Wirtschaft und Medien Halt die Presse

Mit allen Mitteln versuchen Topmanager, ihr Bild in der Öffentlichkeit zu manipulieren. Zum Schaden der Pressefreiheit. Und oft auch zum Schaden der Unternehmen selbst. Eine Analyse.

In einer Branche, in der allein Einfluss zählt, ist der Tag gekommen, an dem keiner mehr Einfluss gehabt haben will. Christoph Walther (51), einer der bekanntesten Medienberater Deutschlands, hält es nicht auf seinem Stuhl. Er redet bei einem Redaktionsbesuch zwei Stunden lang, er springt auf, setzt sich wieder, er schmeichelt, argumentiert. Alles nur aus einem Grund: Walther will mit dem zu dieser Zeit größten Medienspektakel wenig zu tun gehabt haben. Siemens , das sei eigentlich nicht sein Ding gewesen.

Dabei zählte Walther zu den Souffleuren im Theater am Wittelsbacher Platz. Sein Pech: Die Aufführung ging daneben. Sein Mandant, Siemens-Chef Klaus Kleinfeld (49), reichte die Demission ein. Der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich v. Pierer (66), beraten von seinem langjährigen PR-Chef Eberhard Posner (60), musste schon vorher das Feld räumen. Auch der offizielle Konzernsprecher von Siemens, Janos Gönczöl (49), warf hin.

Die eigens engagierten Mediengurus, die für etliche Siemens-Vorstände und Aufsichtsräte arbeiteten, hatten für die Kakophonie in der Öffentlichkeit gesorgt. Die Folge: ein Kommunikationsdebakel, wie es die deutsche Wirtschaft selten erlebt hat. Zurück bleibt ein schwer geschädigtes Unternehmen.

Die Hauptakteure des starken Stücks zählen zu den renommiertesten Managern hierzulande. Der neue Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme (64) ist darunter, der Chef der Deutschen Bank , Josef Ackermann (59), gehört dazu. Sie alle haben ihre eigenen Sprachrohre. Und diese lancieren Meldungen, werfen Nebelkerzen, testen Stimmungen, füttern Zeitungen und Magazine mit Exklusiv- und Falschmeldungen, um den eigenen Mann ins strahlende Licht zu rücken und den Rivalen zu diskreditieren.

Nicht alles war falsch. V. Pierer ging tatsächlich, "Bild" meldete es vorzeitig. Verbunden mit einem so freundlichen Nachruf, dass man auf die Idee kommen könnte, v. Pierer selbst habe für die Verbreitung der Nachricht gesorgt. Wolfgang Reitzle (58) wurde tatsächlich angesprochen, ob er nicht Siemens-Chef werden wolle, wie von der "Financial Times Deutschland" berichtet. Dass die Personalie vorzeitig an die Öffentlichkeit drang, war einer Kommunikationsstafette zu verdanken: Cromme - Ex-Siemens-Aufseher Karl-Hermann Baumann - Kleinfeld - Bayerische Staatskanzlei.

Aber dass Klaus Kleinfeld nun nach v. Pierers Rücktritt der Triumphator sei, wie von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und "Capital" verbreitet, stellte sich schnell als falsch heraus. Kleinfeld kündigte seinen Rücktritt an, das Kölner Wirtschaftsmagazin schrieb, er habe gerade seinen neuen Fünf-Jahres-Vertrag unterzeichnet.

Hat Qualität ausgedient?

Einflussnahme und Verhinderungsstrategien der Mächtigen gibt es seit jeher. Die Dresdner Bank beschäftigte von 1997 bis 1999 sogar einen Detektiv, der herausfinden sollte, welche Mitarbeiter mit welchen Journalisten in Kontakt standen.

Doch niemals zuvor wurden die Medien von der Wirtschaft so dreist instrumentalisiert wie während der Münchener Chaostage. Der Machtkampf bei Siemens ist der vorläufige Höhepunkt einer Fehlentwicklung, in der die Medien zur Billardkugel der Topmanager werden. Man spielt über Bande. Und die Wahrheit - ein großes Wort - wird zur Quantité négligeable.

