Norbert Medus Troubadour in Jeans

Statt eines steifen Managers hat Moderatorin Sabine Christiansen einen Turnschuhträger gewählt. Nicht unvermögend. Aber ganz und gar unprätentiös. Ein Mittagessen mit Norbert Medus, Jeansunternehmer in Paris, dem Mann an der Seite einer deutschen Institution.
Von Sibylle Zehle

Das Gespräch kam ihm ungelegen. Sein Pariser Büro werde gerade umgebaut, im Laden an der Bastille herrsche Ausverkaufstrubel, und er selbst befinde sich in höchster Zeitnot, die Messe in Barcelona ... non, c'est impossible en ce moment. Dann trafen wir Norbert Medus mit Sabine Christiansen zufällig in einem Berliner Einrichtungsgeschäft und insistierten ein weiteres Mal: Wenigstens ein Mittagessen müsse doch drin sein. Und er kapitulierte: Okay, sehen wir uns nächsten Freitag in Paris. In der Avenue Montaigne, im "L'Avenue".

Norbert Medus ist Jeansdesigner und Textilunternehmer. Mit seinem Partner Ariel Petrossian hat der Franzose vor 15 Jahren die Marke Redwood, heute RWD, entwickelt. Eine Jeanskollektion im mittleren Preissegment, rund ein Drittel billiger als vergleichbare Designermarken. Eine Erfolgsgeschichte mit zweistelligen Zuwachsraten. Und einem Umsatz von rund 20 Millionen Euro.

Unternehmer dieser Größenordnung muss man üblicherweise nicht zu einem Gespräch mit manager magazin überreden (zum Vergleich: Der Italiener Renzo Rosso setzte mit seiner Marke Diesel 2006 mehr als eine Milliarde Euro um). Aber in diesem speziellen Fall ist eben alles anders. Norbert Medus ist mit Sabine Christiansen zusammen, einer deutschen Institution. Und da fragt man sich nicht nur auf dem Boulevard, sondern auch in Chefetagen, wes Geistes Kind dieser Jeansmann ist, für den die Christiansen, beliebteste Talkmasterin Deutschlands, ihre Runde am Sonntagabend verlässt und ihren Lebensmittelpunkt nach Paris verlegt.

Sabine Christiansen ist schließlich mehr als ihre Mitstreiterinnen Sandra Maischberger oder Maybrit Illner und vermutlich auch mehr, als Anne Will, ihre Nachfolgerin, je sein wird: eine der begabtesten Networkerinnen der Republik. Nach zehn Jahren "Tagesthemen" und fast zehn Jahren als Talkmasterin hat sie sich mit Zähigkeit, Disziplin und Fleiß diesen Status erarbeitet und Verbindungen aufgebaut zu den wichtigsten Agenturen, in die Chefetagen großer Unternehmen und die Entscheidungszentralen der Politik.

Mit Charme und Stil

Gleichzeitig schaffte es die Perfektionistin, mit Charme und Stilsicherheit zu einer von den Medien gefeierten "Society-Lady" aufzusteigen. Dies gelang besonders glatt in der neuen, rau zusammengewürfelten Hauptstadt, in der Friseure zu allem etwas plappern und der erste Mann der Stadt, ein Partygänger, nebenher auch noch die Kultur verwaltet.

Und in der, wie Roger Boyes, der Berlin-Korrespondent der Londoner "Times", fein beobachtete, die Rollen der Protagonisten oder sogenannten Stars der Gesellschaft vollkommen austauschbar seien. Jederzeit könne "Herr Wowereit eine Talkshow leiten. Herr Walz würde sicher auch eine gute Figur machen im Büro von Herrn Wowereit. Frau Christiansen würde dann frisieren."

Die Agentur von Norbert Medus schickt Ansichten vom RWD-Flagshipstore in Paris. Jeans, an überdimensionalen Sicherheitsnadeln baumelnd oder an Ketten aufgehängt. Scheren und Schnitte, Knöpfe und Taschen kleben an der Wand. Rollen für Überlandkabel dienen als Tische.

Alles authentisch, praktisch, rustikal, und genauso definiert sich die Marke RWD: nah am Handwerk, "nicht für Fashion-Victims, sondern für Leute, die natürlich bleiben, sich nicht verkleiden, sich wohlfühlen wollen in ihrer Haut".

Es schmückten und schmücken sich aber auch die Gediegenen der A-Klasse ganz gern mit der Christiansen, vor allem, nachdem sie sich für einige Zeit mit Manfred Schneider, einem der wichtigsten Strippenzieher der Deutschland AG, zusammengetan hatte: Schneider, ehemals Vorstandsvorsitzender, heute Aufsichtsratschef bei Bayer und Aufseher bei RWE, Tui und Metro.

