Editorial Dominante Logik

Wer ist der Nächste? Händeringend sucht die gesamte Energiebranche nach Strom- und Gaspartnern. RWE-Chef Dietmar Kuhnt ist gerade fündig geworden. Gewerkschaften fusionieren, und im europäischen Fernsehgeschäft wird sowieso nichts bleiben, wie es ist.
Von Wolfgang Kaden

Geradezu aberwitzig erscheint, was sich gegenwärtig in der Unternehmensszene abspielt. Ein Vorstandschef, der derzeit nicht einen "Merdscher" oder eine "Äkwisischen" laufen hat, muss sich schon wie ein Versager vorkommen; wie einer, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.

Beruhigend, dass es noch einige Außenseiter gibt. Jorma Ollila ist so einer. Der Chef von Nokia baut einfach nur Mobiltelefone. Und er macht das so erfolgreich, dass sein Unternehmen beim großen mm-Aktientest auf dem ersten Platz landete, als Europas bestes Unternehmen.

Jorma Ollila hat nicht die Absicht, mit einem anderen Unternehmen zusammenzugehen. "Fusionen", sagt er, "lenken uns in unserer Aufmerksamkeit nur ab."

Ganz abwegig kann diese Position ja nicht sein. Gut, wir wollen nicht bestreiten, dass jede Branche ihre eigenen Gesetze hat. Und dass es tatsächlich überzeugende Motive für Aufkäufe und Zusammenschlüsse gibt.

Doch ob die allfälligen Fusionen die Unternehmen im Hyperwettbewerb wirklich stärken ­ das muss sich erst noch erweisen. Immer wieder wird gepredigt, wie entscheidend für den Erfolg das Menschliche ist. Und immer wieder wird dieser Faktor sträflich vernachlässigt. Zusammenschlüsse schaffen bei den Belegschaften in allen Rängen Ängste, absorbieren Managementressourcen, lenken vom Kunden ab. Das ist ein hoher Preis, der in keine der wunderbaren Merger-Rechnungen eingeht.

Ja, ja, jeder einzelne Zusammenschluss lässt sich schlüssig begründen. Doch all diese umwerfende Vernunft bewahrt unsereinen, von Berufs wegen zur Skepsis verpflichtet, nicht vor Zweifeln, wenn ein Phänomen derart massenhaft auftritt wie derzeit die Fusionitis.

Da wächst der Verdacht, dass dieser oder jener Zusammenschluss nicht nur aus betriebswirtschaftlichen und strategischen Gründen erfolgt ­ sondern weil er eine griffige Story für den Kapitalmarkt liefert; weil er dem Vorstandsvorsitzenden einen besonderen Platz in der Unternehmensgeschichte sichern soll; oder weil der Unternehmenschef dem Aufsichtsrat einen guten Grund für die Vertragsverlängerung liefern muss.

Der Betriebswirtschaftsprofessor Christian Homburg spricht gern von einer "dominanten Logik", die sich regelmäßig im Management durchsetzt. Mit dieser Erscheinung haben wir es derzeit mal wieder zu tun. Dumm nur, dass eine dominante nicht unbedingt eine zwingende Logik ist.

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