Flächendeckend versuchen PR-Strategen, Spezialagenturen und persönliche Berater, die Redaktionen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Medienberater sorgen für Desinformationen. Unternehmenschefs lassen bei unbotmäßigem Verhalten schon mal mit Anzeigenboykott drohen. Und wenn wirtschaftlicher Druck allein nicht hilft, setzen sie Presseanwälte in Marsch.

So gelingt es der Wirtschaft immer häufiger, positive Geschichten zu ermauscheln und kritische Analysen zu unterdrücken. Viele Verlage und Sender leisten den modernen Agitprop-Profis kaum mehr Widerstand. Die Medien sind nur bedingt abwehrbereit, wirtschaftlich geschwächt, personell ausgedünnt, von purem Kostendenken durchzogen (siehe: "Der Mohn ist aufgegangen").

Verliert die vierte Gewalt, wie die Presse auch genannt wird, den Kampf um die Aufklärung? Degeneriert sie zu einem Werbekanal der Mächtigen? Hat der Qualitätsjournalismus, der glaubwürdig informieren und analysieren soll, ausgedient?

"Die Schar der Aufrechten, die sich gegen Gängelung und Gefälligkeitsjournalismus stemmt", sagt der Medienwissenschaftler Michael Haller, "wird zusehends kleiner."

Mithin bekommen Leser, Zuschauer und Zuhörer mehr und mehr Geschichten serviert, die nicht in den Redaktionshäusern, sondern in Pressestellen entstanden sind. Oder sie lesen eine Geschichte, die lanciert wurde, um eine kritische Story zu verhindern oder doch wenigstens zu konterkarieren.

So im Fall Conti . Hier hatte manager magazin im vergangenen November recherchiert, dass der Hannoveraner Dax-Konzern übernommen werden sollte. Das Pikante an dem Fall: Conti-Aufsichtsratschef Hubertus v. Grünberg stand selbst eine Zeit lang auf der Gehaltsliste der Finanzinvestoren und hatte zugleich deren Übernahmeversuch freundlich begleitet.

Nachdem mm-Redakteure den Conti-Chefaufseher v. Grünberg mit ihren Recherchen konfrontiert hatten - die Attacke war inzwischen abgeblasen -, gab er wenige Tage später ein Interview im Münchener "Focus". Darin berichtete v. Grünberg über den Plan; seine eigene dubiose Rolle indes bagatellisierte er - eine prophylaktische Gegendarstellung zu dem kritischen Bericht, den manager magazin erst danach - übrigens unwidersprochen - veröffentlichte.

Vorauseilender Gehorsam

In anderen Fällen reicht die Einflussnahme noch weiter. Viele Leser erfahren erst gar nicht von Recherchen eines Journalisten, weil die Story vom Chefredakteur in vorauseilendem Gehorsam in den Papierkorb befördert wurde.

Immerhin 33 Prozent der 2004 von Mainzer Publizistikprofessoren befragten 260 deutschen Tageszeitungsredakteure gaben an, sie hätten mindestens ein- bis zweimal erlebt, dass eine wichtige Nachricht gegen ihren Willen zurückgehalten wurde. 23 Prozent meinten, dies sei aus Rücksicht auf Anzeigenkunden geschehen.

Betroffen von dieser Praxis sind insbesondere Regional- und Lokalzeitungen, die von ortsansässigen Inserenten wie Aldi, Lidl oder Media-Markt abhängig sind. "Bei den großen Anzeigenkunden verbieten sich heikle Geschichten von allein", sagt Ernst Hebecker, der bis Ende 2006 den "Münchner Merkur" leitete. "So eine heiße Kartoffel fasst man nicht an."

Wer das Tabu bricht, läuft Gefahr, seinen Job zu verlieren. Beredtes Zeugnis liefert der Fall einer Redakteurin der "Badischen Neuesten Nachrichten" ("BNN"), die vor knapp zwei Jahren über Lidl geschrieben hatte. In ihrem Artikel zitierte die Journalistin aus dem "Schwarzbuch" der Gewerkschaft Verdi, wonach die guten Geschäftszahlen von Lidl auch auf die "schlechten Arbeitsbedingungen" bei dem Discounter zurückzuführen seien.