Vor allem die Frauen der Mächtigen wollten jetzt sein wie sie: sehr dünn, sehr blond und sehr hofiert. Die Identifikation mit der Berliner TV-Queen ging bei Mitschwestern mitunter so weit, dass sie Aussehen und Auftreten kopierten. Für alle sichtbar ging diese Christianisierung zum Beispiel bei Karin Stoiber (Bayern) vonstatten.

Berlin, Cologne, Hamburg

Das "L'Avenue" in der Avenue Montaigne ist die VIP-Kantine für Mode und Film. John Galliano, gegenüber liegt Dior, kommt dort gern auf einen Salat vorbei. Polanski isst dort sein Gemüse, dazu jede Menge Medienvolk. Wie jede Location der Gruppe Costes, die Jacques Garcia eingerichtet hat: Plüsch auf hohem Niveau. Würden Sie es empfehlen, fragten wir den Concierge unseres Hotels "George V". Der sagt: Fashion-People gehen zum Lunchen dorthin, aber meiden Sie es während der Modewochen: Da ist es zu laut.

Es ist Modewoche. Ein Tisch auf Medus ist nicht bestellt, ein Monsieur Medus im "L'Avenue" auch nicht bekannt, wir hatten vergessen, dass der Jeansunternehmer grundsätzlich mit seinem Vornamen zeichnet - Briefe, E-Mails, Reservierungen. Und da steht er auch schon, hochgewachsen, grau meliert, Dreitagebart: Norbert!

Ein gut aussehender Mann, dem man höchstens vorwerfen kann, dass er dental nicht ganz so perfekt eingestellt ist wie seine Gefährtin, deren Jacketkronen vom TV-Schirm leuchten wie ein frisch gestrichener Gartenzaun, aber das wirkt bei ihm eher sympathisch. Um uns herum schnattern und klappern Moderedakteurinnen, wie immer ganz in Schwarz, ein Schwarm flügelschlagender Rabenvögel.

Wir verständigen uns per Zuruf. Ja, er will expandieren in den nächsten Jahren. Berlin, Cologne, Hamburg, Düsseldorf, München. Und wo laufen die Jeans, außer in Frankreich, schon jetzt am besten? In England und Spanien, ruft er über den Tisch, Belgien sei auch nicht schlecht, besonders aber freue man sich über Absatzerfolge von RWD in Kanada und den USA.

Dann essen wir Fisch. Eher nebenher, selbst für Franzosen scheint ein Business-Lunch inzwischen mehr der Nahrungsaufnahme als dem Genuss zu dienen. Er hat warme braune Augen, auffallend zierliche Hände, ein rundum liebenswürdiger, aufmerksamer Mann. Mit ihm und seinen Freunden kann man sich gut vorstellen auf einem Segelboot zu klönen. Stattdessen kämpft man gegen Tellergeklapper, Frauengelächter, eine Herde imaginärer Paparazzi (Norbert fühlt sich verfolgt) und mediale Enttäuschungen der Vergangenheit an.

Frühe Liebe zur Jeans

Medus wirkt bei seinen Antworten übervorsichtig, fast gehemmt, wie gebremst. Nichts als schlechte Erfahrungen. So habe er der deutschen "Textilwirtschaft" ein Interview gegeben, in dem Glauben, er spreche mit der Mitarbeiterin einer Fachzeitschrift über Jeans. Und habe stattdessen von nämlicher Autorin einen Artikel in einer großen deutschen Zeitung vorgefunden. Darin wenig über Jeans, viel über Sabine. Und alle druckten es nach. "Sabine hat sich Knall auf Fall verliebt", gesteht da Medus "mit einem fast verschämten Lächeln. Es war wie eine Offenbarung." Da hat es Ärger gegeben zu Haus.

Zu erfahren war immerhin dieses: Norbert Medus stammt aus dem Süden, aus Carcassonne im Languedoc, einer schönen mittelalterlichen Stadt und einer Gegend mit langer Tradition in der Jeansfabrikation. Das Languedoc sei auch "das Land der Troubadoure", setzt er hinzu, also jener Minnesänger Südfrankreichs, die im 12. und 13. Jahrhundert ihre höfisch galanten Liebesgedichte zur Laute vortrugen und der schönen Eleonore von Aquitanien erst an den Königshof von Frankreich, dann, nach ihrer Scheidung und zweiten Heirat, bis nach England folgten.

