Gewerkschaften Verdi - vidi - vici?

Aus fünf Organisationen wird eine - Verdi. Sie will für die Dienstleistungsberufe zuständig sein - und riskiert damit schon vor der Gründung einen Krach mit der IG Metall.

Stell dir vor, es entsteht die größte Gewerkschaft der Welt - und kaum einer merkt es.

Genau das passiert in diesen Wochen und Monaten in Deutschland. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit, lustlos verfolgt von großen Teilen der Gewerkschaftsbewegung, entsteht derzeit ein Koloss auf tönernen Füßen.

Sein Name: Verdi. Der Zufall ist gewollt: Der italienische Komponist Giuseppe Verdi war ein Sohn armer Leute und ein Freiheitskämpfer, sozusagen ein Kollege im Geiste.

Doch Verdi steht noch für etwas anderes: für Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft. Weil sich dieses Wortmonstrum bei Demonstrationen schlecht skandieren lässt, wurde daraus mundgerecht ein zweisilbiges Verdi.

Neuer Name, neues Logo, neue Gewerkschaft, neue Hoffnung: Verdi - vidi - vici?

Abwarten, auf jeden Fall ist es die radikalste Veränderung in der bundesdeutschen Gewerkschaftsge- schichte. Fünf Gewerkschaften lösen sich nach rund 50-jähriger Existenz auf: die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), die Deutsche Postgewerkschaft (DPG), die Gewerk- schaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), die IG Medien und die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV).

Eine neue Arbeitnehmerlobby mit ungewisser Zukunft entsteht: Verdi, 3,2 Millionen Mitglieder, 4500 Beschäftigte. Für ÖTV-Chef Herbert Mai ist dies "ein großer historischer Schritt".

Auf außerordentlichen Gewerkschaftstagen in der zweiten Novemberhälfte bitten die fünf Vorsitzenden um Zustimmung zur Verschmelzung. Dort wird eine Übergangsgewerkschaft gegründet. Sie existiert bis Frühjahr 2001. Erst dann entsteht auf dem Verdi-Gründungskongress de jure die neue Gewerkschaft.

Mit Verdi verschwinden weitere fünf Gewerkschaften. Zuvor hatte bereits die IG Metall die Kollegen aus der Textil- und Holzbranche geschluckt, die IG BCE entstand aus einer Fusion von Chemie und Bergbau.

Bis vor knapp vier Jahren gab es noch 17 Einzelgewerkschaften, bald werden es lediglich acht sein. Darunter sind drei Giganten - BCE, Metall, Verdi - und ein Halbstarker, die IG Bau.

Warum diese Fusionitis - und warum in diesem atemberaubenden Tempo?

Es gibt zwar keiner zu, aber dies sind auch Machtspiele. Je größer, desto mächtiger - nach außen und innerhalb des DGB. Da ticken die Gewerkschaftsbosse nicht anders als die Konzernchefs.

Ein weiterer Grund: Die Not treibt sie zusammen. Fast alle Gewerkschaften leiden unter sinkenden Mitgliederzahlen und schwindsüchtigen Kassen. Weil geteiltes Leid halbes Leid ist, flüchten sie in Fusionen.

Zudem verwischen zunehmend die Unternehmensgrenzen, die Gewerkschaften jedoch waren lange Zeit noch strikt nach Branchen organisiert - wie zur Gründerzeit anno 1949.

Jahrzehnte machten sich die Verdi-Gewerkschaften auf Grund der unscharfen Trennung gegenseitig Konkurrenz. ÖTV, HBV und DAG buhlten zum Beispiel um die Bankangestellten.

Um mit diesem kräftezehrenden Wettbewerb Schluss zu machen, fanden sich Mitte der 90er Jahre die ersten Verdi-Gewerkschaften zusammen, bildeten lockere Kooperationen und Verbünde.

Dann kam es Anfang Oktober 1997 in der so genannten Hamburger Erklärung zum Schwur. Acht Gewerkschaften gelobten Zusammenarbeit, drei sprangen später ab; erst die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) und die Eisenbahnergewerkschaft (GdED), schließlich noch die Lehrerlobby (GEW). Sie alle fürchteten, in dem Moloch Verdi erdrückt zu werden.

Die restlichen fünf sind wild entschlossen, die Megafusion durchzuziehen. Sie drücken aufs Tempo. IG-Medien-Chef Detlef Hensche spricht wie Jürgen Schrempp: "Ein Projekt dieses Ausmaßes ist nur in schnellem Durchlauf möglich."

