Eon-Chef Bernotat "Wir sind Pioniere"

Was nun, Herr Bernotat? Der Eon-Chef spricht im Interview mit manager magazin über die Endesa-Schlappe, die künftige Strategie des Konzerns und die Versäumnisse der deutschen Energiepolitik.

mm: Herr Bernotat, haben Sie noch Lust, in Spanien Urlaub zu machen?

Bernotat: Warum denn nicht. Spanien ist ein schönes Land.

mm: Sie haben in diesem tollen Land die größte Schlappe Ihrer Karriere erlitten. Wie tief sitzt der Frust?

Bernotat: Natürlich sind wir darüber enttäuscht, dass es nicht so geklappt hat, wie wir uns das vorgestellt haben. Tief frustriert sind wir aber keineswegs. Wir gehen ja nicht als Verlierer vom Platz.

mm: Aus der Übernahmeschlacht um Endesa  ging Eon  aber am Ende nur als dritter Sieger hervor. War das die Mühe wert?

Bernotat: Auf jeden Fall. Enel und Acciona, die bereits fast die Hälfte an Endesa besitzen, haben uns im Gegenzug für unseren Ausstieg aus dem Übernahmekampf Beteiligungen im Wert von rund zehn Milliarden Euro zugesagt. Damit kommen wir nun in zwei komplett neue Märkte hinein, Spanien und Frankreich. In Italien verstärken wir uns immens. Wir erreichen damit Marktpositionen, die unsere bestehenden Geschäfte hervorragend ergänzen und die wir konsequent ausbauen werden.

mm: Sie bekommen jetzt fast nur Kraftwerke. Fehlen Ihnen da nicht die Kunden?

Bernotat: Nein. Wir erwerben zwar tatsächlich im Wesentlichen Erzeugungskapazitäten, aber auch eine stattliche Zahl von Kunden, vor allem in Spanien. Den erzeugten Strom können wir in Italien und Spanien im Großhandel sehr gut verkaufen, weil beide Märkte unterversorgt sind; dazu brauchen wir gar keine eigenen Endkunden. Zudem haben wir durch den Deal Zugang zu einem bedeutenden Terminal für Flüssiggas bekommen.

"Hätten wir es gleich lassen sollen?"

mm: Das von algerischen Quellen oder aus der Golfregion per Schiff nach Italien transportiert wird.

Bernotat: Ja. Dadurch wird die Versorgungssicherheit in Europa erhöht, und wir werden unabhängiger von russischem Erdgas.

mm: Schön und gut, aber haben Sie von den künftigen Endesa-Eignern nicht in Wahrheit nur die Teile bekommen, die diese aus Kartellgründen ohnehin abgeben müssten?

Bernotat: Möglicherweise trifft das auf Italien zu, für den Rest nicht. Aber unabhängig davon: Wir sind durch diese Akquisitionen in allen wichtigen europäischen Märkten vertreten. Eine solche Position hat kein anderes Unternehmen unserer Branche.

mm: Der Fall Endesa  hat bewiesen, wie unkalkulierbar Übernahmeversuche sind. Wie sicher ist es, dass Sie die von Enel  und Acciona  zugesicherten Beteiligungen am Ende wirklich bekommen?

Bernotat: Das halte ich für sehr sicher. Wir haben uns zum einen auf gemeinsame Bewertungsmethoden verständigt. Bei unterschiedlichen Einschätzungen wird ein Schiedsrichter, wahrscheinlich eine Investmentbank, den Wert festlegen. Zum anderen haben wir Kompensationen vereinbart. Falls wir bestimmte Beteiligungen nicht kaufen können, erhalten wir von Enel aus dessen Portfolio Erzeugungskapazitäten in gleicher Größenordnung, sozusagen eine Ersatzlieferung.

mm: 13 Monate hat der Kampf gedauert, 220 Millionen Euro gekostet, viele Ihrer Mitarbeiter und eine Armada aus Beratern, Anwälten und Bankern haben sehr intensiv daran gearbeitet ...

Bernotat: ... und einen guten Job gemacht. Natürlich war das ein großer Aufwand, und eine Erfolgsgarantie hat man bei solchen Übernahmevorhaben ohnehin nie. Aber hätten wir es deswegen gleich lassen sollen? Nichtstun ist immer die schlechteste Alternative.

"Wir haben keine Fehler gemacht"

mm: Unternommen haben Sie in der Tat viel. Welche Fehler haben Sie gemacht?

Bernotat: Wir haben keine Fehler gemacht, außer vielleicht den, dass wir uns immer an die Regeln gehalten haben. Andere haben das - vorsichtig ausgedrückt - nicht immer so gehandhabt. Aber wir hätten auf keinen Fall an Recht und Gesetz vorbei agieren können - darauf haben manche doch nur gewartet.

mm: Zum Beispiel die spanische Regierung, die vehement gegen Sie gekämpft hat. Haben Sie das politische Umfeld nicht von vornherein falsch eingeschätzt?