"Dass sie faktisch falsch berichtet hat, wollen wir ihr nicht vorwerfen", sagte damals Chefredakteur Klaus Michael Baur. Allerdings sei die Mitarbeiterin "uneinsichtig" gewesen. Grund genug für Baur, die Querulantin fristlos zu entlassen. Erst nach Protesten des "BNN"-Betriebsrats wurde aus der Kündigung eine Abmahnung.

Lidl inserierte 2005 für rund 1,4 Millionen Euro in den "BNN", gleichwohl weist Chefredakteur Baur wirtschaftlichen Druck zurück. Lidl habe sich zwar am Tag nach dem strittigen Artikel telefonisch beschwert, aber nicht mit dem Entzug der Anzeigen gedroht.

Dass der Anzeigenboykott eine beliebte Methode ist, mit der vergrätzte Firmenchefs auf missliebige Berichterstattung reagieren, haben viele Chefredakteure erfahren.

So wirbt die Deutsche Bahn seit Jahren so gut wie gar nicht mehr in "Capital" und manager magazin, weil Vorsteher Hartmut Mehdorn (64) die kritischen Bahn-Analysen der beiden Publikationen am liebsten ganz unterbinden will - bislang ohne Erfolg. Ähnlich rigoros sprang Ratiopharm mit dem "Stern" um, der 2005 aufgedeckt hatte, dass Ärzte von Vertretern des Generikaherstellers mit üppigen Geschenken bedacht worden waren. Auch börsennotierte Großkonzerne, darunter L'Oréal  und die Deutsche Bank, nutzen gezielt das Mittel des Anzeigenboykotts.

Sonstige Koppelgeschäfte

Die Liste ließe sich beliebig verlängern, auch mit Beispielen aus dem Ausland. Besonders dreist geht Morgan Stanley  vor. Um kritische Berichterstattung schon im Keim zu ersticken, hat das amerikanische Investmenthaus in seine Werbeverträge folgenden Passus eingefügt: "Wenn beanstandungswürdiger redaktioneller Inhalt geplant ist, muss die Werbeagentur von Morgan Stanley benachrichtigt werden, weil Veränderungen in letzter Minute nötig sein könnten." Falls es für Redigaturen schon zu spät ist, verfügen die Banker, "alle Anzeigen für mindestens 48 Stunden" zu streichen.

Ob in den USA oder in Deutschland - wenn die werbetreibenden Unternehmen mit den Anzeigenverkäufern verhandeln, dreht sich alles nur noch um günstige Konditionen. Der Konzentrationsprozess bei den Mediaagenturen in Deutschland, die im Auftrag der Unternehmen Werbung platzieren, tut ein Übriges. Die Tochteragenturen fünf internationaler Konzerne beherrschen über 80 Prozent des deutschen Marktes.

Im vollen Bewusstsein ihrer Übermacht feilschen die Agenten wie die Teppichhändler um Rabatte. Und wenn der letzte Spielraum ausgereizt ist, sinniert man eben über Koppelgeschäfte und sonstige Kooperationen zwischen Redaktion und werbetreibender Industrie. "Der Trend zur Schleichwerbung hält an", stellt der deutsche Presserat fest, der deshalb immer mehr Medien abmahnt.

Leisteten sich bislang hauptsächlich Frauenzeitschriften und Lifestylemagazine Schleichwerbung, so finden sich inzwischen auch in seriösen Blättern umfassende Specials, Beilagen und Advertorials, mal mehr, mal weniger deutlich als Werbung gekennzeichnet. Die Grenzen zwischen Anzeigen und Redaktion werden endgültig verwischt - mit fatalen Folgen für die Glaubwürdigkeit des Journalismus.

Besonders toll treiben es die privaten Hörfunk- und Fernsehstationen. Sie lassen sich von Firmen produzierte Porträts zuliefern. Oder sie laden sogenannte Experten ein, die Börsentipps geben. 1,1 Millionen Euro hat Carsten Maschmeyer (48), Vorstandsvorsitzender des Finanzdienstleisters AWD , für 52 Beiträge und Auftritte seiner Spezialisten in Sat. 1 auf den Tisch gelegt - offiziell für den Erwerb der Zweitverwertungsrechte.