Ein Lenkungsausschuss, in dem die Vorsitzenden und ihre Adlaten sitzen, peitscht das Projekt voran. In den Sitzungen herrscht das Prinzip der Einstimmigkeit. Zudem sind alle gleich, ob große ÖTV oder kleine IG Medien.

Das schweißt zusammen. DPG-Vize Michael Sommer: "Wir haben gelernt, uns gegenseitig zuzuhören und auch zu verstehen."

Die Harmonie ist keine Selbstverständlichkeit, denn die fünf haben unterschiedliche Traditionen. Hier die kämpferische IG Medien, dort die sozialpartnerschaftliche DAG. Vor ein paar Jahren noch war der rechte DAG-Chef Roland Issen für den linken Hensche eine Art Arbeiterverräter; heute umarmt Hensche den "lieben Roland".

Zur entspannten Atmosphäre trägt bei, dass die mächtige ÖTV nicht dominieren will. "Es gibt die wildesten Koalitionen", sagt ÖTV-Chef Herbert Mai. Eben nicht nur ÖTV gegen den Rest oder DAG gegen die vier DGB-Gewerkschaften, sondern immer wieder wechselnde Mehrheiten.

Während oben das Verständnis wächst, werden an der Basis "noch die Vorurteile gepflegt" (Hensche). Am liebsten gegenüber der DAG, die bis vor nicht allzu langer Zeit - weil nicht im DGB - als feindliche Organisation beschimpft wurde. "Im Kopf haben wir uns alle vom Feindbild verabschiedet, aber mit dem Herzen noch nicht", gesteht HBV-Vorstandsmitglied Franziska Wiethold.

An der Basis gibt es da und dort ein Grummeln. Ein paar Landesverbände der HBV (Berlin und Thüringen) sind gegen den Zusammenschluss. Einzelne Verdi-Gegner formieren ihren Widerstand unter dem Decknamen Puccini oder Wagner.

Doch die Puccisten haben keine Chance. In keiner der fünf zusammenschlusswilligen Gewerkschaften gibt es eine Mehrheit, die Verdi grund- sätzlich in Frage stellt.

Kritik erfolgt nur am Procedere. Es sei eine "Kopfgeburt", "ein technokratischer Schöpfungsakt von oben", monierten Delegierte auf dem letzten IG-Medien-Kongress. Gegenfrage: Wie anders als von oben kann ein solch schwieriger Prozess initiiert und gesteuert werden?

Zweiter Kritikpunkt: Die Verdi-Un- terhändler würden nur über Strukturen und nicht über Inhalte reden. Gegenfrage: Geht denn beides parallel?

Eine Diskussion über die politische Ausrichtung wäre jetzt zu früh. "Eine neue Gewerkschaft mit so unterschiedlichen Traditionen braucht Zeit, um inhaltlich zusammenzufinden", sagt DAG-Chef Roland Issen. Ihr kann man nicht am Verhandlungstisch ein neues Selbstverständnis verordnen.

Deshalb konzentrieren sich Issen und Kollegen erst einmal auf die Organisation von Verdi, niedergeschrieben in den 30 Seiten umfassenden "Eckpunkten des Zielmodells".

Die Grundstruktur von Verdi steht: Es ist eine Matrixorganisation. Auf der einen Seite drei Ebenen (Bund-Länder-Bezirke), auf der anderen 13 Fachbereiche, zum Beispiel Telekommunikation, Handel, Verkehr, Finanzdienstleistungen.

Doch nun tobt - wie es bei einer Matrix üblich ist - der Streit, wer das Sagen hat und damit auch die Verfügung über das Geld: die Ebenen oder die Fachbereiche. "In dieser Frage knallt es gegenwärtig", sagt Hensche offen.

Die Fronten sind klar: Hier die ÖTV, dort die DAG, DPG und die IG Medien, irgendwo dazwischen hängt die HBV. Die ÖTV ist bezirksorientiert, weil sie mächtige Kreisverwaltungen hat, die sehr stark in den Kommunen verankert sind.

Die anderen Verdianer sind eher fachbereichsorientiert. DPG-Vize Sommer fordert: "Die Fachbereiche brauchen eine ganz starke Stellung." ÖTV-Chef Mai fürchtet, dass sich so definierte Fachbereiche verselbstständigen könnten: "Es darf keine Gewerkschaft in der Gewerkschaft geben."

Klar ist immerhin: Die Fachbereiche sind tarifpolitisch autonom. Sie entscheiden, mit welchen Prozent- oder Mark-Forderungen in den Tarifkampf gezogen wird.