Geprägt aber habe ihn nicht die Provinz, sondern Paris. Dorthin war sein Vater, ein Polizeibeamter, versetzt worden. Streng und konservativ sei das Elternhaus gewesen. Und in seiner frühen Liebe zu Jeans lag wohl auch Auflehnung und Protest. Bereits mit 18, als er in Pariser US-Shops stöberte, habe er es gewusst: dass er einmal Jeansdesigner werden wollte.

Jeans, das war ja damals mehr als eine Hose aus Denim mit Nieten. Das war James Dean, Aufbegehren gegen etablierte Kleidersitten, Sehnsucht nach weiten Horizonten, ein neues Lebensgefühl. Ja, als eine Art Rebell habe er sich zeitweise schon gesehen, sagt Medus, aber man kann nicht behaupten, dass er seine Vita mit Episoden unterfüttert hätte. An den Nachbartischen herrscht hörbar ein spontanerer und offener Ton. "Ich bitte um Verständnis", wirbt er mit Charme. "Ich kann doch nichts sagen in dieser speziellen Situation ..."

Einige Zeit später treffen wir Sabine Christiansen in Berlin. "Sie haben Norbert private Fragen gestellt", hackt sie los, "gegen jede Absprache! Sie wollten ein Business-Porträt schreiben! - Fragen Sie einen Ackermann von der Deutschen Bank etwa auch nach seiner Frau?" - Ja, wieso denn nicht? Wir haben inzwischen eine kuriose Situation. Die Kommunikationsberater der großen Unternehmen empfehlen ihren Chefs, Journalisten für Porträts mit hübschen Geschichten aus Elternhaus, Studien- und Freizeit zu nähren, damit die Führungspersönlichkeiten in diesen managerfeindlichen Zeiten menschlich liebenswerter rüberkommen.

Attitüde ohne Krawatte

Medienleute wie die Christiansen aber gefallen sich darin, ihre Privatsphäre gänzlich abzublocken, akzeptieren höchstens noch schreibende Kumpel, mit denen sie zur rechten Zeit networken, das heißt, wenn wieder mal ein neues Buch zu vermelden, ein neues Format zu bebildern, eine tolle Charity-Aktion zu bejubeln ist.

Und dies gilt, mit Einschränkung, auch für das "Medienopfer" Günther Jauch. Unternehmer können sich eine vergleichbare Haltung nicht leisten. Und, so schrieb einmal eine Autorin des "Tagesspiegels" nach einem frustrierenden Treffen mit der Kollegin Christiansen: "Wenn ihre Gäste wären wie sie, könnte sie ihre Sendung vergessen."

Christiansen, die Diva. Dennoch: Ganz so zickig, wie sie auch Mitarbeiter aus dem engsten Arbeitsumfeld beschreiben, kann sie gar nicht sein. Denn sonst hätte sich die ehemalige NDR-Redakteurin, die heute Geschäftsführerin von TV 21, einer eigenen Produktionsfirma, ist, wieder einen der Golden Boys aus der Deutschland AG geschnappt (Anwärter gab es).

Stattdessen ist sie ausgebüxt. Und hat Norbert gewählt, einen Turnschuhträger. Nicht unvermögend. Mit Wohnung am Eiffelturm und Wochenendhaus in der Champagne. Aber ganz und gar unprätentiös. Ein Unternehmer, der von Paris nach Berlin mit Easyjet fliegt, weil der Flughafen Orly für ihn praktischer liege und der Billigflieger im Gegensatz zur Linie keine Verspätungen habe. Meist sei das Flugzeug voller Studenten, alles junge Leute, das mache ihm Spaß. "Und diese eine Stunde ohne Service ist nun wirklich kein Problem."

Ein Kreativer, der in seiner Freizeit am liebsten Möbel entwirft, der im Sommer die Balearen genießt und den Winter auf seiner Lieblingsinsel St. Barth, die Schickimicki-Plätze meidet und mit dem Boot einsame Strände aufspürt. Ein Mann, der, sei es bei einer Gala oder einem festlichen Dinner im Rahmen der Berliner Filmfestspiele, seine Jeansattitüde weiter hochhält und ohne Krawatte mit einer Art Nehru-Jacke aufzutreten pflegt.

"Warum nicht wir?"