"Die Geschmeidigkeit wird immer größer", mit diesen vorsichtigen Worten umschreibt ein Zeitschriftenmanager das Geschachere zwischen Medien und Wirtschaft. Verlegern und Senderchefs ist die ständige Grenzüberschreitung peinlich, sie wollen am liebsten nicht darüber reden. PR-Leute hingegen sind weniger feinfühlig.

So fragte vor einiger Zeit Peter Hauptvogel (41), Kommunikationsdirektor von Air Berlin , die Zuhörer eines Kongresses: "Wissen Sie, wie ich es geschafft habe, dass der Chefredakteur der 'Welt am Sonntag' in kürzester Zeit zurückruft?" Die Antwort quittierte das Auditorium mit Gelächter: "Ich habe Druck über einen Vertriebsmitarbeiter gemacht - und schon war Christoph Keese für mich zu sprechen." So notierte das Fachblatt "Werben & Verkaufen" unwidersprochen.

Der Lockruf des Geldes

Die Einflussnahme muss nicht immer über den Verlag laufen. Die meisten Unternehmen verfügen über genügend Instrumentarien, mit denen sie Journalisten schon im Vorfeld der Berichterstattung in die gewünschte Richtung steuern können.

In Konzernen und bei großen Mittelständlern arbeiten Heerscharen gut ausgebildeter, über hohe Budgets verfügender Kommunikationsspezialisten, So finden PR-Inszenierungen immer leichter Eingang in Tageszeitungen und Zeitschriften, TV-Programme und Hörfunksendungen. Selbst die vermeintlich unabhängige Presseagentur DPA greift häufig auf PR-Meldungen zurück, fand der Medienwissenschaftler Tobias Höhn in seiner Diplomarbeit aus dem Jahr 2005 heraus.

Ursache der misslichen Entwicklung ist der rigorose Sparkurs, den viele Verleger fahren. Ganze Redaktionen ("Welt", "Berliner Morgenpost") wurden aus Kostengründen zusammengelegt, Objekte komplett ausgelagert. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Medien keine so dramatische Zäsur erlebt wie in den vergangenen sechs Jahren. Im Kampf gegen rote Zahlen setzte die "Süddeutsche Zeitung" knapp 1000 Mitarbeiter auf die Straße, die "FAZ" trennte sich in drei Kündigungswellen von rund 200 Redakteuren und Verlagsangestellten.

Die Renommierblätter haben sich mittlerweile gesundgeschrumpft. Kleine und mittelgroße Zeitungen aber entlassen weiterhin fest angestellte Mitarbeiter und ersetzen sie - wenn überhaupt - durch schlecht bezahlte Freie.

Die Folge ist eine klare Kräfteverschiebung. Die Schar der hauptberuflich tätigen Journalisten hat sich seit den 90er Jahren von ehemals 55.000 auf jetzt rund 48.000 verringert. Gleichzeitig stieg die Zahl der PR-Mitarbeiter von 15.000 auf 25.000.

Üppig ausgestatteten PR-Abteilungen stehen ausgemergelte Redaktionen gegenüber. Und die sind oft auf die Texte aus den Pressestellen angewiesen. "Die Öffentlichkeitsarbeiter müssen nicht mehr nur hoffen, den Journalisten Informationen unterschieben zu können", sagt Medienberater Klaus Kocks, früher VW-Kommunikationschef. "Die Nachfrage nach PR-Material ist so stark gestiegen, dass wir gar nicht so viele Geschichten erfinden können, wie die Zeitungen drucken wollen."

Noch eine Entwicklung spielt den PR-Gewaltigen in die Hände: Viele auch ehemals gute Journalisten folgen dem Lockruf des Geldes und wechseln die Seiten. So wie Ex-"Wirtschaftswoche"-Chefredakteur Stefan Baron (das Angebot sei "einfach unwiderstehlich" gewesen), der für ein Mehrfaches seines Gehalts als oberster Pressesprecher zur Deutschen Bank ging. Oder der leitende "FAZ"-Redakteur Folker Dries, der jetzt bei der Kommunikationsagentur Hering Schuppener unterschlüpft. Sein neuer Arbeitgeber gehört zur kleinen, aber höchst einflussreichen Zunft der Finanzkommunikatoren. Die Kapitalmarktspezialisten tauchen auf, wenn Firmen an die Börse streben oder wenn sich Unternehmen zusammenschließen.