Nur bei "tarifpolitischen Grund- sätzen" (Eckpunkte) darf sich der 19köpfige Bundesvorstand einmischen. Zum Beispiel bei Arbeitszeitregelungen. Es soll nicht vorkommen, dass sich der eine Fachbereich für die 32-Stunden-Woche einsetzt, der andere dagegen für einen Vorruhestand mit 56 Jahren.

Und wer entscheidet über Streiks? Der Bundesvorstand. Eine kleine Minderheit hätte es gern, dass der Fachbereich über Arbeitskämpfe befinden kann.

Doch das hält Herbert Mai wie seine Kollegen Vorsitzenden für völlig unrealistisch: "Es kann doch nicht angehen, dass ein Fachbereich der ganzen Organisation das Geld wegstreikt."

Eher möglich sind Solidaritätsstreiks zwischen den Fachbereichen. Hensche: "Das halte ich für denkbar, nicht aber als Regelfall." HBV-Vorstand Wiethold wird konkreter: "Gegen Samstagsarbeit bei Banken oder für die Beibehaltung des Ladenschlusses kann ich mir Solidaritätsstreiks vorstellen."

Manche linken Desperados träumen gar von einem Generalstreik: Wenn Verdi will, steht die Republik still. Hensche wischt solche Träume weg: "Das ist doch Unsinn."

Die Arbeitgeber sollten sich freilich auf einen kämpferischeren Kontrahenten einstellen. Er ist größer und einiger. Bislang konnten die Arbeitgeber die Gewerkschaften zuweilen gegeneinander ausspielen - zum Beispiel im Handel oder bei Banken, wo sowohl HBV als auch DAG Tarifverhandlungen führten.

Verdi wird sicher im Auftritt gegenüber den Arbeitgebern mächtiger, aber auch innerhalb des DGB und gegenüber der Politik. Franziska Wiethold von der HBV: "Wir als relativ kleine Gewerkschaft haben uns immer geärgert, wie wenig wir in der politischen Diskussion stattfinden."

Nun kann der Bundeskanzler nicht mehr an Verdi vorbei, wenn er zum Bündnis für Arbeit oder zu anderen Elefantenrunden im Kanzleramt lädt.

Nicht nur er weiß: Die Dienstleistungsgewerkschaft hat jetzt ein gewaltiges Drohpotenzial. Für Verdi wird es kein Problem sein, mal zehntausende für eine Demo zu mobilisieren, wenn es sein muss.

Der bislang dominierenden IG Metall (2,9 Millionen Mitglieder) schwant böse Konkurrenz im eigenen Lager: "Verdi kann das Kräfteverhältnis bezüglich der öffentlichen Wahrnehmung der Gewerkschaften zu Ungunsten der IG Metall verschieben", heißt es in einem internen Papier.

Die alte Nummer eins will sich deshalb wehren. Sie baut bereits eine Gegenmacht auf. Zusammen mit IG Bau, IG Bergbau, Chemie, Energie (BCE), GdED und NGG initiierte die IG Metall im März dieses Jahres das "Projekt Industrielle Dienstleistungen". Dort wollen die fünf Verdi-Gegner definieren, welche Dienstleistungen sie zu ihrem Einflussbereich erklären. Das Projekt ist eine klare Reaktion auf Verdi.

Die Metaller stoßen sich an Verdis "Monopolanspruch auf die Dienstleistungsberufe". Sie wollen Verdi nicht kampflos das weite Feld der Dienstleistungen überlassen.

Die IG-Metall-Anführer wissen, dass der klassische Facharbeiter - die typische IG-Metall-Klientel - langsam ausstirbt. Will die Gewerkschaft überleben, muss sie neben den Blaumännern auch die Büromenschen ansprechen und hofieren.

Der Kampf um die Dienstleister wird somit zum entscheidenden Schlachtfeld. DAG-Chef Issen prophezeit: "Die Entwicklungschancen der Gewerkschaften hängen entscheidend davon ab, ob der Organisationsgrad im Dienstleistungssektor erhöht wird."

Der beträgt im Schnitt 20 Prozent, in den Zukunftsbranchen wie Informationstechnologie gerade mal 10 und in Firmen wie SAP, Hewlett-Packard oder Microsoft nahezu null Prozent. Weil das so ist, stürzen sich fast alle Gewerkschaften auf diese "weißen Flecken". Keiner gönnt dem anderen etwas.