Bernotat: Nein. Wir wussten sehr genau, dass wir in eine schwierige innenpolitische Lage hineinkommen. Zunächst wollte ja die katalanische Gas Natural Endesa übernehmen, und das mit Unterstützung der spanischen Regierung. Gleichwohl haben wir gesagt, wir gehen das Risiko ein und platzieren ein Gegenangebot.

mm: Über das Sie die spanische Regierung vielleicht besser früher informiert hätten.

Bernotat: Wir konnten und wir durften nicht vorher fragen. Damit hätten wir ganz klar gegen das Börsenrecht verstoßen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat aber unsere Pläne einen Tag vorher in Madrid angekündigt, so wie es sich bei solchen Transaktionen gehört. Mehr war da einfach nicht möglich.

mm: Das Nein kam dann sehr schnell nach Ihrer Offerte. Haben Sie mit so hartnäckigem Widerstand gerechnet?

Bernotat: Der Widerstand an sich hat uns nicht überrascht, seine Intensität schon. Aber wir haben diese Herausforderung angenommen und viele schwierige Hürden überwunden. Anfang Februar waren wir dann im Prinzip auf der Zielgeraden, mussten aber noch einmal einen Querschuss einstecken, als Italiens Enel plötzlich doch noch ins Spiel kam, obwohl sie vorher immer das Gegenteil behauptet hat. Viele Beobachter haben dahinter einen politischen Deal zwischen Spanien und Italien gesehen. Aber ich will das nicht bewerten.

"Wir bitten um etwas Geduld"

mm: Wenn der Deal so politisch war: Hat die Bundesregierung Sie im Stich gelassen?

Bernotat: Politische Interventionen in Markttransaktionen sind ein zweischneidiges Schwert. So etwas wünscht man sich als Manager grundsätzlich nicht - auch wenn in diesem Fall keine Waffengleichheit bestand.

mm: Als Investmentbank haben Sie die in solchen Fällen nicht besonders renommierte HSBC engagiert - eine gute Wahl?

Bernotat: Andere, vermeintlich erfahrenere Investmentbanken, waren zu dem Zeitpunkt schon für andere beteiligte Unternehmen tätig. Für uns hatte HSBC zudem einen immensen Vorteil. Wir mussten zu Beginn unseres Übernahmeangebots belegen, dass wir 100 Prozent der Summe finanzieren können - immerhin rund 30 Milliarden Euro. Eine bilanzstarke Bank wie HSBC hätte einen Großteil des Volumens selbst übernehmen können. Viele andere Banken hätten das nicht gekonnt.

mm: So viel Geld brauchen Sie ja jetzt nicht. Was passiert mit der randvollen Eon-Kasse?

Bernotat: Es ist doch nicht so, dass wir jetzt massig Geld in der Kasse haben. Die Ausgaben für die Endesa- und Enel-Beteiligungen abgezogen, bleibt uns ein Finanzvermögen von rund drei Milliarden Euro.

mm: Die Aktionäre hoffen auf Sonderausschüttungen.

Bernotat: Wir werden unsere künftige Finanzstrategie im Juni präsentieren. Bis dahin bitte ich um etwas Geduld.

mm: Nach dem Deal ist vor dem Deal. Können Sie sich vorstellen, bald die nächste Großakquisition in Angriff zu nehmen?

Bernotat: Das hängt davon ab, ob sich strategisch attraktive Übernahmemöglichkeiten ergeben. Aber der Erfolg eines Unternehmens hängt ja nicht nur von Megadeals ab.

"Wollen auch organisch wachsen"

mm: Stimmt. Nachdem Endesa weg ist, gibt es so gut wie nichts mehr zu kaufen.

Bernotat: Wir werden trotzdem weiter wachsen, auch durch Übernahmen. Zum Beispiel in Russland; allein der zentralrussische Strommarkt ist etwa so groß wie der Spaniens.

mm: In Osteuropa ist der Privatisierungsprozess ins Stocken geraten, in Westeuropa schotten sich immer mehr Energiemärkte ab. Woher soll da Wachstum kommen?

Bernotat: Wir wollen nicht nur durch Akquisitionen, sondern auch organisch wachsen. Bis Ende 2009 investieren wir über 25 Milliarden Euro, den Großteil davon in neue Kraftwerke und den Ausbau unserer Netze.

Auch bei den umweltpolitisch wichtigen Themen Energieeffizienz und regenerative Energien haben wir uns viel vorgenommen. Allein dafür werden wir in den nächsten fünf Jahren acht Milliarden Euro investieren. Bei den erneuerbaren Energien wird übrigens Spanien eine große Rolle spielen, nicht allein wegen der vielen Sonne, sondern weil dort die Bedingungen für einen Bau von Anlagen besser sind.

mm: Acht Milliarden Euro bis 2012. Der große Wurf ist das nicht.

Bernotat: Wie bitte? Wer sonst investiert denn so viel in diesem Bereich? Wir nehmen dieses Thema jetzt verstärkt in Angriff. Um das auch organisatorisch besser in den Griff zu bekommen, überlegen wir, alle Aktivitäten, die erneuerbare Energien betreffen, in einer separaten Einheit zu bündeln, die sich dann europaweit um Anlagenstandorte und Projekte kümmern soll.

mm: Man reibt sich die Augen: Eon wird grün. Und die Firma steigt jetzt mit "E wie einfach" auch noch als Billiganbieter für Strom und Gas in den Wettbewerb ein: Ist das nur Imagepflege oder auch tatsächliches Geschäft?