Bei Anruf Schlagzeile

Wie diese neue Spezies von Öffentlichkeitsarbeitern agiert, zeigt der Versuch Scherings, die feindliche Übernahme durch Merck KGaA  abzuwehren. Die Schering-Oberen hatten im Frühjahr 2006 erfahren, dass sie vom Darmstädter Konkurrenten geschluckt werden sollten, und die Agentur Brunswick zu Hilfe gerufen.

In enger Absprache mit Vorständen, Investmentbankern und Anwälten entwarfen die Brunswick-Berater ein Kommunikationskonzept. Es sah unter anderem vor, den Angreifer ins Scheinwerferlicht der Medien zu zerren. Eine breite Berichterstattung über den im Fall der Übernahme drohenden Arbeitsplatzabbau bei Schering, so das Kalkül, würde in der öffentlichkeitsscheuen Merck-Familie für Unruhe sorgen und das Projekt platzen lassen.

Ein Anruf bei der "Bild"-Zeitung genügte. Ein Brunswick-Mann steckte der Redaktion, wann Merck-Chef Michael Römer (60) dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit (53) seine Aufwartung machen und ihn über die Übernahme unterrichten würde.

Das Boulevardblatt ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen. Als Römer am 14. März 2006 um die Mittagsstunde den Amtssitz Wowereits verließ, drückte ein Fotograf auf den Auslöser seiner Kamera. Tags drauf prangte ein riesiges Foto auf Seite drei der Berliner "Bild". Schlagzeile: "Hier kommt der Pharma-Hai aus dem Roten Rathaus."

Am Ende der zweimonatigen Übernahmeschlacht zog sich Merck zurück, Schering wurde von Bayer  gekauft. Mission erfüllt. Die Brunswick-Leute räumten das Feld und kassierten die vereinbarte Vergütung: 1,5 Millionen Euro Basishonorar plus 4 Millionen Erfolgsbonus.

Die Bereitschaft der Unternehmen, die Meinungsmacher à la Brunswick mit ins Boot zu holen, wächst. "Heutzutage steigt kaum mehr ein großer Deal ohne externe Profis", bestätigt Christoph Walther, Vorstandsvorsitzender des Brunswick-Konkurrenten Communications & Network Consulting (CNC).

Walther, der in den vergangenen Jahren einen kleinen Kommunikationskonzern mit Büros von London bis Tokio aufgebaut hat, muss es wissen. Seine Angebotspalette reicht von der Beratung bei Großtransaktionen bis hin zur persönlichen Betreuung von Unternehmensführern.

Der wohl umtriebigste Vertreter dieser sogenannten Spin-Doctors ist Norbert Essing (46); er leitete unter anderem die Audi-Kommunikation, bevor er sich Ende der 90er Jahre selbstständig machte. Zu seinen Klienten zählen Leute wie WestLB-Chef Thomas Fischer (59), der vom Infineon-Thron gestürzte Ulrich Schumacher (49) oder der gescheiterte Medienmogul Leo Kirch (80).

Die Bandagen sind hart in dieser Branche, besonders wenn Essing mitkämpft. So hat er einen Pressemitarbeiter der Deutschen Bank auf Unterlassung verklagt. Der soll ihn einen "Lügner", gar einen "notorischen Lügner" genannt haben, glaubt Essing zu wissen. Der Hintergrund: Essing sorgt dafür, dass die Attacken von Leo Kirch gegen die Deutsche Bank medienwirksam zur Geltung kommen.

Engmaschige Kontakte

Auch Hans-Hermann Tiedje (58) scheute schon als Chefredakteur der "Bild"-Zeitung keine Auseinandersetzung. Heute gehören zu seinen Auftraggebern der Stadtplanerbe Alexander Falk (37) und die italienische Süßwarenfirma Ferrero.

Für Deutsche-Bank-Chef Ackermann ist Tiedje immer wieder aktiv. Nicht nur während des Mannesmann-Prozesses fiel er als Ratgeber auf. Auch im Fall Siemens, wo Ackermann als Aufsichtsrat seine Interessen verfolgt, hinterließ Zigarrenraucher Tiedje eine Duftspur. Dass er bestreitet, ein offizielles Mandat von Ackermann zu haben, heißt nicht, dass er untätig war. In dieser Branche wird nur selten offen gespielt.