Bisher galt: Einmal IG Metall, immer IG Metall. Beispiel Debis. Weil das eine DaimlerChrysler-Tochter ist, reklamiert die IG Metall Debis als ihr Einflussgebiet.

Am bizarrsten ist der Streit in der Telekommunikationsbranche. Sechs Gewerkschaften fühlen sich da zuständig (siehe Tabelle Seite 243). Die IG Metall fordert, dass sich Verdi nur um die Deutsche Telekom AG kümmert. Die privaten Telekom-Firmen sollen den anderen "gehören". Meist verläuft die Frontlinie zwischen Verdi und den anderen Gewerkschaften. Um sie zu schlichten, finden derzeit so genannte 2+2+2-Gespräche auf höchster Ebene statt: zwei Verdi-Vertreter, zwei Gegner von IG Metall sowie BCE und zwei Schlichter vom DGB. Zweimal tagte die Runde. Ergebnis: keines.

Mit solchen Streitereien um die Klientel werden die Gewerkschaften kaum neue Mitglieder gewinnen. Bei Verdi aber hoffen die Funktionäre, dass die neue Großgewerkschaft den anhaltenden Mitgliederschwund stoppen und umdrehen kann.

Nur: Ist der Moloch überhaupt attraktiv? Die Verdi-Millionen-Truppe wird ein bunter Haufen sein - vom Orchestermusiker und Müllarbeiter bis zum Programmierer und Banker. Horst-Udo Niedenhoff, Gewerkschaftsexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft, urteilt: "Diese Multibranchengewerkschaft wird große Identifizierungsprobleme haben."

Detlef Hensche weiß: "Durch die Größe allein werden wir nicht attraktiver. Viel wichtiger ist, dass wir näher am Mitglied sein werden."

Das hoffen die Verdi-Strategen durch eine deutlich stärkere Präsenz in der Fläche zu erreichen. Sie werden in den Kreisen ihre vielen Büros zusammenlegen, und sie werden die durch Synergieeffekte frei werdenden Mitarbeiter in der Mitgliederbetreuung vor Ort einsetzen.

Der Countdown für die neue Gewerkschaft läuft. Aber noch sind viele Fragen unbeantwortet. Die wichtigste: Der Verband muss sich eine neue Satzung erarbeiten. ÖTV-Chef Mai graust es: "Das wird noch Schwerstarbeit."

Und dann müssen die Oberen endlich zwei Punkte klären, die sie bislang vor sich hergeschoben haben: die Standort- und die Cheffrage.

Berlin oder Frankfurt lautet die Alternative. Die Bürgermeister beider Metropolen haben schon werbende Briefe an die fünf geschrieben. Die Mehrheit, nämlich Hensche, Issen und DPG-Chef Kurt van Haaren, plädiert für die Hauptstadt; die HBV "tendiert eher nach Frankfurt" (Wiethold).

Der ÖTV schwebt eine dezentrale Lösung vor. Sie will Fachbereiche dort ansiedeln, wo es Sinn macht, also zum Beispiel die Finanzdienstleister in der Bankenmetropole Frankfurt. Dieses Modell hat aber wohl keine Chance.

Klarer zu beantworten ist die Personalfrage. Drei der fünf Bosse erreichen die Altersgrenze, scheiden also aus dem Rennen: Kurt van Haaren (61), Detlef Hensche (61) und Roland Issen (61).

Zwar kann sich Detlef Hensche den DAG-Chef Issen, der großes Verdienst am Werden von Verdi hat, als "geborenen Integrationsvorsitzenden" vorstellen. Doch Issen winkt dankend ab: "Das soll ein Jüngerer machen."

Bleiben noch Margret Mönig-Raane (51) und Herbert Mai (52). Die HBV-Vorsitzende Mönig-Raane gilt nicht gerade als charismatische Gewerkschaftsführerin. So läuft es auf Herbert Mai hinaus, dem in den laufenden Verhandlungen geschickter Umgang attestiert wird. Er wird wohl auf dem Verdi-Gründungskongress im Frühjahr 2001 zum mächtigsten Gewerkschaftsboss der Welt gewählt werden.

Wenn dann der Kongress tanzt, könnte die Regie den Triumph- marsch aus "Aida" einspielen. Komponist des Erfolgsstückes: Giuseppe Verdi.

Sollte das Projekt allerdings wider Erwarten doch noch scheitern, hätte Verdi auch das passende Stück parat: "Messa da Requiem".

Gewerkschaften: Wird der DGB überflüssig?

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