Geht er auch so in die Oper? "Ich gehe nicht in die Oper", lächelt er, ganz bei sich. Denn Medus ist recht eigentlich Gitarrist, Gitarrespielen, sagt er, das sei ihm bis heute das Liebste. Klassisch und elektrisch. Früher habe er in einer Band gespielt, sei sogar in Lokalen an der Côte d'Azur aufgetreten, heute spiele er mit seinen beiden Söhnen. Und was am liebsten? Na, was wohl: Rock 'n' Roll.

Die TV-Lady und der Troubadour in Jeans. Wenn man genau hinguckt, verbindet die beiden aber gar nicht so wenig. Beide stammen aus kleinen Verhältnissen. Polizistensohn und Einzelhändlerstochter (Christiansens Eltern führten den Edeka-Laden in Preetz bei Kiel).

Und beide brechen aus den engen Verhältnissen aus, gleich nach dem Abitur. Sie fliegt als Stewardess in die weite Welt, er schlägt sich zwei Jahre in Los Angeles durch. Und beide haben sich hochgeboxt, das meiste in der Praxis gelernt, sind, jeder auf seine Art, Selfmade-Unternehmer.

"Alles, was ich kann, habe ich mir selbst angeeignet", erzählt Medus. Als Jeansdesigner hat er fast 15 Jahre lang für große Marken Frankreichs Entwürfe gemacht, ohne je eine Ausbildung an einer Textil- oder Modefachschule absolviert zu haben.

Bis Anfang der 90er, als er sich mit Ariel Petrossian, dem Designerkollegen, zusammentat, um im Gefolge der blühenden französischen Jeansszene mit Marken wie Le Temps des Cerises oder Revart einen eigenen Brand zu entwickeln.

"Wir sagten uns damals: Warum nicht wir?" Bis heute ist Medus der Kreative von RWD, gibt die Richtung der Kollektion vor, repräsentiert das Unternehmen nach außen und macht auf Messen Kontakte.

Zwei Global Player

Aber ist das Thema Jeans nicht durch? Und modisch längst ausgereizt? Da wird er zum ersten Mal wirklich lebhaft. Seine Augen blitzen, und wir erfahren eine Menge über Stoffe, Waschungen, Schnitt, was für eine unendliche Geschichte, diese Nähte, Absteppungen, Nieten. Jeans werden heute gebleicht, geschrubbt. Sind stone-washed, chemically washed, fein, grob, hell oder dunkel, durchlöchert oder mit Leder besetzt, mit Nägeln oder Strass bestickt, oder - das ist die Sensation - einfach naturbelassen, nur ein bisschen Stretch im Schritt, ganz egal, der Boom hält nun schon fast zehn Jahre.

Auch für die Jeansmode gebe es Zyklen, sagt Medus, augenblicklich sei der Run auf Denim einfach Spitze, und die Jeans seien endgültig salonfähig. Noch bis in die 90er hinein war es schließlich verpönt, in Denim zu einer seriösen Arbeit oder zu festlichen kulturellen Anlässen zu erscheinen.

Heute sind Jeans kein Nischenprodukt mehr. Ihr Anteil am Bekleidungsmarkt wächst. 800.000 Jeans, alle produziert in Asien, verkauft Medus pro Jahr. "Wir stehen erst am Anfang", sagt er. "Das Abenteuer geht jetzt erst los."

Zwei Global Player. Medus und Christiansen. Beide haben einen Traum, sind wie auf dem Sprung. Möchten, nachdem sie auf dem heimischen Markt erfolgreich waren, unabhängig voneinander die Welt erobern. Er will den Export ankurbeln, der bislang nur rund 10 Prozent des RWD-Umsatzes ausmacht. Sie hat für den US-Sender CNBC, Wirtschaftssender der General-Electric-Tochter NBC, ein neues Format entwickelt und dafür als Sponsor unter anderem die Allianz gewonnen.

Beide sprechen fließend Englisch - sie beherrscht es wie ihre Muttersprache, er hat für einen Franzosen kaum Akzent. Und jeder tut dem anderen gut. "Ich mag Sabines Rigorosität", sagt Medus. Diese preußische Zielstrebigkeit, das sei für ihn neu, habe er doch bisher eher mit Menschen südlicher Lebensart zu tun gehabt. Und bei ihr, der Kühl-Beherrschten, beobachten die Medien "eine neue Weiblichkeit". Sie wirke geradezu vergnügt, wie von einer Lust am Übermut gepackt ("Der Tagesspiegel").

Aber eines steht für Medus fest: Für seinen Start in Deutschland werde er eher Helden aus deutschen Krimiserien als Jeanswerbeträger nutzen. "Niemals Sabine, das sind verschiedene Niveaus."

