Kommentar Land der Minusmenschen

Der aktuelle Konjunkturauftrieb ist ein Aufschwung ohne Seele: Warum bleiben die Deutschen trotz guter Zahlen Pessimisten?

Okay, die Zahlen sind gut. Die Wirtschaft wächst, die Beschäftigung auch, als Investitionsstandort ist Deutschland wieder angesagt, und Angela Merkel übt sich in öffentlichem Lächeln. Objektiv geht es der Bundesrepublik so gut wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Zugegeben, es gibt immer noch diverse Probleme, aber die gibt es anderswo auch. Für den Moment ist die teuflische Abwärtsspirale des Début de Siècle durchbrochen, der scheinbar unabwendbare Niedergang gestoppt. Pessimismus, Fatalismus, Stillstand - der Moll-Dreiklang des deutschen Requiems sollte eigentlich längst verklungen und einem optimistischeren Deutschland-Gefühl gewichen sein. Einer Stimmung, die zum Aufbrechen ermuntert und zum Anpacken befähigt.

Doch die Deutschen bleiben schwierig. Nach wie vor verharrt die große Mehrheit der Bürger im mentalen Krisenmodus. Die Zukunft bleibt düster, die Hoffnungen bleiben gedämpft, die Erwartungen im Zweifel negativ.

Belege: Nur 26 Prozent der Bundesbürger erwarten, dass sich ihre persönliche Lebenssituation in den kommenden fünf Jahren verbessert. In keinem anderen westlichen EU-Land sind Optimisten so rar. Und je weiter die Deutschen in die Zukunft blicken, desto weniger Grund zur Vorfreude können sie erkennen. Dass es die heutigen Kinder im Leben einmal leichter haben werden als sie selbst, erwarten nur 3 Prozent; 81 Prozent hingegen prophezeien der nächsten Generation ein schwierigeres Leben. Lediglich 25 Prozent meinen, ihre Rente sei sicher. Lauter europäische Negativrekorde. Zahlen aus einer kürzlich veröffentlichten Umfrage der EU-Kommission. Sie zeigen: Die Deutschen sind immer noch die Minusmenschen Europas.

Woher kommt diese eigentümlich hartnäckige Negativstimmung?

Keine einfache Frage. Denn interessanterweise ist die große Mehrheit mit ihrem derzeitigen Sein durchaus zufrieden. Ob Lebensstandard, Lebensqualität, Arbeit oder Bezahlung - die allermeisten haben daran wenig auszusetzen. Nein, die Gegenwart ist nicht schlecht für die Deutschen. Doch was die Zukunft angeht, da erfasst sie das große Schlottern.

Angst macht krank

Versuch einer Erklärung: Offenkundig haben die Jahre der Stagnation den Glauben an die Leistungsfähigkeit der deutschen Gesellschaft und ihrer Institutionen schwer erschüttert. Es ist nicht so, dass die Deutschen sich selbst aufgegeben hätten; die meisten vertrauen immer noch ihrer eigenen Kraft.

Aber das ökonomische, soziale, politische Umfeld sehen sie als tendenziell widrigen Lebensraum, der sie, wenn es hart auf hart kommt, hängen lässt. Beispiel: Eine große Mehrheit der Bundesbürger ist so selbstbewusst zu glauben, dass sie ihren derzeitigen Job behalten wird. Doch für den Fall der Fälle fürchten so viele wie nirgends sonst in Europa, keine neue adäquate Stelle zu finden.

Wer sich als Mitglied einer eher schwachen, krisenanfälligen Nation empfindet, der fühlt sich den Umwägbarkeiten einer sich rasch wandelnden Welt ziemlich allein ausgeliefert. Vertrauen fehlt. Das schafft Zukunftsangst. Immer noch.

Glücklicherweise teilt die Wirtschaftselite den Pessimismus der Mehrheit nicht (mehr). Sie surft auf der "Neuen Deutschen Welle", so eine Umfrage im Auftrag von manager magazin (siehe: Elitereport - Neue Deutsche Welle, mm 4/2007). Dieses Land, finden die Manager inzwischen, sei ein guter Ort, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, zu investieren, zu leben. Heute und in absehbarer Zukunft.

Darauf lässt sich aufbauen. Es ist die Aufgabe der Eliten, gerade auch der Manager und Unternehmer, ihren eigenen Optimismus zu verbreiten, durch Taten und durch Worte. Dies ist kein einfaches Projekt: Es geht um nichts weniger, als das Vertrauen in die Zukunft und die Glaubwürdigkeit der Eliten wiederherzustellen. Dass die mächtigsten, bestbezahlten Figuren dieser Gesellschaft es in den vergangenen mageren Jahren nicht geschafft haben, Zukunftsperspektiven zu eröffnen, hat maßgeblich den Pessimismus befördert.

Gelingt es nicht, die deutsche Requiem-Atmosphäre zu überwinden, dann bleiben notwendige weitere Veränderungen schwierig. Denn wer eine schlechtere Zukunft erwartet, der klammert sich so lange wie möglich an das, was er hat.

Angst schafft Stillstand. Angst macht krank. Eine Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit belegt: Glückliche, optimistische Nationen leiden im Durchschnitt weniger unter Bluthochdruck, unabhängig von sonstigen Lebensgewohnheiten.

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