Das wichtigste Kapital von Tiedje, Essing & Co. sind ihre engmaschigen Kontakte. Sie gehen in den Redaktionen ein und aus, die Chefredakteure der großen Publikationen kennen sie persönlich.

Ihr Geschäftsmodell beruht auf dem Prinzip von Geben und Nehmen: Die Spin-Doctors versorgen Journalisten mit Hintergrundinformationen - Positives über Klienten, Negatives über die Konkurrenz. Oft streuen sie Gerüchte, manchmal liefern sie verwertbare Unterlagen. Hin und wieder gibt es auch einen konkreten Hinweis, welcher Vorstandsvorsitzende demnächst fliegt und wer ihm nachfolgt.

Im Gegenzug bleibt der eigene Mandant von unschönen Veröffentlichungen verschont, so hoffen die Einflüsterer zumindest. Sie setzen darauf, dass sich die Redaktionen nicht der Chance auf den nächsten Knüller begeben wollen.

Die Dienste der Berater werden hoch bezahlt. Tagessätze von 5000 Euro sind keine Seltenheit. Essing, der gern auf seine wirtschaftliche Unabhängigkeit verweist, besitzt nicht nur ein Anwesen in Irland. Er nennt auch rund 15 Hektar Grund im Westfälischen sein Eigen, auf dem er Pferdezucht betreibt.

Egal ob PR-Agenten, Finanzkommunikatoren oder Spin-Doctors - Jahr für Jahr steigen ihre Umsätze, dem boomenden Kapitalmarkt sei Dank.

Medienberater werden an allen Fronten gebraucht: von den Finanzinvestoren, die geheime Attacken aushecken, ebenso wie von den Unternehmenschefs, die durch Heuschrecken immer stärker in die Defensive gedrängt werden. Sie fürchten um ihre Macht - und ihre Jobs. Im Topmanagement, das zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton, hat sich die Verweildauer in den vergangenen sieben Jahren fast halbiert.

Widerruf und Schadensersatz

Ein Maskenbildner für die Öffentlichkeit, so das Kalkül, kommt da immer noch billiger als ein Rauswurf - zumal meist das Unternehmen die Verschönerung des medialen Selbst bezahlt.

Noch gelingt es finanzkräftigen Verlagen und auf Unabhängigkeit pochenden Redaktionen, sich der Unterwanderung durch Medienberater und Pressestellen zu entziehen.

Doch auch sie geraten in Bedrängnis, wenn die Macher in den Topetagen ihr letztes Geschütz auffahren: die Presseanwälte. In deren Arsenalen lagern Marterwerkzeuge wie Unterlassung und Gegendarstellung, Richtigstellung und Widerruf, Schmerzensgeld und Schadensersatz.

So drohte im Herbst 2005 der Jurist Christian Schertz mit geharnischten Worten, dass er rechtliche Schritte einleiten werde, falls manager magazin die Persönlichkeitsrechte seiner Mandantin verletze. Selbst Schadensersatzansprüche schloss er nicht aus. Wohlgemerkt: Schertz' Brandbrief erreichte die Redaktion noch während der Recherche - eine Reaktion auf schriftlich eingereichte Fragen. manager magazin ließ sich nicht einschüchtern.

Ständig flattern Journalisten solche Schreiben ins Haus, oft erzielen sie die gewünschte Wirkung: Die erschreckten Redakteure stellen ihre Nachforschungen ein.

Wer trotzdem schreibt, muss sich gut wappnen. Denn die Richter, die einst der Meinungsfreiheit Priorität einräumten, stellen jetzt zunehmend das Persönlichkeitsrecht in den Vordergrund.

Jüngstes Beispiel ist ein Verfassungsgerichtsspruch von 2005. Galt früher bei mehreren Deutungsmöglichkeiten eines Textes jene Auslegung, die für die Presse am günstigsten war, so heißt es nun: Lässt sich eine Darstellung auch so interpretieren, dass eine Persönlichkeitsverletzung vorliegt, ist das Medium zur Unterlassung verpflichtet.

