Unternehmen ein Kapitalverbrechen ist.

Prinz: Ein unwahrer, negativer Artikel kann die Beziehungen des Unternehmens zu seinen Banken, Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern erheblich schädigen. Es ist auch schon vorgekommen, dass sich nach der Veröffentlichung einer Geschichte der Börsenkurs eines Unternehmens halbiert hat. Da leidet nicht nur das Unternehmen, sondern auch der Kleinaktionär und der Belegschaftsaktionär et cetera.

mm: Immer mehr Redaktionen erhalten schon während der Recherche Drohbriefe von Anwälten. Nach dem Motto: Lassen Sie die Finger von der Geschichte, sonst werden wir Sie verklagen. Was halten Sie von dieser Taktik?

Prinz: Nichts. Heute werden so viele Warnbriefe verschickt, dass sie nichts mehr bewirken.

mm: Sie schreiben selbst keine?

Prinz: Praktisch nie. Ich sage meinen Mandanten: Redet mit den Journalisten, macht ihnen klar, dass sie instrumentalisiert werden sollen. Das ist viel hilfreicher als jede Drohgebärde.

mm: Kann man sich mit Ihnen eigentlich auch gütlich einigen?

Prinz: Eine schnelle Einigung ist besser als ein langer Prozess. Einigkeit gibt es aber nur, wenn beide Seiten ihre Prozessaussichten richtig einschätzen. Bei uns geschieht das meistens im einstweiligen Verfügungsverfahren, und dann einigen wir uns, bevor es ins Hauptsacheverfahren geht.

mm: Den Eindruck hat man allerdings nicht angesichts der Fülle von Verfahren, die Sie betreiben.

Prinz: Das täuscht! Und im Übrigen nehmen wir auch längst nicht jeden Fall an. Etwa 70 Prozent der Mandate, die an uns herangetragen werden, lehnen wir ab. Unser Grundsatz lautet: keine Verbrecher, keine Sekten, keine Radikalen.

Verlage: Adolf Theobald zum Strukturwandel Verklagen & Co.: Die Trickkiste der Manager Medien: Wie Manager die Presse manipulieren

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