Auf politischem oder kulturellem Feld kann man ihm vergleichsweise wenig entlocken. Zittert er um Ségo oder Sarko, wie die Franzosen sagen? Um Ségolène Royal, die Sozialistin, oder den Konservativen Nicolas Sarkozy? "Ich zittere um Frankreich", sagt er nur, ein Land, das er als augenblicklich schlecht aufgelegt empfindet. In Deutschland spürt der Franzose Aufbruchstimmung; in Berlin gar Optimismus.

Nichts ist, wie es war

Bei Norbert Medus mag man Bildung, kulturellen Horizont vermissen. Aber warum sollte man? Auch Christiansens frühere Partner, Uwe Christiansen, ein eher trockener Jurist, Theo Baltz, der lockere TV-Produzent, oder Manfred Schneider, bekennender Fußballfan, sind Schöngeistigem nicht auffallend zugetan.

Die Büros der beiden Chefs, Medus und Petrossian, liegen in der RWD-Verwaltung in Courtaboeuf, einem der besonders hässlichen Gewerbegebiete im Süden von Paris. Mit dem Flagshipstore aber ist man ins Bastille-Viertel gezogen, in die trendy Rue de Charonne, in den Umkreis der jungen Künstler, der vielen neuen Galerien. Zu den Platzhirschen der Pariser Kunstszene wie Arnault, Bergé aber hat er keinen Kontakt. Das seien Leute der Haute Couture. "Ich", setzt er mit großer Selbstverständlichkeit in dem sich schlagartig leerenden Restaurant "L'Avenue" hinzu: "Ich mache Jeans."

Das kulturelle Paris fieberte an diesem Tag einer Premiere in der Opéra Garnier entgegen: Bartóks Einakter "Herzog Blaubarts Burg" und Janáceks Liederzyklus "Tagebuch eines Verschollenen", eingerichtet von der katalanischen Theatertruppe "La Fura dels Baus". Nie gesehene Videoprojektionen verzauberten das Haus, es wurde ein großer Abend. Bejubelt unter anderem von Eva Wagner-Pasquier, Urenkelin und künstlerische Beraterin des Festivals von Aix und der Metropolitan Opera, inspirierend und strahlend wie immer, und der Witwe von Rolf Liebermann, mit streichholzkurzen Haaren, liebenswürdig präsent, man hatte den Eindruck, in einer anderen Welt angekommen zu sein.

Aber auch in Frankreich hat sich die Gesellschaft verändert. Ist nichts mehr, wie es war. Kaum einer trägt an diesem glänzenden Premierenabend Krawatte. Und beim Erklimmen der grandiosen Treppe der bis in die letzte goldene Stuckrosette restaurierten Opéra Garnier entdecken wir beim Hinaufgehen vor uns ungezählte Zuschauer in Jeans. Zwei davon tragen auf den Taschen am Hintern als Ziernaht ein weit geschwungenes R. Das R von RWD.

Im Namen der Hose

Im Namen der Hose

Norbert Medus' Firma RWD auf Exportkurs

Das französische Jeanslabel Redwood gibt es seit Anfang der 90er. Zu dieser Zeit war die Firma der einzige Jeanshersteller in Frankreich, der verschiedene Beinlängen anbot.

Auch preislich waren die beiden Designer und Jungunternehmer Norbert Medus und Ariel Petrossian eine Alternative. Ihre Jeans waren rund ein Drittel günstiger als vergleichbare Marken.

Da der Name des Baumgiganten auf einigen Märkten, unter anderem in Deutschland, bereits geschützt war, hat man ihn inzwischen auf RWD verkürzt. Heute werden unter der Marke RWD circa 800.000 Jeans verkauft, dazu T-Shirts, Hemdchen, Blusen, Pullover, Mäntel und Blousons.

Dem Beispiel der Mitbewerber folgend, gibt es inzwischen auch Accessoires und eine eigene Kinderlinie. Produziert wird in Billigländern außerhalb Frankreichs. 2006 belief sich der Umsatz auf rund 20 Millionen Euro.

Neben dem Flagshipstore im Pariser Trendviertel Bastille gibt es noch neun RWD-Läden zwischen Le Havre und St. Tropez; dazu 600 Verkaufsstellen in der französischen Provinz, 100 weitere im Ausland, von der Ukraine bis Kanada. Besonders erfolgreich ist RWD in Spanien, England und Belgien. Aber auch im Jeansgeburtsland USA verzeichnen die Franzosen gute Ergebnisse. Medus: "Wir sind erst am Anfang unseres Abenteuers.

Sabine Christiansen: Eine Karriere in Bildern

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