Mehrere Urteile solcher Art sind in den letzten Jahren ergangen. Erkämpft haben sie Medienrechtler wie Matthias Prinz (50) (siehe: "Erfundene Geschichten"). Der Hamburger Anwalt kaprizierte sich ursprünglich auf Stars und Sternchen, Prinzen und Prinzessinnen. Mittlerweile arbeitet seine florierende Kanzlei hauptsächlich für Unternehmer und Manager.

Das Vorbild von Anwalt Prinz hat zahlreiche Nachahmer angelockt - sehr zum Leidwesen der Medien, denn über sie bricht inzwischen eine Flut von Drohbriefen und Klageschriften herein. "Seit 2000 hat sich die Zahl unserer juristischen Auseinandersetzungen um rund 50 Prozent erhöht", sagt Dietrich Krause, Chefjustiziar der SPIEGEL-Gruppe.

Das Ergebnis der Tricksereien

Dabei fußen die Rechtsbegehren oftmals auf nichtigen, zuweilen auch kuriosen Anlässen. Wie im Fall des VW-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch (70), der in einem Interview auf die Frage nach der Zahl seiner Kinder geantwortet hatte: "Etwa ein Dutzend. So genau weiß man das nicht." Die "Wirtschaftswoche" schrieb daraufhin, Piëch kenne die Zahl seiner Kinder nicht - und geriet prompt mit dessen Anwalt aneinander.

Von ähnlicher Qualität war die Reaktion von WestLB-Chef Fischer auf einen Bericht der "Stuttgarter Zeitung". Deren Reporter hatte behauptet, Fischer sei zur Beisetzung des ehemaligen WestLB-Vorsitzenden Friedel Neuber in hellbraunem Schuhwerk erschienen. Der Banker erwirkte eine Gegendarstellung.

Es sind nicht nur persönliche Eitelkeiten, die mit solchen juristischen Scharmützeln befriedigt werden. Die Akteure wollen den Medien auch Angst einflößen. Schließlich schädigen Gegendarstellungen das Image. Obendrein summieren sich Honorare und Gebühren schnell auf stattliche Beträge, zumal es den Anwälten gelungen ist, die Streitwerte nach oben zu schrauben. Mancher Verleger lässt da lieber gleich die Finger von kritischen Geschichten.

Hat die vierte Gewalt als Kontrollinstanz also an Einfluss verloren?

Keine Frage, sie ist in ihrer Breite nicht mehr so unabhängig, wie sie sein sollte. Doch sie ist so unersetzlich wie eh und je. "In einer komplexer werdenden Welt", sagt der Hamburger Medienforscher Siegfried Weischenberg, "brauchen wir journalistische Profis, auf die wir uns verlassen können, zumal uns jeder irgendwas verkaufen will."

Auch der Philosoph Jürgen Habermas sorgt sich um die Zukunft der seriösen Presse. In einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung" fragte er unlängst, ob nicht der Staat den Qualitätsjournalismus schützen müsste. Stiftungsmodelle mit öffentlicher Beteiligung oder Steuervergünstigungen für Familieneigentum könnten, so Habermas, ein gangbarer Weg sein. "Argwöhnische Beobachtung ist geboten", mahnt Habermas, weil sich "keine Demokratie ein Marktversagen auf diesem Sektor leisten kann".

Vielleicht braucht es ja auch manchmal einen Skandal, um sich über die Bedeutung einer unabhängigen Presse wieder klar zu werden. Nach der "SPIEGEL-Affäre" 1962 mäßigten sich die staatlichen Organe. Ob jetzt nach den Chaostagen bei Siemens auch die Manager umdenken?

Schön wär's. Denn das Ergebnis all der Tricksereien, der halben Wahrheiten und der ganzen Lügen während des internen Machtkampfes ist fatal. Das Unternehmen Siemens hat verloren. Fast alle Beteiligten, wie Kleinfeld oder v. Pierer, sind beschädigt. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme hat aus der Krise gelernt und die Bestellung des neuen CEO, Peter Löscher (49), geräuschlos geregelt.

Noch ist Siemens nicht verloren.

Die Trickkiste der Manager "Erfundene Geschichten" Der Mohn ist aufgegangen

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