Bernotat: Wir haben am 1. Februar angefangen und bis jetzt schon 27.000 Kunden gewonnen.

"Politiker träumen Wunschgebilde"

mm: Das ist nicht die Welt. Sie brauchen doch mindestens zehnmal so viele, bis sich das rechnet.

Bernotat: Spätestens im dritten Jahr wollen wir damit Geld verdienen. Zunächst war uns wichtig, dass jeder Strom- und Gaskunde eine Wahlmöglichkeit hat. Das verlangen Politik und Verbraucher ja zu Recht immer von uns. Im Gasmarkt sind wir - als erster bundesweiter Anbieter - Pioniere. Allerdings glaube ich nicht, dass diese Frage die wirklich entscheidende ist.

mm: Die da wäre?

Bernotat: Die zentrale Frage ist doch, wo die Energie herkommt, um Europa in den nächsten Jahrzehnten sicher zu versorgen - und zwar preisgünstig und bei reduziertem Kohlendioxidausstoß. Sie können politisch den Wettbewerb in Hamburg oder Bremen forcieren und einen weiteren Lieferanten finden, der Strom oder Gas anbietet. Aber auch der muss die entsprechenden Mengen irgendwo herbekommen. Wir haben nichts gegen Wettbewerb, aber mir fehlt in der gesamten Diskussion die ganzheitliche Betrachtung.

mm: Wirtschaftsminister Glos will weiterhin Braunkohle verfeuern, Umweltminister Gabriel reitet die grüne Welle. Was will Kanzlerin Merkel?

Bernotat: Ich habe schon den Eindruck, dass sie das alles zusammenbringen will. Wir haben bislang zwei Energiegipfel bei Frau Merkel gehabt - mehr als ein Auftakt konnte das nicht sein. Wir müssen aber davon wegkommen, jedesmal vor allem die gerade populären Themen in den Vordergrund zu rücken. Vor einem Jahr waren es die Preise; als Gazprom für eineinhalb Tage den Hahn zugedreht hat, war es das Thema Abhängigkeit von Russland; jetzt haben wir den Klimaschutz.

mm: Wollen Sie allen Ernstes behaupten, der Klimaschutz sei nur ein Modethema?

Bernotat: Nein, das ist ein globales Problem, das wir verdammt ernst nehmen. Aber wenn man es so behandelt wie jetzt in der politischen Diskussion, kommt nichts Gutes dabei heraus. Wenn Sie manchen politischen Aussagen folgen, ist die Kernenergie nicht mehr zukunftsfähig, die Kohle ein Klimakiller. Wie soll dann die Stromversorgung sichergestellt werden? Statt Realismus zu zeigen, träumen sich viele Politiker ihr Wunschgebilde zusammen.

"Auf die richtige Spur kommen"

mm: Ein politisches Führungsversagen?

Bernotat: Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir auf die richtige Spur kommen. Der nächste Energiegipfel sollte im April sein, dann ist er leider auf Anfang Juli verschoben worden. Das ist schade, denn wir müssen jetzt Investitionsentscheidungen für die nächsten 40 Jahre treffen.

mm: Bleibt es denn bei den Investitionszusagen, die Sie beim letzten Energiegipfel gemacht haben?

Bernotat: Ja, sicher. Wir haben nie Abstriche gemacht. Wir bauen zurzeit schon drei Kraftwerke in Deutschland. Und wir werden weitere bauen, denn wir müssen auch in Zukunft genug Strom erzeugen können.

mm: Ist nationale Energiepolitik nicht ohnehin überholt? Das Thema hat doch längst europäische Dimensionen.

Bernotat: Ich glaube nach wie vor fest daran, dass wir einen europäischen Markt für Energie bekommen werden, aber nicht so schnell, wie wir uns das wünschen. Zunächst werden sich Deutschland, Frankreich, die Benelux-Länder, die Schweiz und Österreich zu einem zentraleuropäischen Kernmarkt zusammenschließen ...

mm: ... also ein Energie-Europa der zwei Geschwindigkeiten?

Bernotat: Das wird so kommen. Später stoßen wahrscheinlich Spanien, Portugal und Italien hinzu, dann möglicherweise Großbritannien und schließlich auch Osteuropa.

mm: Die Frage ist nur, ob Eon noch dabei sein wird, wenn die regionalen Märkte in Europa fallen. Inzwischen gilt Ihr Unternehmen mehr denn je als Übernahmeziel.

Bernotat: Die Gefahr halte ich für gering. Unsere Größe ist ein sehr wirksamer Schutz gegen eine Übernahme. Unser Börsenwert liegt derzeit bei gut 70 Milliarden Euro. Das kann sich kein einzelner Privatinvestor leisten, da müsste sich schon eine Gruppe zusammentun.

Eons Kampf um Endesa: Ein Rückblick in Bildern

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